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Knockin‘ On Kevin’s Door

So könnte es funktionieren mit Dylan und dem Nobelpreis:

Knocking on Kevin’s Door

Und sonst so? Woche 6/2017

Politisches

Würd ich ja lieber ignorieren, aber wegschauen ist auch keine Lösung. Was der leider nicht harmlose, skurrile US-Präsident Tag für Tag so treibt, sammelt und kommentiert Oliver Grimm in der Presse

Zu Hause ist es leider kaum besser. Burka-Verbot, Einschränkung der Demostrationsfreiheit und mehr Überwachung. Na Hauptsache, das Kreuz im Klassenzimmer bleibt unangetastet…

Optisches

Wunderbare s/w-Fotos aus den Nebelwäldern Indonesiens 

Shutterstock: 6 Photographers making weird food look good  (So „weird“ ist das Futter gar nicht, aber die Fotos sind trotzdem cool)

Musikalisches:

Hmmm…: Bob Dylan singt Americana. Hoffentlich nicht zu viel Sinatra dabei.

Vermischtes:

Nach Jahren wieder einmal eine Werbung, die pfiffig rüberkommt (und kaum nervt)

Die Giulia Quadrifoglio – Teaser

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Oh, und: die Hippies werden auch langsam alt… :)

Der Meister und sein Nobelpreis

Als ich von der Entscheidung für Bob Dylan als Literaturnobelpreisträger erfuhr, freute ich mich sehr. Kritik an der Entscheidung der Akademie gab es genug, aber schlüssig fand ich die nicht.

Zum einen war es höchste Zeit, dass die musikalische Lyrik auch als literarische Leistung anerkannt wird. Zum anderen gibt es, wenn das Komitee das nun endlich tun will, niemand besseren als Bob Dylan. Kein anderer macht seit über 50 Jahren unbeirrt „sein Ding“, musikalisch vielleicht umstritten, aber lyrisch quer durch die Schulen anerkannt. Kein anderer hat 500 Songs geschrieben, von denen beinahe jeder einzelne wortreichen Stoff für Generationen von Interpretationen durch Kritiker und Fans bietet.

Manche hätten sich Leonard Cohen (heuer leider posthum) in Stockholm gewünscht – auch er hat Großartiges geschrieben, aber nicht so zuverlässig und beharrlich über die Jahrzehnte. Andere wollten lieber junge Vertreter, etwa aus der Rap-Kultur, aber anders als die Preise für naturwissenschaftliche Leistungen wird der Literaturnobelpreis nun einmal seit jeher für ein Lebenswerk vergeben. Die jüngsten Preisträger waren zum Zeitpunkt der Vergabe zwischen 40 und 50, und auch das gab es nur in den Anfangsjahren des renommierten Preises (zu Zeiten, als 50 für die Durchschnittsbevölkerung schon als durchaus hohes Alter galt). 

Und sarkastische Meldungen zur Revolution im Literaturbetrieb, deren gerade noch lesenswerteste diese Zeit-Glosse von Literatur-Professor und Bachmann-Juror Kastberger ist, liegen schon deshalb weit daneben, weil man die Dylan-Lyrics auch ganz ohne Musik wunderbar lesen kann.

(Hier wollte ich eigentlich ein paar Zitate einfügen, was nun leider entfallen muss, da ich mich stundenlang in Musik und Lyrics verloren habe und mich trotzdem nicht entscheiden kann, was denn nun das anschaulichste Beispiel ist. Es gibt einfach zu viele durch und durch wunderbare Texte. Leichter wäre es bei den Einzeilern. Da ist mein persönlicher Liebling noch immer „crying like a fire in the sun“, knapp gefolgt von „I don’t want nothing from anyone, ain’t that much to take“, aber Einzeiler machen nun mal keinen Nobelpreisträger.)

Womit weder die Musik- noch die Literaturwelt gerechnet hat, war Bob Dylans nachhaltiges Schweigen zum Preis. Das gefällt ihm natürlich, denn wenn der Meister eines ist, dann ist er berechenbar unberechenbar. Einmal küsst er dem Papst den Ring, ein andermal lässt er das Nobelpreiskomitee im Regen stehen. Schlüsse zu seiner politischen oder gesellschaftlichen Einstellung aus diesen vermutlichen Momententscheidungen zu ziehen, wäre zweifellos vermessen, denn schon Mitte der 60er-Jahre, als seine Karriere gerade einmal begonnen hatte, war die wichtigste Botschaft von Bob Dylan (außerhalb seiner Musik, also in Interviews und ähnlichen Situationen), dass er verdammtnocheinmal keine Botschaft hat. Das muss man nicht mögen, aber man darf es respektieren.

Ganz wunderbar fand ich dann, dass Bob Dylan in Stockholm Patti Smith vorgeschickt hat. Was auch immer der Meister sich selbst dabei gedacht hat: Für mich hat das insofern eine großartige Symbolik, weil ich die Frau schon lange schätze und bewundere, für ihre Musik ebenso wie für ihre Schreibe. Und ein bisschen vermute ich auch, dass sie den „Legendenstatus“ bislang nur deshalb nicht vollständig für sich beanspruchen kann, weil sie nun mal eine Frau ist.

Der Text von dem Song, den sie in seinem Namen vorgetragen hat, wäre eigentlich alleine schon Grund genug, einem Schreiberling den Nobelpreis zu verleihen. Und was denn Patzer anbelangt, hab ich schon die Rüstung und die Mistgabel bereitgelegt, um meine weibliche Lieblings-Hippie-Punk-Ikonin gegen alle Angriffe zu verteidigen. Mpf.

Patti Smith – A Hard Rain's A-Gonna Fall (ceremonia Nobel 2016)

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Aber, zurück zum Nobelpreisträger selbst. Ich denke, der Monolog am Schluss von Masked & Anonymous sagt auch einiges darüber aus, warum er außerhalb seiner Werke so unbeirrt überzeugend schweigen kann.

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Und: Wer für einen Literaturnobelpreisträger unbedingt ein Buch braucht, sollte Bobs Autobiographie lesen. Darüber habe ich hier schon mal geschrieben. Ich denke es wird Zeit, ein zweites Mal reinzuschauen.

 

Bob Dylan singt Sinatra…

Bob Dylan singt Sinatra…

…das hätt jetzt echt nicht sein müssen. Ich tät ja gern mehr dazu sagen, aber mehr als 40 Sekunden halt ich von den Songs am Stück nicht aus.

Bob Dylan: Shadows in the Night review – an unalloyed pleasure | Music | The Guardian.

Bob Dylan 2014. So was Ähnliches wie ein Konzertbericht.

