Sonntagsspaziergang mit Hindernissen

Eigentlich wollte ich ja nur zum Türken, um schnell ein Brot zu kaufen, weil sich gestern hinterhältigerweise keines von selber in meinen Einkaufskorb geworfen hatte. Aber draußen auf der Straße hatte es eben zu regnen aufgehört, und es war wärmer als erwartet, und irgendwo Richtung Nordwesten lugte ein kleines Stück blauer Himmel zwischen den Wolken hervor. Das Abenteuer lockte.

Man könnte ja, dachte ich, in Richtung Lobau fahren und von dort dann wieder zurück marschieren, an der Donau entlang, versteht sich. Vielleicht könnte man sogar noch einmal die Füße ins Wasser halten, vielleicht sogar noch den einen oder anderen zusätzlichen Körperteil, mal sehen, kalt war es ja wirklich nicht, und ein Tuch hatte ich immerhin um die Schultern geworfen, das könnte ja dann, je nachdem, als Sitz- oder Trockentuch dienen. Oder auch nicht. Egal. Ich sprang jedenfalls spontan und ohne über mein nicht-sonntägliches Outfit (Gymmnastikhose und wohnzimmergroßes Sweatshirt, mit taschenreicher Einkaufsweste drüber) nachzudenken, in die nächste Straßen- und dann in die U-Bahn, die mich nur wenig später in Kaisermühlen wieder ausspuckte.

Wo es natürlich längst wieder regnete. Oder vielleicht hatte es dort gar nie aufgehört, sondern war nur im 5. kurz trocken gewesen, was weiß man schon. An einen eventuellen Regenschutz hatte ich zwar gedacht, das neuerliche erklimmen des heimatlichen Elfenbeinturms vor der Expedition aber verworfen, weil das die ganz spontane Spontanität ja völlig ausgebremst hätte. Außerdem muss man optimistisch bleiben – hatte ich mir zumindest eingebildet.

So stand ich also völlig spontan und optimistisch im Kaisermühlener Regen und blinzelte in den graufeuchten Himmel, der nicht das geringste Fitzelchen blau zu bieten hatte. Stattdessen tropfte mir das Wasser ins Gesicht.

Ich schlich mich unters U-Bahn-Vordach und dachte nach. So leicht, dachte ich, so leicht lass ich mir die Spontanität nicht verderben. Kalt war es ja wahrlich immer noch nicht, und aus Zucker bin ich auch nicht. Warum also nicht einfach im Regen spazieren? Das einzige, was dagegen sprach, war die empfindliche Elektronik des Fons in meiner Tasche. Ein lösbares Problem. Ich schnorrte mir ein Plastiksackl vom Würstelstand, verstaute Fon und Kopfhörer in selbigem und das ganze in meiner Westentasche und war bereit für weitere Abenteuer.

Der Bus, zu dem ich wollte, war es nicht. Der sollte, so verriet die Tafel an der Haltestelle, erst um 14 Uhr wieder fahren. Wegen einer nicht näher bezeichneten Veranstaltung. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass ich über eine halbe Stunde warten müsste. Ich grummelte in mich hinein. Der Regen wurde stärker. Ich stieg, immer noch sehr spontan aber mittlerweile kaum mehr optimistisch, in einen anderen Bus, der zufällig gerade einfuhr. Von der am Display angezeigten Destination hatte ich noch nie auch nur gehört, aber immerhin war es drinnen trocken, und unbekannte Ecken der Stadt finde ich ja grundsätzlich verlockend.

Im Bus roch es nach nassem Hund und nach altem Bier. Der Ursprung des ersten Dufts blieb verborgen, der Grund für den zweiten schnarchte friedlich in einem Ecksitz. Ich widerstand der Versuchung, das Fon aus dem Plastik zu wickeln und Google Maps um Rat zu fragen, und beschloss, bei der ersten Haltestelle auszusteigen, deren Name interessant klang. So landete ich am Dampfschiffhaufen.

Ich fand dort weder Dampfschiffe (leider) noch Haufen (zum Glück), sondern eine verschrebergartelte Gegend rund um die alte Donau. Es regnete nur mehr leicht. Häuschen und Wege wirkten verlassen, bis auf einzelne HundespaziergängerInnen und die Fussballwiese des Polizeisportvereins, wo fröhliche PolizistInnen trainierten. Die SpaziergängerInnen warfen misstrauische Blicke auf mich, was ich ihnen angesichts meines mittlerweile wirklich nicht mehr ansehnlichen Äußeren nicht übelnahm. Viel mehr störte mich, dass es nirgends einen Zugang zur alten Donau selber gab. Alles umzäunt, versperrt, Privatgrund.

