Stadtwanderung, 14.5km

Erst einmal von der Peripherie Richtung Vierten. Sonne und Wolken wechseln einander ab; im großen Park spielen Kinder, Erwachsene turnen auf den Freiluft-Geräten. Eigentlich wollte ich ja zur U-Bahn, aber die Füße haben Lust auf Straße. Die Stadt lebt deutlich, und die Wände sprechen Vorstadt.

Unterwegs ein Büchergeschäft. Schon lange keine Lyrik mehr eingekauft, denke ich und hoffe auf einen Jahressampler moderner AutorInnen oder Ähnliches, doch auf meine Frage nach Lyrik schickt man mich zu einem Tisch mit Loriot, Gartengedichten und Motivationsversen. Na dann halt nicht, denke ich, innerlich dennoch irgendwie indigniert. Draußen beginnt es zu tröpfeln, was sollte eine solche Wolke denn auch sonst machen?

Sie hört aber bald wieder auf. Im Kreisky-Park ist glatt eine Hängematte frei, und ich schenke mir ein halbes Stündchen, blinzle mit meinem Hörbuch-Krimi im Ohr in Richtung Slackliner und Barfusskinder. Dann wieder weiter.

Am Freihausviertelfest spielt Hary Wetterstein, und der „Trancedelic Tribal Beat“ passt ganz hervorragend in den Tag. Das Drumherum nicht so ganz. Zu viele Menschen, und dort, wo der Naschmarkt lockt, würde ein Meeresufer noch viel mehr locken. Die schwarzen Wolken tröpfeln nur einmal kurz, beinah wie versehentlich, schicken aber den einen oder anderen angenehm kühlen Windstoß vorbei.

Nach dem Konzert habe ich keine Lust mehr auf die Massen. Auf zu Hause aber auch nicht. Na gut, dann halt nochmal am Donaukanal entlang. Ich nehm die U-Bahn bis zum Schwedenplatz; auf dem Weg dorthin erfahre ich, dass am Karlsplatz jetzt Wein wächst.

Der Wind nimmt zu, oben wolkt es noch immer, doch Tropfen kommen keine mehr. Ich nehme die andere Richtung heute, die, von der ich aus unerfindlichen Gründen immer dachte, dass der Fußweg dort nicht weit weiter geht. Ein klarer Irrtum.

Erst einmal geht es an den neuesten Graffiti vorbei. Für heute sammle ich die Gesichter, beschließe aber, bald wieder zu kommen.

Donaukanal Faces

Danach zwei Lokale, von denen ich noch nie gehört habe, die aber beide so aussehen, als könnte man hier ausgezeichnet abhängen. Ein andermal, die Füße sind asphalthungrig. Ein paar hundert Meter weiter wird es grün, Beton sowie die Farbe darauf wird weniger. Jogger und Hundeausführer sind unterwegs, Jugendliche und nicht ganz so Jugendliche auf den Bänken; würde nicht von oben die Schüttelstraße Freitagabendverkehr rauschen, könnte man meinen, man wäre … ja, wo?

Robert Schindel
Robert Schindel

Bei „Schüttelstraße“ fällt mir frei assoziativ Robert Schindel ein, und es irritiert mich, dass mir ein bestimmter Text nicht mehr ganz einfällt. Nach dem Heimkommen gleich danach gesucht. Und gefunden.