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Wir stehen, dicht an dicht. Ich kann Abstände so schlecht schätzen, aber ich habe mich näher an die Bühne gepirscht als seit vielen Jahren. Die gute alte Anhängetaktik: Einfach im Kielwasser der Traktortypen und Typinnen mitschwimmen, so weit es in die erwünschte Richtung geht. Dazu eine Prise links-und-rechtsschaukeln, um den Sichtbereich zu checken. Das eine oder andere freundliche Lächeln, “Du bist einen Kopf größer als ich, darf ich vielleicht vor?” Im doppelt dichten Regenschutz und mit den Jahren deutlich ins Gesicht geschrieben bin ich mittlerweile ziemlich sicher, dass das kein unzulässiger Mädchenvorteil ist. Schön, dass es trotzdem funktioniert.

Der perfekte Platz ist soundtechnisch in der Mitte, vor mir eine recht kleinwüchsige Familie (nur dem Vater muss ich kurz auf die Schulter klopfen, “könntest du vielleicht einen halben Schritt nach rechts…?” Er kann, und tut es freundlich.) Ich sehe, und hören müsste ich auch perfekt. Wenn es denn etwas zu hören gäbe. Der angeblich heuer so pünktlich anfangende Meister lässt sich nämlich Zeit. Ganze 20 Minuten insgesamt. Zeit, um die Bühne ausführlich in Augenschein zu nehmen. Es wirkt ein bisschen wie ein Highschool-Ballsaal, denke ich. Irgendwo rechts steht eine Frauenbüste, ich vermute zuerst, das wäre am berühmten Klavier, aber das steht dann doch weiter mittig. Die dramatisch angeordneten Lichter an der hinteren Wand sind ansonsten die einzige Deko. Sie sind es, die das Ballsaal-Feeling geben, verstehe ich.

Hinter mir reden sie über Social-Media-Kampagnen, vor mir über Schulzeugnisse. Direkt vor der Bühne bläst jemand Seifenblasen, das ist hübsch. Es könnte jetzt langsam anfangen, finde ich. Stattdessen fängt es wieder an zu regnen. Hinter mir stranden (ungefähr) fünf Mädels auf dem Weg Richtung Bühne. Was erst sympathisch wirkt, fängt bald zu kreischen an. Es ist wie bei den Beatles anno 1964. Nur halt ziemlich Scheiße, wenn man es direkt ins Ohr gebrüllt kriegt. Sie werden schon aufhören, denke ich, wir sind doch alle wegen der Musik hier. Oder? ODER?

Falsch. Der Gitarrist kommt auf die Bühne, sie kreischen. Der Gitarrist fängt zu spielen an, sie kreischen. Bobby kommt auf die Bühne, sie kreischen noch mehr. Bobby fängt zu singen an, und ich hör nix, weil die dämlichen Scheißweiber (aber echt jetzt!) immer noch lauter kreischen.

Erst in der Mitte der Strophe legt sich das Gebrüll (“Things have changed”), und ich kann feststellen, dass wir einen wunderbar stimmlastingen Mix serviert kriegen, bassig und weich, dass Meister Bob gut bei Stimme ist und – woah – so gut wie gar nicht nuschelt. Mein erstes Dylan-Konzert, wo jedes Wort zu verstehen war. Außer halt die überkreischten. Das sind gute Voraussetzungen; spüren kann ich es erstmal nicht, zu lange gewartet, zu plötzlich eingesetzt, zu sehr niedergekreischt. Aber, aber… es ist wirklich. Und die helle Bühne, und die dunkle Burg und die Stimme und das viele viele Publikum… und noch ein einzelnes Seifenbläschen, das im Bühnenlicht aufglänzt. Doch, da ist, vielleicht?, ein Haucherl von Magie! Der Meister, untadelig in dunklem Anzug mit hellem Hut, bewegt sich spärlich. Aber er bewegt sich!

“She Belongs To Me”, zartbitter angelegt. Das erste Mundharmonikasolo. Überkreischt. Und als wär das nicht rücksichtslos genug, unterhalten sich die musik-destruktiven Furien zwischen dem Gekreische lauthals darüber, wie cool sie selber ihr Gekreische finden. Ich gebe die Hoffnung auf, dass sie wie angekündigt noch weiter nach vorn wollen, und flüchte von meinem so perfekt angelegten Platz. Natürlich erst beim nächsten Applaus; man will ja nicht mehr Leute stören als unbedingt nötig.

“Beyond here lies nothing” begleitet mich auf dem langen Weg durch die Masse, die Band spielt pure Standards, die Stimme macht den Rest, ich höre erstmals ein Klavier, glaube ich, sehen kann ich nix von dort wo ich grade bin. Eine Ahnung von Fremdeln beschleicht mich, wär ich jetzt nicht doch lieber in meinem trockenen, wärmeren Elfenbeinturm? Ohne Masse? Mit kreischfreier Stereoanlage? Aber ich bin hier. Pfeif der Hund drauf, ich hol mir ein zweites Bier.

Und dann. Passierts. Am Rande des dichten Kerns, ohnehin eher mein Stammplatz bei solchen Konzerten, das Bier noch unberührt in meiner Hand.

Eine dunkelweiche leicht angezerrte Gitarre, das, was man sich unter Analogsound vorstellt. Eine einzelne (Base?)-Drum. “What good am I?”. Die Stimme stark und trotzdem fragend, nachdenklich, unsicher auf philosophische Art, aber ganz und gar sicher in ihrer Musik. Es ist schwer zu beschreiben, was da passiert. Es ist ein bisschen, als wäre ich ganz allein hier, trotz all dieser Menschen, als wäre diese Song, dieser Sound, nur für mich da, in diesem einzigartigen Moment. Als würde der Song genau mein Leben in Frage stellen.  Und das, denke ich, das ist es, was die Magie ausmacht: Dass die vielen anderen, die ja doch da sind, wahrscheinlich auch genau dasselbe Gefühl haben, in genau demselben einzigartigen Moment. Als wären wir alle geboren und durch unser mehr oder weniger hartes Leben gegangen, um genau hier und jetzt zu sein. Mit Mister Bob D. Danke, Universum!

Danach einer der wenigen Bandmomente, die ich aus der Entfernung mitkriege – ein schneller Check ob die Gitarre noch mit dem Klavier stimmt in der Kühle & Feuchte. Allseitiges Kopfnicken, alle Töne stimmen. “Waiting For You” präsentiert sich als beinahe Wiener Walzer in einem Western-Saloon um beinahe vier Uhr früh. Ein leicht beschwipster Lover, der seiner Angebeteten Dinge erzählt, während sie vermutlich längst nicht mehr zuhört. Oder vielleicht gar schon schläft. Ganz wunderbar, und hier beginnt dieses Gefühl, dass diese Musik in ihrer heutigen Ausführung für viel kleinere Konzerte geschrieben ist, und das große Wunder, dass sie trotzdem auch im großen Setting funktioniert.

