Strange Feelings…

Komische Nacht, schlecht geschlafen, draußen Krawall. Katzengeschrei & dazu deutsches Schnarchen. Außerdem heißkalt zwischendurch. Wohl doch zuviel Sonne erwischt.

Trotzdem ganz früh Terrassenfrühstück & mit etwas mehr Umsicht als gestern den Rucksack gepackt. Badezeug, dazu Orange, Banane, Brot, Käse und Wasser. Das Tagebuch. Kugelschreiber. Den Fantasy-Thriller aus der Gangbibliothek. Auf geht’s.

Aufstieg ist heiß, obwohl’s noch früh ist. Oben erleichtert ob des Wegfalls der Zivilisationsgeräusche, aber nicht verzaubert wie gestern noch. Erfreue mich an der Stille, am Ausblick, an meinen eigenen regelmäßigen Schritten. Weit und breit niemand, außer mir.

Meine Eile legt sich, sobald ich den Punkt des gestrigen Umkehrens erreiche. Hier war ich noch nicht, muss – darf! – genauer schauen. Die Pflanzen. Die Felsen. Der Weg.

Etwas ist seltsam, in mir, um mich. Fast schwindlig, aber nicht als ob ich krank wär: sondern so als wäre hier noch eine zweite Welt außer der, die ich seh.

Hypnotisch der Blick auf orangerote Felsenlandschaft. Die rote Felsenkuppel sagt zu mir: “Du wirst hier sterben. Auf dieser Insel. Nicht heute, aber irgendwann.” Ganz stark das Gefühl, dass ich sie nicht fotografieren sollte.

An der Felswand gegenüber ruft mich ein Stein. Ich breite die Arme aus und schmiege mich an die ausgesprengte Wand; es ist als wäre ich zwei, eine die in der Magie des Augenblicks aufgeht und eine, die sich genau darüber lustig macht; egal:

Mit weit gestreckten Armen stehe ich da, ungekannte Kraft strömt in mich aus dem Felsen und legt sich meinen Körper zurecht; hier muss ich noch einen Schritt zur Seite tun, dort einen Arm anpassen, schlussendlich ist alles richtig & ich “darf” meine Augen öffnen; empfinde es mehr als einen Befehl in diesem Moment, und ich sehe einen durchscheinenden Einschluss im Gestein, “das darfst du nehmen”: auch das ist ein Befehl, vorsichtig löse ich das winzige Ding aus seiner Erdhülle & verstaue es inder sichersten Tasche; weiß nicht, wofür es gut ist, ich bedanke mich bei der Wand (nicht ohne mich gleichzeitig um meine geistige gesundheit zu sorgen) und gehe ganz in gedanken weiter die Straße entlang.

Hinter der nächsten Kurve ist mein Andersweltschwindel wie weggeblasen, und ich bin ganz sicher, mir all das nur eingebildet zu haben. Ganz sicher? Na, zumindest fast.

Frei gehe ich die Straße entlang, das Meer, immer noch zu meiner Linken, glitzert in der steigenden Sonne. Dann eine Plantage; ein Auto. Jemand inspiziert die Bananenblätter. “Ola!” grüße ich, freundlich, “Ola! grüßt er zurück. Als ich weitergehe, höre ich, wie er mit irgendjemandem deutsch redet.

Hier beginnt ein Oleander-Paradies, Fotos nötig. Nach der übernächsten Kurve ein Wald, Pinien. Danach Ananas. Und noch mehr Oleander.

(Nie werde ich dem Billa Fotoservice verzeihen, dass sie ausgerechnet diesen Streifen versaut haben)

Noch eine Kurve, dann geht’s bergab. Die Straße schneidet wieder in den Felsen. Um den erste herum: Vor mir liegt das Tal meiner schlaflosen Träume. Weit und schön. Eine Welle nach der anderen zieht weißkronig herein.

Weiter hinten ein Pinienwäldchen, dahinter Häuser. Ganz vorne aber nichts, dort, wo meiner Karte nach eine Tankstelle liegen sollte, ein halb verfallenes Häuschen. Die Karte ist von 1995. Kann eine Tankstelle wirklich so schnell so sehr kaputt gehen?

Die Straße mit ihren gemauerten Bänken führt in weiten Schleifen hinunter ins Tal. Auf der anderen Hangseite auch schon Spuren, wo Bagger sich ins vorgesprengte Gestein gebissen haben. Aber davon abgesehen einer der schönsten Anblicke meines Lebens.

Entlang der Straße bewaässerte Palme und vereinzelt weitere Oleander; je deutlicher ich sehe, wo ich hin will, um so weiter wird der Weg. Dann, unten im Tal, entlang am hocheingemauerten Flussbett. Bleibt zu hoffen, dass der Graben vor dem Meer aufhört.

