Tage in Klatovy

Die Stille am Morgen und das helle Sonnenlicht. Stark der Geruch nach feuchtgewordenem Heu.

Zum Frühstück wird wenig geredet, nur die Kinder sind schon quietschlebendig. Das bleiben sie den ganzen Tag.

Während meine Kaffeetasse noch halbvoll ist, startet die Pink zur ersten Load. Die Stille jäh durchbrochen, Abgase ziehen durch die Morgenluft. Alle Köpfe im Restaurantgarten drehen sich. Allgemein bewundert: Die, die jetzt schon einsteigen.

Der Himmel färbt sich zum ersten Mal bunt, und da hält es mich nicht mehr beim Frühstück. Richtung Manifest und die Karte durchgezogen, gemütlich die Sachen zusammensuchen, checken und fertigmachen.

Ich bin so still hier. Als hätte ich die Worte am Schranken abgegeben, schweigen sogar die Geschichten in meinem Kopf. Sie sind überflüssig. Keine Tagträume als Flucht aus dem Ewiggleichen. Kein Hirngespinste um den Tag zu würzen. Kein ständiges Feilen an Texten, die zu schreiben ich keine Zeit habe. Hier ist immer jetzt.

Der Aufruf: In 10 Minuten geht meine Load.

Spätestens dann, wenn ich die Beingurte festziehe und das Gewicht des Schirms auf dem Rücken spüre, ändert sich das Schauen. Die Welt wird klarer, schärfer. Das Licht irgendwie heller. In Gedanken nochmal alles durchgehen: Habe ich alles überprüft? Nichts übersehen? Gut: dann los.

Draußen versammeln mit den anderen. In kurzen Sätzen wird die Exitreihenfolge festgelegt. Da landet die Pink. Je nach Teilnehmern und Andrang im Laufschritt oder gemütlich wird die Blechkiste erobert. Dicht an dicht, oder in lückenhaften Reihen sitzen die Springer. Jeder sucht sich seinen Gurt für die ersten 300 Meter. Dann an den Start rollen. Das Motorengeräusch ändert sich. Die Ruckelei auf der Rasenpiste wird schneller, härter. Hört plötzlich auf. Unter den Fenstern in der Heckklappe seh ich den Boden vorbeiziehen. Hier herrscht meistens Stille, Bewegungslosigkeit.

Wenn der Höhenmesser 300 Meter zeigt, kommt Bewegung in die Masse. Gurte werden losgeschnallt, Helme abgenommen. Man spürt allgemeine Erleichterung.

Ein kurzer Rundblick enthüllt Eigenheiten. Die meisten sitzen still, konzentriert, nach innen gekehrt. Manche reissen Witze. Ab und zu ist eine wilde Truppe dabei: das gibt einen kurzen „Schlachtgesang“. Die großen Augen der Schüler. Einer putzt den ganzen Steigflug lang an seiner Brille herum. Eine versucht, eine Stellung zu finden, in der sie mit niemandem auf Tuchfühlung ist (ein hoffnungsloses Unterfangen in einer vollen Skyvan). Einer sitzt bequem zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, als würde er schlafen. Einer der allercoolsten hat heute ziemlich zittrige Finger. Kameraleute checken ihre Geräte noch ein letztes Mal durch. Einer hat sich vor dem Einsteigen noch schnell ein Eis geholt. Ganz hinten, wo die größten Gruppen sitzen, werden Formationen durchgesprochen. Vorne gehen AFF-Lehrer mit ihren Schülern noch einmal den Level durch. Durch das Motorengeräusch klingen die gerufenen Wortfetzen wie Funksprüche.

Ich wüßte nicht zu sagen, wie lange diese Himmelfahrt dauert. Es ist, als wäre die Zeit aufgehoben auf dem Weg zwischen 300 und 3500m. Manchmal ist der Aufstieg so selbstverständlich, so normal wie eine innerstädtische Busfahrt. Manchmal habe ich ein paar Schmetterlinge im Bauch. Meine Aufmerksamkeit verteilt sich auf zwei Gebiete: Einerseits versuche ich, zu verinnerlichen, was ich vorhabe in dieser kurzen Frei-Fall-Minute nach dem Exit. Andererseits darauf, alles mitzukriegen, was rundherum vorgeht.

Dann, irgendwann, stehen die ersten auf. Zuerst die Tandems: Die Passagiere werden gut festgeschnallt. Die anderen setzen Brillen und Helme auf, stehen auch nach und nach auf. Man sortiert sich nach der ausgemachten Exitreihenfolge oder nimmt letzte Änderungen daran vor.

Die Nadel des Höhenmessers überschreitet zögerlich die 4000 und beginnt wieder bei 0. Bei einem meiner ersten Aufstiege war das eine Schrecksekunde, ich dachte einen Moment lang, der Höhenmesser ist kaputt. Jetzt warte ich aufs rote Licht.

Da ist es schon. Die Tür geht auf. Ein Schwall kalter Luft, mehr Licht, und das Geräusch der Motoren wird lauter. Die erste Gruppe stellt sich in Position. Das Licht schaltet auf weiss. Und dann Grün. Lauthals wird eingezählt. Mit einem kräftigen Wippen des Fliegers verschwinden die ersten im Nichts. Die nächsten. Dann ist meistens schon genug Freiraum, um die Exits richtig zu sehen.

Jetzt ich. Manchmal ist genug Platz, um sich mit Anlauf in die Luft zu werfen. Manchmal rücken die Verbliebenen so dicht auf, dass nur ein Schritt bleibt. Und manchmal werd ich auch geschubst.