“Duquesne Whistle”, nja. Was den Song trägt, ist das Vergnügen, was man von der Bühne her spürt. Und das wunderbar schräge Klaviersolo natürlich, das ist schon was. “Pay In Blood”, wieder ein Highlight. Der Song war mir auf der Platte nie so recht aufgefallen, daher kann ich ihn auch schlecht mit dem Original vergleichen, aber vor Ort – intensiv. Rockig. Glaubwürdig. Irgendwie hoffe ich, dass irgendjemand dieses Konzert aufgenommen hat, legal oder illegal, scheißegal – will haben!

“Tangled Up In Blue”, fängt leicht zögerlich an, als würd er sich fragen, ob er das jetzt wirklich singen will. Zarte Akustikgitarre, und die Band lässt sich erst langsam drauf ein, als wären sie schon draußen gewesen und erst langsam wieder hereingetröpfelt. Bob erzählt mehr, als er singt. Bis auf das “…ue” natürlich. Vom Feinsten. Ich bin viel zu weit weg, um das im Detail zu sehen, aber ich stelle mir vor, das “…ue” kam mit Augenzwinkern. Trademark. Ist einfach so.

Dann das unverkennbare Riff. “Love Sick”. Das ist nicht der melancholisch-abgeklärte Lover von Time out of mind, das ist ein trauriger, wütender, verunsicherter Lover, dem man die Liebeskrankheit sowas von glaubt. Und der Gitarrist darf ein bisschen was unstandardmäßiges spielen, samt Solo, das gerne lauter hätte sein dürfen. Wie überhaupt das ganze Konzert, so als Einwurf vor der Pause, relativ leise ankam. Ein Aufruf zum Zuhören? Oder doch eher Beschränkungen von der Location? Man weiß es nicht. “Thankyou” ruft Bob, fast ein bisschen enthusiastisch, und verabschiedet sich dann in die Pause.

Auf dem Weg zum Häusl höre ich von fern wieder die narrischen Gören kreischen. Auch fast ein kleines Wunder, dass die noch niemand mundtot gemacht hat. Danach, die Bühne schon wieder halbhell aber noch leer. Habe mein heutiges Lieblingsplätzchen wieder erreicht und notiere ein paar Sachen am Fon. Eine schwere Pranke auf meiner Schulter, “Aufnehmen ist hier aber verboten.” – “Schreiben aber hoffentlich nicht?” – Der Breitschultrige liest aufmerksam meine Stichwort-Konzertnotizen am Display (Basis dessen, was ich jetzt hier poste, ich bin ja kein Gedächtnisakrobat) und fragt dann verständnisvoll: “Selber Musiker?” – “Manchmal.” – Die schwere Pranke verlässt meine Schulter, der Security nickt freundlich. Ein herzlicher Gruß an alle Verständnisvollen!

Ich könnt’ ja vielleicht noch ein Bier… ach nein, es geht schon weiter. “High Water”. Fast möchte man der Band übelnehmen, dass sie sich so unzeremoniell aus dem Nichts in die zweite Hälfte stürzt, aber verdammt, alles andere ist einfach zu perfekt. Hier wird besonders deutlich, was Dylan so gern macht: Der happy-go-lucky-sound zu einem düsteren Text. Die Musik lässt einen über die Schulter schauen, wo denn nun auf diesem Jahrmarkt Karrussell und Riesenrad stehen, Stimme und Worte erzählen eine ganz andere Geschichte. Darüber würd ich ja gern noch länger schwadronieren, aber hier kommt schon das zarte, slidegitarrige “Simple Twist of Fate”. Nachdenklich-gelassen, zart, ja geradezu zärtlich, erzählt der Barde die Story, die mit einem ebenso zarten Hauch von Mundharmonika endet, als würde ein Zug langsam in den Sonnenuntergang entschwinden, nach Westen also. Immer weiter nach Westen. So könnt es meinetwegen ewig weitergehen. Oder zumindest noch ein ganzes Weilchen.

Aber nur nicht sentimental werden, obwohl es doch so schön wär. Die “Early Roman Kings” waren nicht zimperlich, und die Band ist es auch nicht, mit dem Song. Bob selber am Klavier, und hier wird an diesem Abend erstmals die oft beschworene Song-Dekonstruktion geübt. Auch die: Gelungen!

Und sofort wieder eine Wende. “Forgetful Heart” ist der dunkelste, hoffnungsloseste Song des Abends. Auch so einer, den ich von Platte nie recht mochte. Aber heute! Die Stimme wendet sich zum Hauchzarten, die Mundharmonika begleitet das letzte Aufflackern des imaginierten Lagerfeuers, die Geige, die ich im Live-Kontext ansonsten besonders gerne hasse, bringt das Gefühl unbeirrbar sicher heim. Jetzt hätt ich gerne eine Pause, um dem Gefühl ein bisschen nachzuhängen, aber… Live is live.

“Spirit on the Water”, auf den Song hatte ich mich gefreut, den wollte ich hören, war ganz beglückt ihn auf den aktuellen Setlists zu sehen. War aber nix, für mich also. Irgendwie standardmäßig jazzclubbig runtergenudelt. Meh. Aber, was wär schon ein Dylan-Konzert ohne die eine Standard-Enttäuschung? – Und es blieb bei der einen.

In “Scarlet Town” geht das Licht aus. Also gefühlsmäßig, denn auf der Bühne gaben die Scheinwerfer ihr Bestes. Auf Platte ein sympathischer Dylan-Dylan Song (wie Dylan klingt, wenn er spielt und singt, wie alle glauben, dass Dylan immer schon gesungen und gespielt hat) wird zum dichten Geisterepos auf dem Weg durch die Hoffnungslosigkeit. (Ich muss mir unbedingt mal wieder Masked & Anonymous anschauen. Daran hat es mich erinnert.) (Stimm-schauspielerisch absolut perfekt. Die Band zurückgenommen, aber setzt wunderbare Akzente. Künstlerisch eines der Highlights des Abends.)

“Soon After Midnight” ist heute nicht ganz so soon after midnight, es ist eher schon die Morgendämmerung, in der die letzten Barschwärmer kleinäugig an der Theke hängen. Bob zeigt, dass er auch ein zartes Klavier spielen kann, nicht nur ein funkiges. Und mit dem Gitarristen schäkern. Das Pärchen vor mir erkennt den L’amour-Hatscher als solchen und beginnt zu tanzen. Schöööne Nummer eigentlich, aber ganz so spät ist es ja dann auch noch nicht?

