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Der frühe Vogel…

...wäre lieber im Bett geblieben.

Als ich aus der U-Bahn steige, ist es noch immer viel zu früh. Der Tunnelwurm erstaunlich bunt besetzt, nicht nur die üblich grauen Auf-Dem-Weg-Zur-Arbeit-Blicke und Mütter mit Kindern auf dem Weg zur Schule, sondern auch eine Gruppe Emo-Punks, die nicht einmal übernachtig wirken, ein glücklich lächelndes älteres Pärchen mit Strohhut und Strandsandalen, und drei Hundebesitzer mit einer wohlerzogenen, aufmerksamen Dogge, einem schlafenden Dackel und einem sehr neugierigen kniehohen Mischling.

Auf der Straße dann ein schmächiger Typ mit Nadelstreif, der, als er sich umdreht, ein rotes Anarchisten-A in Stencil-Optik auf dem Jackett-Rücken offenbart. Es hätte mich sehr interessiert, ob es das in den Fashion-Tempeln zu kaufen gibt, oder ob es sich um ein handgemachtes Statement handelt, aber es ist deutlich zu früh, den Mund aufzumachen.

Abseits der Hauptstraße scheint alles noch zu schlafen, dabei ist es doch jetzt schon halb acht. Nur beim Bäcker und beim Türken am Eck ist die Tür schon offen. Aus der Tür der Bäckerei kommt die Frau, die beim Türken meistens an der Kassa sitzt, mit zwei Bechern Kaffee. Belebender Cappuccino-Duft hätte mich beinah selbst einkehren lassen, aber woanders wartet ja schon Kaffee auf mich.

Um die Ecke dann ein Schreck: Auf der mittlerweile vertrauten Gstätten, womöglich der letzten solchen im 5. Bezirk, stehen Lastwägen und ein Bagger. Sie werden uns doch nicht die wunderbare Wildwiese zubauen?

Natürlich werden sie. So ein großes unbebautes Areal mitten in der Stadt, das ist zu wertvoll, um es brach liegen zu lassen, auch wenn die Wiese den ganzen Sommer lang wunderbar duftet und die Grillen nachts einen Hauch von Mittelmeer-Feeling verbreiten. Der Bagger hat sein Werk schon begonnen, die Wiese ist weg, es duftet nach aufgewühlter Erde und frisch gemähtem Gras.

Zu Hause dann überlegt, wie lange die Gstättn denn jetzt Gstättn war, aber wozu hat man ein Weblog: Es sind tatsächlich etwas über 11 Jahre.

Sonntag (Journal #76)

Die Wassermelone habe ich mir redlich verdient, denn ich habe sie in den vierten Stock getragen. Es ist ein stiller Sommersonntag, der sich selbst nur durch ein leises Lachen aus Kaffeehausgärten erzählt. Morgens dachte ich noch, den Tag still hinter dem Computer zu verbringen, doch am frühen Nachmittag schickt mich die Sommerunruhe hinaus. Ich mache meine Schritte muskelkatrig langsam, aber ich mache sie froh. Es ist schwül, aber nicht mehr so heiß wie zuletzt. Man könnte kalt duschen, aber man muss es nicht mehr. Ich mag meine schlamperte Hochsteckfrisur, doch vor den nächsten Geschäftsterminen ist definitiv ein Friseurbesuch nötig. Für heute im Kühlschrank Schafskäse und Oliven, dazu ein Stück Fladenbrot. Schlimmstenfalls lauert in der Gemüselade noch ein Bier.

Ach, nichts.

Vielleicht hätte ich mehr über diesen Tag zu erzählen, wäre der elegante Rabe, der der Schwanengemeinde vom Steinsockel aus eine Sonntagspredigt gehalten hat, nicht weggeflogen, bevor ich die Kamera schussbereit hatte. Vielleicht aber ist auch besser, einmal nicht so viel zu sagen. Und über manche Schnapsideen gar nichts, so wie über diese Stimme, die mich gar nichts angeht.

[13,7km zu Fuß, 2x geschwommen]

Stadtwanderung, 14.5km

Erst einmal von der Peripherie Richtung Vierten. Sonne und Wolken wechseln einander ab; im großen Park spielen Kinder, Erwachsene turnen auf den Freiluft-Geräten. Eigentlich wollte ich ja zur U-Bahn, aber die Füße haben Lust auf Straße. Die Stadt lebt deutlich, und die Wände sprechen Vorstadt.

Unterwegs ein Büchergeschäft. Schon lange keine Lyrik mehr eingekauft, denke ich und hoffe auf einen Jahressampler moderner AutorInnen oder Ähnliches, doch auf meine Frage nach Lyrik schickt man mich zu einem Tisch mit Loriot, Gartengedichten und Motivationsversen. Na dann halt nicht, denke ich, innerlich dennoch irgendwie indigniert. Draußen beginnt es zu tröpfeln, was sollte eine solche Wolke denn auch sonst machen?

Sie hört aber bald wieder auf. Im Kreisky-Park ist glatt eine Hängematte frei, und ich schenke mir ein halbes Stündchen, blinzle mit meinem Hörbuch-Krimi im Ohr in Richtung Slackliner und Barfusskinder. Dann wieder weiter.

Am Freihausviertelfest spielt Hary Wetterstein, und der „Trancedelic Tribal Beat“ passt ganz hervorragend in den Tag. Das Drumherum nicht so ganz. Zu viele Menschen, und dort, wo der Naschmarkt lockt, würde ein Meeresufer noch viel mehr locken. Die schwarzen Wolken tröpfeln nur einmal kurz, beinah wie versehentlich, schicken aber den einen oder anderen angenehm kühlen Windstoß vorbei.

