Schlagwortwinter

Hurra, wir leben noch!

War aber nicht so richtig lustig, heute Nachmittag auf der Westautobahn.

Nicht im Bild: Eisregen, der blitzartig auf der Winschutzscheibe gefror (und nur durch vollest aufgedrehtes Heizgebläse schmelzbar war), Laster, die einander mit 10 km/h Geschwindigkeitsunterschied überholten und teils alle drei Spuren belegten, ungeräumte Streckenteile mit vereisten Schneestreifen zwischen den Fahrstreifen – und nicht zuletzt die nachsichtige Geduld des souveränen Lenkradhalters, wenn ich mich wieder einmal in akuter Todesangst verlor. Weiterlesen

Wo bleibt der Bernhardiner mit dem Rumfass?

Wo bleibt der Bernhardiner mit dem Rumfass?

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Kurze Sonnenrunde

Nach Tagen mit Nebel, Schneeregen und Finsternis hat sich die Sonne ins neue Jahr gewagt. Zeit für einen Spaziergang!

Auch der Rabe (?) blinzelt ungläubig ins große Blau.

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Staubige Reste der Festlichkeiten spiegeln Gegend und mich.

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Exotisch anziehende Farbenpracht am Naschmarkt

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Gespiegelte Lichtspiele

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Unter dem Jännerhimmel wirkt die Stadt besonders groß – und leer.

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Himmel mit Borte!

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Die Farben am Kanal grenzen an unwirklich.

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Die Öffentlichkeit muss draußen bleiben (und pinkeln)!

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Strahlende Trostlosigkeit in der nahegelegenen G’stättn.

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Licht und Schatten

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Zu weiß für mich.


Eis. Blumen?

Weißes Rauschen

Tagelang hat es geschneit. Gut, vielleicht waren es nur zwei Tage, vielleicht drei, aber es kommt viel länger vor: Immer dieser Blick zum Fenster hinaus, die Flocken, die immer gleich groß, immer gleich schräg vorbeifliegen. Ich schaue schnell weg, die Gleichförmigkeit des Treibens ist wie ein unangenehmes Kratzen auf meiner Haut. 43 Winter lang bin ich schon auf der Welt und hoffe trotzdem immer noch, dass er vielleicht einmal nicht kommt, der Kälteeinbruch, und der Schnee, und alles, was sonst noch dazugehört. Aber sie kommen nun einmal. Jedes Jahr.

Jetzt liegt er da, der Schnee, der nichts ist als ganz normales Wasser, festgeworden in einer höchst unangenehmen Temperatur. Wieder einmal stapfe ich mit unzulänglichen Schuhen durch die feindliche Masse, die Kindergartenkinder und Schi-Asse zu Begeisterungsstürmen hinreißt, und verfluche meine Vöglein-auf-dem-Feld-Mentalität, die mir vorgaukelt, der Kauf von Winterschuhen wäre völlig überflüssig, solange es nicht kalt ist. Zu den Dezember-Dingen, die noch schlimmer sind als der Schnee, gehört das Gedränge in den Einkaufs-Gegenden. Es ist die Fleischwerdung der Absurdität an sich, das Rennen und das Suchen und das kollektive Rempeln, das alles bewirkt, dass ich über einen flüchtigen Blick in die Schaufenster nicht hinauskomme. Keine Schuhe für die Chronistin.

Eine Pose wäre das, keine Neurose, höre ich innerlich den Herrn Sufi unken, und so unrecht hätte er damit nicht. Ich finde aber, dass ich mir in meinem Alter durchaus auch die eine oder andere demonstrative Pose erlauben darf, und manchmal vermute ich gar, dass eine frühere Kultivierung entsprechender Posen mir erlaubt hätte, rechtzeitig auch einmal wichtig zu sein, verdammtnochmal.

Solche Gedanken sind, gerade in einer Phase des persönlichen Jetztaber!, vielleicht nicht sehr produktiv, andererseits aber möglicherweise notwendig. Und auch ein Cartoon wie dieser (via Vorspeisenplatte) hat so gesehen nicht nur Kicher- sondern auch Philosophie-Potential.

