Schlagwortwundersam

Meidlinger Botschaften

2 Tage Sommer

Tag und Nacht verschwimmen ineinander, genau so wie die Körperwärme mit der Luftwärme verschwimmt. Schlaf und Wachsein unterscheiden sich kaum voneinander. Dieses Glücksgefühl, und: gleichzeitig die Verzweiflung, weil man -ich- mehr daraus machen können müsste. Nur was? Darf das Glück nicht sich selbst genügen?

2 Tage nur. Morgen soll der Regen kommen.

 

Die Chronistin wundert sich

Da steht in der History-Leiste ein harmloser Eintrag, den ich noch halb erinnere, die Bahnhofshallenstressminderung. Und dort finde ich dann, vom 26. Oktober 2002, über den Westbahnhof den verblüffenden Satz:

Neuerdings gibts hier Nescafe in Pappbechern zu kaufen.

Ich hätt schwören können, dass es schon immer das wichtigste Bahnhofsritual war, sich diesen Becher Kaffee mit auf den Bahnsteig zu nehmen. Und ich kann mich absolut nicht erinnern, welchen flüssigen Proviant ich vor dieser offenbar revolutionären Neuerung mit zum Zug genommen habe.

Wunderbar

Ein Satz klingt nach. “Es ist so wunderbar, am Leben zu sein. Weißt Du das?” – Ich weiß, und wie ich es weiß. Ein bisschen anders vielleicht als jemand anders es weiß. Das gehört zum Mensch-Sein. Das ist auch ganz richtig so.

Dieses irritierende Gefühl intensiver Lebendigkeit. Die Mauern abgerissen, die Scheiben eingeschlagen. Den inneren und äußeren Elementen unmittelbar ausgesetzt, ganz und gar freiwillig. Weich. Es fällt schwer, mit meinem neuen alten ich umzugehen. Wunderbar schwer in altvertrauter Leichtigkeit. Den Widerspruch atmen, Grenzen überschreiten, die eigenen Unsicherheiten annehmen, genießen vielleicht gar.

Höhen und Tiefen. Jemand lacht, als ich sage, ich habe nichts zustande gebracht in letzter Zeit. “Du hast ein Buch zustande gebracht”, lacht er, “und die CD dazu ist auch fast fertig. Trotz allem. In diesem Jahr.”

Verdammt, ja.

Es ist so unglaublich wunderbar, am Leben zu sein.

Alltagsgeschichten

Geträumt, ich wäre stundenlang wachgelegen. Danach vom eigenen Schnarchen aufgewacht. Das Schnarchen klang seltsam sanft und kam nicht aus dem Hals, der mir sonst immer weh tut, wenn ich schnarche (meist in Schnupfenzeiten), sondern von den Lippen, die ich seltsam geschürzt hatte, wie ein Karpfen ungefähr. Immerhin ausgeschlafen beim Erwachen, wenn auch irritiert von der Einfallslosigkeit meines Unterbewusstseins. Davor schon in langen, leeren Straßen herumgelaufen, in geschäftigen Fabrikshallen, in strahlend neuen Hochhäusern, immer mit alltäglichen Aufgaben, einen Brief abholen, einen USB-Stick irgendwohin bringen, schließlich in einer Wohnung, die wohl mir gehörte, die Wäsche aufgehängt. Nichts Interessantes, nichts Aufregendes. Ob nun die nächtliche Langeweile an zuviel oder zu wenig wahrhaftigem Alltag liegt, kann ich auch nicht sagen. Für alle Fälle die Routine etwas umgestellt, vor dem Frühstück geduscht, das Joghurt nach dem Toast gegessen, für den Kaffee eine Tasse gewählt, die sonst im Schrank bleibt. So. Jetzt aber. Sonntagsarbeit.

Floppy-di-Flop

Als mir der Herr Sufi heute diesen Link schickte, konnte ich zu jedem Satz nur nicken, oder doch zu fast jedem (ich kann mich nämlich nicht erinnern, unter XP jemals Disketten gebraucht zu haben). Besonders laut genickt habe ich aber zum letzten Satz: Ich weine dem Scheissding keine Träne nach.

Aber Erinnerungen werden wach. Reichlich.

Als ich seinerzeit, und das ist jetzt wirklich schon fast 20 Jahre her, für die Österreich-Vertretung einer bekannten Antiviren-Software gearbeitet habe, gab’s Updates alle 6 Wochen. Die wurden per Post ausgeliefert. Auf Diskette. Und weil die damals erhältlichen Mehrfach-Disketten-Kopiergeräte teurer waren als billige Arbeitskraft, saßen wir da und haben kopiert. Diskette rein, klack-a-di-klack-a-di-Klack, ewig hat das gedauert, dann Diskette raus, nächste rein, Label drauf. Und später den Diskettenstapel Scheibe für Scheibe in Kuverts versackt. My-Oh-My. Nachtschicht für Nachtschicht. Immerhin konnte man sich gut unterhalten dabei.

Und als dann erst die 3,5-Zoll-Disks aufkamen, man sollte kaum glauben, wie viele Kunden denn nun keine Ahnung hatten, welches Laufwek sie eigentlich haben. Da kam 3 Tage nach der Kopier-Orgie nochmals das Umsacken und Neuversenden dazu. Hachja. Es war fast wie in einem Handarbeitsclub.