Nach dem Konzert habe ich keine Lust mehr auf die Massen. Auf zu Hause aber auch nicht. Na gut, dann halt nochmal am Donaukanal entlang. Ich nehm die U-Bahn bis zum Schwedenplatz; auf dem Weg dorthin erfahre ich, dass am Karlsplatz jetzt Wein wächst.

Der Wind nimmt zu, oben wolkt es noch immer, doch Tropfen kommen keine mehr. Ich nehme die andere Richtung heute, die, von der ich aus unerfindlichen Gründen immer dachte, dass der Fußweg dort nicht weit weiter geht. Ein klarer Irrtum.

Erst einmal geht es an den neuesten Graffiti vorbei. Für heute sammle ich die Gesichter, beschließe aber, bald wieder zu kommen.

Donaukanal Faces

Danach zwei Lokale, von denen ich noch nie gehört habe, die aber beide so aussehen, als könnte man hier ausgezeichnet abhängen. Ein andermal, die Füße sind asphalthungrig. Ein paar hundert Meter weiter wird es grün, Beton sowie die Farbe darauf wird weniger. Jogger und Hundeausführer sind unterwegs, Jugendliche und nicht ganz so Jugendliche auf den Bänken; würde nicht von oben die Schüttelstraße Freitagabendverkehr rauschen, könnte man meinen, man wäre … ja, wo?

Robert Schindel

Robert Schindel

Bei „Schüttelstraße“ fällt mir frei assoziativ Robert Schindel ein, und es irritiert mich, dass mir ein bestimmter Text nicht mehr ganz einfällt. Nach dem Heimkommen gleich danach gesucht. Und gefunden.

Unterwegs stattdessen ein bisschen Brecht rezitiert, innerlich. So, wie Musik im Ohr alles um mich herum zu einem Film macht, macht Lyrik im Kopf alles wunderbar wunderlich. Die Frau, die im untadeligen Business-Outfit kleine weiße Früchte aus einem buschigen Baum pflückt und isst. Eine einsame Socke auf dem Gehweg, sauber, frisch wirkend, schwarz. Die vielen Raben, die auf der Wiese verteilt sitzen wie Gäste in einem halb leeren Kaffeehaus, jeder schaut in eine andere Richtung, man möchte ihnen glatt eine Zeitung reichen. Als ich näher komme, hüpft einer davon, zum Wegfliegen wirke ich wohl nicht gefährlich genug. Nur ein paar Hopser, ein Blick über die Vogelschulter, schon sitzt er wieder. Und dann, eine Wiese weiter, ist das etwa…

Es ist ein Hase. Ein prächtiger, großer Hase, mitten in der Stadt, die Ohren drehen in meine Richtung, obwohl ich stocksteif stehengeblieben bin mitten im Schritt. Ganz langsam greife ich in meine Hosentasche nach dem Foto-Fon, doch bevor ich ihn ablichten kann, ist er schon ein Stück davongehoppelt, zu weit für die Fon-Linse. Er dreht sich noch einmal zu mir um und verschwindet dann im Gebüsch. Wär ich ihm gefolgt, müsstet ihr jetzt Alice zu mir sagen. Stattdessen lauert unter der nächsten Brücke eine Riesenschildkröte.

Wer weiß, was die nun wieder vor hat.

Von da an wird der Weg etwas ungemütlicher, weil weiter weg vom Wasser und näher an der Durchzugsstraße, aber irgendwie will ich jetzt wissen, wo der Donaukanal denn zurück in die Donau mündet. Irgednwie seltsam: Die Stelle, wo er von der Donau abzweigt, ist mir vertraut seit vielen Jahren, aber wo es wieder zusammengeht, darüber habe ich nie nachgedacht.

Die Füße sind begeistert, obwohl von Schritt zu Schritt klarer wird, dass ich mir da wohl eine Blase laufe.  Die Spaziergänger und -läufer werden spärlicher. Noch eine Brücke, und die Straße nebenan wird zur Autobahn. Aber es ist nicht nur Autolärm, den ich höre, es ist…

Ein Schlagzeug? Eine Gitarre? Eine lockende Rock-Röhre? Die Augen bemühen sich, zu erspähen, was die Ohren schon längst als Zielkoordinaten eingestellt haben. Hm, da müssen wir die Treppe hoch und über die Autobahn, und dann…

Es ist ein Fest im Garten des Atom-Instituts der TU Wien, und der Sound ist gut genug, um sich gerne reinschummeln zu wollen, aber… als ich das Tor entdeckt habe, stimmt die Band „Happy Birthday“ an, und damit ist es irgendwie auch schon wieder vorbei. Meinen zumindest die Füße, die bereits wieder volle Geschwindigkeit in Richtung Brücke aufgenommen haben, während der Kopf noch überlegt, ob man nicht vielleicht doch…

Na.

Das Erkunden der Donaukanalmündung wird auf einen nächsten Spaziergang warten müssen, der Kopf hat den Füßen Stadtlust eingejagt. Jenseits der Brücke ist sehr Erdberg. Die Cafe-Gärten fest in slawischer Hand, aus dem Puff am Eck kommt einer mit gesenktem Kopf und verschwindet zwei Ecken weiter im Kebab-Laden. Die Gäste des Hotels daneben wälzen Karten im Kerzenlicht. Die Füße würden gerne die ganze Nacht lang weiterlatschen, es ist der Kopf, der das angesichts der wachsenden Blase nicht ganz so prickelnd findet. Na schön, dann halt zur nächsten U-Bahn-Station.

Zu Hause ist auch Sommer. Irgendwie hätte ich jetzt gern das Bier, auf das ich unterwegs keine Lust hatte. Aber nochmals vier Stockwerke runter? – Prost Mineralwasser.