Voll konzertanter Einsatz von Geige, Slide und Rest der Band bei “Long And Wasted Years”. Großartiger Kontrast zur akzentuiert erzählenden Stimme von, jetzt kurz vor der Zugabe sage ich es mal so, His Bobness. Auch so ein Song, den ich bisher weit unterschätzt habe. All Hail to the Bob! Wenn die Vorhersagen stimmen, dürfen wir auf zwei Songs als Zugabe hoffen.

Genau.

“All along the watchtower” mit klassischem Intro, fangt ein bisserl gehetzt an, derfangt sich aber dann, indem er gesangstechnisch Geschwindigkeit in Dringlichkeit umsetzt. Klar kalkuliertes, aber dennoch wunderbar rockiges Chaos im Mittelteil. Ganz entspannt spielen Gitarre und Klavier ein bisschen Fangen miteinander, so dass man schon glaubt, es wäre vorbei, aber dann geht’s noch einmal richtig los. Standards so bringen, als wären sie ganz neu: Kann er auch!

Dann aber, ein neues Stückerl Melodie, das so klingt, als müsste man es kennen. Nochmals ganz intensiv lauschen. Und trotzdem machts erst die erste Textzeile klar: “Blowing in the Wind” hat ein ganz neues Outfit bekommen, eines, in dem ein ganz neues Riff die Hauptrolle spielt, das von Gitarre und Geige und überhaupt allen nach und nach aufgenommen wird. Bis hin zur Mundharmonika, mit der er sichtlich Spass hat.

Und dann würde man (ich!) gerne noch bleiben und hoffen, dass Bobby oder seine Band vielleicht noch ans Lagerfeuer kommen, das man dafür gerne anzünden möchte, Regeln hin oder her. Und selbst wenn sie nicht kommen – ein bisschen abhängen und den vielen Ideen und Gefühlen nachhängen vielleicht?

Aber es ist spät, und der Bus zurück in die Zivilisation wartet nicht, und… naja. See you next time, Bobby! Hoffentlich wieder in so schönem Rahmen und nicht in der grindigen Stadthalle.

2014-06-29 19.02.112014-06-29 21.07.11
2014-06-29 21.27.08

Happy Birthday, Mr. Bob Dylan!

Ich bin, nach all der Zeit, immer noch ein bisschen erstaunt, dass dieser Song auf keiner der vielen “Bestof”, “Mostinfluencal” oder auch nur “Favorites”-Listen auftaucht.  Es war, nach einer erwartbaren & daher langweiligen “Blowing-in-the-Wind”-Phase meiner Spät-Hippie-Zeit, das zweite Mal, dass Bob Dylan auf meinem Radar aufgetaucht ist . Gekommen um zu bleiben. 1991, mit dem ersten Blick auf MTV und dem Video dazu. Und auch wenn es heute 2-3 Dylan-Songs gibt, die mir näher stehen (einer davon kommt sogar auf den Listen vor), bleibt es einer der wichtigsten für mich.

Jedenfalls wünsch ich ihm (und mir)  noch ein paar feine Platten & einen Haufen Konzerte – letzteres möglichst auch in Wien oder in der Nähe. Und mehr gibt’s eigentlich nicht zu sagen, denn zu Bob Dylan ist längst mehr als alles gesagt – und das sogar von mir. Und zu viele Worte halten bekanntlich vom Musikhören ab.

Dylan-Kongress, my Ass. Just shut up and listen.

Dilemma, unlösbares

Ich kann doch unmöglich ein Dylan-Album auslassen. Aber Weihnachtslieder? Weihnachtslieder?!?

Argh.

Tell Tale Signs CD2

(CD 1 war hier

„Yet another version“ des, zugegeben, erfreulichen Songs „Mississippi“, da kann man das schon Mal so auflegen. Nur dass die hier anders ist; von Anfang an. So anders, dass meine Nebenbei-Beschäftigung schon bei den ersten Takten erstirbt. Hinsetzen und zuhören. Der Track, so und in dieser Form, einer, der auf die Liste kommt. Auf die Liste, die ich abzuspielen gedenke, wenn jemand mich fragt, was eigentlich so toll an BD ist, dass ich ihn ab und zu sogar „den Meister“ nenne. Ich hätt nie gedacht, dass Mississippi auf der Liste auftaucht – nicht, dass der Song nicht nett wäre in seinen Inkarnationen von Sheryl Crow über Love & Theft bis zu den diversen Liveversionen, aber „nett“ ist halt nicht „atemberaubend“. Und plötzlich ist er das doch. Gleich ein repeat. Um das nicht zu vergessen.

32-20-Blues, naja. Ich mag den Stil, sehr gern, aber ehrlich: Es ist deutlich hörbar, warum es die Nummer nicht auf World Gone Wrong geschafft hat. Um ehrlich zu sein frage ich mich, was sie auf der Compilation macht. Nice, ja. Aber.

„Series of dreams“, einer meiner all-time Favorites. Von der Bootleg-Series 1-3. Genaugenommen eigentlich der Song, der mich, als er 1991 auf MTV gelaufen ist, zum zweiten und bleibenden Mal auf Bob Dylan angefixt hat. Einerseits haben wir in dieser Version, soundtechnisch, die Stimme, den Text mehr im Zentrum, mehr im Vordergrund, was verdammt gut ist. Die Intonation kräftiger, bestimmter, was ich mag. Andererseits haben wir die Band, die, verglichen mit der BS1-3-Version, zumindest anfangs ein bisschen den Eindruck macht, als würde sie noch üben und die richtige Linie suchen. Inklusive des langen instrumental-Parts gegen Schluss, der den Eindruck macht, als hätte der Meister seinen Text verloren (Text muss ich erst vergleichen).  Ich hätt gern die Band von der alten Version mit der Stimme der neuen, glaub ich. Unglaublich schön und trotz vollen Orchesters in allen Einzelheiten glasklar aber der Mix, digitally remastered vermutlich, Kudos an den Mann an den Reglern! (Und trotzdem hoffe ich ein ganz kleines bisschen, dass die ultimative Version dieses Songs noch vor uns liegt, sei es in einer bislang unveröffentlichten Perle der Studioaufnahmen oder auch einer zukünftigen Liveversion. Er ist so wunderbar, der Song, und ich glaube, er kann noch ein bisschen mehr, als wir bisher hören durften).

„God knows“, mhm, ich glaub, das ist Bob Dylan, wie er sich selber mag. Mir ist es ein touch too much sixties, obwohl das vielen anderen vermutlich gerade gefallen wird. Es ist… moment, da kommt schon „Can“t escape from you“.