Unendlich aufregend dagegen mein erstes gekauftes Computerspiel. Ich hab’s aus den USA bestellt. 2 Wochen Lieferzeit, und eine von den 3 Disks war defekt. Nach weiteren 4 Wochen konnte ich es endlich installieren. Es war ein Jump’nRun mit einem grünen Helden mit Gecko-Klebe-Füßen. Der war süß! Wenn ich noch wüßte, wie er heißt, ich würd glatt schauen, ob’s das irgendwo zum Download gibt. Aus reiner Nostalgie.

Irgendwann habe ich ein Corel-Draw-Paket gewonnen. 35 Disketten. Einmal installieren, und der Nachmittag war hinüber. Aber Hej, sie haben alle funktioniert!

Meine immer noch geliebte Sony TRV-900 (Videokamera) kam 2000 mit einem externen Diskettenlaufwerk mit PCMCIA-Anschluss, auf das man Stills abspeichern konnte. Ein Wunder der Technik war das, damals. In irgendeiner Kiste kugelt das Ding noch herum, mittlerweile doppelt obsolet: Floppy? PCMCIA? Vielleicht sollt’ ich ein Technikmuseum kontaktieren (einen 16MB Memory Stick der ersten Generation hätt’ ich übrigens auch noch).

Großes Erstaunen überkam mich allerdings letzte Woche, als ich erstmals in meinen neuen PC kroch. Die 300GB-Platte aus dem alten ist irgendwie doch zu schade zum wegschmeißen, also warum nicht einfach reinhängen? – Dummerweise erwies sich der Anschluss, den ich im Schatten des riesigen Prozessorlüfters als IDE identifiziert zu haben glaubte, im Licht der Taschenlampe als FDD. Daneben übrigens die IDE-Lötstellen, aber ohne Steckplatz. Das hat mich echt ins Grübeln gebracht. Denkt da tatsächlich irgendjemand, ein Floppy-Laufwerk sei unverzichtbarer als ein IDE-Port? Im Jahr 2008?

Ja, und nein, oder: Ich weiß nicht!

Es gibt so Sachen, da muss ich zugeben: Ich bin nicht so richtig konsequent. Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte von der ILA, zu der mich ein paar entsetzte Mails erreichten, ungefähr mit dem Inhalt: “Wie kannst du dich nur so kritiklos an Kriegsgerät begeistern?” – Das verstehe ich durchaus als berechtigte Kritik an meiner punktuellen Kritiklosigkeit, die ich weder guten Gewissens verteidigen noch wenigstens sauber wegargumentieren kann. Die Mailschreiber haben recht, als bekennende Pazifistin darf man eigentlich keine Freude haben an einem kriegerischen Stahlungetüm wie zum Beispiel dem Eurofighter. Hab ich aber. Der Donnervogel (und die anderen aus derselben Kategorie) zeigen sich halt in dem Moment, in dem sie ihre Rollen und Loopings und Überflüge zeigen, nicht als todbringendes Kriegsgerät, sondern als geiles, lautes, stählernes Spielzeug. Und ebenso sicher, wie ich immer noch gegen jede Kampfhandlung auf die Straße gehen würde, habe ich an so einer Vorführung mindestens ebenso viel Spass wie an einem erstklassigen Rockkonzert. Ist nicht logisch. Kann ich nicht erklären. Ist aber so.

Ähnlich verhält es sich mit der Türkei-Fussball-Geschichte. “Wie kannst du so ein nationalistisches Event so niedlich wiedergeben?” fragt eine Freundin, offline. Ja, wie kann ich? Wir haben schön gefeiert, mit unseren momentanen türkischen Freunden. Ich hatte eine nicht ganz so angenehme Gänsehaut, als das eine Grüppchen mit begeisterten “Allah, Allah”-Rufen vorbeimarschierte, aber da haben etliche Halbmondfahnenträger rund um mich genau so mit dem Kopf geschüttelt wie ich selbst.

Ich weiß halt auch nicht. Spass ist Spass, und Ernst ist Ernst – das ist wohl der Kernpunkt bei solchen Geschichten. Als andere wäre dogmatisch, und das gefällt mir ja nun auch wieder nicht.

Die Zeit und die Technik

Nun ist es ja kein Geheimnis, dass in dieser Nacht die Sommerzeit wieder über uns gekommen ist. zum Glück. Ich mag’s, wenn’s länger hell bleibt.Ich bin allerdings ein Mensch, der seine Uhren nicht vor dem Schlafengehen umstellt, sondern irgendwann im Lauf des darauffolgenden Sonntags. Ich hab das Gefühl, dass mir die “verlorene” Stunde dann weniger fehlt. Daher war ich eben völlig verblüfft, als meine Uhr völlig unvermittelt 3:30 anzeigte.

Äh? Eben war es doch noch 5 nach 2… – Ein Wurmloch? Unbewusst eingenommene Drogen? Vorzeitige Altersverwirrung?

– Nichts von alledem. Irgendwann im letzten halben Jahr hat ein Funkwecker den Weg in meinen Haushalt gefunden. Und der zeigt nunmal unbestechlich die Standardzeit an. Ah ja.

Interessant…

Deutsche koksen ungeahnte Mengen. Die (un)passenden Witze spar ich mir jetzt.

Die Sache mit dem Selbstbild

Ich kann ja, je nach Situation und wann immer es mir praktisch erscheint, ganz gut mit der nächstbesten Wand verschmelzen.  Das hat mit einer Vielzahl von un- oder halbbewussten Techniken zu tun, die ich in (früh-)kindlichen Zeiten adaptiert habe, als es das Leben deutlich erleichtert hat, wenn die Menschen rundum nicht genau wussten, wann ich wo dabei gewesen bin, und was ich wo gehört oder auch gesagt haben könnte.

