Schneegestöber, Wildleben und Kunstmeile

Rohrbach – Aspersdorf – (über Ziersdorf – Neudegg – Großriedenthal – Hohenwarth – Straß – Hadersdorf nach) Krems Flugplatz – (über Gneixendorf – Krems) – Stein [Kremser Kunstmeile] – Dürnstein – Weißenkirchen – (über Weinzierl – Nökirchen – Reichau – Senftenberg nach) Dross – Krems – (über S3 nach) Wien

“Auf auf!” ruft der Sufi nach der Nacht mit den Kirchenglocken und den seltsamen Träumen, “die Sonne scheint!” – Tatsächlich. Als ich allerdings aus der Dusche komme, scheint sie nicht mehr. Als wir schließlich das reichhaltige Frühstück erreichen, tobt draußen ein Schneesturm. Nach dem weichen Ei blitzt wieder kurz die Sonne auf. Als wir unsere Sachen im Wagen verstauen, schneit es wieder. Als wir den Bulli boarden, reißt die Wolkendecke auf.

wolkenweg
Richtiges Aprilwetter also, wegen der durchgehend starken Windböen aber keinesfalls fallschirmsprunggeeignet. Wir ziehen trotzdem Richtung Aspersdorf und damit Richtung Pink Skyvan, denn wenn man nicht springen kann, kann man immer noch plaudern.
esziehtzuUnterwegs wird es allerdings immer dunkler. Die Wolken stehen der Landschaft gut, deren hügeliges Wesen mir zusagt und die wegen der wellenartigen Landstrukturen kurzerhand als “rollig” in mein persönliches Sprachuniversum eingeht.

Der Sufi dagegen kann mit so etwas weniger anfangen, er bemüht den schon auf früheren Fahrten geprägten Spruch, hier müsse man noch froh sein, wenn man einen Baum findet, um sich daran aufzuhängen.
baumDer eine oder andere Baum findet sich allerdings immer; trotz einsetzenden Schneegestöbers. Der Bulli zeigt sich unbeeindruckt vom weißen Überfluss.

Wir sichten Rehe (ein paar), Hasen (eine ganze Menge), wir sichten jede Menge Schilder, die neben der Straße den Weg zum Fallschirm-Event weisen – aber was wir nicht sichten, ist ein Flugzeug. Erst als am Rückweg der Schneesturm nachläßt, wird klar, dass die kaum 80 Meter neben der Strasse geparkte Pink, ebenso wie das Zelt daneben, ganz einfach im Gestöber verschwunden war.

Wir steigen aus und gehen eine Runde spazieren, obwohl gleich klar ist, dass die Mannschaft schon längst woanders ist. Schade eigentlich, andererseits aber auch nicht: Hier herrscht jetzt eine ganz eigene Stimmung. Seltsamstimmung. Fotostimmung.

tryptichon
Es ist zu kalt, um lange zu spazieren. Der Bulli röhrt freudig auf, als er die neue Destination erfährt: Krems. Dort waren wir schon sehr lange nicht. Wichtiger als das Ziel ist hier jedenfalls der Weg: Nebenstrassen sollen es sein. halbschnee
Mit der Landkarte auf den Knien mache ich meinem hier nicht verratenen Kosenamen alle Ehre und navigiere uns in leichtem streckenführungsbedingtem Zickzack auf bislang unbefahrenen Landesstraßen bis nach Straß im Strassertale. Dort übernimmt der Sufi, den von dort an kennt er sich aus. Die Landschaft wird erst flacher, dann wieder rolliger, schliesslich nahezu bergig. Dann haben wir unser Sommerquartier erreicht. Aber nicht nur das rollende Sommerhaus, auch das Fliegerstübchen liegt verlassen: ungewohnter Anblick, denn hier tanzt für gewöhnlich auch bei gröbstem Nichtfliegerwetter der Mops. Das hindert uns nicht daran, ein wie üblich ausgezeichnetes Gulasch zu nehmen; im Gegenteil: Angenehm unverraucht findet der Sufi die Atmosphäre. Draußen scheppert der Wind mit den Fahnenmasten, immer noch wechselt in kurzer Folge Schneegestöber mit Sonnenschein. Die Zeitungen erzählen von verschollenen Wüstentouristen und vom Krieg im Irak, alles seltsam fern und beschämend unwirklich. Dann ist es zwei Uhr.
karikaturmuseumWas wird denn nun noch mit diesem Tag? Wir könnten doch… Und schon ist der Bulli wieder geboardet, Kusshändchen noch zum Herbie, und wir sind auf dem Weg durch neue Flockendunkelheit in Richtung Krems, zur Kunstmeile. Langsam und gemütlich über Gneixendorf nach Krems und weiter nach Stein, wo nicht nur die staatliche Gerechtigkeit sondern auch die Kunst beheimatet ist.
Einträchtig finden der Sufi und ich die angeblich spitze Feder des Ironimus erstaunlich zahm und macht-zärtlich, die Deix-Exponate dagegen gewohnt schmerzgrenzig.