Wow, die Nummer ist schwer. Nach dem dritten Hören weiß ich noch immer nicht genau, ob ich mich grade in einen stimmlich völlig neuen Dylan verliebt hab, ob ich mich angesichts der Klischee-Sounds (mit ihm, nicht gegen ihn) vor Lachen auf dem Boden kringeln soll, oder ob ich vielleicht doch ein Glas Wein zuviel hatte, um noch etwas über Musik zu schreiben. Uhum. „All the days were splendid. They were simple, they were plain. It never should have ended, I should have kissed you in the rain.“ (und je mehr ich zuhöre, desto mehr möchte ich zitieren. wahrscheinlich besseres. aber ich weiß nicht mehr genau.) Yeah right. Ich mag nicht mehr schreiben, ich mag zuhören (kann man etwas Schöneres über einen Song überhaupt jemals sagen?) (Und ja, ich mag die Gitarre. Genau so.)

Dignity. Auch so ein Dings. Das mich in den Neunzigern überzeugt hat, dass „der Meister“ es doch besser kann als viele junge Jungens. Aber so? Weiß nicht. Mir ist der Boogie“nRoll zu polternd, der Bass zu bassig, die Stimme zu echolastig. Somehow it just doesn“t come together.  Nah, muss so nicht sein.

„Ring them Bells“, Supper Club, “93. Das ist Dylan live, Dylan wunderbar, Dylan mit einer perfekten Band. Nothing more to say, weil das wär überflüssig.

Und dann noch, „Cocaine Blues“. Mir fehlt noch ein bisschen die Recherche wo und wann, aber. Äh. Grad damals (“97) hab ich jede Menge Bootlegs gesammelt und verglichen und verkopfgeistigt, aber die Version ist neu. Und… woah. Das einzige, was man dem Track anlasten könnte, ist der schwache Sound – aber, wenn man ihn gehört hat, macht das auch nichts mehr.

Ain’t talking, von mir musikalisch immer hochgeschätzt, aber emotional unterbewertet, gewinnt in der vorliegenden Version einen Hauch, ohne dass ich genau sagen könnte, wovon. Vielleicht ist es das gehauchte allererste „still yearning“. Vielleicht die etwas weniger strenge Rhythmik. Just Walkin‘. Vielleicht das halb versteckte Banjo da. „Someone hit me from behind“. (Und dass ich die verspielte, sprechende Gitarre mag, brauch ich wohl nicht mehr extra dazuzusagen.)

The Girl On the Greenbriar Shore – das hier könnt ein kurzer aber doch ganz großer Favorite sein, wenn der Sound nicht so Scheiße wär. Und ich bin nicht sonderlich empfindlich (bzw. durchaus gewillt, angesichts von Einzigartigkeit Einschränkungen in Kauf zu nehmen), aber, live hin oder her, der Sound ist wirklich wirklich scheiße.

Lonesome day blues, yeah. Der kommt auch auf eine Liste. Auf die „Warum ich jahrelang nahezu manisch Bob-Dylan-Bootlegs gesammelt habe“-Liste. Möglicherweise nicht das allerbeste Beispiel, aber verdammt nah dran.

Miss the Mississippi. No comment erstmal. Ich würd’s aber gern nochmal volltrunken um 4 Uhr früh hören.

Lonesome River (mit Ralph Stanley). Wenn ich jemals zu meinem Haus an der griechischen Küste komme, mit Terrasse gen Westen, dann würd ich das jeden Abend spielen. Zum Sonnenuntergang. Und sehr, sehr laut. Und das wär gar nicht kitschig. Und das ist die Kunst daran.

“Cross the Green Mountain. Hab ich schon gehört, aber nur ein zweimal, trotzdem anders, glaub ich. Orchestraler, weniger verständlich. Aber ohne direkte Vergleichsmöglichkeit könnte das auch meine Imagination sein. Who cares, really. „I“ll watch and I“ll wait and I“ll listen while I stand | to the music that comes from a far better land.“ Das ist jetzt wieder so ein Song, bei dem ich die Musik nicht so toll finde, aber trotzdem stundenlang zuhören möchte. Den Worten, und der Stimme. „It“s the last day“s last hour of the last happy year. I feel that the unknown world is so near. Pride will vanish, and glory will rot. But virtue lives and cannot be forgot.“

Fazit: „Tell tale signs“ ist für mich seit langem das erste Ding, das ich wildfremden Menschen in die Hand drücken würde, um zu erklären, was mich so fasziniert an der Musik von Bob Dylan. Lange Zeit wäre das die „Bootleg Series 1-3“ gewesen, aber mittlerweile fehlt da ja schon so viel… das jetzt da ist. Gut getroffen, perfekt gesammelt.

Bob Dylan: Tell Tale Signs

Schon die Ankündigung der neuesten Bootleg-Series-Veröffentlichung ließ mich die Ohren spitzen, beschäftigt sie sich doch mit einem Zeitraum, der zu meinen Lieblings-Dylan-Perioden gehört. Anders als die meisten Dylanologen kann man mich mit des Meisters 60er-Jahren nicht so sehr locken; vielmehr dagegen mit der zweiten Hälfte der 70er (Rolling Thunder!) und dann wieder ab Oh Mercy. Und Time out of Mind ist sowieso der ultimative Dylan, für mich jedenfalls. Die letzten 2 dann eher wieder ein bisschen weniger. Zu abgeklärt, zu Jazz.

Jedenfalls, allein die Ankündigung von “Alternate Takes” aus der Time out of Mind ließ meine Erwartungen in die Höhe schnellen. Ich hoffte, nicht zu hoch, öffnete ein Fläschchen Zinfandel, entzündete eine Kerze und ein Räucherstäbchen (Nag Champa natürlich) und ließ den Audioplayer seine Arbeit tun.

Die “Tell Tale Signs” beginnen recht harmlos, mit einem sehr vertrauten Stil. Ein bisschen so, als würde ein alter Freund zu Besuch kommen, mit dem man ein Glas Wein trinkt und über die alten Zeiten plaudert. Na gut, bei Kerzenlicht. Mississippi, ja schön, aber gegen die Standardversion austauschen möcht’ ichs nicht unbedingt. “Most of the Time”, ja so mag ich unseren Dylan. Dignity, die Version hab ich schonmal gehört, auch nett. “Someday Baby” gewinnt gegen die Albumsversion durch die veränderte Drumline und die eindringlichere Stimme.

Und dann, ganz ohne Vorwarnung, geht’s ab an den “Red River Shore”. Es ist schwer zu sagen, wo der Track die Kurve kriegt von den ersten, fast ein bisschen peinlich-schmalzigen Takten hin zu dem unglaublichen Staunen, mit der ich am Schluss vor dieser hymnischen Liebessgeschichte sitze, aber eines ist klar: Wer so einen Song 10 Jahre lang in der Schublade lässt, der ist… …Bob Dylan. Mit anderen Worten, der Song, der die Platte wertvoll macht, egal was da sonst noch kommen mag.