Couchwochenende

Samstags ein schwedisches Hörbuch im Ohr und dazwischen alte und neue Musik. Zwischendurch zwanglos arbeitsam am Computer herumgetippselt. Danach neuen Stricktrick gelernt: 2-färbiges Patentmuster. Vielleicht eine hirnrissige Idee, das gleich mit einem Batik-Garn auszuprobieren, aber das Resultat überzeugt.

Es ist wirklich der einfachste Zweifarben-Strick aller Zeiten, gelernt habe ich es beim Nadelspiel.

Zum Abendessen gab’s Reis mit Fenchel und Parmesan, dazu ein paar Mini-Bratwürstchen. Erwähnenswert, weil ich vorher noch nie Fenchel gekocht habe.

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Sonntags wieder ein bisschen gearbeitet. Wenn keine drohende Deadline von weniger als 48 Stunden über mir hängt, dann fühlt sich diese Arbeit kaum nach Arbeit an – das sollte ich verinnerlichen.

Danach Hausarbeit und der beste Schaumermal-Kuchen aller Zeiten. Der Schaumermal-Kuchen ist sicherlich nicht meine alleinige Erfindung, der Name – denk ich – aber schon. Der kommt von „da kauf ma einen Blätterteig und dann schaumermal was wir reintun“. Basis ist normalerweise Topfencreme, also 1 Packerl Topfen, 1 Ei, eine Handvoll Zucker, ein Vanillezucker und ein Löfferl Rum. Die kommt auf den unteren Blätterteig, drunter noch ein bissl Brösel, damit der Boden nicht zu sehr aufweicht. Als Auflage danach wählte ich diesmal säuerliche Apfelspalten und leicht überreife Bananenscheibchen. Während ich den Deckel ausrollte, kam ich auf die Idee, den Bananenscheibchen noch je ein Bröckerl Bitterschokolade aufzulegen. Schon der Duft beim Backen ließ Bestes ahnen, und, Ah! Das Zeug ist köstlich. Geschmacklich also; optisch gibt’s nix her – daher auch kein Foto.

Song zum Wochenend:

Shovels & Rope – Evil

Eine Verbindung mit youtube wird erst nach dem Klick zum Abspielen hergestellt. Bei Klick gilt die Datenschutzerklärung von Google.

Spieglein, Spieglein…

„Herz schlägt, Blutdruck hoch, Puls verdammt hoch“, sagt eine Stimme in meinem Ohr, aber das Erwachen ist dennoch weich und sanft. Ich zähle meine Körperteile und Funktionen und stelle fest, dass die Stimme wohl nicht mich gemeint haben kann. Öffne die Aigen ind vermisse die Sonne, die mich in den letzten Tagen an dieser Stelle begrüßt hat. Draußen ist es grauweiß. Der Wecker beginnt zu singen, als hätte ihn mein Erwachen an seine Aufgabe erinnert.

„Gusch“, sage ich bewusst laut, was natürlich nicht hilft, diesen Wecker muss man tätscheln. Ich bleibe noch ein bisschen liegen, genieße die weiche Flanelldecke, genieße mein Körpergefühl, denke darüber nach, wie man es anstellen könnte, für die lebenserweckende Flüssigkeit Kaffee nicht aufstehen zu müssen. Mache ein bisschen Lärm innen und außen, der das Brummen im Ohr nur temporär beeindruckt. Alles im gewohnten Bereich.

Den Kaffee koche ich auf einem Bein stehend, auf dem linken. Weil, ach, warum nicht? Stelle ihn dann gewohnheitsmässig auf den Schreibtisch. Falsch, ich wollte ja die Routinen ändern. Stelle ihn auf den Couchtisch, das fühlt sich auch nicht richtig an, na gut, ich nehme ihn mit ins Bett. Ist ja Samstag. Und das Buch. Aber ach, dieses Buch. Eine kommunikationsgestörte Poetin mit zuweilen obsessiven Liebesgedanken bin ich selber, und wenn das sprachlich und inhaltlich durchaus präzis gezeichnete Nicht-Beziehungsbild sogar in mir nur noch ein genervtes „Ja, redets doch bitte mitinander“ auslöst, dann ist es schlimm. Ein Blick auf die letzte Seite zeigt ein erwartungsgemäßes Ende.

Stattdessen meinen Blick in die Welt geworfen, ich kann mich übrigens nicht der allgemeinen Meinung anschließen, dass Tablets tot sind. Es ließe sich gut aushalten unter der Decke, the world at my fingertips, buchstäblich nämlich, und die Gedanken hängen doch viel freier herum als am arbeitsamen Schreibtisch. Aber ach, der Kaffee ist schon leer, und ganz ohne Pflichten ist auch dieser Samstag nicht, und die Sonne ist tatsächlich auch herausgekommen. Auf gehts.

Der letzte Sommertag des Jahres

Gestern erst weit nach Mitternacht ins Bett, gerade noch die traurige Nachricht von Steve Jobs Tod mitgekriegt. Im ersten Augenblick an einen dummen Scherz gedacht, wegen der iPhone4S-Geschichte, aber es war schon auf allen Portalen. Es wird viel gestorben, dieses Jahr, dachte ich auf dem Weg ins Bett, wieder einmal, wie schon zu oft. Zu oft in diesem Jahr.

Too Many, Too Sad

Ich schlief schlecht ein, nicht wegen der Nachricht, sondern weil ich im Kopf noch meine monströse ToDo-List für den Morgen wälzte, die sich auch mit hoher Disziplin und viel Glück nur schwer ausgehen konnte. Dazu unbezahlte Rechnungen und überfällige Entscheidungen und nicht erledigte Telefonate, was man halt so denkt, wenn man eigentlich schlafen will. Aber irgendwann schläft man doch.