Im zehenwärmenden Schneidersitz auf meinem rückenfreundlichen Bürostuhl bin ich etwas ratlos, wenn ich in die Zukunft blicke. Das ist nichts Neues, und es hat mich bislang noch nie gestört. Genaugenommen tut es das jetzt auch nicht. Es ist nur so, dass ich zunehmend das Gefühl habe, es sollte mich stören. Ich sollte einen Plan haben. Nein, das ist es auch nicht, ich habe ja einen Plan, ich habe zwei, drei, ich habe viele Pläne. Aber genau das ist der Haken, meint mein winterlich unterbeschäftigtes Über-Ich: Anstatt meiner vielen Pläne sollte ich doch bitte endlich einmal den Plan haben.

Sorry, can’t do. Das Leben bleibt spannend. Und der Schnee, der wird irgendwann auch wieder einmal schmelzen.

Baumzeichen

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Wien X

There's a message in there somewhere… Weiterlesen

Eis.

Eis

Ein bisschen ein Jammer

Es ist ein bisschen ein Jammer, wenn man an so einem Tag Überland fährt und nur die Handy-Cam zur Hand hat. Was war dieser Schattenwurf auf den Schneefeldern zart und weich! Was haben die frischen Reif-Kristalle auf den alten Schneefeldern geglitzert!

Immerhin aber sieht man, dass es weiß ist. und flach. Und die Sonne, die sieht man auch.

-16°

Starbucks geht irgendwie gar nicht

Und dabei war ich heute fest entschlossen. Caramel Macchiato lautet das Zauberwort, das sogar gestandene Globalisierungsgegner aus meinem Bekanntenkreis in die Filialen lockt und zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Ich wollte das Zeug endlich kosten. Und da ich schon mehrmals – erst fest entschlossen – dann doch wieder vorbeigegangen war, traf ich meine Vorbereitungen.

Der erste wichtige Punkt war, die Starbucks-Filiale an den Scheitelpunkt eines langen Spaziergangs zu setzen, so, dass das Wärmebedürfnis an diesem Punkt schon dominiert. Der zweite Punkt war ein kleines Büchlein in der kleinen Tasche, das ein alleiniges Verweilen in einem Lokal überhaupt erst unbeschwert möglich macht. Der dritte Punkt war der nachmittägliche Verzicht auf jeglichen Bürokaffee, um das Verlangen nach der Droge ins Unermessliche zu steigern.

Zum Thema “Spaziergang” sei kurz gesagt, dass ich weder in Pension gegangen bin noch mit dem Gedanken an die Anschaffung eines Dackels spiele, sondern einfach den Auftrag habe, mein Knie auch gehend wieder ausführlicher zu belasten. Da ich mein Knie ja wieder ganz haben will, befolge ich diese Empfehlung natürlich, in einem Schritt-Tempo, für die das Wort “spazieren” eigentlich deutlich zu gemütlich ist, wohingegen das Wort “powerwalking” nicht nur eine Spur zu schnell, sondern auch viel zu trendy ist. “Wandern” wäre meinem durchschnittlichen Tempo noch am ehesten angemessen, wird von mir aber als Wort abgelehnt, da es zu sehr nach Alm und Kniestrümpfen klingt. Vom Dackel mal ganz abgesehen.

Dass ich mir, um diese tägliche Stunde zu Fuss auch verläßlich durchzuhalten, sowohl eine neue Kamera (von der sicher noch die Rede sein wird) als auch ein neues, einstweilen noch theoretisches Netzprojekt zugelegt habe, sei als Teaser einmal erwähnt. Nun wieder zum Tag.

Ich plante also meine heutige Stadtwanderung im Hinblick auf die Starbucks-Filiale am Anfang (Ende?) der Kärntnerstraße, achtete darauf, dass ich unterwegs an einem gut sortierten Buchladen vorbeikam, und marschierte los. Es ließ sich gut an. Ich ging vor mich hin, machte ein paar Fotos, erreichte den Buchladen, wollte mich nicht zu lange aufhalten, wurde schnell auf eine nett aussehende Reihe kleiner Reise-Büchlein aufmerksam. Ich fühlte mich irgendwie slawisch, hatte aber Schwierigkeiten, mich literarisch zwischen Dubrovnik und Zagreb zu entscheiden und griff daher zu Marrakesch. Dann weiter.