Und gleich hinter dieser glücklich glücklosen Emotions-Dampfwalze lauert “Tell Ol’ Bill”. Hätte ich mir die Skip-Taste nicht verboten, ich wäre in Versuchung gekommen, weil das so gar nicht meins ist. That Thin Mercury Sound, glasklar rauchvernebelt, aber irgendwie… nicht mein Ding. Nur dass bei diesem Song der Meister, obgleich nur akustisch im Zimmer vorhanden, diese Geschichte nicht singt, sondern lebt, mit all seiner Stimmenvielfalt, die ihm fälschlich immer noch immer wieder abgesprochen wird. Ein Glück, das mit der Skip-Taste.

Und schon folgt die nächste Wendung, zerrt einen “Born in Time” von der schwarzweißen Straßenkreuzung um 4 Uhr früh direkt in eine Stranddisco mit buntem Sonnenuntergang davor. Um ehrlich zu sein, verstehe ich ganz gut, warum diese Version so lange ungehört geblieben ist. Wir befinden uns also im Jahr 1989, und das Ding klingt ein bisschen nach dem ersten L’amour-Hatscher, der in jeder Landdisko namens Tenne spät in einer Samstagsnacht gespielt wird. Genau richtig, um sinnend in die regenbogenfarben spiegelnde Diskokugel zu starren und sich zu fragen, ob man nicht doch schon vor einer Stunde hätte heimgehen sollen. Genau richtig, um den häßlichen dummen Typen da drüben nicht mehr ganz so dumm und häßlich zu finden. Ein Match für die bekannte Studioversion ist diese bestimmt nicht, aber ein guter Eindruck davon, was mit Dylan alles geht. Und außerdem – Dylanologen bitte weglesen – einfach irgendwie süß.

“Can’t Wait”, mit dem ich in der Albumversion nie recht warm werden konnte, wieder ein absolutes Highlight.Wir sind mitten im Zentrum des Blues angekommen, und egal, worauf man wartet, es wird ohnehin nicht kommen. Sonst wär’s ja kein Blues… Auch der Text erzählt eine ganz andere Geschichte als bisher. In B-Minor. Hier hätt’ ich auch gern nachschauen können, wer da die E-Gitarre spielt, die über weite Strecken wunderbar abgehackt dahinkeppelt wie ein verbittertes altes Barweib, aber sowas steht ja nicht drin in den iTunes-Files.

Everything Broken… deutlicher Fortschritt gegenüber der “Oh Mercy”-Variante, aber naja… man braucht jetzt ohnehin erstMal Zeit, sich zu erholen.

Dreamin Of You – wunderbares Sessionfeeling; der Text immer wieder durchsetzt von Textzeilen, die man schon gehört hat, auf der Time out of Mind vor allem. Dem Song ist etwas Unfertiges eigen, dieser Hauch von Proberaum – Biergeruch und alter Staub. Und auf die Art und Weise, wo man weiß, dass man genau dieses Feeling, diese schwebende, zum Weitergehen ermutigende Unsicherheit niemals wieder erzielen wird, egal wie oft man es versucht.

In “Huck’s Tune” tut Dylan dann wieder das, was er am besten kann: Geschichten erzählen. Und das macht er verdammt gut. Es ist, wenn ich richtig gezählt habe, der dritte Song in der Sammlung mit Bolero-Rhythmus, und jedem, wirklich, JEDEM anderen Künstler, müsste man sagen: “Du, das mit der Hawaii-Gitarre, das geht da gar nicht.” Nur nicht hier, weil da geht’s. – Und dann die Geschichte selbst, ich wollt’ ja hier jetzt extra nicht zu viel über die Lyrics schreiben, aber “Behind every tree, there’s a story to see”, und niemand könnte sie besser erzählen als der alte Mann.

Marchin to the City, jetzt sind wir (sag ich mal so) in einerm Vorgängerversion von “Highlands” gelandet – textlich und melodisch. Der Blues eiert wieder, klassisch und metallen, und vor allem slow. Slooow! Treue Leser wissen, wie sehr ich das mag. Also, wenn’s gut ist. Und das ist es. The train keeps rolling, all night long. Once I had a pretty girl, she did me wrong. Und ich bin verliebt in diesen Song, samt dem halbspaßigen hilflos-Finale.

High Water, muss ich glaubich Mal ganz allein hören. Hört sich eigentlich gut an, ist aber so weit von dem bisher erzeugten Setting entfernt, dass ich wenig damit anfangen kann. Momentan.

(Und das war nur die erste Scheibe) (die ebenfalls entstandenen wortlosen Kritzeleien erspar ich uns jetzt) (und die zweite Scheibe folgt. irgendwann).

[17.10.2008] zweite Scheibe

Zwei Dinge

Zwei Dinge, die mich innehalten ließen in diesem Buch: Zum einen, wie seltsam es jetzt schon anmutet, wenn jemand quer durch einen Ort rauscht auf der Suche nach einer Telefonzelle. Wie seltsam wird das erst der Generation vorkommen, die sich an ein Leben ohne Handy gar nicht mehr erinnern kann? So wie mir die Postkutsche in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert?

Zum anderen die Passage, in der er schreibt:

Einer der entscheidenden Augenblicke der 60er-Jahre war jener Tag, als die Beatles sich mit dem Maharishi einließen. Es war, als hätte Bob Dylan die Wallfahrt zum Vatikan angetreten, um den Ring des Papstes zu küssen.

Was dieser inzwischen allerdings längst getan hat (wenn auch nicht im Vatikan, aber das ist eher nebensächlich). Ein überzeugender Beweis für die Vergänglichkeit von Metaphern.

Reif für die Insel

Oder für die Pension. Oder für was auch immer. Wenn der ORF-Ticker meldet:

Bush gesteht: Habe zu viele Doughnuts gegessen

…dann würde ich am liebsten alle meine RSS-Abos kündigen.

Irgendwie fällt mir dann auch sofort Bob Dylan ein (Chronicles, S283)

Even the current news made me nervous. I liked the old news better. All the new news was bad. […] Twenty-four-hour news coverage would have been a living hell.

Hej, vielleicht ist genau das mein Problem.

Rollsteingepolter

Like a Rolling Stone ist zum besten Rocksong aller Zeiten gekürt worden. Von “überhaupt und aller Zeiten” versteh ich nicht allzu viel, aber hej, das ist ganz bestimmt nicht der beste Song von Mr. Dylan. Es ist ja nicht mal der beste Song auf Highway 61 (…was natürlich nicht heißt, dass er nicht gut ist).

