Filmreif

Vor meiner Haustür, eben, stand ein Pärchen im Regen. Er: Optisch ein junger Art Garfunkel, nur deutlich größer. Sie: Viel kleiner und ein Gesicht wie eine sehr junge Melanie Safka, etwas dünner vielleicht. Er trug einen Regenschirm in allen Regenbogenfarben, das einzig farbige in einer grauen, dunklen Straße, und hielt ihn so hoch, wie er nun einmal war. Sie sprachen Englisch, leise, ohne einander anzusehen. Im Vorbeigehen nur einen halben Satz gehört, “If you really love her, I guess it’s…”.

Eine seltsam lyrische Trauer empfunden, diese Szene nur gesehen, nicht erfunden zu haben. Dann einen Hauch geschämt, so etwas über wirkliche Leben zu denken. Andererseits, es gehört mehr Kunst ins Leben, warum also nicht auch mehr Leben in die Kunst?

A propos Kunst & Leben: Ganz fein war auch unser Wortklang-Auftritt am St. Pöltener Stadtflohmarkt, mein Lieblingstext (wenn man das von eigenen Texten sagen darf):


So, und jetzt muss ich das Radio ganz laut drehen und so tun als wär ich beim EoC Konzert im Burgtheater, anstatt nur per Radio dabeizusein.

 

 

Ja, Panik im Flex: “The Taste and the Money”

Das Bild ist übrigens kein kläglich misslungener künstlerischer Ansatz, sondern der Versuch, die 320xirgendwas Handy-Bilder trotzdem noch herzuzeígen, wasweissich warum sich die Aufnahmegröße von selber reduziert hat, nachdem ich sie extra auf gross gestellt hatte. 

Nun bringen sie ihr zweites Album auf dem Markt, more or less, zu kaufen gab’s das Ding ja gestern noch nicht. Sie, das sind Ja, Panik, das Kompromisslosigkeit zelebrierende Manifest der Webseite ist Programm, die “Pathetik des egoglobalzentrischen Augenblicks” nennt das der Sufi, der unbedingt hinwill. FM4 und der Falter sind ebenfalls begeistert. Nundenn.

Ab 23 Uhr Einlass sagt ja auch schon was aus. Wir sind gegen halb 12 da, was uns einen guten Standplatz und eine Überdosis 80er-Jahre Musik einbringt. Irgendwie warte ich schon langsam auf ein 90er Revival; sowas wie Grauzone (egal ob remixed) muss ich echt nur zu runden Geburtstagen hören. Übers Flex lässt sich sonst recht wenig sagen, man mag es eben, oder man mag es nicht; ich mag es – und es gibt Wieselburger. Die Wände schwarz, viele Bildschirme, sehr junge Menschen. Soziologischer Schnitt breit gefächert; von “grade noch fähig, den Eintritt zu zahlen” bis “ich hab schon ein iPhone, obwohl ich damit noch gar nicht telefonieren kann” ist alles dabei. “Strange” findet das der Typ von Oceansize, die übrigens heute da spielen, wie er überhaupt ganz Wien “strange” findet; weil hier alles so bunt gemischt ist und man nicht an bestimmten Plätzen eine homogene Gruppe erwarten kann, sagt er auf Nachfrage; dann findet er nicht mehr (oder redet zumindest nicht darüber), sondern legt uns nahe, auch zu seinem Konzert zu kommen, “heavy” werde das, mit “three fat guitars”, was mir ja entsprechen würde, aber leider, die kommende Nacht ist schon verplant.

Während man vorne noch recht gemütlich steht (oder sitzt) wird es hinten schon voll, wie ich beim Ausflug auf unser Lieblingsklo feststelle. Langsam schiebt sich die Masse auch nach vorn. Ich hol mir ein zweites Bier und denke drüber nach, wieso Massen mich nervös machen. Das liegt nicht am Alter, das war schon immer so. Aber auch sonst bin ich mir nicht so ganz sicher.

