Spieglein, Spieglein…

„Herz schlägt, Blutdruck hoch, Puls verdammt hoch“, sagt eine Stimme in meinem Ohr, aber das Erwachen ist dennoch weich und sanft. Ich zähle meine Körperteile und Funktionen und stelle fest, dass die Stimme wohl nicht mich gemeint haben kann. Öffne die Aigen ind vermisse die Sonne, die mich in den letzten Tagen an dieser Stelle begrüßt hat. Draußen ist es grauweiß. Der Wecker beginnt zu singen, als hätte ihn mein Erwachen an seine Aufgabe erinnert.

„Gusch“, sage ich bewusst laut, was natürlich nicht hilft, diesen Wecker muss man tätscheln. Ich bleibe noch ein bisschen liegen, genieße die weiche Flanelldecke, genieße mein Körpergefühl, denke darüber nach, wie man es anstellen könnte, für die lebenserweckende Flüssigkeit Kaffee nicht aufstehen zu müssen. Mache ein bisschen Lärm innen und außen, der das Brummen im Ohr nur temporär beeindruckt. Alles im gewohnten Bereich.

Den Kaffee koche ich auf einem Bein stehend, auf dem linken. Weil, ach, warum nicht? Stelle ihn dann gewohnheitsmässig auf den Schreibtisch. Falsch, ich wollte ja die Routinen ändern. Stelle ihn auf den Couchtisch, das fühlt sich auch nicht richtig an, na gut, ich nehme ihn mit ins Bett. Ist ja Samstag. Und das Buch. Aber ach, dieses Buch. Eine kommunikationsgestörte Poetin mit zuweilen obsessiven Liebesgedanken bin ich selber, und wenn das sprachlich und inhaltlich durchaus präzis gezeichnete Nicht-Beziehungsbild sogar in mir nur noch ein genervtes „Ja, redets doch bitte mitinander“ auslöst, dann ist es schlimm. Ein Blick auf die letzte Seite zeigt ein erwartungsgemäßes Ende.

Stattdessen meinen Blick in die Welt geworfen, ich kann mich übrigens nicht der allgemeinen Meinung anschließen, dass Tablets tot sind. Es ließe sich gut aushalten unter der Decke, the world at my fingertips, buchstäblich nämlich, und die Gedanken hängen doch viel freier herum als am arbeitsamen Schreibtisch. Aber ach, der Kaffee ist schon leer, und ganz ohne Pflichten ist auch dieser Samstag nicht, und die Sonne ist tatsächlich auch herausgekommen. Auf gehts.

Teilen? Tweet about this on TwitterShare on Google+Share on FacebookEmail this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.