In dieser seltsamen Exit-Rolle unter dem Flugzeug, die ich nicht mehr los werde, auch wenn ich ganz anders aussteigen will, versuche ich, einen Blick auf die Nachkommenden zu erhaschen, und meistens gelingt mir das auch. Vielleicht noch schwerer zu fassen als das Springen selbst ist dieser Anblick: Wenn jemand in dieser Tür steht, grinsend oder konzentriert, und mir nachschaut und wartet, bis ich in sicherer Entfernung bin.

Und nun zu dem, was ich mir vorgenommen habe. Kontrollierte Bewegungen ausserhalb der Bauchlage sind gar nicht so einfach, andererseits machen die unkontrollierten manchmal unheimlich viel Spass. Manchmal lasse ich es auch bleiben und schaue nur. Oder geniesse die Geschwindigkeit. Anfangs, bei den ersten Sprüngen, hätte ich mir nie gedacht, dass man soviel sehen kann während des Fallens. Oder sich die Brille richten, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Oder die Höhe abschätzen und beim Vergleich mit dem Höhenmesser festzustellen, dass die Schätzung richtig war.

Trotzdem bin ich konditioniert. Regelmäßig bei 1500m klingelt der Alarm im Hirn, der sagt, ich sei schon viel zu tief. Dann wird es manchmal richtig schwierig, die 500m noch abzuwarten.

Schirmöffnungshöhe: Das ist mit Handdeploy ganz etwas anderes als mit dem Ripcord. Irgendwie liegt in der Bewegung, mit der ich den Hilfsschirm in den Wind werfe, mehr Sinn. Mehr Logik. Irgendwie fasst dieser Moment noch einmal zusammen: Die ganze Freude, die ganze Lust: von 4000 auf 1000m – und das Glück, es immer wieder tun zu können.

Am Schirm erstmal umschauen: Wo bin ich? Wo sind die anderen? Und dann, je nachdem, gemütlich herumkurven oder recht gerade den Platz ansteuern. Ganz still ist es plötzlich, und auch das liebe ich. Für viele ist die Schirmfahrt nur ein notwendiges Übel auf dem Weg von oben nach unten. Ich will beides: Das intensive, rauschende Glück im Freifall und die ruhige Freude beim Dahinschweben.

Nur nicht zu lange drin verlieren und die Landestelle nicht mehr erreichen. Auch schon passiert.

Mit ständig wechselnden Schirmen ist es nicht ganz so einfach, abzuschätzen, wie schnell ich wo sein werde. Deshalb lande ich meistens in sicherer Entfernung von allem Trubel.

Den Schirm einsammeln und dann der Rückweg, warm ist es herunten und die Wiese riecht noch immer frisch gemäht. Drüben steigen die nächsten in die eben gelandete Pink, und ich kriege das Grinsen nicht aus dem Gesicht. Andererseits: Warum sollte ich?

Hier und da, auf dem Weg zur Packhalle, fragt jemand wie’s denn war. So wie ich auch frage, wenn mir einer mit dem Schirm entgegenkommt. Kurzes Geplauder, „gelungen“ oder „nicht gelungen“ oder irgendwelche besonderen Vorkommnisse. Oder ganz einfach: „Schön!“

In der Packhalle läuft die ewiggleiche CD, angenehmer Rock, und ich habe noch immer nicht gefragt, was das ist. Dazu Formations- oder Freifallervideos, frisch vom letzten Sprung. Da ist entweder Platz, den Schirm zu packen, oder auch nicht. Wenn’s nicht gleich geht, ein bisschen rumstehen in der Sonne oder den Videos zuschauen. Gesprächsfetzen, Freifaller und RW-Gruppen besprechen ihren nächsten Sprung, Schüler hängen begeistert oder ängstlich oder erschöpft herum oder sie kriegen das Packen erklärt, und manchmal stehen Tandempassagiere großäugig mittendrin.

Packen: Immer noch ächzend den vielen Stoff in die kleine Tasche quetschen, sich dabei erinnern, dass diese Aufgabe vor gar nicht allzulanger Zeit unlösbar erschien. Verschwitzt und zufrieden das fertige Paket in Sicherheit bringen für den nächsten Sprung.

Und dann? Am besten gleich noch einmal. Danach vielleicht ein bisschen in der Sonne liegen, faul den Aufrufen für die nächsten Loads lauschen, Schirme schweben vom Himmel und voll ausgerüstetete Springer gehen zur Einstiegsstelle. Die Kinder spielen Springen, mit Spielzeugflugzeugen oder am richtigen Exit der alten Pink.

Sonne macht durstig, also vielleicht ein Cola aus dem Restaurant. Dann wieder ab nach oben.

Plötzlich ist Abend. Warum jetzt schon? Vor dem Manifest knallen die Sektkorken, die Pink geht schlafen und das Lagerfeuer vor dem Grillpavillon ist auch schon angeheizt. Die besten und die schlimmsten Erlebnisse werden so lange ausgetauscht, bis jeder alles weiss.

Zufrieden, müde. Ziemlich hungrig. Im Restaurant trifft man alle wieder. Kerngruppen und Tischwanderer, und alle Gespräche drehen sich nur um das eine (das Springen, natürlich). Dazu das eine oder andere Bier oder ein Glas Wein, je nach Geschmack und Tagesverfassung.

Dann ist es Zeit fürs Bett. Der Rückweg durch die taufeuchte Wiese, und Tag für Tag ein Sternenhimmel wie zum Angreifen. Vielleicht klingt aus einem Zelt noch Musik, vielleicht sitzen noch ein paar am Lagerfeuer. Wollte ich nicht noch? Diese Email schreiben? Das oder jenes im Weblog notieren? Ach was. Morgen ist auch noch ein Tag.

Der nächste Tag

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