Andererseits bin ich, wie der Sufi sagen würde, ein Zirkuspferd (mir persönlich gefiele eine Anspielung auf mein chinesisches Feuerpferd-Zeichen besser, aber man muss es nehmen, wie es kommt) und ganz einfach jederzeit voll da und präsent, wenn es passt und von Vorteil sein könnte.

Mit daraus resultierenden Schizophrenie zwischen Mauerblümchen und Evening-Star kann ich nicht nur gut leben – ich halte sie sogar für unverzichtbar im Rahmen meiner geistigen Gesundheit. Auch wenn es manche Menschen immer wieder einmal irritiert.

Was mich selbst allerdings unsäglich irritiert, ist wenn es mal umgekehrt kommt. Wenn sich jemand, mit dem ich ein lay-low-Allerweltsgespräch geführt habe, noch Monate später an jedes Wort erinnert. Das irritiert mich nicht nur, das erschreckt mich; sowohl in meiner Eigenschaft als Chronistin (die sich ja eigentlich an Dinge erinnert, an die sich sonst niemand erinnert), als auch in der Eigenschaft als Selbstdarstellerin (die sich einbildet, ein Recht darauf zu haben zu bestimmen, wann sie wahrgenommen wird und wann nicht).

Andererseits natürlich hat der Mensch am anderen Ende der Kommunikation ein mindestens ebenso legitimes Recht, zu bestimmen, was er oder sie sich wann bzw wie lange merkt – und was nicht.

[Falls sich jetzt jemand fragt, worauf ich damit rauswill: Das ist ein Fragment zu meiner Theorie über den Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Existenz, eine Theorie, über die ich irgendwann einmal ein Buch zu schreiben beabsichtige, das die Fachwelt erschüttert.] [Ich hoffe nur, alle meine Leser haben den Ironiedetektor justiert.]

Öffentlicher Verkehr

Ich habe mich seit früher Kindheit mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegt als mit den diversen familieneigenen Autos. Ich habe grundsätzlich überhaupt kein Problem damit, zu einer Haltestelle oder einem Bahnhof zu gehen, mich dem Fahrplan anzupassen (den zu lesen ich in den seltsamsten Sprachen gelernt habe), oder auch mal ein bisschen zu warten oder mit einer Verspätung zu leben, die ohnehin selten mehr als ein paar Minuten beträgt. Die Öffentlichen, zumindest hier in Österreich, sind deutlich besser als ihr Ruf.

Umso weniger verstehe ich das Entsetzen meiner offenbar bis zur Gehirnwäsche autogeschädigten Freunde und Bekannten. Spricht man ein simples “Ich geh dann zum Bahnhof” oder “Ich komm dann mit dem Bus nach” aus, weiten sich die Pupillen, hektisches Überlegen setzt ein, der oder die Angesprochene bietet in der Regel sofort an, sich selber ins Auto zu setzen um einen ans Ziel zu bringen oder beginnt zumindest hektisch im Handy nach einer Alternative zu suchen. Ich kenne mittlerweile die Symptome der übertragenen Auto-Verlustangst und beeile mich, ein “Ich fahre gern mit dem Zug/Bus” hinzuzufügen. Die Reaktionen reichen von simplem Unglauben bis zur lauthalsen Erklärung, ich müsse “vollkommen wahnsinnig sein” oder zumindest “viel zu viel Zeit haben”.

Das mit der Zeit ist aber so eine Sache. Gerade, wenn es mir wichtig ist, pünktlich irgendwohin zu kommen, lehne ich nach Möglichkeit jede angebotene Mitfahrgelegenheit vehement ab. Der begeisterte Autofahrer kommt nämlich fast immer zu spät. Mit einem beruhigenden “fahr ich dann halt ein bisschen schneller” gönnt er sich “noch 10 Minuten Ruhe” vor der Abfahrt, muss unterwegs hier noch etwas erledigen, dort einen neuen Schleichweg ausprobieren – und das sind nur die psychologischen Gründe. Jeder Stau – auch und besonders der am Freitagnachmittag auf den Ausfallstraßen – kommt völlig überraschend, “diese Umleitung war aber gestern nicht da”, und nein, der Fahrer hatte natürlich bisher noch nie Probleme, in der Hauptgeschäftszeit auf der Mariahilferstraße einen Parkplatz zu finden.

Die angeblich verlorene Zeit kann ich im Zug auch nutzen, wenn ich sie brauche – im Gegensatz zum Autofahrer, der seine Aufmerksamkeit auf die Straße zu richten hat. Muss ich nicht arbeiten, lese ich auch lieber im Zug ein Buch, als mir im Auto ein Hörbuch anzuhören, oder ich höre Musik, lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen und entspanne mich, anstatt mich hektisch über den “langsamen Trottel da vorne”, den “Idioten, der keinen Blinker hat”, den “Sonntagsfahrer mit Hut” oder die “typische Frau am Steuer” zu echauffieren.

