Stadtsonntag

Nachdem die geplante Neuauflage des Samstags – nochmals Kunstmarkt – nicht zustande kam, stand ich Sonntag mittag vor einem Problemchen. In der Annahme, eh das ganze Wochenende nicht zuhause zu sein, hatte ich nicht viel eingekauft. So gab’s zwar Brot, aber nix drauf. Es gab zwar Sugo, aber keine Nudeln. Es gab zwar Reis, aber der wollte nicht einmal in meinem experimentierfreudigen Köchinnen-Hirn (ich sage nur: Erdäpfelpürree mit Thunfisch) zum Sugo passen. Und noch schlimmer: Das Mineralwasser war aus. Ein Ausflug zum nächstgelegenen Sonntagsladen war angesagt, und da die Tabaklage zwar noch nicht kritisch, aber auch nicht sonntagsfüllend war, entschloss ich mich für den Weg zum Bahnhof anstatt zum Türken.

Das Wetter war flexibel, mit Sonne und Wölkchen, mit Wind und ohne. Aber durchgehend schwül. Wobei ich mir zuerst nicht ganz sicher war, ob’s am Wetter lag oder an mir, schließlich komme ich auch langsam ins Alter, wo frau grundlos schlagartig zum Schweißspringbrunnen wird. Am Bahnhof fragte ich mich dann nicht mehr, denn dort saßen durchaus junge Menschen beiderlei Geschlechts ermattet am Boden, fächelten sich und einander Luft zu und konnten nicht fassen, wie „verfickt schwül“ es doch ist. Ich dagegen fühlte mich gar nicht ermattet, sondern unter der leicht klebrigen Schweißschicht geradezu enthusiasmiert vom seltsamen Sommer. Einkaufen und heim zur Arbeit war irgendwie keine Option. Die erste Idee, ab an die Donau, verwarf ich: Am Sonntag ist dort definitiv Sardinenbüchse. Andere Schwimmalternativen entfielen mangels Badeanzugs im Rucksack. Kurz dachte ich an einen Tagesausflug nach Bratislava (in 15 Minuten hätte es einen Zug gegeben), aber weder Pass noch andere Ausweise hatten den Weg in meinen Rucksack gefunden. Schließlich beschloss ich, so zu tun, als hätte ich in einer fremden Stadt ein Stündchen oder zwei Aufenthalt. In solchen Fällen geh ich vor den Bahnhof, schau mich um, und geh in die Richtung, die am meisten lockt, ganz ohne Blick auf die Karte. Heute nun war die Richtung klar, denn die meisten Gegenden um den Bahnhof kenne ich wie meine Hosentasche. Es konnte also nur die eine Richtung sein, die ich nicht so gut kenne: Das neu- und umgestaltete Areal Richtung Arsenal. Ich kaufte eine Flasche Mineralwasser und zog los.

Der Ausblick beim Ausgang zum neuen Campus glänzt erst einmal mit immer noch gewaltigen Baustellen.

Immer noch heftige Baustelle

Hält man sich dann links Richtung Gürtel, dorthin wo einst der 13a abfuhr, findet man einen riesigen Park. Der war zwar irgendwie immer da, wirkt aber expandiert und neugestaltet. Ich wünschte, ich könnte mich genauer an den alten erinnern. Steinfiguren des allerersten Südbahnhofs sind hinter Glas zu bewundern, ausruhende Reisende, Jogger und Familien mit Kinderwegen bevölkern Wege und Wiesen. Mittendurch eine Straße, wo Busse parken, die ihre Fracht vermutlich beim Belverdere ausgespuckt haben. Die Busfahrer spielen in der Wiese nebenan Karten. Unter den Bäumen ist die Luft angenehm. Ein Stück zurück Richtung Bahntrasse lockt Kunst.

Ankündigung

Fast bin ich motiviert genug, mir das anzuschaun, doch nach wenigen Schritte ins Foyer des 21er-Hauses weiß ich: Hier ist mir jetzt grade zu kühl, körperlich wie inhaltlich. Ich geh stattdessen rechtsrum und finde neben einem Dingens, das nicht verrät, ob es Kunst oder Südbahnhofrelikte sein will, ein paar rote Schuhe, die meinem Krimischreiberhirn einiges zu denken geben.

Rote Schuhe

Während ich den Fon-Akku wechsle, sichte ich erstmals Pokemon-Go-Spieler in freier Wildbahn. Die beiden wirken weder verblödet noch verkehrsgefährdet, sondern einfach vergnügt bei der Sache. Dacht ich mirs doch.

Wieder Richtung Gürtel, steht da Frederic (oder, wie auf der Tafel steht, Fryderyk) Chopin mitsamt (s)einer Note Bleu vor einem Springbrunnen im Teich.