Endlich geht es irgendwann los. Zur Kernband ist ein Chor hinzugekommen, der in sakralen Gewändern eher unsakral singt. Der Sound im Flex ist erstklassig, klar und sauber, was der Band nicht unbedingt steht – und außerdem kleine Fehler ebenso glasklar dastehen lässt. “Hm…” sage ich. “Zuwenig gesoffen!” sagt der Sufi (die Band, nicht wir). Die Magie aus den kleinen finnischen Clubs (→1, →2, 3 nicht online) will sich nicht so recht einstellen; was jetzt nicht heißt, dass die Musik nicht gut wär – Texte stark wie immer, kraftvoller Sound, nur über weite Strecken ohne jegliches Feeling. Das ändert sich momentweise; im dritten Drittel des Lou-Reed-Covers etwa, auch sonst dazwischen glücklicherweise immer wieder. Die Stimmung bleibt lange entsprechend freundlich, aber kühl.

Das ändert sich mit den Zugaben – die alten “beinah-Hits” bringen richtig Stimmung auf. Künstlerisch weniger wertvoll – aber mitsingbarer? Schade vielleicht?

Zum Schluss noch 3 Songs mit “Ehrenschutz”-Sängerin Christiane Rösinger, echtes Highlight des Abends, Applaus nach Berlin!

Ja, Panik!

Sie stand schon lange auf unserer “Will-hin”-Liste, die CD-Release-Party von Ja, Panik, die gestern Abend im B72 über die Bühne ging. Das heißt, gestern wurde mein Wollen etwas wackelig, hatte ich mir doch die Nacht davor beinahe völlig um die Ohren geschlagen. Mit alter und neuer Musik und vielleicht einem Bierchen zu viel. Während mein Lieblings-Altrocker nach knapp 4 Stunden Schlaf aus dem Schlafzimmer gesprungen kam wie eine penetrant frische Frühlingsbrise, robbte ich auf allen Vieren zum Zug und hatte eigentlich nur eins im Sinn: Mein Bett. Das ging aber nicht, denn erst rief die Arbeit, und dann rief der Herr Sufi, der dieses Konzert um keinen Preis verpassen wollte.

Früher hätte ich bei so einer Gelegenheit gerufen: “Man ist nur einmal jung”, gestern aber murmelte ich: “Na gut, schließlich ist man nur einmal mittelalt.” Wir zogen also los, fanden bald die Location, deren Vorraum aus einer angenehm anonymen Bar mit einer Handvoll junger Leute bestand (“Meine Güte”, flüsterte der Sufi mir ins Ohr, “dürfen die überhaupt schon Bier trinken in dem Alter?”) und verzogen uns in eine dunkle Anti-Falten-Ecke, um auf den Einlass zu warten.

Als es soweit war, wirkte der Saal erst recht harmlos. Trotzdem wollte ich nicht unten an der Bar bleiben, sondern ergatterte uns einen Tisch an der Reling der oberen Ebene, was sich bald als guter Move herausstellen sollte: Der Raum begann sich zu füllen. Und hörte damit nicht mehr auf. Von unserem Ausguck beobachteten wir wohlwollend das sympathisch-fremde Jungvolk. Ich fühlte mich ein bisschen wie auf einem fremden Planeten. Nur die Adam-Green-Typen schienen halbwegs aus meiner Welt. Im Spiegel im Waschraum verstand ich warum: Ich hatte selbst den Adam-Green-Blick drauf, an diesem Abend.

Der Party-DJ verbreitete angenehmen Alternative-Rock-Mix, das Bier begann wieder zu schmecken, und der Raum füllte sich weiter. Und irgendwann (Zeit spielte längst keine Rolle mehr) betraten vier Leute die Bühne, beschäftigten sich erst ohne Eile eine Weile mit ihren Instrumenten – und legten dann los.