Er hört. Also quer über den Klappersteinstrand; ein Zelt & davor eine Frau, augenscheinlich einheimisch. Wir grüßen uns.

Am Strand etwas überlegt, dann für Bikinihose & oben ohne entschieden. Und, verschwitzt, heißgelaufen, an der schwarzsandigen Stelle ins Meer. Wellen hoch; ich vorsichtig. Aber schön.

Danach im Sand etwas getrocknet; dann Schatten gesucht. Der einladende Wald ist eingezäunt. Also stattdessen etwa 50m weiter landeinwärts zwischen Gebüsch und ein paar Bäumen einquartiert. Barbusig & tuchgeschürzt. Jemand hat aus Steinen einen Tisch gebaut, unter zwei Olivenbäumen, und 2 Sessel auch. Ich sitze im Sand, labe mich an Wasser & Orange, träume in den Himmel & aufs Meer hinaus. Etwas später, genug erholt um den Hunger zu spüren, Brot und Käse. Mehr Wasser (und nicht etwa Meerwasser).

Dann im Halbschatten gedöst & so durch & durch glücklich, dass ich das wieder festhalten muss. Ist ein Foto, in dem man fotografiert, was 5 Minuten davor wahr war, gestellt zu nennen? Auch egal.

Ein bisschen gelesen & noch ein bisschen gedöst & immer noch sehr glücklich, und dann plötzlich wie ein Messerstich das Bedürfnis, hier wegzukommen. Nicht so, als würde es von mir kommen: Eher eine Stimme, die mir sagt: “Du hast hier rasten dürfen & Ruhe finden, jetzt ist es Zeit, dass du verschwindest.”

Es ist ein sehr starkes Gefühl, und obwohl ich mir durch & durch lächerlich vorkomme, packe ich eilends meine Sachen & gehe. Wäre doch so gerne noch einmal geschwommen… “Nein, sagt die Stimme. Und den wunderschönen Stein soll ich auch nicht aufheben.

Als ich an den Schranken komme ( “No trespass!” und ein durchgestrichener Fussgänger, sichtbar nur von der Innenseite), erscheinen zwei weißgekleidete Menschen vorn an der Kurve, und noch ein paar Schritte weiter sehe ich den Riesenkatamaran um die Ecke biegen & zwei Wassermotorräder aussetzen, Lärm füllt die Bucht. Von landeinwärts kommt ein weißer Jeep. Dann ein Motorrad. The spell is broken, die Stimme schweigt. War es vielleicht eine Warnung, vor dem, was da eintrifft? Oder doch eine Drohung, so wie ich es im ersten Moment empfunden habe? Oder hab ich nur zuviel Sonne erwischt, zulange mit mir selber geredet?

Egal. Zurückgehen ist immer ein Fehler, habe ich irgendwann für mich beschlossen, daher mache ich das auch jetzt nicht. Beginne stattdessen den Aufstieg; etwas schwerfällig mit brotkäseobstgefülltem Bauch.

Nicht ohne weiterzugrübeln; ich komme mir blöd vor. Hab ich mir das ganze eingebildet? Aber meine Angst ist vor Menschen, und es waren keine da. Meine Angst ist vor geschlossenen Räumen, nicht vor offenem Land. Meine Angst war es nicht, die da zu mir gesprochen hat. Aber was dann?

Unten flutschen die Wassermopeds Runde um Runde um den Katamaran, und ich bin heilfroh, dass ich wenigstens damit nichts zu tun habe.

Oben um die letzte Kurve & mehr als einladend das Pinienwäldchen, ich nehme an, sitze erst auf der Steinbank & trinke einen Schluck Wasser, zu entfernt, setze mich dann, erstaunt darüber, wie weich das Nadelbett ist; wische ein paar Zapfen beiseite & lege mich auf das so entstandene Bett.

Sonnenstrahlen geteilt & gebündelt durch die Baumnadeln & nach einer kurzen Pause setzen die Vögel wieder ein, unberührt von der fremden Anwesenheit. Leichter Wind & von ganz unten, ganz fern, die Wellen gegen die Felsen. Ich fühle mich willkommen, rund um mich reine Freude. Im Halbkreis die Bäume, als würden sie mich beschützen, beschirmen. So könnte es bleiben, ein Leben lang. Nicht ganz vielleicht, aber doch eine ganze Weile. Nichts fehlt, und nichts ist zuviel.

Warum ich irgendwann doch wieder aufbreche, weiß ich nicht. Vielleicht nur die stumme Einladung der oleandergesäumten Straße. Bin es jedenfalls zufrieden: Schritt für Schritt.