Ehrlich, es lebt sich ziemlich gut ohne Auto. (Obwohl ich ja jetzt eigentlich eines habe, aber das ist eine andere Geschichte…) Autos sind praktisch, wenn man etwas Großes zu transportieren hat, wenn man für eine 5-köpfige Familie einkaufen muss oder wenn man sich für einen Campingurlaub entscheidet. Autos machen Spass, wenn man an einem Sommersonntag über wenigbefahrene Landstraßen cruisen kann und nach Lust und Laune mal hier eine Wiese, mal dort ein Gasthaus testen will (vorausgesetzte man schafft es, für diese Zeit sein ökologisches Gewissen abzuschalten). Im Alltag aber sind Autos Mühsal und Plage, und ich kann einfach nicht verstehen, dass manche Menschen lieber freiwillig Tag für Tag in die Arbeit stauen, als sich gemütlich in den Zug oder in die S-Bahn zu setzen. Und billiger ist das Autofahren, zumindest übers Jahr gerechnet, ganz bestimmt auch nicht.

Ausgelöst wurde diese Grundsatzerklärung übrigens von dem völlig entsetzten Gesichtsausdruck meines autofahrenden Zug-Zubringers heute, als der Bahnhofsvorsteher mich darauf aufmerksam machte, dass ein Teil der Strecke als Schienenersatzverkehr geführt wird – man muss also an einem Bahnhof in den Bus umsteigen, und an einem anderen wieder zurück in den Zug. So what? Mein Gepäck bestand aus einem Rucksack, der außer einer Mappe mit meinen Texten gerade Mal noch einen Pullover, ein Buch und ein Getränk enthielt, außer dem immer präsenten “Überlebenspack” (Taschenmesser, Block, Kugelschreiber, Handy und Geldtasche). So umsteigen tut nicht weh, wirklich nicht.

Erinnert hat mich das auch an eine Freundin von mir, die leicht außerhalb wohnte (und vielleicht noch wohnt, ich habe sie länger nicht mehr gesehen). Als ich mich nach dem ersten Besuch mit den Worten “Ich geh dann Mal zum Zug” (keine 10 Minuten bis zum Bahnhof) verabschieden wollte, redete sie so lange intensiv und überzeugt auf mich ein, sie würde mich natürlich zum Bahnhof fahren, bis ich zustimmte. Ich hatte das Gefühl, sie wäre sonst beleidigt. Bei mehreren Besuchen mit mehreren Diskussionen spielte sich das dann ein. Es schien ihr wichtig zu sein, mich zum Bahnhof zu fahren, und ich wehrte mich nicht mehr, obwohl ich so einen Spaziergang eigentlich genieße. Irgendwann dann saßen wir mit mehreren Leuten bei ihr auf der Terrasse, und ich sprach vor meinem Aufbruch zum Zug über mein glücklich autofreies Leben – worauf sie zynisch meinte “Eh klar, weil du immer einen Trottel findest, der dich herumführt, wenn’s nötig ist – so wie mich jetzt”.

Ich verzichtete darauf, das weiter zu diskutieren, und habe sie einfach nicht mehr besucht. Überzeugte Autofahrer sind ein unlogisches Volk.

Zugsplitter

Dass die ÖBB mittlerweile auch in den 2.-Klasse-Abteilen normale 230V-Steckdosen anbieten, finde ich gut. Obwohl es mir auch für die samstägliche Zugfahrt die Ausrede nimmt “Habe vergessen, mein Handy aufzuladen”. Aber das Handy kann man auf Vibrationsalarm stellen, dann die Mp3-Player-Stöpsel ins Ohr, die von der Bahn ziehen die Landschaft vorbei, und schon hat man einen Spielfilm.

Dass es in der ersten Klasse jetzt auch gratis-Orangensaft gibt für Businessreisende, lese ich im Zugbegleiter, und frage mich, wo das mobile WLAN bleibt.

Obwohl die Fenster längst nicht mehr aufgehen und der Kaffee um nichts besser geworden ist, gilt noch, was ich immer schon gesagt habe: Alleine die Bewegung des Zuges macht mich zufrieden und froh, läßt den Alltag von mir abfallen, gaukelt mir eine Beständigkeit vom Hier im Jetzt vor, die im Rest meines Lebens Ihresgleichen sucht.

Aber müde bin ich, viel zu wenig Schlaf, daher bin ich froh, dass das Abteil ab Wiener Neustadt mir allein gehört. Genaugenommen bin ich zuerst einmal froh, dass es hier noch Züge mit Abteilen gibt. Großraumwaggons sind wie Großraumbüros, modern, oft sogar freundlich; aber gemütlich sind sie nicht.

Ich greife unter mich und siehe da: Die Sitze lassen sich noch ausziehen. Ich knöpfe die Kapuze von meiner schwarzen Daunenjacke ab, ein wunderbarer Kopfpolster, und breite den Rest der Jacke über meine Füße. Der Zug ruckt an, Schwellenrhythmus, der Eisenbahn-Blues, schon döse ich, vielleicht bin ich sogar ganz eingeschlafen, als plötzlich die Tür aufgeht.

Taste reflexartig nach Handy und MP3-Player, beides noch da, werfe dabei die Zigaretten runter, fluche halblaut, schaue zur Tür. Dort ein optisch androgynes Wesen, das ein taxierenden Blick auf mich und die Situation wirft, danach Handy, MP3-Player und Zigaretten aus der Jackentasche nimmt, die Sachen neben sich auf den Sitz legt, die schwarze Daunenjacke ablegt, den Sitz auszieht und es sich in einer ähnlichen Position wie ich bequem macht. Mit der Jacke über den Füßen.

Fast ein Spiegelbild, wenn sie (dass sie eine Sie ist, weiss ich erst etliche Kilometer später) nicht mindestens zehn Jahre jünger gewesen wäre als ich. Ehrlichgesagt eher noch ein paar Jahre mehr.