Der Wecker, dem meine temporäre Schlaflosigkeit egal ist, klingelt gnadenlos um 8. Ein seltsamer Traum mit überlaufenden Waschbecken und großelterlichem Elend, aufgelockert durch eine sonnige Fährenfahrt und einen anstrengslosen Körperflug entkommt mir im Detail, bevor ich ihn protokollieren kann. Die integrierte Wetterstation zeigt bereits um diese Zeit 27 Grad. Na gut, vormittags liegt der Außenfühler in der Sonne, aber trotzdem stark – für Anfang Oktober. Ich mache Kaffee und dann das Fenster auf und denke, während der Computer hochfährt, dass es vielleicht das letzte Mal in diesem Jahr ist, dass ich ärmel- und sockenlos unbeschwert das Fenster offen stehen lassen kann. Wenn der Wetterbericht stimmt. Er dürfte stimmen. Natürlich darf man sich nicht beschweren, denke ich, während ich mich mit Kaffee zum Schreibtisch setze, wenn es Anfang Oktober dann wirklich mal weniger als 20 Grad hat, aber andererseits, der Sommer war ja nicht so richtig, dieses Jahr, da kann doch wenigstens der Herbst… und innerlich beschwere ich mich doch, bitterlich, bis die Routine meine Gedanken in ihre Umlaufbahn zieht und nach einer stark abgekürzten Runde durch News und Netzwerke nur noch Arbeit auf dem Plan steht.

Der erste wesentliche Punkt ist mittags endlich erledigt, und kurz überlege ich, den Rest der Liste sein zu lassen und doch noch einmal zumindest die Zehen ins Wasser zu halten, warum nicht, WTF, das Leben ist kurz und ab einem gewissen Alter bereut man nur noch, was man nicht gemacht hat. Aber so etwas denkt man ja immer nur und tut es dann nicht, ich zumindest. Stattdessen eine Runde hier in der Gegend gedreht, ein bisschen Bewegung, ein bisschen Sonne, ein paar Fotos. Bei Annäherung eines für Stadt-Verhältnisse viel zu schnellen Jaguars an den Zebrastreifen, den ich gerade überqueren wollte, lächelnd betont langsamer gegangen, damit er extra bremsen muss. Erst ein paar Straßen später daran gedacht, dass er ja auch nicht hätte bremsen können. In gewissem Sinn ein Fortschritt, die Abfolge dieser Gedanken, für mich.

2011-10-06

Dann noch ein halbes Stündchen im Park gelesen, die Sonne superwarm auf meiner Haut. Hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre ich bald in den Schatten gegangen.

Bilder, nicht fotografierte:

  • Die Frau, die im schäbigen Gastgarten der schlimmsten Säuferhütte des Bezirks in makellosem Business-Kostüm das Zeit-Magazin las, ein Glas Rose auf dem Tisch (vielleicht wars auch Schilcher), in dem die Sonnenreflexe tanzten.
  • Der riesige Hund, der ausgerechnet auf dem Zebrastreifen kacken musste; es dauerte, die Ampel wurde rot, die Gegenrichtung grün, der Hundehalter verzweifelt, erstaunlicherweise beschwerte sich kein Autofahrer, nur leises Lächeln allseits, bis das Geschäft erledigt war.
  • Die Tafel “Sturm’Zeit is’s” vor einem Lokal und mein Gedanke, dass eine Zeit mit solchen Apostrophen unmöglich die meine sein könnte.
  • Der alte Mann mit dem amputierten Bein, der jammer-bettelnd auf dem Gehsteig saß, aber wütend ausspuckte, als ihm eine Frau ein paar Kupfermünzen in den Hut warf.
  • Der junge Mann auf der Parkbank neben mir, der ein langes Telefongespräch führte und dabei seinen Körper mehr und mehr in sich selbst verknotete, während seine Seite der Konversation nur aus “Na”, “Na geh”, “Na wirklich ned” und “Na geh bitte” bestand.

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Dann brav zurück nach Hause zur Arbeit getrottet, immer noch warm, immer noch bei offenem Fenster. Noch schnell Wäsche gewaschen, die ab morgen ja wieder länger zum Trocknen brauchen wird, also wenn es stimmt, dass der Sommer jetzt vorbei ist, aber – es wird wohl stimmen. Brav weitergearbeitet, bis es Abend wird.

Statt des 3-Mobilfernsehens, das seit dem Relaunch mehr zickt als läuft, dank des Herrn Sufis Einkaufslust The Lost Notebooks of Hank Williams aufgelegt und ein bisschen in Bildern und Netzen gestöbert. In all ihrer Old-fashioned-Country-lastigkeit passt die uber-schmalzige Musik fast schon zu gut in die Nacht. Highlights fürs erste: Bob Dylan, Sheryl Crow (erwartungsmäß), Norah Jones (nicht erwartungsgemäß).

Dann noch diverse Nachrichten nach-geschaut, alles Wesentliche ohnehin schon mitgekriegt. Die schwedischen Nachrichten, die machen übrigens mit 13 Minuten Literaturnobelpreis auf und alles andere kommt erst danach. Bin auf gerührte Weise begeistert. Den Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer gegoogelt und für sympathisch befunden.

Jetzt noch unter die Dusche und die Haare bei offenem Fenster lufttrocknen, – weil ich es kann. Vielleicht schlafe ich aus demselben Grund heute bei offenem Fenster. (Aber dann morgen wieder diese Baustelle, diese verdammte ewige Baustelle).

