Schlagwortbachmannpreis 2017

Jö, das freut mich aber jetzt, dass Peschka den Publikumspreis kriegt. #tddl

Bachmannpreis 2017 – Tag 3

Mit übermotiviertem Moderator und verschlafen aussehender Jury geht es an die letzten Texte.

Eckhart Nickel beginnt. Bei seinem Videoporträt fällt mir wieder einmal auf, dass mir die Literaturmaschine fehlt. Sein Text „Hysteria“ beginnt auf dem Markt. Die Himbeeren haben die falsche Farbe und safteln blutrot, ein Rindviech rubbelt sich die Haut ab und legt gräuliches Fleisch frei. Angedeutetes OCD, zwanghaft wirkendes Beschreiben von kleinen und kleinsten Details, Anflüge von Hypochondrie, verschleiert vom geradezu entspannt ruhigen Vortrag des Autors. Dann wieder so Bilder wie melancholische Strommasten.

Keller vergibt ihre Stimme für den besten ersten Satz, „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Schon mit Erdbeeren würde das nicht mehr funktionieren. Winkels findet Hyperrealismus und meint „extremer Realismus ist ein irreführender Begriff“. Er findet Science Fiction (ich hab das eher als Wahrnehmungsprobleme gelesen). Er findet den Text gut, findet aber zu viel von allem drin. Gmünder hat den Text so gelesen wie ich, Wahrnehmensstörung, findet ihn aber überladen. Kegel nennt es einen Elementarteilchentext. „Er will sich keine Beere aufbinden lassen.“ Fessmann findet eine „Poetik forcierter Dünnhäutigkeit“, und hat einen Dekadenztext gelesen, der aufzeigt, dass wir in einer Zeit des Überflüsses leben, findet das aber antiquiert, weil wir in einer nicht-dekadenz-geeigneten Epoche leben (Häh?). Kastberger mag Käferdichter und ist überzeugt, besonders weil der Text keine Antworten gibt. Er findet Übermenschbio und macht Ja, natürlich-Werbung. Wiederstein hat Angst nicht dranzukommen, und findet „German Angst“ und „früher alles besser“-Haltung und einen Bezug auf Verschwörungstheorie- und Fake-News-Anklänge.

Insgesamt die Diskussion interessanter als der Text.


Gianna Molinari erzählt schon im Video sympathiefördernd. Ihr Text „Loses Mappe“ beginnt mit einem Mann, der vom Himmel fiel.  Zuerst freue ich mich, dass da endlich wieder einmal eine geschichte erzählt wird. Leider hält die Freude nicht lang. Die Sprache fade, langweilig, der sakrale Vortrag hilft auch nicht.

Jurydiskussion erwartungsgemäß. Höre nur halb zu, weil es Zeit ist, die Wäsche aufzuhängen.


Maxi Obexer wirkt im Videoporträt etwas anstrengend. In „Europas längster Sommer“ geht es um Migration, Reisen und Sprache. Das ist gut. Als ich mich an die Stimme gewöhnt habe, ist es noch besser. Zum zweiten Mal in diesem Jahr habe ich uneingeschränkte Freude am Hören.  Auf Twitter dagegen wird der Text durchgehend gehasst.

Winkels sieht eine klischeehafte Zweiteilung der Welt als Problem des Textes. Feßmann hat eingeladen, erklärt aber den Text irgendwie von der Rückseite. Gmünder sieht die Geschichte der sechs Jungs durch den Kontext entwertet. Kastberger hält eine wunderbare Verteidigung des Textes, die auf „eh OK“ endet.


Urs Mannharts Videoporträt beginnt im Stall. Sein Text „Ein Bier im Banja“ ebenfalls. Es ist irgendwie die Geschichte vom Wolf im Schafsstall? Schöne Details – „Ob der Tag glücken wird, hängt auch vom Wolf ab. “ – „Um nicht alkoholisiert Auto zu fahren,
sind sie mit ihren Pferden unterwegs.“ Anfangs mag ich gar nicht in diese archaiische Welt eintauchen, aber die Geschichte gewinnt mit der Zeit.