Ich reibe mir die Augen, und bevor ich wieder einschlafe, klingelt mein Handy. Sie funkelt ein wenig irritiert herüber, aber noch bevor der erste Semmeringtunnel mein Gespräch auslöscht, klingelt auch ihres.

Danach schweben wir durch die Landschaft zwischen Handy, Rauchschwaden und MP3s. Der Sufi, als ich ihm später davon erzähl, will wissen, wo sie herkam und wo sie hinwollte; keine Ahnung, sage ich. “Habt ihr denn nicht geredet?” – Ich spar mir die Antwort, es ist zu offensichtlich. Auch das ein Teil des Spiegelbilds.

[Erst viel später fällt mir dieser Blogeintrag ein, wo immer das auch war, wo jemand hinterfragt hat, wie alt man denn sein dürfte, bevor ein MP3-Player lächerlich wirkt. Heyia, habe ich damals schon kommentiert, ich trage das Ding wegen der Musik mit mir herum, nicht wegen der Coolness. Aber das wiederum konnte ja die coole Tante nicht wissen.]

Die halbe Stunde Aufenthalt in Graz reicht jedenfalls, um beim Sorger ein Käsestangerl und ein Topfentascherl zu besorgen; wo ist jetzt dieser Artikel, der schlüssig erklärt, warum es in Graz deutlich bessere Bäckereiwaren gibt als in Wien? – Verschwunden in den Tiefen des Internets.

Von Graz aus weiter im Regionalzug, der weder Steckdosen noch ausziehbare Sitze bietet. Dafür mit Emmylou Harris im Ohr, die bei entsprechender Lautstärke auch die schwerst pubertierenden HTL-Schüler verläßlich aus meiner Wahrnehmung ausschließt.

Alles außer mir steigt in Leibnitz aus. Ich dagegen, ich steige erst in Spielfeld um. Oder versuche es zumindest. Wo denn der Bus nach Radkersburg abfährt, frage ich den rotbekappten Bahnbeamten. “Heute gar nicht” ist die entmutigende Antwort.

Da hilft mir mein ganzer fein säuberlich im Internet (mit dem richtigen Datum) recherchierter Plan nichts: Auch auf dem angeschlagenen Fahrplan steht der Bus heute nicht drauf. “Das ist, weil der Samstag bei uns nicht als Schultag gilt”, sagt Rotkäppchen und fügt mutig hinzu “Zu unserer Zeit war das noch anders.” Was ich durchaus als Kompliment gelten lasse: Auch er ist deutlich jünger als ich.

Da ich nicht 2 Stunden am Bahnhof rumsitzen will, organisiere ich mobiltelefonische Transportalternativen und sitze dann, weil drin das Rauchen verboten ist, draußen vor dem Bahnhof. Als 3 Minuten später der angeblich nichtexistente Bus einfährt, staune ich nicht schlecht. Immerhin spricht es für die Spielfelder, dass Rotkäppchen atemlos angelaufen kommt, damit ich den unerwarteten Anschluss nicht doch noch versäume.

Aber mittlerweile warte ich auf meinen privaten Transport, der auch spontan funktioniert, und die Bundesbahnen, die treffe ich erst am Sonntagabend wieder.


Ich eile also zum 21:45er nach Bruck/Mur, mit Umsteigemöglichkeit nach Wien. Gerne hätte ich noch Proviant eingekauft, allein: Es gibt keinen. Sonntags kurz nach halb 10 haben am Grazer Hauptbahnhof sowohl die Pizzeria als auch der McDonalds die Jalousien bereits heruntergelassen.

Ich bin entsetzt. Was vermutlich verständlich wäre. Genau so verständlicherweise hätte ich mir aber vermutlich sparen sollen, dem Sufi am Telefon lauthals von dieser Unannehmlichkeit zu erzählen. Sagen zumindest die Blicke der Mitreisenden.

Dass der Mann auf der anderen Seite des Mittelgangs nicht in irgendeinem Buch liest, sondern mit lautlos sich bewegenden Lippen den Koran studiert, merke ich erst, als ich aufgehört habe zu telefonieren. Das ist auch ein bisschen ein komisches Gefühl. Zuerst ein Impuls, aufzustehen und mir einen anderen Platz zu suchen, um ihn mit meinem aus reinem Trotz gekauftes Bier (wenn ich schon nix zu essen kriege, will ich wenigstens was zu saufen) nicht in seiner Andacht zu stören. Dann der Gedanke, dass er ja nicht wissen kann, dass ich aus Rücksicht aufstehe, dass er es, im Gegenteil, als Beleidigung auffassen könnte. Ob ich nicht vielleicht Bier wie MP3-Player besser rücksichtsvoll in der Tasche ließe?

Dazwischen ein Quasi-Control-Check in mir selbst. Ist das jetzt positivistischer Rassismus? Nein, stelle ich fest, säße da drüben jetzt eine Nonne, die ihren Rosenkranz betet, würde ich mich genau so seltsam deplaziert fühlen.

Ich denke an den Menschen, der mir vor nicht allzu vielen Jahren erklärt hat “du denkst zu viel”, ich denke an den Baum, ich denke an den Sufi, der seine Kreise nie von so etwas stören ließe: Stopfe mir die Kopfhörer in die Ohren, mache mein Bier auf und hänge lässig in dem Zug-Sessel, wie ich es normalerweise sowieso tun würde, nur dass es plötzlich auf unerwartet unangenehme Weise auch eine Pose ist.

