Schlagworton the road

Ein bisschen ein Jammer

Es ist ein bisschen ein Jammer, wenn man an so einem Tag Überland fährt und nur die Handy-Cam zur Hand hat. Was war dieser Schattenwurf auf den Schneefeldern zart und weich! Was haben die frischen Reif-Kristalle auf den alten Schneefeldern geglitzert!

Immerhin aber sieht man, dass es weiß ist. und flach. Und die Sonne, die sieht man auch.

Herbst, again

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Öffentlicher Verkehr

Ich habe mich seit früher Kindheit mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegt als mit den diversen familieneigenen Autos. Ich habe grundsätzlich überhaupt kein Problem damit, zu einer Haltestelle oder einem Bahnhof zu gehen, mich dem Fahrplan anzupassen (den zu lesen ich in den seltsamsten Sprachen gelernt habe), oder auch mal ein bisschen zu warten oder mit einer Verspätung zu leben, die ohnehin selten mehr als ein paar Minuten beträgt. Die Öffentlichen, zumindest hier in Österreich, sind deutlich besser als ihr Ruf.

Umso weniger verstehe ich das Entsetzen meiner offenbar bis zur Gehirnwäsche autogeschädigten Freunde und Bekannten. Spricht man ein simples “Ich geh dann zum Bahnhof” oder “Ich komm dann mit dem Bus nach” aus, weiten sich die Pupillen, hektisches Überlegen setzt ein, der oder die Angesprochene bietet in der Regel sofort an, sich selber ins Auto zu setzen um einen ans Ziel zu bringen oder beginnt zumindest hektisch im Handy nach einer Alternative zu suchen. Ich kenne mittlerweile die Symptome der übertragenen Auto-Verlustangst und beeile mich, ein “Ich fahre gern mit dem Zug/Bus” hinzuzufügen. Die Reaktionen reichen von simplem Unglauben bis zur lauthalsen Erklärung, ich müsse “vollkommen wahnsinnig sein” oder zumindest “viel zu viel Zeit haben”.

Das mit der Zeit ist aber so eine Sache. Gerade, wenn es mir wichtig ist, pünktlich irgendwohin zu kommen, lehne ich nach Möglichkeit jede angebotene Mitfahrgelegenheit vehement ab. Der begeisterte Autofahrer kommt nämlich fast immer zu spät. Mit einem beruhigenden “fahr ich dann halt ein bisschen schneller” gönnt er sich “noch 10 Minuten Ruhe” vor der Abfahrt, muss unterwegs hier noch etwas erledigen, dort einen neuen Schleichweg ausprobieren – und das sind nur die psychologischen Gründe. Jeder Stau – auch und besonders der am Freitagnachmittag auf den Ausfallstraßen – kommt völlig überraschend, “diese Umleitung war aber gestern nicht da”, und nein, der Fahrer hatte natürlich bisher noch nie Probleme, in der Hauptgeschäftszeit auf der Mariahilferstraße einen Parkplatz zu finden.

Die angeblich verlorene Zeit kann ich im Zug auch nutzen, wenn ich sie brauche – im Gegensatz zum Autofahrer, der seine Aufmerksamkeit auf die Straße zu richten hat. Muss ich nicht arbeiten, lese ich auch lieber im Zug ein Buch, als mir im Auto ein Hörbuch anzuhören, oder ich höre Musik, lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen und entspanne mich, anstatt mich hektisch über den “langsamen Trottel da vorne”, den “Idioten, der keinen Blinker hat”, den “Sonntagsfahrer mit Hut” oder die “typische Frau am Steuer” zu echauffieren.

Ehrlich, es lebt sich ziemlich gut ohne Auto. (Obwohl ich ja jetzt eigentlich eines habe, aber das ist eine andere Geschichte…) Autos sind praktisch, wenn man etwas Großes zu transportieren hat, wenn man für eine 5-köpfige Familie einkaufen muss oder wenn man sich für einen Campingurlaub entscheidet. Autos machen Spass, wenn man an einem Sommersonntag über wenigbefahrene Landstraßen cruisen kann und nach Lust und Laune mal hier eine Wiese, mal dort ein Gasthaus testen will (vorausgesetzte man schafft es, für diese Zeit sein ökologisches Gewissen abzuschalten). Im Alltag aber sind Autos Mühsal und Plage, und ich kann einfach nicht verstehen, dass manche Menschen lieber freiwillig Tag für Tag in die Arbeit stauen, als sich gemütlich in den Zug oder in die S-Bahn zu setzen. Und billiger ist das Autofahren, zumindest übers Jahr gerechnet, ganz bestimmt auch nicht.

Ausgelöst wurde diese Grundsatzerklärung übrigens von dem völlig entsetzten Gesichtsausdruck meines autofahrenden Zug-Zubringers heute, als der Bahnhofsvorsteher mich darauf aufmerksam machte, dass ein Teil der Strecke als Schienenersatzverkehr geführt wird – man muss also an einem Bahnhof in den Bus umsteigen, und an einem anderen wieder zurück in den Zug. So what? Mein Gepäck bestand aus einem Rucksack, der außer einer Mappe mit meinen Texten gerade Mal noch einen Pullover, ein Buch und ein Getränk enthielt, außer dem immer präsenten “Überlebenspack” (Taschenmesser, Block, Kugelschreiber, Handy und Geldtasche). So umsteigen tut nicht weh, wirklich nicht.