Gmünder zieht eine Paralelle zu „Von Menschen und Mäusen“ und lobt die klare, einfache Sprache. Kastberger freut sich ironisch, endlich verstanden zu haben, was Wiederstein nicht langweilt, ist aber selbst wenig begeistert. Winkels findet Erzählung wie Sprache „vormodern“.


Bachmannpreis 2017 – Tag 2

Ferdinand Schmalz steht im Videoporträt an der Autobahn und auf dem Friedhof, spricht übers Schreiben und übers Essen und hat eine seltsame Sprachfärbung aus dem Grazer Steirisch mit deutscher Lackierung. „Mein Lieblingstier heißt Winter“ heißt sein Text, den er dramaturgisch korrekt präsentiert. Ferdinand Schalz liest in Mantel und Hut und erinnert mich an Qualtinger (Kastberger stellt aber später klar, dass Ödön von Horvath gemeint war).  Ein Protagonist heißt „Schlicht“ und verkauft Tiefkühl-Convenience-Food, ein anderer heißt „Schauer“, der ist offenbar krank. Die Sprache macht eigenartige Schlenker und ordnet die Satzstellung dem Rhythmus unter. Es freut mich wie gewohnt sehr, dass einer was mit der Sprache macht, aber es freut mich in dem Fall nicht, was. Es sind so Satzstellungsgeschichten, die manchmal aufgehen, zu oft aber an die alten Dorfdichter erinnern, die im Geburtstagsgedicht jede sprachliche Vernunft dem Versmaß unterordnen.  Die G’schicht ist gruselig: Der kranke Dr. Schauer, der, aus schlechtem Gewissen einem vor langer Zeit erschossenen Hirsch gegenüber, eine ganze Tiefkühltruhe voll Rehragout hat, würde gern in in seiner Kühltruhe erfrieren und dann mit Schlichts Kühlwagen auf die Hubertuswarte entsorgt werden.

Keller lobt die Kunstfigur. Fessmann ist auch begeistert. Winkels meint, der Text generiert sich selber, spricht von der stofflichen Materialität von Sprache und Welt und wird schließlich biblisch. Kegel findet den Text makellos.  Gmünder bringt einen AC/DC-Einwurf und sieht ein Kammerspiel. Wiederstein versteht nicht, was das Rehragout mit dem Hirsch zu tun hat. Kastberger erklärt das Österreichische an der Österreichischen Literatur und findet den Text glaubhaft, er glaubt auch an das sprechende Rehragout. (Obwohl eigentlich der Hirsch gesprochen hat.)


Barbi Markovics Videoporträt sollte man sehen. Ihr Text „Die Mieter“ beginnt mit einer Familie, die in einer Wohnung offenbar ermordet wurden. Schön langsam entfaltet sich daraus ein Horrorfilm, in der der wohnungswandblasse Vermieter und die einzige Überlebende der Wohnungsbewohner sowie die eigens angereiste Schwester die Bösartigkeit innerhalb der Familie und die Bösartigkeit der Wohnung selbst wunderbar surreal glaubhaft bleiben. Der wurzellose Rettich wird mir bleiben. Feiner Text.

Winkels sieht den Leser auf einer parabolischen Bahn und meint, das Konkrete an der Geschichte ginge wegen der vielen Bedeutungsmöglichkeiten verloren. Kegel sieht den Vermieter als Normalnullfigur und freut sich an der Unheimlichkeit des Heims. Fessmann will die Geschichte nicht symbolisch lesen, sondern als Hyper-Realität. Wiederstein hat sich gelangweilt. Kastberger sieht den Text eine  Fortsetzung einer literarischen Tradition von parabelhaften Texten zu unheimlichen Wohnungen sowie unerzählte jugoslawische Geschichte.


