Schlagwortsupermarkt

Vollmond im Supermarkt

Das Schicksal meint es gut mit mir, denke ich manchmal, wenn ich mir die Arbeitsplätze anderer Menschen ansehe. Beim Samstagseinkauf, in einem und dem selben Supermarkt, gleich drei Mal.

– Das Pärchen vorm Chipsregal, das engumschlungen sinnierte, ob es die Chips nicht auch größer gäbe, sah eigentlich ganz nett aus. Auf meinen Tipp, die Großpackungen stünden ums Eck, erntete ich ein knackig-bundesdeutsches “Verpiss dich, wir suchen was Bestimmtes”. Äh, na dann…

– Die Frau vor mir an der Kasse hatte im mittelgroßen Einkauf eine Tafel Schokolade, die nicht zu verbuchen war. Per Scanner nicht, per Handgetippe nicht, und auch die herbeigerufene Filialleiterin konnte keine Hilfe bieten. Bedauernd meinte die Verkäuferin, dass sie unter diesen Umständen die Tafel nicht verkaufen könnte. “Aber ich wollte die doch essen” meinte die Kundin schon sehr weinerlich, und auf das neuerliche Kopfschütteln des Personals drehte sie sich um und ging – ohne sich um die restliche Ware zu kümmern, und ohne auf die Rufe der irritierten Kassentante zu achten.

– Während der Wartezeit (die Artikel mussten natürlich einzeln rückgebucht werden) häufte eine andere an der Nebenkassa einen Monatseinkauf aus dem Wagen, der das ganze Band einnahm – mit Hang zur Gebirgsbildung. Ein schüchterner Lehrling pirschte sich an der anderen Seite heran (erkennbar an der Supermarktuniform samt “lernt noch”-Schild) und wollte mit einem Mineralwasser und einer Wurstsemmel vorbei, was die Kassierin – mehr rhetorisch – bei der Kundin hinterfragte. “Ist eh OK, wenn ich ihn kurz dazwischen…” – Worauf die Kundin unterbricht: “Na wirklich ned, wie komm ich dazu?”. (Hm, vielleicht weil der Bub eh nur eine halbe Stunde Pause hat?)

Irgendwie war das alles schon mal gemütlicher.

Aufgeweckt

Beim Hofer. Ein Vater mit Kind im Volksschulalter beschließt, den Wochenend-Einkauf gleich pädagogisch zu nützen.

Vater: Schau, da gibt es zwei Tafeln Schokolade, eine große und eine kleine. Die große hat 150 Gramm und kostet 1,89. Die kleine hat hundert Gramm und kostet 1,29.
Kind: tänzelt gelangeilt herum
Vater: Also, wenn wir jetzt wissen wollen, welche wirklich billiger ist… (überlegt sichtlich, wie er den komplizierten Sachverhalt ans Kind bringt) …also dann müssen wir uns zuerst ausrechnen, was ein Kilo von der Schokolade kostet.
Kind: tänzelt noch immer
Vater: Also, wenn 150 Gramm 1,89 Euro kosten, dann kostet ein Kilo, also, da müssen wir zuerst… tiefe Falten zeichnen sich auf seiner Stirn ab, vermutlich wünscht er, er hätte nie mit dem Thema angefangen …also, ein Kilo von der Schokolade, das sind…
Kind: Ein Kilo kostet 12,60.
Vater, verblüfft: Aha, wie hast du das gerechnet?
Kind, gelangweilt: Das steht auf dem Schild, Papa.

…und was mach ich jetzt mit der Information?

Eben, beim Hofer, vorm Kühlregal, eine Frau um die 50, eleganter Lodenmantel, schaut lange auf die Käseangebote. Ich, höflich wie ich bin, warte mit Zugreifen, bis sie fertig ausgesucht hat. Stattdessen dreht sie sich um, schaut mich direkt an und sagt: Ich kann Kühe nicht ausstehen!

*kopfkratz* War das jetzt auf mich oder auf den Käse bezogen?

8 nach halb 8

Die Billa-Tür ist offen und drinnen Licht, also schnell die Gelegenheit genützt und reingehuscht. Drinnen plötzlich mitten zwischen abgedeckten Regalen und Bauarbeitern gestanden. Brot und Joghurt und Wurst unter den Decken hervorgeschnappt und an der Kassa so getan, als wär mir gar nichts aufgefallen. Auf die Informationen der Filialleiterin so lange naives Unverständnis vorgetäuscht, bis sie seufzend die Kassa wieder in Betrieb nahm. Abendessen und Frühstück sind gerettet.

Interspar

“Auf niemanden kann man sich verlassen, aber auf gar niemanden” murmelt die alte Frau mehrmals, während sie ihre Einkäufe in die Taschen packt. Genaugenommen murmelt sie es nicht, sondern sagt es laut genug, dass ich es noch an der Kassa hören kann. Nur die monotone Intonation des wiederkehrenden Satzes legt die Verwendung des Wortes “murmeln” nahe.

Die Intensität ihres Murmelns erreicht sogar den stillen Beobachter. So nenne ich den Mann im fleckigen weißen Overall, dürr ist er und ungepflegt langhaarig, und seit Wochen sitzt er immer, wenn ich Einkaufen gehe, am Einpackregal, vor sich einen Einkaufswagen mit etlichen Bierdosen drin, eine Bierdose offen in der Hand.

“Auf gar niemanden” bekräftigt er heute mit erstaunlich starker, dunkler Stimme den Singsang der alten Frau, es ist das erste Mal, dass ich ihn sprechen höre. Es ist offenbar auch das erste Mal, dass die Kassierin ihn sprechen hört, sie zuckt zusammen, wirft einen Blick über die Schulter, schüttelt den Kopf. “Angst könnte man kriegen” murmelt sie, und sie murmelt wirklich. Ich nicke.

Mir macht er auch Angst, der stille Beobachter; nicht weil er in irgendeiner Form bedrohlich wirken würde, sondern wegen seiner unerzählten Geschichte.

Da sitzt einer, offenbar täglich, offenbar stundenlang, im Kassenbereich des Supermarkts und trinkt ein Bier nach dem anderen.

Todtraurig, irgendwie.

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