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Filmreif

Vor meiner Haustür, eben, stand ein Pärchen im Regen. Er: Optisch ein junger Art Garfunkel, nur deutlich größer. Sie: Viel kleiner und ein Gesicht wie eine sehr junge Melanie Safka, etwas dünner vielleicht. Er trug einen Regenschirm in allen Regenbogenfarben, das einzig farbige in einer grauen, dunklen Straße, und hielt ihn so hoch, wie er nun einmal war. Sie sprachen Englisch, leise, ohne einander anzusehen. Im Vorbeigehen nur einen halben Satz gehört, “If you really love her, I guess it’s…”.

Eine seltsam lyrische Trauer empfunden, diese Szene nur gesehen, nicht erfunden zu haben. Dann einen Hauch geschämt, so etwas über wirkliche Leben zu denken. Andererseits, es gehört mehr Kunst ins Leben, warum also nicht auch mehr Leben in die Kunst?

A propos Kunst & Leben: Ganz fein war auch unser Wortklang-Auftritt am St. Pöltener Stadtflohmarkt, mein Lieblingstext (wenn man das von eigenen Texten sagen darf):


So, und jetzt muss ich das Radio ganz laut drehen und so tun als wär ich beim EoC Konzert im Burgtheater, anstatt nur per Radio dabeizusein.

 

 

Der 8. Jänner

Schreibtisch Lichtstrahl

Links
Tschechoslowakischer Geheimdienst erfand Rekord – Nachrichten | SWR.de

Ohne Fallschirm soll die Stewardess Vesna Vulovic 1972 einen Flugzeugabsturz aus 10 Kilometern Höhe überlebt haben, so steht es im Guinness-Buch der Rekorde. Doch stimmt die Geschichte? ARD-Recherchen ergaben: Die Story vom Rekord- Sturz war eine Erfindung von Geheimdiensten.

Schottland: Whisky zum Selbermachen | Nachrichten auf ZEIT ONLINE

Im schottischen Drumchork kann man Whisky selber herstellen.

Twittered
Habe mir grad einen Tweet verkniffen, nachdem ich drüber nachgedacht habe, wer den theoretisch aller lesen könnte. Zwänge allerorten.
Und immer noch heißt es das Blog. DAS BLOG! *argh*

Der 7. Jänner

Nightshot

Gedanken

Als ich heute die Überschrift “Sex & Drugs & Rock’nRoll” neben einem harmlosen, höchstens 20-jährigen Starlet-Gesichtchen lesen musste, dachte ich: “Was weißt du schon davon, naives junges Ding!” – Weia weia weia. Ich geh dann Mal und such mir einen Mumifizierungsexperten.

Links
Cat Content bei Kachelmann
Das Kaffeepad-Damenbindendilemma
Werbung zum Staunen

 

Was seither geschah

Tja, ich gestehe, dieses Weblog sowie alle ausgelagerten Social-Networking-Tätigkeiten sträflich vernachlässigt zu haben. Und ich kann nicht einmal versprechen, dass das so bald nicht wieder vorkommt. Gründe dafür sind (in zeitlicher, nicht zeitfressender Reihenfolge): Nanowrimo und die Folgen, eine wahrscheinlich bevorstehender interessanter Langzeitauftrag (fingers crossed), ein heftiger Schnupfen, eine Reihe von klein-aber-schell-Aufträgen und die Erkenntnis, dass das soziale Networken nur dann wirklich Spass macht, wenn man es eben dauernd macht und nicht nur 5 Minuten am Tag.

Was mich im übrigen umgehend zu der für mich überraschendsten Erkenntnis aus dem Romanschreiber-Monat bringt – nämlich, dass das kreative Schreiben auch dann funktioniert, wenn man momentan weder Lust noch Zeit noch Inspiration verspürt. Im Gegensatz zum journalistischen oder dokumentarischen Schreiben (das sowieso immer dann funktioniert, wenn eine Tastatur in Reichweite ist) dachte ich bislang immer, zum Entwickeln einer imaginativen Geschichte bräuchte man Seite für Seite das richtige “Feeling”. Weit gefehlt, nach den ersten paar Seiten geht es auch so. Das ist das Wichtigste, was ich im November gelernt habe – die Community dort ist zwar nett, hilfreich und interessant, was aber dem Schreiben eher hinderlich als förderlich ist – die Zeit, die man in den Foren verbringt, fehlt ja dann beim Schreiben. Die Story kriegt noch ihr richtiges statt des improvisierten Endes, und dann geht’s in die zweite Phase, Überarbeitung. Ich mag die Geschichte noch immer, oder eigentlich mehr denn je.

Unerwartete Geschenke beleben übrigens auch den Alltag – der neue PC ist tatsächlich so stark und gut eingerichtet, dass er von Anfang an mehr Zeit brachte, als die Konfiguration benötigt hat; allerdings hat das Rumspielen mit der vervielfachten Leistung dann die so gewonnene Zeit schnell wieder aufgefressen. Was solls, ein bisschen Spass gehört ja auch dazu. Der ebenso unerwartete Nettop weigert sich hingegen beharrlich, eine netzwerktechnische Beziehung mit dem Flaggschiff einzugehen – immerhin habe ich es geschafft, Netzlaufwerke wireless zu verbinden. Der Rest wartet auf mehr Zeit – ich hoffe nicht zu lange.

Über den Rest kann, will oder darf ich im Moment nichts sagen… je nachdem. Mal sehen. Die Wirtschaft übt sich im Jammern, ich ungewohnterweise in Zuversicht.

Hm, vielleicht sollte ich…

mal wieder etwas in mein Weblog schreiben. Wie schaut denn das sonst aus?