Unterwegs stattdessen ein bisschen Brecht rezitiert, innerlich. So, wie Musik im Ohr alles um mich herum zu einem Film macht, macht Lyrik im Kopf alles wunderbar wunderlich. Die Frau, die im untadeligen Business-Outfit kleine weiße Früchte aus einem buschigen Baum pflückt und isst. Eine einsame Socke auf dem Gehweg, sauber, frisch wirkend, schwarz. Die vielen Raben, die auf der Wiese verteilt sitzen wie Gäste in einem halb leeren Kaffeehaus, jeder schaut in eine andere Richtung, man möchte ihnen glatt eine Zeitung reichen. Als ich näher komme, hüpft einer davon, zum Wegfliegen wirke ich wohl nicht gefährlich genug. Nur ein paar Hopser, ein Blick über die Vogelschulter, schon sitzt er wieder. Und dann, eine Wiese weiter, ist das etwa…

Es ist ein Hase. Ein prächtiger, großer Hase, mitten in der Stadt, die Ohren drehen in meine Richtung, obwohl ich stocksteif stehengeblieben bin mitten im Schritt. Ganz langsam greife ich in meine Hosentasche nach dem Foto-Fon, doch bevor ich ihn ablichten kann, ist er schon ein Stück davongehoppelt, zu weit für die Fon-Linse. Er dreht sich noch einmal zu mir um und verschwindet dann im Gebüsch. Wär ich ihm gefolgt, müsstet ihr jetzt Alice zu mir sagen. Stattdessen lauert unter der nächsten Brücke eine Riesenschildkröte.

Wer weiß, was die nun wieder vor hat.

Von da an wird der Weg etwas ungemütlicher, weil weiter weg vom Wasser und näher an der Durchzugsstraße, aber irgendwie will ich jetzt wissen, wo der Donaukanal denn zurück in die Donau mündet. Irgednwie seltsam: Die Stelle, wo er von der Donau abzweigt, ist mir vertraut seit vielen Jahren, aber wo es wieder zusammengeht, darüber habe ich nie nachgedacht.

Die Füße sind begeistert, obwohl von Schritt zu Schritt klarer wird, dass ich mir da wohl eine Blase laufe.  Die Spaziergänger und -läufer werden spärlicher. Noch eine Brücke, und die Straße nebenan wird zur Autobahn. Aber es ist nicht nur Autolärm, den ich höre, es ist…

Ein Schlagzeug? Eine Gitarre? Eine lockende Rock-Röhre? Die Augen bemühen sich, zu erspähen, was die Ohren schon längst als Zielkoordinaten eingestellt haben. Hm, da müssen wir die Treppe hoch und über die Autobahn, und dann…

Es ist ein Fest im Garten des Atom-Instituts der TU Wien, und der Sound ist gut genug, um sich gerne reinschummeln zu wollen, aber… als ich das Tor entdeckt habe, stimmt die Band „Happy Birthday“ an, und damit ist es irgendwie auch schon wieder vorbei. Meinen zumindest die Füße, die bereits wieder volle Geschwindigkeit in Richtung Brücke aufgenommen haben, während der Kopf noch überlegt, ob man nicht vielleicht doch…

Na.

Das Erkunden der Donaukanalmündung wird auf einen nächsten Spaziergang warten müssen, der Kopf hat den Füßen Stadtlust eingejagt. Jenseits der Brücke ist sehr Erdberg. Die Cafe-Gärten fest in slawischer Hand, aus dem Puff am Eck kommt einer mit gesenktem Kopf und verschwindet zwei Ecken weiter im Kebab-Laden. Die Gäste des Hotels daneben wälzen Karten im Kerzenlicht. Die Füße würden gerne die ganze Nacht lang weiterlatschen, es ist der Kopf, der das angesichts der wachsenden Blase nicht ganz so prickelnd findet. Na schön, dann halt zur nächsten U-Bahn-Station.

Zu Hause ist auch Sommer. Irgendwie hätte ich jetzt gern das Bier, auf das ich unterwegs keine Lust hatte. Aber nochmals vier Stockwerke runter? – Prost Mineralwasser.

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5 thoughts on “Stadtwanderung, 14.5km”

  1. Manchmal ist es großartig, wenn man keine 14,5 km latschen muss und statt dessen eine subtile Beschreibung samt kunstvoll verpackter Gefühlsessenz und grafisch starken Bildern frei Haus geliefert bekommt. Seele und Füße danken.

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