Mein peripheres Sehvermögen ist trainiert genug, um zu bestätigen, dass der Koranleser soweit keine Notiz von mir nimmt. Entspannter schaue ich in die Dunkelheit jenseits des Fensterscheibenspiegels, Lichter huschen vorbei, vierzig Minuten bis Bruck an der Mur (“In Bruck an der Mur gibt’s Dodeln g’nua, In Bruck an der Leitha san’s a ned vü gscheida” tönt die Geisterstimme meines Großvaters mitten in die E-Gitarre von Jimi Hendrix); erst als ich in der Spiegelscheibe dem Blick des Koranlesers begegne, wird mir seine Anwesenheit wieder bewusst, und natürlich ist es nur ein gespiegelter Blick in einer schmutzigen Scheibe, aber einen Augenblick lang lese ich Angst in diesen Augen. Warum? Wovor? Vermutlich nur unbegründete Einbildung.

Trotzdem atme ich freier, als er aussteigt, an irgendeiner dieser Regionalzugstationen. Wie sich der Zug überhaupt leert, von Station zu Station. In Bruck hetzen eine andere Frau und ich zu zweit zum Anschluss nach Wien, der schon da steht und – wie der Lautsprecher verkündet – entlang der Strecke nirgends mehr stehen bleiben wird. Das hat es in meinem Bahn-Universum auch noch nicht gegeben. Natürlich mag es einen Geschwindigkeitsvorteil bringen, aber ganz ehrlich, was ist so eine Zugfahrt, wenn man nicht beim 5-Minuten-Halt in Mürzzuschlag das Fenster öffnen und tief die Bergluft einatmen kann? – Egal, die Fenster gehen ohnehin nicht mehr auf.

Ich zeige dem herbeieilenden Schaffner mein Ticket und befrage ihn nach diesem seltsam stationslosen Zug. Ja, meint der, der fährt halt seit ein paar Jahren immer sonntagabends von Villach nach Wien. Der Mitreisende im Abteil widerspricht, jeden Abend fahre dieser Zug, die beiden diskutieren das relativ basisdemokratisch, während meine Aufmerksamkeit sich schon dem näherkommenden Buffetwagen widmet: Endlich etwas gegen den Hunger, wenn es auch nur die typisch klebrigen Bundesbahnsandwiches sind. Und, warum nicht, gerne ein zweites Bier dazu. Der Mitreisende nimmt auch ein Bier, und ich unterdrücke den Impuls, der Frau vom Brucker Bahnhof, die nach einem Irrweg durch den weitgehend rauchfreien Zug auch in ausgerechnet dieses Abteil gefunden hat, aus seltsamer Solidarität auch eines anzubieten.

Aus dem Verhalten der Frau rührt übrigens der Eintrag mit den ungeschriebenen Gesetzen, denn da in dem 6-sitzigen Abteil, schematisch:

. . .

. . .

…der bereits vorhandene Typ (t) und ich (i)  unsere Plätze bereits eingenommen haben, wie folgt…

t . .

. . i

…hätte sie (s) eigentlich (den ungeschriebenen Bahnreise-Gesetzen zufolge) einen der mittleren Plätze nehmen müssen, also entweder:

t s .

. . i

oder:

t . .

. s i

Stattdessen setzt sie sich ans Fenster gegenüber des Typen (t), also sitzen wir so:

t . .

s . i

Nicht-Bahnreisende mögen das durchaus pingelig finden, der Typ (t) und ich (i) wechseln aber einen Blick mit hochgezogenen Brauen, der beidseitig ungläubiges Erstaunen ausdrückt – ein Gefühl, das sich – zumindest bei mir – relativiert, als sie ihren MP3-Player aus der Tasche nimmt und ihn sofort an die nur am Fenster verfügbare Steckdose anschließt.

Dass ich ihr, entgegen meinem ursprünglichen Impuls, kein Bier angeboten habe, tut mir ein bisschen leid, während mir der Gedanke gleichzeitig ein bisschen peinlich ist; beides aber nur ungefähr 3 Minuten lang: dann nimmt sie eine Dose aus ihrem Rucksack, und der unausgesprochene Kreis ist geschlossen. Sie pflopft sich sofort die Ohrhörer in die Gehörgänge, während ich damit warte, bis ich mein Sandwich vernichtet habe. Dann trägt Grandaddy mich über den Semmering.

Weil es draußen zu dunkel ist, um still in die Landschaft zu träumen, nehme ich mein Notizbuch aus der Tasche und notiere dies und das, mit Füllfeder auf Papier, und schließlich:

Vielleicht der stärkste Flashback von allen: Das Schreiben im Zug. Wie die Hand mit der Füllfeder das “Schwimmen” auf den Gleisen antizipiert, ausgleicht. Das macht mich auf unerwartet vertraute Art zufrieden mit dem Moment, ja sogar mit mir.

Und später dann noch:

Wie der stille Alte uns beide wahrnimmt, frage ich mich, zwei halbwegs weibliche Wesen, die sich mit Ohrhörern von der Umwelt abschoten, auf ihren Handies herumtippen und ab und zu dabei kichern (ja, ich auch). Wobei der stille Alte vermutlich gar nicht so viel älter ist als ich, jedenfalls besteht zwischen ihm und mir deutlich weniger Altersunterschied als zwischen ihr und mir. Ich weiß nicht, wahrscheinlich denkt er sich gar nichts. Trotzdem ist es irgendwie seltsam, wie wir so dasitzen, der Typ mit seinem Bier, das Mädel mit ihrem MP3-Player und ihrem Bier, und ich mit meinem Notizbuch, meinem MP3-Player und meinem Bier. Und ich frage mich, ob ich die einzige bin, die sich fragt, was die anderen beiden denken.