Die Hochhäuser in der Ferne verrieten mir, dass ich eigentlich wieder auf dem Rückweg zur U1 war. Auch recht. Endlich eine Fussgänger-Brücke mit Wasserblick, am anderen Ende ein dicht beblätterter Baum, der den Regen nicht durch ließ. Ich nützte die Gelegenheit für einen Blick auf die elektronische Landkarte. Immer geradeaus bis zur Donau. OK. Eine schnelle Zigarette im trockenen. Zwei sichtlich weit gereiste Radfahrer, ein Pärchen mit südwestdeutschem Akzent, nutzten denselben Baum für eine Grundstzdiskussion. (“Ich hab jetzt echt genug vom Regen!” – “Aber wir wollen heute bis nach Hainburg!” – “Immer musst DU bestimmen, ich will jetzt eine Badewanne!” – “Aber…” – “Sofort!”). Ich sah zu, dass ich weg kam.

Das Stückchen Stadt zwischen alter und neuer Donau auch regensonntagsverlassen, bis auf einen BMW-Fahrer, der meinte, mich am Zebrastreifen anhupen zu müssen. Nicht mal einen Mittelfinger wert. Ich kann sehr langsam gehen, wenn mir danach zumute ist. Egal wie sehr es regnet.

Der Donaustrand, präziser gesagt der Entlastungsgerinnestrand, noch leerer als ich es trotz Wetter vermutet hätte. Nur eine Mutter mit etwa dreijährigem Kind, das sich trotz aller mütterlicher Verzweiflung nicht davon abhalten ließ, von Pfütze zu Pfütze zu hüpfen. Bravo, Kind! So geht Septembersonntag.

Ich dagegen zu diesem Zeitpunkt ungewöhnlich gehmüde. Im Regenschutz der nächsten Brücke ein Zigarettchen geraucht und meine viel zu warmen Füße als Quell der Unlust entlarvt. Herbstsocken und -schuhe zwar wetter-, aber nicht temperaturangemessen. Ich steckte die Socken in die Tasche und trug die Schuhe fortan in der Hand. Barfuss, Baby! Die Gehlust kehrte umgehend zurück, und zu meiner Verblüffung verflüchtigte sich bald auch das vorher beginnende Kreuzweh. Vielleicht doch mal wieder über bessere Schuhe nachdenken? Oder einfach mehr barfuss gehen.

Ungeachtet der Blicke, denn jetzt,  Richtung Reichsbrücke, doch wieder ein paar mehr Spaziergänger. Alle mit Schirm oder Regenjacke, außer mir. Aber der Regen lässt nach und hört schließlich ganz auf. Unter der Reichsbrücke zwei eifrige Gruppen bei einer Art Tanzgymnastik, faszinierend. Eigentlich wollt’ ich ja von hier aus wieder Richtung Elfenbeinturm fahren, aber gerade jetzt? Wo der Regen aufhört? Wo Haare und Gewand langsam wieder trocknen? Nix!

Kaffee!!! seufzen meine Innereien hörbar, aber trotz der verlockenden Düfte aus den Lokalen der transdanubischen Copa Cagrana muss ich ihnen diesen Wunsch versagen. Zu grindig ist die Musikkulisse. Sich diesem Sound auszusetzen wäre emotionell fatal, Koffeinmangel hin oder her. Das beste darunter noch der alte Grönemeyer aus der “weltgrößten schwimmenden Trampolinanlage”, aber auch das schlimm genug.

Da hilft nur die Flucht über den halben Fluss. Drüben alles ruhig. Nur ein heimliches Schweindi hinter einem Blumentopf.

Noch kurz zögerlich, eigentlich sollt’ ich ja heut noch was arbeiten? Ach was, Sonntag. U1 gestrichen, next stop Floridsdorfer Brücke. Zwei radfahrende orientalische Jungs müssen stehenbleiben, so sehr kichern sie über meine nackten Füße (samt Zeigefinger-zeigen), und als ich mitgrinse, kichern sie erst recht. Weiß gar nicht, was die haben, es wird ja eh schon wieder trocken Stück für Stück?


Irgendwie kommt mir der Weg Richtung Norden kürzer vor als früher. Da ist ja schon die Autobahnbrücke und, oh, was ist das? Irgendein Fest mit Tieren, Kids mit Lamas an der Leine. Darunter ein unglaublich süßes mit Dalmatinerflecken, ich zücke die Kamera und werde prompt angepflaumt: “Sie können doch nicht DIE KINDER fotografieren!!!” – Nicht die Kinder, das Lama, korrigiere ich, aber “die Kinder sind ja dann MIT DRAUF AUF DEM FOTO!” sirent die Walküre. Angesichts von Kreissägestimme und Lautstärke verzichte ich darauf, zu erklären, dass ich das Lama auch ganz gut ohne begleitende Kinder fotografieren könnte. Wenn man mich ließe. Meh.