Ach! (all inclusive)

“Ach!” sagte der Taxifahrer, als die Nachrichten vom wahrscheinlichen Wahlsieg Bushs berichteten, es war ein verächtlich-zorniges “Ach!”, und er klatschte die linke Hand bekräftigend auf das Lenkrad, während die rechte das Radio abschaltete. Er fuhr, als hätte er seinen Führerschein in Kairo gemacht, aber vielleicht war er auch nur genervt und eigentlich doch von hier. Ich, hinten, dachte zu diesem Zeitpunkt weniger über die nächsten Jahre mit so einem US-Präsidenten nach als über die nächsten 6 Wochen mit Krücke und Beinschiene.

Im mittlerweile vertrauten Kranken-Wartesaal lauschte ich fasziniert meinen zweisprachigen Nachbarn, die aus einer weichen, slawischen Sprache in ein akzentfreies Deutsch glitten und wieder zurück. Ein langer fremdländischer Wortfluss wurde am Schluss mit einem “So ein Trottel!” garniert, der ausgedruckte Befund (Elle gebrochen, Speiche angeknackst, oder umgekehrt, ich weiß nicht mehr) auf Deutsch analysiert und mit einem slawischen Fluch garniert. In den Sätzen auch immer wieder Worte aus der jeweils anderen Sprache, ohne dass der Satz aus dem Fluss kam, so, als würden sie einfach das Wort nehmen, das besser dorthin passt. Ich hörte schamlos einfach zu und fühlte mich ein bisschen neidisch dabei, wie immer, wenn ich auf wahrhaft zweisprachige Menschen treffe.

Als die beiden weg waren weiter in den Chronicles gelesen, sehr schön übrigens, der Text hat Rhythmus und manchmal auch Melodie und dazu das eine oder andere Stück subtil-zarten Humors, die Geschichte liest sich, als würde man am Lagerfeuer sitzen und jemandem beim Erzählen zuhören, detailliert ausgeschmückt, mit Nebenarmen, die den Hauptstrang vorübergehend vergessen machen.

An- oder unterstreichen will ich in diesem Buch mit den plakativ-groben Schnittkanten (noch?) nichts, deshalb lege ich kleine Zettelchen ein an manchen Stellen, hier zum Beispiel:

Folk songs are evasive – the truth about life, and life is more or less a lie, but then again that’s exactly the way we want it to be. We wouldn’t be comfortable with it any other way. A folk song has over a thousand faces and you must meet them all if you want to play this stuff.

Ich lese den Satz nochmals und höre ihn fast, ungefähr so wie den Monolog am Ende von Masked & Anonymous, muss grinsen dabei, und ich glaube, ich bin die einzige, die in diesem Wartesaal über irgendetwas grinst.

Später, viel später, wie mir scheint, dabei sind es doch nur knapp 40 Minuten, begrüßt mich der Arzt mit den Worten “Ach, sie sind die, die mit dem Knie wieder Fallschirm springen will”, ich hatte ihm das gestern gesagt, als er meinte, eine Operation wäre da wohl nicht nötig, bin aber sehr verwundert, dass er sich heute noch daran erinnert: ein Patient nach dem anderen von acht bis zwölf, Durchschnittsverweildauer geschätzte 5 Minuten (und da will Frau Kallat noch kürzere Spitalsaufenthalte?), na vielleicht liegts an meinem knallorangen Pullover. Erstaunt hat mich übrigens auch in dieser ganzen Beingeschichte die Freundlichkeit der Ärzte und des restlichen Krankenhauspersonals, Dauerstress und teilweise wirklich mühsame Patienten, trotzdem nett, konzentriert und gründlich und sogar offen für Fragen und Nachfragen. Das ist nun wirklich ganz anders als früher, als die Ärzte, zu denen ich meine Großmutter begleiten musste, über den Kopf des Patienten hinweg ihre Kauderwelsch-Diagnose diktiert und etwaige Fragen mit einem hingeschnauzten “Warten sie’s ab!” beantwortet haben (wenn überhaupt); – aus dieser Zeit stammt wohl auch meine Überzeugung “zum Arzt geht man nicht, zum Arzt wird man getragen”.

Wieder zu Hause die übliche Runde, alles dreht sich um die US-Wahl, schon wieder wurde da ein Wahlsieger ausgerufen, obwohl es noch gar nicht feststeht (nicht dass noch viel Hoffnung bliebe), die Anwälte beider Seiten sind schon in Ohio. Na dann. Ich habe noch zu tun, empfehle aber folgende Kommentare:

Im Westen nichts Neues
…und dann geht der Karneval los
Email von drüben

In his own words

Bob Dylans lang erwartete Chronicles (Teil 1) erscheinen am 5. Oktober – zumindest drüben in Amiland. Newsweek bringt Auszüge. Die Audioversion wird übrigens von Sean Penn gelesen, was ich für so ungefähr die zweitbeste Lösung halte. Jedenfalls habe ich zum ersten Mal Lust, mir so ein Audiobook zu kaufen.

Dylan in Wien: Rock’n Roll from Hell

Durchaus bemüht, nichts zu erwarten, erwartet man natürlich doch. Aus den bisherigen Konzertberichten der Tour so ziemlich das Schlimmste. Dekonstruktion ist das neue Lieblingswort der Dylan-Gemeinde; die zieht sich auch durch. Allerdings über weite Konzertstrecken dicht gefolgt von Rekonstruktion – die bisher keiner erwähnt hat.

“Ladies & Gentlemen, please welcome…” der übliche Columbia-Jahrmarktschreier hat seiner Litanei noch ein paar neue Superlative hinzugefügt, das Intro ist lang genug, um gemütlich den Sitzplatz zu erreichen, und endet auf einem hochgezogenen “…Mr. Booooob Dylan”. Die Musiker haben derweil im Dunkeln ihre Plätze eingenommen, es gibt keine Pause für Willkommensapplaus, und was immer ich erwartet habe: Old School Rock’n Roll war es nicht.

Auf der Hühnerleiter, auf der unsere Plätze liegen (weil die Stadthalle ihre Briefe nicht adressieren kann, oder der Briefträger sie nicht zustellen; im zweiten Anlauf war nichts besseres mehr da) hat man immerhin guten Überblick; die Bühnendeko ein halboffener Samtvorhang, der mit Licht eingefärbt wird; häufig rot, aber auch blau, dazwischen Lichtspiele: Theaterartig & das passt.