Verena Dürr will ein Libretto schreiben und ein Muschelhornorchester gründen, erfahren wir im Videoporträt. In ihrem Text „Memorabilia“ erzählt sie vom Klavier aus dem Film Casablanca. Irgendwie interessiert mich das Klavier wenig, und ich habe auch wenig Lust, die erzielten Preise bei mehreren Versteigerungen in literarischem Kontext zu erfahren. Dann kommt ein Restaurator mit dem SUV (nicht Auto) in ein Zollfreilager, trinkt Milch aus dem Automaten (nicht aus dem Laden) und wird durch Ziegenaugen (nicht Kuhaugen) irritiert. Ich mag nimmer. „Blattwerk“, „kleines Federvieh“, “ es erkennt der Restaurator sogleich“ – Oida, welches Jahr schreiben wir, so rein sprachlich betrachtet?

Fessmann sieht die zwielichtige Welt der Zollfreilager, der die Geschichte aber nichts hinzufügt. Winkels sieht eine Entsinnlichung der Welt, findet die Abbildung gelungen und redet sich in Begeisterung für diese Konzeptkunst. Keller steht am Berg und verliert sich in ungerichteter Begeisterung.  Wiederstein verliert sich in die literarische Bedeutung von Höhlen. Gmünder erzählt einen Schweizer-Witz und sieht einen Schacht von Babel. Kastberger sieht einen Text jenseits klassischer Narration mit einer einfachen Strategie, die den Blick auf Unbekanntes eröffnet.


Jackie Thomaes Text Cleanster klingt vor allem nach Berlin. Der Putzmann, der sich die fremde Wohnung zu eigen macht, um nach und nach daran zu verzweifeln, die Wohnungsbewohnerin, die sich viel zu viele deutsche Gedanken macht. Irgendwie langweilig und dabei ein bisschen peinlich, sprachlich auch nicht aufregend. Leichte Komik bei der Interpretation seines Verhaltens durch die Auftraggeberinnen.

Gut erzählt, aber zu glatt, meint Feßmann (ja, das auch). Kastberger findet, das könnte eine Szene aus Sex and the City sein. Winkels findet die von Kastberger vermisste Dringlichkeit unter dem Schreibtisch. Ein  Ansatz von Wohlstandskapitalismuskritik kommt auf. Kastberger schwenkt auf Breaking Bad um. Ich bin irgendwie ungehalten allen gegenüber.


Jörg-Uwe Albig mischt in seinem Videoporträt unterschiedliche Film- und Soundfragmente. Sein Text „In der Steppe“ beginnt in der Leere und erinnert an Vieles. Die Werkzeuge des Mieraliensammlers (wiehießernochgleich?), die Zone (Stalker?), Das „Ding“, das eine Datscha ist, nein, eine Kirche. Dann ein Ei, genauer das innere Bild eines Eis, „die Luft war dick wie Dotter“. Alles ein bisschen surreal. Oh, die Kapelle ist eine Frau. In die er eindringt. Aber nicht nur er. Von da an ist irgendwie alles unangenehm klar.

Kastberger ist alles andere als begeistert und gibt dem Text keine Chance. Keller erkennt immerhin eine Masse aus Anspielungen, aber auch sprachliche Fehlgriffe. Kegel erklärt Objektophilie (ich bleibe dabei, die Kapelle ist eine Metapher). Gmünder nennt auch ein paar Popkulturanklänge und hat den Text als Liebesgeschichte, aber durchaus positiv empfunden. Feßmann versteht das „Ding“ ähnlich wie ich, wenn auch nicht ganz so direkt. Selten. „Das liegt daran, dass Sie nur mehr ironische und performative Texte wollen“, kommentiert sie Kastbergers Unverständnis.

Bachmannpreis 2017 – Tag 1

Karin Peschka bringt schon im Videoporträt aufhorchen; über das Wort „Fremdenzimmer“ hab ich vorher nie nachgedacht.

Ihr „Wiener Kindl“ lebt mit Hunden in einer postapokalyptischen Welt, die neugierig macht. Vergangenheit, Zukunft? Kleine Textdetails machen die Jetztzeit klar, bin erleichtert nicht in den Weltkrieg zurückgeworfen zu werden.  Auf Twitter würde man dem Kindl das „l“  am liebsten wegnehmen. Ich dagegen mag das Kindl und die Gschicht (das Gschichtl?), vielleicht abzüglich ein paar scharfkantigen Textecken wie zB „Kot absetzen“,  und bin damit gleich beim ersten Text in der Minderheit. Würde ich aber gerne weiter lesen.