Diese Steinformation gegenüber von meinem Felsen: Ein Tor aus dem Nichts ins Nichts (off Foto-Limits, sorry), talwärts, fast möchte ich mich hinsetzen und schauen, bis sie endlich deutlicher auftaucht auf der anderen Seite, die fremde Welt. Den Stein noch einmal gegrüßt; er ist schweigsam & doch spüre ich etwas von der Gewalt der Sprengung, die mein Geschenk freigelegt hat.

Längst bin ich geborgen im Rhythmus der Schritte, im Kopf Geschichten & doch wieder nicht. Sonne auf der Meerseite jetzt, ganz, und dadurch Silberlicht.

Wieder verblüfft darüber, wie plötzlich der Lärm einsetzt jenseits der Felskuppe. Gleichzeitig plötzlich wird gehen mühsam, oder ich bemerke es erst jetzt: Keine Blasen sondern gänzlich wunde Füße, Ein Ziehen in den Oberschenkeln, als wären nach den vielen Kilometern genau die letzten 500 Meter nicht mehr zu schaffen, aber zu schaffen sind sie natürlich doch.

Noch zwischen Küche Bad Terrasse herumgeirrt als könnt’ ich jetzt nicht einfach stehen bleiben. Dann Dusche, Wasser, Obst und mein irgendwie völlig deplazierter Agententhriller.

Einige Zeit später stark genug für Supermarktbesuch, Käse Oliven Wein für alle Fälle und Brot natürlich, frisches Brot.

Danach weitergelesen bei Kaffee, drüben ein deutsches Pärchen: Sie lackiert Zehennägel, er studiert irgendwelche Papiere. Dann kommt das Kölner Trio heim, vollbepackt. Zwei verschwinden in der Küche, einer (der Ehemann der Frau, die aber offenbar viel lieber mit dem anderen alleine ist) bleibt auf der Terrasse, öffnet eine Flasche Rotwein & schenkt mir trotz meiner Proteste das Wasserglas randvoll. Er will natürlich plaudern; diesen Wein, so sagt er, kann man gut auch schon zum Frühstück trinken, das wär viel besser als Kaffee. Nicht sicher ob das ein Witz ist oder bitterster Ernst, lächle ich und schweige. Da kommen auch schon Freund und Frau mit dem Essen.

Ich wäre herzlich eingeladen & lehne, ebenso herzlich hoffentlich, ab.  Ah, Tagebuch, mein Schutz und Schild! Ich liebe dir.

Was mich nicht davon abhält, ihren Gesprächen zu folgen. Die Beziehungen kann ich nicht ganz auflösen; ein hoffnungsloser Kölner Säufer mit (mühsam?) geduldiger (spanischer) Ehefrau & ein mysteriöser Dritter, der der Ehefrau sehr charmant & dem Typen sehr freundschaftlich gegenübersteht.

Die Geschwindigkeit, mit der sie Weinflaschen leeren, verblüfft mich; die Gespräche bleiben mir nicht erspart. Während seine Frau weitere Wurst- und Käseplatten zurechtmacht, erzählt er dem seltsamen Freund, dass er 6 Jahre in Spanien gelebt hat, “damals, in der Franco-Ära. Das war war in Ordnung. Da ist nichts gestohlen worden, damals, und ein Essen im Restaurant hat 25 Ptas gekostet.” Na dann. Jetzt weiß ich wenigstens, warum ich kein gesteigertes Bedürfnis habe, die Partie näher kennen zu lernen.

Was mir aber nicht erspart bleibt. Denn als Theos (der Ehemann) Wein zu Ende geht, gebietet es die Höflichkeit, die 3 Gläser aus meiner nahezu unberührten Flasche nachzufüllen. Klar war mir klar, dass er mich zulabern würde, und ich bringe, fast gegen meinen Willen (viel lieber würde ich still die Sterne betrachten) die angebrachten Gegenargumente; sehr dankbar, als Karl (der unzuordenbare Freund) mir meinen Standpunkt abnimmt.

Theo trinkt unkontrolliert und unter Elenas Protest in großen Schlucken meinen Wein, was mir nur recht ist, weil der erstens ohnehin nicht besonders und zweitens leicht verkorkt ist.

Dann gehen sie endlich schlafen. Heureka, meine stille Terrasse ist wieder mein! Ich betrachte die Sterne & schweige in den Himmel, und dann gehe ich, ungewohnt früh müde, gegen halb 11 (Winterzeit) schon schlafen.

Noch was vergessen? Ja. Die Glasscherben am Strand, so Shit. Und das Zeitloch; Hinweg 2 Stunden, Rückweg mehr als 4 Stunden (OHNE die Pause im Pinienwald).

 

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