Auch wenn man den Großteil der Karikaturen schon aus ihrer Entstehungs-Zeit kennt, sieht man sie gerne wieder – und hat den Zusatzgenuss der riesigen Original-Gesichter, die so erst ihre ganze deprimierende Tiefe entfalten.

Beeindruckend auch die Sonderausstellung Heartfield, nach deren Besuch ist es allerdings höchste Zeit für einen Kaffee.
kunstDie anschließend noch angesteuerte Kunsthalle ist gerade in einer Umbauphase und zeigt für einen Euro gerade mal drei Riesenexponate von Helmut Ditsch; Acryl und Öl auf Leinwand, 3 Jahre braucht er für so ein Bild, erläutert die Dame an der Kassa. Ein Jammer, meint der Sufi, wo man doch das Gleiche auch mit ein paar Fotos und einer leichten Photoshop-Verfremdung erreichen könnte; die Dame hebt die Brauen und weiß nicht recht, ob das ein Scherz sein soll oder eine beabsichtigte Frechheit, ich weiß es übrigens auch nicht.
krems-steinDraußen scheint wieder eine Sonne, als wäre sie nie weggewesen, nur kalt ist es wie schon den ganzen Tag. Auf dem Weg aus der Stadt teste ich die Gegenlichteignung meiner Kamera. Geht so. Nach Hause jetzt schon? Ist zwar schon 5, aber noch viel zu früh.

Also, aber nur weil wir grade in der Nähe sind, noch ein paar Reifenkilometer hinein in die Wachau. Links die Weinberge und rechts die Donau, vorbei an Dürnstein, dann den Bulli in den Wald gestellt und auf den Füßen über die Sandbank; “Versau dir deine Schuhe jeden Tag” motzt der Sufi, während ich mich weißbehost bäuchlings auf die Kiesel werfe, um ein Ausflugsschiff abzulichten – was wegen plötzlichem Akku-Ende leider nicht gelingt.

 

rechts
Macht nichts. Wir stapfen über Kiesel und durch Sand, lassen flache Steine hüpfen und zerklirren damit die Sonnenreflexionen auf dem Wasser. Noch ein Ausflugsdampfer, fast menschenleer, genau wie der erste.

fischDas Augebiet, dem man das Hochwasser vom Vorjahr noch deutlich ansieht, wirft uns dann einen toten Fisch vor die Füße – abgelichtet mit einem letzten Aufflackern der Kamerabatterie.

Die teils sehr abgeknickten Bäume knarren zu den Ausflugsdampferwellen.

Wenn wir jetzt eine Standheizung hätten, dann… sinniert der Sufi, aber wir haben keine. Daher dann doch irgendwann umgedreht, Ohren und Hände eiskalt, jetzt noch ein Süppchen? Genau. Über Weißenkirchen in die Donau-backbordseitigen Berge abgeschwenkt und über abenteuerlich eis- und schneebedeckte Nebenstraßen erst Senftenberg, dann Dross erreicht und ein erstklassiges Abendessen mit abstruser Politiklogik vom Nebentisch. (“Ich halte ja nichts von der Kirche, aber meinen Beitrag zahl ich trotzdem – weil, wenn die Kirchen nicht mehr renoviert werden, was sollen sich die Touristen denn dann anschauen?”) Noch eine Nachspeise – Ja wenn’s denn sein muss…

Schließlich aber den Bulli auf den Heimweg geschickt; B304 (aka B34 aka S3), die findet er schon ganz alleine. Die Autobahn ist noch nicht viel weiter gediehen als im Vorjahr, aber immerhin: Der Gegenverkehrsbereich ist keiner mehr. Danach genug evaluiert.

Der westliche Horizont hinter uns atmet silberblaue Dämmerung; die Großstadt vor uns atmet Kunstlicht. Wunderschön. Nur das Autoradio, das veweigert immer noch FM4.

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One thought on “Schneegestöber, Wildleben und Kunstmeile”

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