Im besten Fall sieht es so aus, dass ich anderweitig beschäftigt bin, und das stimmt ja auch. Nanowrimo, ihr erinnert euch? Nano läuft gut. Es fällt mir immer noch erstaunlich leicht, vage ausgedachte Ideen in klare und deutliche Szenen zu fassen, und was noch erstaunlicher ist: Es fällt mir auch leicht, nicht darüber nachzudenken, wer das jemals lesen wollen sollte und warum. Bisher war das ja immer so mein Knackpunkt, bei größeren Schreibprojekten, auf Seite 30 oder bestenfalls 35. Dazusitzen und zu denken: “wen um alles in der Welt interessiert das?”, und dann war das Ding schon wieder in der Schublade des Vergessens. Über sowas denke ich gar nicht nach, zurzeit, schreiben steht einfach auf dem Terminplan, vielleicht ist das ja der Punkt.

Dazu noch andere Projekte, kurzfristige und langfristige, lästige und spannende. Und solche, die ebenso spannend wie lästig sind. Wie immer halt, nur dichter. Vielleicht ist ja wirklich was dran an der Geschichte mit der 42, oder vielleicht bin ich auch nur momentan geniegter, aufzumerken. Auch darüber denke ich nicht weiters nach.

Und genau das ist der Grund, warum ich hier momentan wenig zu sagen habe, an der Zeit liegt’s nicht, das bisschen Zeit bleibt immer, aber: Worüber sollte ich bloggen, wenn ich zurzeit sehr glücklich nicht reflektiere?

Aber keine Sorge, auch das wird sich wieder ändern. Ganz sicher. Ich kenn mich schon lange und gut genug.

Liebes sträflich vernachlässigtes Tagebuch,

lass mich die blaue Stunde rund um Mitternacht nutzen, um dir ein paar Dinge zu erzählen, die sonst wohl niemand interessieren dürften. Zum Beispiel haben wir schon lange nicht mehr übers Wetter geredet. Ich finde diesen Oktober ziemlich freundlich und nett, keine spektakulären Auswüchse von 25 Grad, aber auch keine verfrühten Wintergrimmigkeiten wie Schneefall. Heizen muss ich bislang eigentlich nicht, nur abends, wenn ich es kuschlig haben will, dreh ich ein bisschen auf. Es lebt sich wettertechnisch recht gut dahin, und auch wenn ich es für mich persönlich etwas wärmer mag, kann es meinethalben eine Weile so bleiben.  Schade nur, dass ich die Strahlesonne nicht nutzen kann. Zuviel Arbeit auf dem Tisch, und zudem läuft seit 2 Tagen meine Nase, als wollte sie einen neuen Marathon-Rekord aufstellen.

Stattdessen habe ich heute die unkomplizierteste Neuinstallation eines Computers hingelegt, an die ich mich je erinnern kann. Es zahlt sich wirklich aus, auch den renitentesten Programmen beizubringen, dass Benutzerdaten auf der Systempartition nichts verloren haben – warum um aller Welt ist das eigentlich kein Standard? C: ist System, und alles, was man aufheben will, hat woanders zu liegen. Und wenn das konsequent durchgehalten wird, kann man im Bedarfsfall die “Partition löschen”-Taste mit einem Lächeln drücken. Oder auch mit einem breiten zufriedenen Grinsen.

Der Bedarfsfall, das ist zum Beispiel dann, wenn die explorer.exe dauerhaft auf 88-99% Prozessorlast loopt. Hatte ich seit 3 Tagen. Kein Virus gefunden, keine Spyware gefunden, kein gar nichts, aber der Explorer wollte nicht mehr. Übrigens, es geht auch ohne: So lange ich die Arbeit nicht unterbrechen wollte, habe ich nach dem Start den Prozess abgedreht und neue Programme über den Taskmanager gestartet. Ganz lässig eigentlich, aber mein Desktop hat mir dann doch irgendwann gefehlt.

Na gut, die Neuinstallation hat mit einem kleinen Schreck begonnen, aber den Exoten-Treiber, den ich verloren glaubte (nämlich ausgerechnet der Netzwerkkarte, ohne die man ihn auch nicht runterladen kann) hatte ich doch kürzlich auf CD gesichert. Und es hat fast den ganzen Tag gedauert, aber das lag mehr daran, dass ich mit einigen meiner Tools nicht mehr so recht zufrieden bin und ausführlich nach Alternativen gesucht habe. Jetzt also doch wieder Thunderbird. Eudora liegt mir ja besser in der Hand, kam aber mit den täglichen Mailmengen nicht zurecht. Und wie es aussieht, hat Picasa ACDSee völlig ersetzt. Malsehen. Die Firefox-Extensions sollten übrigens verboten werden – man kann Stunden verlieren, indem man sich einfach nur anschaut, was es alles gibt. – Warum die Soundkarte zwar abspielte, aber das Micro ignorierte, weiß ich jetzt auch. Glaube ich. Jetzt muss ich nur noch das Micro wiederfinden. – Was noch fehlt, ist ein gscheiter MP3-Player, iTunes ist längst zu fett geworden. Weiß jemand einen?

Eigentlich sollte es ja (endlich!) Linux werden, aber die Ubuntu-Variante, die ich wollte, hat sich seit Tagen nicht downloaden lassen. Downloadsite down, Mirrors fast down, Torrent gibt heiße 0,3kb/s – was bei 800MB dann doch etwas lange dauert. Was soll’s, dann eben demnächst – es tut ja nicht mehr weh.