Und angekommen sind wir dann auch, irgendwann.

Auf der Wieden stehen seltsame Dinger herum

Rote Dinger mit geometrischen Dingern obendrauf. Und auf den geometrischen Dingern sind seltsame schwarze Zeichen. Seltsam. Sehr seltsam.

Kleine Zeichen

Wenn der Radiowecker sich zum Beispiel punktgenau mit “Get up, get on up” meldet. Oder wenn man seit Tagen über ein PHP-Problem grübelt, und dann fällt das Buch runter und schlägt sich genau auf der Seite mit der Lösung auf (hätt ich nie gefunden, war mitten in einer Liste von Beispielen ohne Überschrift). Oder wenn man an jemand denkt, der irgendwie komplett verschollen ist, der einem aber jetzt einen guten Tipp geben könnte – und ein paar Minuten später sieht man einen Referrer von einer Website, über die man vor Ewigkeiten gemeinsam gelacht hat. Oder wenn man denkt “Eigentlich sollte ich jetzt dringend das Geschirr abwaschen, aber ich würde viel lieber an dem Projekt weiterbasteln” – und dann feststellt, dass ein Nachbar den Hauptwasserhahn zugedreht hat.

Also, ich bin ein Fan von kleinen Zeichen. Aber vier an einem Tag sind schon irgendwie, wiesollichsagen, verdächtig.

No Politics & 1 ungelöstes Rätsel meiner Jugend

Die “treue Leserin” H. fragt per Email an, warum hier nichts zu den Attentaten in Madrid steht. Herzchen, die Nachrichten sind dort, und ansonsten fällt mir auch nichts dazu ein.

Nein, das war gelogen. Mir fiele eine ganze Menge dazu ein – aber ich bin so zornig, dass ich überhaupt keine Lust habe, zu reflektieren. Es macht mich zornig, dass Menschen sich anmaßen, über Leben und Tod von anderen zu entscheiden. Es macht mich zornig, dass Menschen nichts Besseres zu tun haben, als ein solches Ereignis politisch und sogar wirtschaftlich zu instrumentalisieren. Es macht mich zornig, dass “man” gar nichts tun kann. Überhaupt nichts. Außer vielleicht im kleinen Kreis für den Weltfrieden zu spielen, und das ist nun mal gar nichts. Außer, man glaubt an die Kraft der positiven Schwingungen, ein Glaube, den ich parallel zum Verblassen meiner verspäteten Hippie-Kleider verloren habe.

Nicht verloren habe ich übrigens ein tiefes Misstrauen gegen die Überwachungsmechanismen, gegen die jede resistance unter diesen Umständen futile ist; aber selbst dabei ist mir die Lust zu diskutieren längst vergangen. “Was soll ich gegen ein paar Kameras haben, ich tue doch nichts Unrechtes” – jaja, wie du meinst. Ich halte es da eher mit Enzensberger; und nein: ich tue auch nichts Unrechtes, nicht einmal etwas Illegales, von der einen oder anderen roten Fußgängerampel mal abgesehen, aber wer weiß schon, was man morgen beschließt, als Unrecht zu definieren? Vielleicht würde es mir leichter fallen, Kameras und Ähnliches zu akzeptieren, wenn ich glauben könnte, dass sie irgendetwas ändern können – aber “die Terroristen” sind schlauer, sind schneller, und wenn du eine Kamera aufstellst, sind sie schon längst anderswo.

Mehrmals bei den Sicherheitsdiskussionen der letzten Tage an eine Begebenheit gedacht aus einem anderen Leben, so fühlt sich das zumindest heute an.

Es muss 1987 gewesen sein, da fuhr ich in meinem Hippiekleidchen mit meinem langhaarigen Freund M. in seinem Hippiejäckchen nach Wien. Per Autostopp. Wir müssen, je nach Standpunkt, fürchterlich oder aber auf rührende Weise deplaziert ausgesehen haben, aber wir fühlten uns stark und sicher in unserer blickdicht aufgebauten nicht-Idylle. Wir standen an der Grazer Nordausfahrt (”…an der Autobahn nimmt dich ohnehin keiner mit”, meinte M.), schon eine ganze erfolglose Weile lang, und hielten unser Schild in den lauen Tag. Als ich schon entnervt zur nächsten Telefonzelle zurückstapfen wollte, um von entfernten Bekannten das Zugfahrgeld zu borgen, bremste plötzlich ein dunkler BMW neben uns. Nicht irgendein BMW, sondern ein funkelnagelneuer. Luxusklasse. Wir schluckten und liefen los, voll darauf gefasst, dass der Fahrer – wie bereits erlebt – gleich wieder Gas geben und uns den Stinkefinger zeigen würde. War aber nicht so. Als wir den Wagen erreicht hatten, entriegelte er die Türen und ließ uns einsteigen.

M. war dran mit “Kommunikationsdienst”, so nannten wir die leider oft undankbare Aufgabe beim Stoppen, sich mit dem Fahrer zu unterhalten. Wer Kommunikationsdienst hatte, saß auf dem Beifahrersitz, und wir achteten genau darauf, uns darin abzuwechseln.