Stagerush schon beim zweiten Song; ich versuch’s auch, muss schließlich wissen wer wann welche Gitarre spielt, wer wann mit wem kommuniziert, was man halt wissen muss bei so einem Konzert. Strande in der zweiten Reihe mit gutem Blick auf Dylan, Recile und Koella; Garnier und Campbell bleiben mir meist hinterm Lautsprecherturm verborgen. Der Versuch, das zu ändern, bringt nur ein äußerst schmerzhaftes Zusammentreffen meines Schienbeins mit der Sitzreihe, was mir den Rest von Baby Blue (nachdem ich es endlich erkannt habe) nachhaltig vermiest.

Aber zurück auf die Bühne. Allerorten liest man von einem gut gelaunten Dylan, den ich da oben nicht sehen kann; vielmehr sehe ich einen grimmig entschlossenen, sehr konzentriert & intensiv interpretierend während der Gesangspassagen, ansonsten eher abwesend; zwischen den Songs ein paar Schritte zu den Gitarristen oder zum Drummer, Kommunikation wohl, während der Solos der anderen mal tanzschreitend quer über die Bühne, wirkt fast betrunken stellenweise. Der eine oder andere Grinser, der auch Grimasse sein könnte, ok, aber nach Spass sieht das nicht aus.

Und nach Spass hört es sich auch nicht an; es ist eine wilde, fast wütende Energie, die sich von der Bühne her ausbreitet; die Vocals (nur von Dylan selbst, keine zweiten Stimmen von den Musikern) klar und deutlich & in manchen Passagen ohne jede Rücksicht auf die Songstruktur & Rhythmik. Auch das Piano wird akzentuierend eingesetzt, manchmal spielt Dylan gegen die Band anstatt mit ihr; manchmal ist das erkennbar Absicht, manchmal weiß man es nicht so genau. Die Harmonika recht erratisch & bis auf 2 kurze Passagen eher lustlos. Dass die Band den Sound dennoch (fast) immer zusammenhält, liegt vorwiegend am unerbittlich grandiosen Drummer & am Bassmann.

Selber bin ich überrascht bis verblüfft & erst bei Hattie Carroll so richtig dabei, grandiose Version übrigens; keine Spur vom wehmütigen Original, sondern ein frischer junger Zorn, der da wütet; wie auch das neue “It’s alright, Ma” unmissverständlich klar macht, dass an der Geschichte überhaupt nichts “alright” ist.

“Don’t think twice” funktioniert auf diese Art weniger gut, für mich zumindest. Es ist eine Version, die sich nicht recht entscheiden kann zwischen bitterem Abgesang und unbeschwerter Nachlese. Dann schon lieber das wildgewordene “Things have changed”, dem der Dreck aus dem Blues-Sumpf so gut steht, dass ich die cleane Originalversion am liebsten nie wieder hören möchte. Das findet wohl auch der junge Mann in der ersten Reihe, der mir zum Refrain “Things have changed” entgegenbrüllt &  mir die Hand zum High-Five hinstreckt; was er damit genau ausdrücken wollte, weiß ich nicht, er hat aber sehr glücklich gewirkt. Tempo & Stimmung halten durch “Most likely”; aber dann.

Wenn “Make you feel my love” tatsächlich noch ein Liebeslied ist, dann ist es eine Hassliebe, die – kontrapunktisch zu den Lyrics – verletzen will, um sich bemerkbar zu machen; die Band wird insgesamt leiser, tritt eine Spur zurück hinter das Stimm-Spiel, das vor dem roten Vorhang auch ein vertonter Theatermonolog sein könnte; Schweißtropfen fallen auf das Piano & einen Moment lang bin ich mir ganz sicher, dass diese zynische Intensität dem Publikum gilt; diese “warm embrace” mit dem Messer in der Hand: eine Liebe vielleicht, aber eine ganz und gar unfreiwillige.

Irgendwas treibt mich zurück auf meinen Sitzplatz & “Tweedle Dee” nimmt das Tempo wieder hoch, geht aber an mir vorüber, weil ich noch diesem anderen Gefühl nachhänge. “Every Grain of sand”, das ich unbedingt einmal live hören wollte, verstolpert sich etwas in der Rhythmik, beabsichtigt aber nicht wirklich begeisternd. Honest with me ein absolutes Highlight, hier beginnt vielleicht der erwähnte Spass, wenn auch grimmig. Der Tambourine Man macht einen eher verstörten Eindruck, der bei mir ein “Er kann machen was er will, das Publikum klatscht trotzdem”-Gefühl hinterläßt.

“Summer days” macht diesen Tiefschlag ganz schnell wieder vergessen. “I know a place where there’s still something going on”, und das ist genau jetzt, genau hier. Über die transzendent-jazzige Originalversion donnert der Bulldozer Rock, fast ohne Roll, solche Nummern in bestuhlten Hallen zu spielen, wo man sich schon beim Kniewippen blaue Flecken holt, müsste verboten sein. Der Song ist eine Zeitmaschine, endlos und doch nur ein paar Augenblicke lang, und zwischen Schlagzeug & Gitarre verfangen sich die Jahrzehnte und geben ihr Bestes.

Dann Schluss mit Programm, Herr Dylan winkt seine Musiker zu sich & da stehen sie, alle 5, lächelnd, ohne Verbeugung, Dylan wippt in den Knien & klatscht ein bisschen dem Publikum zurück. Finster wird’s und sie lassen uns auf die Zugabe warten, lange genug um nochmal vorzuspazieren, Richtung Bühne, alles sehr gesittet, auch jetzt noch geht es locker bis in die dritte Reihe, ganz ohne Drängelei.

3 Nummern Zugabe wie aus einem Guss, die Katze im Brunnen schläft nicht, sie hat Krallen und Zähne und deutlich Spass daran, sie einzusetzen. Like a Rolling Stone etwas weniger stürmisch aber sehr intensiv, und dann, “All along the watchtower”, da darf Mr. Koella nochmal so richtig in die Seiten greifen; Jimi lächelt im Hintergrund aber sonst lächelt keiner, es ist geballte Energie gegen die Welt, wie sie geworden ist.

Und das wars dann, noch einmal alle 5 in einer Reihe wie siegreiche Helden aus einem Epos, Licht aus & dann das Saallicht an; versonnen & hochgepowert & gar keine Lust auf das “After Show Service” im Chelsea, aber nach einem stillen Bier anderswo trotzdem hin & es war dann doch ganz nett, auf jeden Fall besser als früh schlafen zu gehen nach so einem Konzert.

& andere sehen das übrigens ganz anders.

Medien-Nachlese:

Angenehme Ironie beim Kurier

Lesenswertes über das Grazer Konzert im Standard

Blabla mit Forum beim ORF Wien

Die Presse (die Presse!?!): Wo der Hammer hängt

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