Langsam wurde es dunkel. Ich war gespannt, was Hubert Fichte, André Heller, Elias Cannetti und all die anderen in dem Büchlein über Marrakesch zu sagen hatten. Ich hatte große Lust auf Kaffee, und es wurde langsam Zeit, meine fotogekühlten Finger irgendwo anzuwärmen. Und da war ja auch die Filiale. Mit hübschen, jungen Dingern, die in der Auslage saßen, als hätte man sie auf die stylishen Möbel hindekoriert. Mit dem Gebräu meiner Wünsche auf der Getränkeliste. Sogar mit einem freien Tisch irgendwo da hinten.

Ich war bereit und auf dem Weg zur Tür. Die Kärntnerstraße summte vor Späteinkäufern und Frühtouristen. Aber da war noch irgendetwas anderes. Leises. Schwebendes. Wie eine Melodie. Nein. Es war eine Melodie.

Ich ließ die zum Türgriff ausgestreckte Hand wieder sinken und folgte meinen Ohren. An der nächsten Straßenecke saß einer auf dem Boden, nicht ganz, er saß auf einer dünnen Decke. Er sah aus wie der mittlerweile allgegenwärtige Sandler, war auch so angezogen, und neben ihm saß ein struppiger dunkler Hund mit einem Hundecape, an dem ein rot pulsierendes Leuchtherz blinkte. Daneben eine saubergewaschene Chappi-Dose, für eventuelles Kleingeld. Und dieser abgerissene Typ saß mit seinem Hund auf der karierten Decke und spielte auf einer metallenen Flöte (nicht Querflöte) gerade eben die Melodie des Gefangenenchors aus Nabucco. Und es klang nicht nur schön und richtig, es klang, als wäre diese Melodie geschrieben worden, um genau jetzt genau hier auf einer metallenen Flöte gespielt zu werden.

Ich drückte mich an den Schaufenstern der Umgebung entlang, bis er zum Thema des Kolumbus-Films wechselte, und dann drückte ich mich nicht mehr, sondern setzte mich an den sauberen Rand einer der Kärntnerstraßen-Bänke und hörte mir auch noch Peer Gynt an, bis es einfach wirklich zu kalt wurde und ich ging, nicht ohne mein gesamtes Kleingeld in die Chappidose gelegt zu haben. Der Flötist schenkte mir ein Lächeln im Atemholen, und ich nickte freundlich zum Abschied. Der Hund zuckte mit keiner Pfote.

Einen Moment lang erschien mir meine Geste gar zu großzügig, bis ich mich erinnerte, auf dem Weg auch darüber nachgedacht zu haben, ob die 3 Euro irgendwas wohl für den Strabucks-Besuch ausreichen würden oder ob ich dafür meinen nagelneuen Hunderter anreißen müsste. Daraufhin ging ich hoch erhobenen Wiener Hauptes an der Starbucks-Filiale vorbei und dachte, dass ich den Karamel-Kaffee vielleicht irgendwann in irgendeiner anderen Stadt probieren würde, aber ganz bestimmt nicht heute und hier.

Weil ich aber immer noch Kaffeedurst und Buchhunger hatte, ließ ich mich auf dem Heimweg ins Wortner fallen und trank dort einen klassischen großen Schwarzen, der mir von einem distinguiert-freundlichen Kellner serviert wurde, dem zum Original-Wiener Kaffehauskellner nur die unverkennbar grantelnde Note fehlte.

Ich nahm mein Büchlein aus der Tasche, öffnete es an einer zufälligen Stelle, las:

Was ist – gemessen an der Größe und Weite des Wortes – die Arbeit eines Handlangers, in der Werkstatt des Schneiders, der den Ruf hat, gute Arbeit zu leisten?
Sie ist Lebensfülle eines Menschen, der das Los “Mensch” erträgt, der bereit ist, alle Augenblicke den Untergang, alle Augenblicke den Aufgang zu erleben und zu erleiden.
Warum zweifeln an der Bestimmung im Leben oder zweifeln gar am Wort? [Hans Werner Geerdts, Die Schneiderwerkstatt]

Ich hob die Mokkatasse, kostete den bitteren Schwarzen, schaute um mich durch das gut gemischt besuchte Cafe und zweifelte weder an der Bestimmung im Leben noch am Wort, sondern bezweifelte nur, dass der gleiche Satz im Starbucks auf der Kärntnerstraße ebenso gut bei mir angekommen wäre.

Auszeit

Mit der Kaffetasse in beiden Händen dasitzen und zusehen, wie die Sonne ums Eck kommt und langsam, Zentimeter für Zentimeter, die Eisblumen an den Außenfenstern schmilzt.

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