M. nahm also folgerichtig die Vordertür, ich die hintere, und war etwas verblüfft über das Gepäck am Rücksitz, das der Fahrer von vorne auf Seite räumte, wobei er mich aufforderte, ihm dabei zu helfen. Zwar hatte ich mit Computern damals überhaupt nichts am Hut, hatte aber genug davon gesehen, um zu bemerken, dass die Ausrüstung, die da recht achtlos auf die Seite geschoben wurde, genau so neu und luxuriös war wie der Wagen. 2 PCs, ein Drucker, und etliches an Kleinteilen, die ich damals nicht identifizieren konnte. Ganz zu schweigen von dem Funktelefonkoffer, vorne. 1987.

Der Fahrer, Mitte 30, den elegantesten Anzug an, den ich bis dahin in der Realität gesehen hatte, grau, aber nicht fadgrau sondern schimmergrau, weißes Hemd, dezente Krawatte, Seide und Satin würde ich heute sagen, der Anzug also. Auf jeden Fall stank die ganze Kiste nach Geld. Nach viel Geld. Nach einem für uns damals unvorstellbaren Riesenhaufen Geld.

M., der mit dem Fahrer die unumgänglichen Eingangsphrasen wechselte, woher, wohin, warum, warf mir über die Schulter einen aufgeregt-fragenden Blick zu, wir waren gut im Blicke-lesen, und wussten, dass wir uns beide fragten, ob der Fahrer denn so naiv war oder so selbstsicher. Schließlich hatte er eben eine Neuausgabe von Bonnie und Clyde aufgelesen – wir hatten zwar nie etwas derartiges getan, aber oft genug darüber geredet, was wir alles tun könnten, wenn wir nur wollten.

Auch ich konnte allerdings nur die Brauen zucken und warten, ob sich das Rätsel lösen würde. Aber es löste sich nicht, sondern wurde dichter. Anstatt wie üblich wegzudösen, brachte ich mein Ohr möglichst dicht an die Konversation vorne.

Wie der Mann auf das Thema RAF kam, weiß ich nicht mehr, aber ich weiß noch sehr gut, wie interessiert und suggestiv er uns fragte, ob es nicht an der Zeit wäre, wieder einmal… M. und ich brauchten uns nicht anzusehen, um einander vor der Falle zu warnen; natürlich hatten wir nebst vielen anderen Aktionen auch solche diskutiert, keine Bombenattentate, sondern Farb-Attentate – auf den Uhrturm zum Beispiel – und Stink-Attentate – eine Ladung Quargel in den Landtag, in dem die F schon damals gefährlich stark war. M. hielt sich gut in der Diskussion, die sich in Richtung Revolutionstheorien bewegte und – vom Fahrer ausgehend – immer wieder einmal das Thema Anschläge streifte, auf das M. aber nicht einging.

Mittlerweile hatten wir den Gleinalmtunnel erreicht, und der Fahrer, als hätte er auf den Schutz der Tunnelwände gewartet, legte richtig los. Wenn er sich die Politik so ansähe in diesem Land, man sollte ja wirklich, eine kleine Bombe hier oder da könnte auf keinen Fall schaden, und die Materialbeschaffung wäre ja das geringste Problem, schwieriger werde es schon, von dort wegzukommen, wo man zugeschlagen hätte; im Gegensatz zu den religiös motivierten Gruppierungen würde man ja doch am Leben hängen, nicht wahr; ein Jammer sei das, dass der Terrorismus in Österreich kein Hinterland hätte so wie in Deutschland, in Tirol vielleicht, das müsste man sich ansehen… Er hatte sich in Rage geredet, dabei die Krawatte gelockert, entweder war er ein guter Schauspieler oder er meinte, was er sagte, wir etwas hilflos und immer bemüht, die Diskussion zurück auf theoretischen Boden zu lenken. Da hatten wir nun unsere Rebellen Mentalität um die Ohren geschlagen bekommen und wussten nichts darauf zu erwidern.

Der Tunnel zu Ende, der Fahrer schwieg einen Augenblick und meinte dann, es sei schon recht, dass wir nichts dazu sagten, man könnte ja nie vorsichtig genug sein…

Das Funktelefon klingelte, und er führte eine Unterhaltung mit vielen technischen Ausdrücken, aus der ich mir nur den Satz “Nein, Kiew hat sich noch nicht gemeldet” merken konnte. Vorsichtigen Fragen, was es denn mit den Computern und dem anderen Zeug auf sich hätte, wich er aus, und auch auf Fragen nach seinem Beruf gab er keine richtige Antwort, “Technik eben” sagte er.

Bei Mürzzuschlag hieß er uns aussteigen, er sei hier bei seiner Schwester auf einen Kaffee eingeladen, wenn wir aber in einer Sunde noch da wären, würde er uns gern nach Wien mitnehmen, wir dankten und winkten und waren in einer Stunde nicht mehr da; ich glaube, es war ein Pfarrer im VW-Käfer, der uns weiter mitgenommen hat, mit den Opferstockeinnahmen offen in einem Plastiksack zu Füßen des Beifahrers, aber das kann auch ein anderer Trip gewesen sein.

Jedenfalls haben wir später noch lange darüber diskutiert, wer das nun wirklich gewesen sein könnte, ein Staatspolizist, der uns zu provozieren versuchte? Wir konnten uns nicht vorstellen, dass es so gut betuchte Staatspolizisten geben sollte. Und was hätte der gerade mit uns zu schaffen? Ein Geheimdienstler vielleicht? Aber auf welcher Seite? Ein Businessman mit anarchistischen Tendenzen? Aber welcher Geschäftsmann würde für die RAF sprechen?

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