Mein Desktop sieht jetzt übrigens so aus:

Unbenannt-1

sehr entspannend. (Aber wenn ich mein Google-PW verlieren würde, das wäre eine echte Katastrophe)

(Und dass ich mit dem Wetter-Einstieg eigentlich die Kurve zum Nobelpreis für Al Gore und von dort zu Doris Lessing kriegen wollte, vergess ich jetzt einfach. Sonst wird die Nacht zu kurz.)

Schwafelzeit

[Lest es als Podcast. Es sollte einer werden, aber abgesehen von meinen grundsätzlichen Bedenken – die ich vielleicht irgendwann näher ausführn werde – bin ich jetzt einfach zu müde, um das Ding auch noch einzuspielen.]

Ich bin ja immer noch sehr damit beschäftigt, meine neuen Linsen zu genießen. Klingt schon komisch, ist aber ganz normal. Ich trage meine Linsen anstatt der angegebenen 12 Monate meist um die 2 Jahre. Wie bei anderen Dingen vertraue ich auch dabei meinem Körper, in dem Fall genauer gesagt den Augen, die mir ihren Wunsch nach neuen Linsen mitteilen, indem sie vor der Schlafenszeit trocken werden. “Dailies” (die meine Fehlsichtigkeit nicht perfekt korrigieren, bei Verlust oder Beschädigung einer Langzeitlinse aber immer noch besser sind als Brillen) kann man auf diese Weise übrigens 7-10 Tage tragen. Nicht durchgehend natürlich, und nur, wenn man sie abends desinfiziert. Aber Linsen, die abends nicht desinfiziert werden, sind mir ohnehin suspekt.

Jedenfalls sind neue Linsen etwas ganz anderes als bis zur Trockenheitsgrenze getragene Linsen. Das ist ein bisschen schwer zu erklären, es ist nicht so, dass die alten irgendeinen merkbaren Qualitätsverlust zeigen (wie Trübheit oder Kratzer), sondern eher so, dass die neuen einfach merkbar neu sind. Dieses merkbar neue Sehgefühl erlaubt mir, auch die Welt irgendwie neu wahrzunehmen, die sich natürlich nicht verändert, wie sich auch mein Sehen nicht eigentlich verändert; trotzdem ist das Bild der Welt irgendwie… anders. So, dass ich gerne hinschaue, so, dass ich auch im Zug immer wieder aus meinem Buch hochschaue, um das große Weite draußen zu bewundern, aus keinem anderen Grund als dem: Dass es da ist.

Das Buch hat natürlich mein Aufmerksamkeitsdefizit nicht verdient, das Buch ist ganz wunderbar (Danke, Melody!). Da stehen so wundervolle Dinge drin wie:

[Anm: Wir befinden uns auf einer Taufe in einer orthodoxen Kathedrale]

Am eindrucksvollsten war jener Augenblick, als unter Anführung des Psalmenlesers die Paten mit den weißen Knüppeln der geschmückten Kerzen und die Patinnen mit den Kindern auf dem Arm eine Reihe bildeten, das Gesicht der weitgeöffneten Kirchentür zugewandt, hinter der man die glühend heiße Hafenstadt ahnte, mit ihren Museen, Minaretten, dem genuesischen Leuchtturm, dem Denkmal des großen römischen Dichters und Verbannten Publius Ovidius Naso, den archäologischen Grabungen an der Stelle, wo sich im Altertum die freie Stadt Tomi befand, die einst von milesischen Auwanderern gegründet wurde, mit dem Handelszentrum aus der Zeit der Konstantine, einem Platz, einem Markt und einem langgestreckten Kai dahinter, der den Namen des Ovid trägt und wo erst vor kurzem das Fragment eines gut erhaltenen Mosaiks gefunden wurde, ein Teil von einem Hermeskopf – das alles um einen riesigen Hafen, hinter dem das schwarze Meer – Pontus Euxinus – sich prächtig dehnte, dem der kleine rechteckige Hafen für kleinere Schiffe sich anschmiegte, vor dessen Einfahrt die schmuzigen Wellen drängten und auf der Stelle traten wie eine Herde Schafe vor dem engen Tor zum Pferch, als wollten sie die alarmierenden, schlecht formulierten Worte Ossips bestätigen, dass “die Prosa asymmetrisch ist, ihre Bewegungen – die Bewegungen der Wortmasse – Bewegungen einer Herde sind, kompliziert und rhythmisch in ihrerUnregelmäßigkeit; echte Prosa ist Zerstückelung, Dissonanz, Vielstimmigkeit, Kontrapunkt…” [Valentin Katajew: Kubik]

…und das trifft sich gut, an dieser Stelle muss man nämlich hochschauen und den Satz genießen, ihn quasi in der Landschaft zergehen lassen, ihn dann noch einmal lesen, diesen Satz (ja: es ist nur einer!), dann noch einmal, und die Leichtigkeit bewundern, mit der er (der Satz) sich aus dieser weihrauchdurchzogenen Kathedrale mogelt, in die “glühend heiße” Stadt hinein, wie er dort ein, zwei, drei Pirouetten dreht im Strudel der Zeiten, bis er zum Hafen kommt, tief die Salzluft einatmet, und mit einer letzten zarten Drehung die Kurve zur lyrischen Literaturwissenschaft nimmt. Das ist ganz einfach wunderbar; und dabei ist das noch nicht einmal die beste Stelle des Buches, es ist nur die, die mich (bis jetzt) am meisten berührt hat, weil im Moment des Lesens die Stadt ganz da war, die Sonne, das Licht und der Geruch des Salzwassers. Ja.