Aber hier ist Volksfest-Stimmung, und ich muss mich echt konzentrieren, mit meinen nackten Füßen nicht in die Pferdescheiße der Fuhrwerke zu steigen. Ganz zu schweigen davon, dass vermutlich auch dort, wo keine Pferdescheiße sichtbar ist, unsichtbare Pferdescheiße-Reste an mir kleben bleiben. Igitt! Ich wähle den Weg quer durchs nasse Gras an den Fluss und wasche meine Zehen nicht in Unschuld, sondern in Donauwasser. Immerhin besser als Pferdescheiße. *brrr*, ruhig Brauner!

Dennoch hat ein Zelt meine Aufmerksamkeit geweckt. Ich stecke mein frisch gewaschenen Füße zurück in die Schuhe und gehe dem Schild “Katzen, Kaninchen und Kleintiere” nach. Finde dort allerdings weder Katzen noch Kaninchen noch andere Kleintiere, sondern nur Vereine, die Spenden für selbige sammeln. Nunja, angesichts der vielen brüllenden Kinder und kläffenden Köter wär das Zelt für anwesende Kuschelchen ohnehin nur Tierquälerei gewesen.

Ich flüchte schnellstmöglichst und nütze die Schuhe an den Füßen, um die halbüberschwemmte Festivalwiese zu überqueren. Nicht meine beste Idee, zwei Mal fast völlig versunken. Am anderen Ende des Schlamms die Schuhe wieder ausgezogen und mit leuchtenden Augen beglubscht worden.

 

Ein Blick aus der Zukunft, wie sich ein paar Schritte später herausstellt.

Jenseits der Floridsdorfer Brücke endlich den lang ersehnten Kaffee ergattert. Und während ich mich mit dem selbigen auf meine Lieblingsstiege auf der Donauseite zurückziehe (langsam und vorsichtig, auf dem Weg dahin ist reichlich Rollsplit gegen notorische Barfussgeher gestreut), kommt doch glatt die Sonne richtig raus. Ah!


Ein halbes Stündchen Sonne, Kaffee und faule Blicke auf Schlepper, Frachter und Glitzerwasser später hätt ich gern ein Patzerl Sonnencreme für mein Gesicht gehabt. Hatte ich aber nicht. Zudem war es Zeit, den Ausflug zu beenden. U-Bahn war nach so viel Licht und Luft keine anziehende Option, aber die Straßenbahn fährt ja auch.

Unterwegs über den Parkplatz noch eine denkwürdige Vater-Sohn-Szene. “Was machst du da, Bub, du stehst ja mitten auf der Straße!?” – “Du doch auch, Papa!” – “Ja, aber ich bin kein Kind!” – Neenee, so geht Erziehung nicht.

An der Straßenbahnhaltestelle seufzend wieder die Schuhe angezogen. Im 31er klassisches Vorstadtleben. Ein paar viel zu junge Grazien tauschen sich ungeniert über potentielle Zukünftige aus, ein mittelaltes Mädel, deren Arsch zwei Sitzplätze braucht, beschwert sich darüber, dass “die Chefität” ihr kürzlich an den selbigen gegriffen hat. Und zwei Omas, die sich eingehend über ihre Verdauung unterhalten. Da hilft nur mehr Kopfhörer. Eigentlich müsste die Brigittenau ja Partnerstadt von Delmenhorst sein. Eigentlich.


Am Schottenring keine Lust drauf, 12 Minuten auf den Einser zu warten, also noch ein Stückerl zu Fuss durch die Stadt. Die gefällt mir gar nicht, heute. Hat ein bissl was damit zu tun, dass ich innerhalb von 100 Metern der Limousinenatmosphäre des Kempinski zwei Mal angeschnorrt werde, Ernüchternde Kontraste. Zudem zu viele Mauern, zu wenig Wasser, und der Himmel weder blau noch schwarz, nur gräulich grau. Bei der Uni wieder in die Tram gestiegen.

Am letzten Wegstück dann wieder zwei alte Tanten, die sogar meinen Kopfhörer übertönen. “Schau mal wie viele Leute da sind!” wiederholt, eigentlich bei jeder Station. Ja verdammt, das sind viele Leute. Beim Zirkus Roncalli. Beim Streetlife-Festival. Und auch vor der Oper, ohne erkennbaren Grund. Aber müsst ihr deshalb so brüllen?

OK, mir egal, ich kann lauter. Bitte sehr.

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