Die Jury wirkt wach. Winkels liest religiöse Anklänge, ich bin da eher bei @DorisBrockmannKegel liest Mogli aus dem Dschungelbuch, Keller findet auch die Rom-Metapher sowie Wappenkinder und den letzten Menschen als Gegenpol zu Adam und Eva. Kastberger verbeißt sich in den Silberlöffel, mit dem man keine Hunde bändigen kann. Der neue Wiederstein findet den Text gelungen, fände ihn aber abgespeckt noch besser. Die Jury insgesamt wohlwollend, Twitter zurückhaltend bis bösartig.


Björn Treber gestaltet sein Autorenporträt wort- und gesichtslos. Der Text „Weintrieb“ beginnt auf dem Friedhof. Ein Begräbnis. Ich muss leider ertmal kichern, assoziiere eine ganz alte Geschichte, die ich bei Gelegenheit auch mal aufschreiben muss. Die ausführliche Beschreibung der Sarg-Szene lässt mir Zeit, mich zu fangen. Sargkarren, geschürzte Lippen und (streng?) riechende Trauergäste. Miniaturbild folgt auf Miniaturbild, was ich sonst sehr mag, aber hier sind viele Bilder schief und unstimmig.  Trotzdem:

Keller findet das Begräbnis erfrischend. Feßmann ist die Geschichte zu allgemein, naja. Wiederstein findet versteckte Aggression (so versteckt fand ich die gar nicht). Winkels findet den Text unbeholfen (kann man so sagen). Kastberger hat nachrecherchiert und findet den Text als pure schutzlose Realität, die er „mutig“ nennt. Rest der Diskussion verpasst.


John Wray kommt im Videoporträt sympathisch und ein Haucherl skurril rüber, das lässt hoffen. Dem gut vorgetragenen und perfekt konstruierten Text „Madrigal“ kann man eigentlich keine Vorwürfe machen. Ich muss ihm aber trotzdem vorwerfen, dass er mir die Lust an den Wörtern nimmt, sowohl an den fremden als auch an den eigenen. Daher hier die Zusammenfassung in Bildform.

Die Jurydiskussion war auch so ähnlich.


Noemi Schneider. Ein schnaufendes, ansonsten schweigendes Nashorn im Videoporträt, eine rauchende Frau, Fussmassage für Mütter. Im Text „Fifty Shades of Gray“ geht es um eine Baronesse, die fliehen muss (?), in den Süden; um ein Internat und Selbstmord. Die Tote heißt Malina, aber abgesehen davon nimmt der Text mich erst mal ein Stück weit mit.

Der Stil nützt sich beim Hören schnell ab, lesen geht besser. Schade, dass das plakative Buzzword-Bingo (Baronesse, Malina, …) die sympathisch schnoddrige Poesie stören.

„Nicht gelungen“, meint Feßmann. Kegel sieht eine umgekehrte Flüchtlinsroute, die die Phantasien vom Untergang des Abendlandes ironisiert. Winkels erklärt den angedeuteten Untergang des Abendlandes, um den dann ein bisschen gestritten wird. Meine Chronistinnenlust ist noch nicht ganz zurückgekehrt.


Daniel Goetsch, im Videoporträt friedhofsbegeistert, erzählt in „Der Name“ eine Geschichte aus der Nachkriegszeit mit mehr oder weniger wahrhaften Personen, umrahmt vom Seelenleben eines verlorenen Schriftstellers auf einer Insel. Die  Story selber irgendwie sympathisch, die Sprache sehr verstaubt und altbacken. Der Leser / Hörer (ich zumindest) am Schluss genau so verloren wie der Schriftsteller.

Die Jury wirkt ähnlich ratlos, Keller erklärt den Romankontext, der dort eigentlich nix zu suchen hat.


Das wars mit den Texten für den ersten Tag. Die wirklich wichtigen Fragen danach werden auf Twitter gestellt…

Und wirklich lesens- bzw. hörenswert ist die heurige Rede zur Literatur von Franzobel.

 

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