Fryderyk Chopin und seine Blue Note

Mit Klaviermusik im Kopf spaziere ich weiter und stelle fest, dass es in diesem Park überhaupt viel Wasser gibt. Ein Kinderfreibad zum Beispiel. Das kühle Blau des Beckenbodens macht mir die Hitze erst wieder bewusst, aber ich fürchte, mein kindliches Gemüt genügt nicht, um da reinzuspringen, schon gar nicht ohne Badeanzug. Ein paar Schritte weiter ein Wsserfällchen in einem Miniteich. Spätestens hier bereue ich, nicht die „richtige“ Kamera dabeizuhaben, aber… ich wollte doch nur einkaufen!

Wasserfällchen

Ein Stückchen weiter ein Lokal, in dem ich den Cappuccino trinken könnte, über den ich schon länger nachdenke, aber meine Füße sind grade eingelaufen und tragen mich vorbei, bevor ich protestieren kann. Einen lästigen Zaun umlaufen und dann bei rot quer über die Straße ins Arsenal.

Das Arsenal (irgendwann gabs hier schon einmal einen Blogeintrag dazu, den ich aber grad nicht finde, was mich nervös macht, aber… egal) ist ein ehemaliger Militärkomplex, dessen Gebäude zu Wohnungen, Firmengebäuden und Kunsträumlichkeiten umgebaut wurden. Die riesigen alten Backsteingebäude sind auf ihre eigene Art imposant, die grünen Wiesen dazwischen mit vielen Bäumen durchsetzt, es ist angenehm kühl und weiträumig und wirkt auf seltsame Art fremd vertraut. Die Ecke von Art for Art hat einen Berliner Touch und ein offenes Cafe, aber auch hier wollen meine Füße lieber weitergehen. Schließlich locken allerorts fotowürdige Anblicke, im Großen…

Alt-Bau

…wie auch im Kleinen.

Life... uh ... finds a way

Unter den Bäumen und auf den Wiesen und Wegen durchaus immer wieder Menschen, aber so wenige, dass die Gegend dadurch umso leerer wirkt. Manchmal Musik aus einem Fenster, einmal sogar Kaffeeduft. Ein Schild an einer zur Kunstwerkstätte umgebauten Garage verspricht: „Nächste Woche Salat – € 1“. Etliche Schritte weiter steht ein alter Bundesheerbus mit Vorhängen vor den Fenstern, nur einer, auf einem riesigen leeren Parkplatz. Noch ein Stück weiter ein Blick in ein umzäuntes Areal, auf dem Heeresfahrzeuge vor einer dunkelgewordenen Halle in ordentlichen Reihen stehen. Ausgemustert oder einsatzbereit, was weiß man schon.

Aber das Arsenal besteht nicht nur aus alten Gemäuern, und aus dem Mix ergeben sich manchmal verblüffende Anblicke.

Kontraste

Nicht alle alten Gebäude sind umgebaut und umgewidmet, und manchmal hat man das Gefühl, plötzlich in ein Stück Landschaft aus der Stalker-Trilogie hineinzuspähen.

Zuviel Stalker gespielt

Mein Mineralwasser ist leer, und trotzdem gehe ich am Tenniscafe vorbei. Irgendwo hier müssten doch die Flugzeuge… tatsächlich, da sind sie. Ein Draken und eine pummelige Tunnan vor dem Heeresgeschichtlichen Museum.

Tunnan

Hier ist die Gegend auch etwas belebter, hier spuckt ein Hop-on-Hop-off-Bus seine Gäste aus, mahnen Touristen ihre Kinder, dass man NICHT über den Zaun zum Flugzeug klettern darf (ich war dabei kein gutes Beispiel für die Jugend).

Wieder einen Moment lang überlegt, dass man doch auch einmal in ein Museum gehen könnte, aber der Tag war zu strahlend und die Füße zu aktiv.

Heeresgeschichtliches Museum

Auf dem Weg durch die Torbögen eines der alten Gemäuer ganz verblüfft über die kalte Luft, die da um die Ecke pfeift. Auch das letzte Lokal am Arsenal-Areal links liegen gelassen (etwas widerwillig, aber auf der Karte vor der Tür stand „Cappuccino mit Schlagobers“). Stattdessen an der Schwelle zum Rest der Stadt auf ein Mäuerchen gesetzt, eine Zigarette geraucht und die allerletzten Tropfen aus der Mineralwasserflasche gesaugt.

Vernünftig wäre gewesen, jetzt nach Hause zu gehen und endlich die Arbeit in Angriff zu nehmen, damit ich am Montag, wenn alle anderen arbeiten, ans Wasser fahren könnte. Aber vernünftig passt halt nicht zum Sommerwetter, deshalb lenkte ich meine Schritte, rechts von Schrebergärten, links vom Park begleitet, Richtung Gürtel, querte den und traute mich ins Belvedere-Getümmel, nur kurz, bevor ich rechts in den botanischen Garten abbog.

…und den Rest der Reise erzähle ich morgen, sonst wird mir die Nacht zu kurz.

(Teil 2 gibts hier)

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One thought on “Stadtsonntag”

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