Tamersa, Chebika, Mides

Der Wind blaest den letzten getreuen Fallschirmspringern am Flughafen von Tozeur die Lust zum Springen aus den Augen, und die Skyvan kreist heute nur ein einziges Mal ueber der Stadt, vermutlich um zum baldigen Abschied mit den Fluegeln zu winken.

Der Sufi und ich haben Grosses vor. Die Bergoasen Tamersa, Chebika und Mides stehen auf dem Plan. Nach einem nicht erwaehnenswerten Vormittag im Museum und an den heissen Quellen von Tozeur (wo ich mich weigere, auf ein Kamel zu steigen, weil das arme Tier schon im Sitzen den Eindruck macht, zusammenbrechen zu wollen), kommt erstaunlich puenktlich um 1 das Taxi ins Hotel, das der Sufi fuer heute angemietet hat.

Und ab gehts… erst durch die schon bekannte Landschaft aus Sand, Steinen und staubig gruenen Dornenbueschen, dann durch eine nahegelegene Oase, weiter draussen werden die Buesche immer weniger, die Steine auch, schliesslich sind wir mitten auf dem Schott el Gharsa: Salziger Sand, soweit das Auge reicht, Die Landschaft mit ihrem Himmel eine Elegie in Beige, Blau und Grau, wie eine Wasserflaeche dehnt sich das Land nach allen Seiten in den Dunst, und nichts, weit und breit nichts, an dem der Blick sich halten koennte. Das ist mir schoen, zuerst, fuellt mich mit Ruhe und Geduld, und auch die Berge, als sie langsam aus dem Sanddunst treten, wie eine Wolke in der Ferne zuerst, dann fester, aber immer noch dem Boden entrueckt, sind schoen. Wie nichts, was ich je gesehen habe, erfuellt von stolzer Klarheit und da.

Dann die erste Oase, Chebika. Die Stadt am Fuss des Berglandes noch im Trockengebiet, weiter am Berg ein kleines Rinnsal, das hier Leben und Ueberleben bedeutet. Ein Fussweg fuehrt zuerst am Wasser entlang, dann weiter auf die Berge, von wo der Blick ins Unendliche geht, ueber das alte und das neue Dorf hinweg in dieses leere, klare Land.

Und weiter. Ueber teils abenteuerliche Bergstrassen, wo jede Kurve ein neues Panorama in Sandgelb und Himmelblau bietet, nach Mides, fast an der algerischen Grenze, wo eine Miniaturversion des Grand Canyon die Landschaft durchschneidet, unten ein weiteres Rinnsal und ein paar Palmen. Die vielen Palmen in der bewaesserten Oase sind staubiggrau, wie alles hier, und wie schon in Chebika gibt es auch hier ein altes, verlassenes Dorf, das mit einem kaum wahrnehmbaren Klagelied ueber die Vergaenglichkeit langsam zusammenfaellt. Rundherum die Haendler, die versuchen, ihre ewiggleichen Waren an den Touristen zu bringen, indem sie mehr oder weniger charmant und aufdringlich ihre Fremdsprachenkenntnisse unter die Leute streuen.

Und weiter, bzw ein Stueck zurueck und einen Abschneider ueber eine Sandpiste, die keineswegs fuer einen altersschwachen Peugeot geeignet schien, aber da taeuscht sich der Europaeer, hier ist das alles kein Problem. Jetzt noch Tamerza selbst, hier muss der Grande Cascade, der grosse Wasserfall, der jedem Alpenlaender hoechstens ein mitleidiges Laecheln entlocken wuerde, durch das heimelig anmutende Hotel les Cascades aufgesucht werden. Malerisch in der Felswand vor dem Wasserfall sitzt ein alter Mann und kocht auf einem offenen Feuer “The du menthe” fuer die Touristen, ein schoener Anblick, endlich ein Unterschied zu den Andenkenstaenden, die sich in nichts voneinander unterscheiden.

Und weiter, und weiter… pflichtbewusst bleibt unser Reisefuehrer bei jedem Aussichtspunkt stehen, Deutet freundlich: “foto!”, und weiter gehts… Und der Orient zeigt sich von seiner malerischsten Seite, aber ich bin es muede, die tristen, aermlichen Doerfer und die ueberaesthetische Landschaft haben meine Augen satt und mein Gehirn stumm gemacht, und auf dem Rueckweg durch die endlos flache Wueste, in der ein schmutziggelber Sonnenball dem Horizont zustrebt, kann mich nicht einmal eine Herde Kamele dazu aufmuntern, nochmals die Kamera zu heben. Still sitze ich und frage mich, ob das da vor dem Fenster jemals aufhoeren wird, flach und fremd zu sein, und ich wuensche mich ganz ploetzlich vehement zurueck in mein gemuetliches Mitteleuropa. Und das ist mir in meinem bisherigen Reiseleben noch nie, noch nicht ein einziges Mal passiert.

Und die Sonne erbarmt sich und erspart uns ein feuerrotes Spektakel, leicht geniert faellt sie als blassgelbes Oblaetchen in ihr Bett aus grauem Dunst.

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