Früher einmal konnte ich in jedem Buch verschwinden, egal wie gut oder wie schlecht es war; konnte mir jeden fremden Blick zu eigen machen und in jedes noch so seltsame Leben schlüpfen. Vielleicht, weil ich es einfach viel notwendiger hatte, damals; heute bin ich eigentlich ganz zufrieden (und das ist nicht wirklich gut für mich): Ich greife nicht mehr nach jedem Strohhalm einer anderen Existenz; nur mehr nach den Besonderen. Natürlich ist das ein Fortschritt, objektiv betrachtet, nur subjektiv geht es mir besser, wenn mich etwas quält.

Nein, das muss ich jetzt nicht auflösen. Wie in der Überschrift schon angekündigt, schwafle ich ein bisschen. Mir ist danach.

Ein seltsames Bild (Bild!) heute, an der Straßenbahnhaltestelle, einer steigt aus, normal-jugendliche Großstadtkleidung, unter dem Arm einen Klapphocker und ein dickes Buch, in der Hand einen 6-Pack Bier. Assoziation dazu sofort Harry Rowohlt, der ja einmal gesagt haben soll: “Das Publikum hat ein Anrecht darauf mitzuerleben, wie der Referent sich zugrunde richtet.”. Also unwillkürlich den jungen Mann imaginiert, wie er seinen Klapphocker mit der blaugestreiften Sitzfläche aufklappt, sich darauf niederläßt, das erste Bier öffnet, einen langen Schluck nimmt, sein Buch aufschlägt und dem Publikum, nicht mehr als 10 oder 15 Leuten, vorzulesen beginnt, und wie er die Lesung erst enden lässt, wenn der 6-Pack leer ist. Sofort bei dieser Lesung dabei sein wollen.

Ein Buch, ja. Ein Buch mache ich auch gerade; davon wird hier vermutlich noch mehr die Rede sein, als euch lieb ist. Dabei auch immer im Hinterkopf, worauf das Publikum ein Anrecht hat, was man dem Publikum zumuten kann. Diese Gedanken natürlich im Widerstreit mit der Idee der “hehren Kunst”.

Oh, Entschuldigung. Jetzt war ich angenehmst abgelenkt von der Sendung ohne Namen und habe völlig den Faden verloren. Macht aber nichts; man kann es nach schrecklichen 10 Monaten ruhig wieder einmal sagen: Das Ding ist das feinste Fernsehformat seit langem, wie da Bilder, Gedanken und Sounds durcheinandergewürfelt werden: Phantastisch! Für sowas zahlt man gerne Fernsehgebühr. Sage ich. Romantisch.

Jedenfalls, die Sache mit dem Buch – meinem Buch! – hat mich gelehrt, dass bei jedem Projekt, das man ausbrütet, zumindest zwei Personen angehört werden sollen: Der kritische Geist, der alle Entscheidungen anzweifelt, und der Luftgeist, der alle Ideen unhinterfragt auf die Spitze treibt. Zwei solche Menschen in meiner geistigen Nähe zu haben, die sich gerne mit meinen Hirngespinsten beschäftigen, ist ein großes Glück. Mein großes Glück!

Schon wieder abgelenkt, übrigens. Die Cannes-Rolle. Ich meine, wenn man hier dauerhaft mitliest, könnte ja der Eindruck entstehen, ich würde Werbung hassen. Das ist natürlich vollkommen falsch. Ich hasse schlechte Werbung. Ich hasse Werbung, die täglich gehirnwäschemäßig wiederholt wird. Und ich hasse Werbung, die gute Musik mit den falschen Bildern zugrunde richtet. Aber Werbung kann auch eine Kunstform sein, vor allem (oder vielleicht sogar: ausschließlich) dann, wenn man sie nicht jeden Tag sehen muss. Es gibt witzig-witzige Werbung (hier fehlt der deutschen Sprache ein Wort wie “hilarious”), es gibt absurd-surreale Werbung, es gibt, so paradox das auch klingen mag, sozial wertvolle Werbung. Nur leider verdammt wenig davon. (Aber die wenigen sieht man dann eben in der Cannes-Rolle.)

Wie?

Na gut, dann hör ich jetzt auf zu schwafeln. Einfallen würd’ mir ja noch einiges, aber es ist schon null Uhr vierzehn – und morgen erwartet mich mein Steuerberater. Was mich übrigens daran erinnert, … ach nein, genug jetzt.

irrer trip

auf dem weg von hier nach anderswo die erste hälfte von Angst und Schrecken in Las Vegas gelesen, dann 10 stunden lang in einem studio einen völlig kaputten song aufgenommen, in dem ein altbekannter “rocker” erst den barden und dann den männerchor gab, auf 8 analogen bandmaschinen-spuren (die reichen mussten, weil der zweite tonkopf für die anderen 8 nicht mitspielen wollte – und die nur dank meiner mir selbst unerwarteten fingerfertigkeit tatsächlich reichten), dann noch selber die letzte halbe spur belegt und anschließend recht übergangslos wegen übermüdung ins bett gefallen; nach 5 1/2 stunden schlaf ein trip durch die baumärkte in st pölten und umgebung, wo ich mich ungefähr so angebracht fühlte wie ein stripgirl in einer puritanerkirche (und mitsamt meinem buntbehosten begleiter auch ähnlich erstaunte blicke erntete), schließlich auf dem weg zurück die andere hälfte des buches gelesen und aus einer inneren notwendigkeit heraus am westbahnhof trotz tiefhängender wolken die sonnebrille aufgesetzt; sehr aufrecht und mit überklarem blick nach hause geschritten: das war mindestens so seltsam, wie sich dieser verworrene satz liest, der jetzt dann doch irgendwann enden wird.

jetzt das bedürfnis, irgendetwas total verrücktes zu tun. dummerweise fällt mir gerade nichts ein.

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