Erinnert hat mich das auch an eine Freundin von mir, die leicht außerhalb wohnte (und vielleicht noch wohnt, ich habe sie länger nicht mehr gesehen). Als ich mich nach dem ersten Besuch mit den Worten “Ich geh dann Mal zum Zug” (keine 10 Minuten bis zum Bahnhof) verabschieden wollte, redete sie so lange intensiv und überzeugt auf mich ein, sie würde mich natürlich zum Bahnhof fahren, bis ich zustimmte. Ich hatte das Gefühl, sie wäre sonst beleidigt. Bei mehreren Besuchen mit mehreren Diskussionen spielte sich das dann ein. Es schien ihr wichtig zu sein, mich zum Bahnhof zu fahren, und ich wehrte mich nicht mehr, obwohl ich so einen Spaziergang eigentlich genieße. Irgendwann dann saßen wir mit mehreren Leuten bei ihr auf der Terrasse, und ich sprach vor meinem Aufbruch zum Zug über mein glücklich autofreies Leben – worauf sie zynisch meinte “Eh klar, weil du immer einen Trottel findest, der dich herumführt, wenn’s nötig ist – so wie mich jetzt”.

Ich verzichtete darauf, das weiter zu diskutieren, und habe sie einfach nicht mehr besucht. Überzeugte Autofahrer sind ein unlogisches Volk.

Schau

Schau, der Laster sitzt uns ganz schön im Nacken, sagst du. Ich zucke, ich mag keine Laster im Nacken. Aber er bellt nur und beisst nicht. Vielleicht will er spielen.

Wochenend-Worte

Ist es etwa warm? Es ist tatsächlich warm! Schon früh am Freitagabend stellen wir das fest, der Sufi und ich, als wir zwischen hunderten (wenn nicht tausenden) anderen Stadtflüchtlingen Stoßstange an Stoßstange, Glas an Glas und Ehestreit an Ehestreit stehen.

Aber wir lassen uns nicht aufhalten, nicht lange, ab durch die Prärie! Oder doch fast, auf Schleichwegen geht’s nach ab nach Wiesen, wo eine Rocklegende aufs “Auchgesehenhaben” wartet. Genauer gesagt, wir warten, aber das macht nichts, schließlich ist genug zu schauen, zu essen und zu trinken auf dem Festivalgelände, und Freunde, ja Freunde trifft man auch.

Das Konzert, wiesollmansagen, erfüllte alle Erwartungen, im Guten wie im weniger Guten. Nachdem Pink Floyd im ersten Teil kräftig und ausführlich abgehandelt wurde, griff Herr Waters im zweiten Teil in die Solokiste, und daswar sehr von Vorteil.

Danach, spät, eine riesige Mondsichel am Himmel und eine erstaunlich leere Autobahn.

Der Samstag, der erfüllte die Erwartungen eher weniger, wir wollen hier nicht auf die Details eingehen: Es soll genügen, wenn wir sagen, dass unser Bulli plötzlich erstaunt eine ihm bislang unbekannte Flüssigkeit in seinen stählernen Innereien bemerken musste. Die Geistesgegenwart seines Herrls, das den Zündschlüssel nicht umdrehte, verhinderte Schlimmeres als die nicht zu umgehende 4-Stunden-Flüssigkeitsentfernungsodyssee.

 

 

Danach war immerhin noch Zeit zum Baden, das erste Mal Schotterteich heuer, Zeichen eines kühlen Frühlings & einer Menge verschlampter Zeit. Nach Krems schaffen wir’s nicht mehr, aber nach Brunn, dort warten ernüchternde Zahlen und ein sättigendes Grillfest. Und dieser Himmel mit all seinen Sternen! Wahrscheinlich bin ich ein bisschen seltsam, dem Gespräch rund um mich mit viel Schweigen zu begegnen und mit einem in den Nacken gelegten Kopf, weil ich die Sterne zähle, ganz sicher seltsam: Seltsam glücklich.

Sehr eigen beginnt der Sonntag, im Traum schwemmt eine Sintflut über Wien hinweg, steht das Wasser bis zu meinem Fenster im vierten Stock, paddle ich mit dem Sufi und anderen Lieben durch die überfluteten Straßen auf der Suche nach trockenem Land. Im Traum niest der Sufi, nein: Er hat wirklich geniest! Und dann spielt auch schon Schweden gegen Senegal: Ein unglücklicher Morgen.

Dazu hat es auch noch wirklich geregnet, und ob man diesen Tag nicht im Bett verbringen sollte? Aber nein, wir rollen schon wieder über Land.

Das war auch gut so, in Krems wartet nicht nur unser „Wochenendhaus“ und Trurls Loft, sondern auch eine startbereite Maschine. Ach ist das heiß. Zwei Sprünge später und die Lustlosigkeiten der letzten Tage sind überwunden, die Welt ist schön und klar und danach ein Bier und Nettmenschenworte, wunderbar.