Wie die Musik von Frontman Andreas Spechtl klingt, habe ich ja hier schon beschrieben – für den Bandsound stellt man sich das ganze mit einer großen Dosis Punk- und Progressiverock vor. In der geballten Kraft und Lust, in der diese musikalische Feuerwalze von der Bühne kam, verglühte allerdings jede Analyse zur Bedeutungslosigkeit. Einen Song lang versucht mein Bühnen-ich noch, mitzudenken (das Keyboard etwas zu laut, die Stimme etwas zu leise). Aber auch das war bald egal.

Eine Stunde auf der realen Uhr verdichtete sich zu einem magischen “kleinen-finnischen-Club”-Moment. Kaleidoskop: Der weitgehend einhändig agierende Keyboarder, der Bassmann, der zwischen den Songs eher unbeteiligt wirkte, beim Spielen aber so abging, dass man beinah Sorge um den Bass-Hals hatte, und der Schlagzeuger, der den Rhythmus vor sich her trieb wie ein wahnsinniger Cowboy seine Rinderherde – und natürlich Andreas Spechtl, der nicht nur mit Stimme und Persönlichkeit punktete, sondern auch mit geraden wie schrägen Tönen auf der Gitarre.

Die CD, ja, kann man hören, kann man kaufen (schon wieder unbezahlte Werbung hier), auch wenn sich der Mix streckenweise etwas zu sehr an die allgegenwärtige “Wir-sind-Helden”-Welle anbiedert. Dem live-Feeling am nächsten kommt zweifellos die beiden letzten Nummern, “Kreuzgut” und “Totengräber gegen Geisterjäger”. Aber live hören sollte man die Jungs unbedingt, sei es in München, Köln, Hamburg oder auch in Hollabrunn.

Rock’n Roll, B-b-b-b-Baby!

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Eigentlich wäre Balkan Jazz angesagt gewesen, heute Abend. Ich mag Balkan Jazz, aber der Sufi mag ihn ganz besonders. Der Balkan Jazz der “Freedom Fries” sollte im “Ost” stattfinden, einer immer schon legendären Location, die einstmals Atrium hieß. Das Atrium war zwischenzeitlich eine Weile geschlossen, ist aber jetzt (seit heute!) wieder offen. Und es heißt jetzt “Ost”.

Ich bin, fürchte ich, zu müde, um jetzt noch zu erklären, wie es kam, dass wir anstatt vor der Balkanjazz-Bühne vor der Blues- und Rock’nRoll-Bühne landeten, die von den Salty Dogz bespielt wurde. Es hat etwas damit zu tun, dass wir erstens nicht genau wussten, was-wo-wann, und dass zweitens der Sufi trachtete, seinen lädierten Zeh in Sicherheit vor enthemmten Konzertbesuchern zu bringen. Und dann noch mit dem Zeit-Raum Kontinuum, aber das wäre jetzt wirklich zu schwierig zu erklären.

Ist aber auch egal. Es war jedenfalls grandios. Als Fan von Blues und Rock bin ich dem “‘n Roll” höchstens peripher gewogen, aber: heute war ich geneigt, meine Meinung zu revidieren. Die Sprengkraft von 3 virtuosen Gitarren und einem Bass, mit bis zu 4 gut getuneten Männerstimmen, ahem. Das hatte was. Das Publikum wusste es zu schätzen, wie man auch oben sieht.

Ich würd euch echt gern einen Soundfile schenken, aber ich habe keinen.  Schade, eigentlich.

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Ah,

Element of Crime! Ja, war gut, war die Mühe wert, eine in sich auch wunderbare Party zu verlassen um die wieder mal zu sehen, obwohl der Samstag ohnehin schon so lebensschwanger war; nicht so eine tiefe Eröffnung wie damals, aber das erste Mal ist halt eben das erste mal und kommt nie wieder, und vielleicht sind EoC ja grade deshalb so gut zu hören, weil der Regener das weiß; und als allerletzte Zugabe gab’s sogar über Nacht.