Der Sufi hat derweil versäumten Schlaf nachgeholt & wir suchen & finden ein erstklassiges Restaurant, eine lustige Geschichte, wie wir dahingekommen sind: aber die muss – wenn, dann – der Sufi erzählen.

Wir nehmen Platz und lassen uns erst einmal eine Zwiebelsuppe mit Forellennockerln, dann Kartoffelteigtäschchen mit Pilzfüllung servieren, auch das Wildschweingulasch, ganz toll, aber erst die Bitterschokoladenterrine im Fruchtmark läßt uns vollends schwebend zurück.

Zwischen zwei Gängen seufzt der Sufi sinnig: “Das Leben ist so anstrengend. Dauernd schleppt man sich von einem Genuss zum anderen!” – Dann geht ein Regenguss nieder, das läßt einen die Nussbaumblätter so richtig riechen.

Draußen, danach, der schönste Regenbogen meiner Regenbogengeschichte, breit wie eine Autobahn mitten hinein in den vielschichtigen Wolkenhimmel, vielleicht ein Foto, morgen, wenn der Sufi gut gelaunt ist. Und als wär das noch nicht Geschenk genug, ein geradezu afrikanisch anmutender Sonnenuntergang; “Afrikanisch? Nicht ganz.” sagt der Experte.

Und der Himmel wird immer schöner, Schicht um Schicht färben sich die verirrten Wolkenfetzen rot und golden, und während der Bulli uns unvermeidlich wieder in die große Stadt trägt, schaue und staune ich Sonne und Himmel und Wolken an und denke, dass der Himmel für mich mittlerweile das geworden ist, was früher das Meer war: Das Schönste überhaupt!

Und das ist gut so, denn ans Meer muss man fahren, aber der Himmel, der ist überall.

 

… und dann wollte ich noch über diesen Himmel schreiben

Über diesen Himmel auf der Fahrt von Wien nach Graz. Es war ein rauschendes Fest der Wolken, und auch die Sonne war eingeladen, und ganz unerwartet kamen noch weitere Gäste wie dieser Regenbogen, der kein Bogen war, sondern ein tiefer Kelch von Farben, und die durchsichtigen Nebelwesen in den Tälern zwischen den Hügeln.

Aber die Wolken: Vor allem die Wolken. Nach Osten zu eine dichte Decke, in allen Schattierungen von hellgrau bis tiefdunkelblau, manchmal am Horizont eine Ahnung von Regen: Dieser Schleier, der aus dem Dunklen oben bis auf die Erde weht wie der winterkalte Atemzug eines unsichtbaren Riesen.

Dann aber wendet sich die Straße und mit ihr der Blick nach Süden. Ungebrochen herrscht auch hier die himmelverhüllende Dichtheit des Wasserdampfs, aber darunter, davor, tauchen kleine Wolkenschäfchen auf, die lichtschnell dahintreiben unter der unbewegten Regenschwere. Und diese kleinen, unsteten Wolkenkinder spielen dahin und kriegen manchmal eine Ahnung, einen kurzen Lichtstrahl ab, aus dem Westen, wo die Sonne versucht, sich zwischen den dorthin ausdünnenden Wolken bemerkbar zu machen.

Im Westen das Chaos. Hier hat die Party ihren Höhepunkt erreicht. Hier ist die schwere Wolkendecke müde geworden, sie legt sich wie eine schwere alte Daunenfedertuchent auf die Hügel, die wir jetzt erreichen, und die Sonne, die sich gerade verabschieden wollte, dreht noch einmal um, um uns zuzulächeln. Hier rotten sich auch die kleinen, schnellen Fratzen zusammen und laufen um die Wette, während etwas, das wohl ein Gewitter werden wollte, vergeblich versucht, sich gegen die Auflösung zu wehren.

Die Sonne macht einen Abgang, nicht ohne von Ferne der schweren Decke noch einen goldenen Kranz zu zaubern, und dann beginnt es zu regnen, die majestätisch schwere Regenwolke hat gewonnen.

Aber ein paar Kilometer weiter bekommt die himmlische Gesellschaft neuen Schwung. Die Party geht dem Ende zu, und zum Abschluss zeigt hier jeder noch einmal, was er kann. Die Sonne hat einen großen, roten Farbtopf zurückgelassen, und alle Beteiligten springen hinein. Von feuerrot bis lila spielt der feuchte Himmel alle Farben, und wie sie tanzen: jeder Blick ein neues Gemälde, schöner und stärker als das zuvor. Und da, schon wieder, ein, nein zwei Regenbögen, sie stehen da und sonnen sich in ihrer Schönheit.

Jetzt wird es langsam dunkler. Die Gäste müde, die Party ist vorbei. Nur ganz da drüben glimmt noch, wie die letzte Ahnung von Wärme im Kamin, ein rotes Licht, das langsam, ganz langsam, verblasst.

So etwas habe ich hier noch nie gesehen. Das war ein skandinavischer Himmel, von ganz da oben kenn ich das.

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