The Stones – No Filter – 16.9.2017 in Spielberg (mehr persönlicher als Konzertbericht)

Ich geb zu, ich hab sie zum ersten Mal live gesehen, die Stones, am Samstag, in Spielberg. Die Stones waren nämlich, schon als ich noch jung war, eh immer irgendwie cool, aber irgendwie auch immer schon alt. Und mit Großkonzerten habe ich es ja ohnehin nicht so, ich mag lieber die vergrößerten Wohnzimmer, die verkannten Gitarrenvirtuosen, die kleinen finnischen Clubs halt, auch wenn sie in Ottakring liegen.

Und dann sagt einer, er geht zu den Stones. Und schlagartig bin ich neidisch. Weil diesmal, ey, könnte es ja wirklich sein, dass sie zum letzten Mal da sind. Dass diese Band, die zwar immer ein bisschen am Rande meines Bewusstseins existiert hat, deren Songs ich aus unerfindlichen Gründen trotzdem auswendig kann; die mir aber auch sehr einzigartige Momente im Leben beschert hat,  und die ganz früh in meiner Schreiberei doch recht wesentlich zu einem (aus heutiger Sicht zugegebenermaßen etwas frühreif abgeklärten) Gedicht

beigetragen hat, in Pension gehen könnte, ohne dass ich sie jemals live gesehen hätte… das fühlte sich doch etwas seltsam an. Und da mein unmittelbares Umfeld meine zurückhaltenden Äußerungen doch etwas besser versteht, als ich normalerweise zu hoffen wage, war da plötzlich ein als Geburtstagsgeschenk ganz wunderbar getarntes Ticket in meiner Tasche.

Also auf nach Spielberg

Über gewisse Probleme bei der Organisation muss ich jetzt keine überflüssigen Worte verlieren – das steht zum einen eh überall, zum anderen gab’s bei jedem, auch noch so gut organisierten, Großereignis in meinem Leben immer noch das eine oder andere zu meckern. Das ist halt so, wenn fast 100.000 gleichzeitig irgendwo sein wollen, wo sonst fast niemand ist – und auch, wenn es sicher besser gegangen wäre, es hätt auch noch  viel schlimmer kommen können. Die Umwelt war kühl und etwas feucht vom vormittäglichen Regen, aber durchaus sonnig-freundlich. Dass der Shuttle-Bus-Fahrer 3 Kilometer vor dem Ziel sagte „Wahrscheinlich sind sie schneller, wenn sie zu Fuß gehen“ empfand ich als durchaus freundliche Geste. Und der Fußweg war dann, freundschaftlich durchplaudert und cloudscape-durchwachsen, trotz kleinerer Fußgänger-Staus eine durchaus angenehme Zeit. Und irgendwann ist man dann drin, wenn auch ohne die größenbedingt konfiszierte Tasche, aber die hatte ihre besten Zeiten ohnehin schon hinter sich, und ihr Inhalt hatte in meinen Jackentaschen gut Platz. No Worries. Härter fand ich da schon, einem als sozial imginierten Event plötzlich allein gegenüberzustehen. Aber, Missverständnis halt. Was solls.

Ich stapfte beherzt durch den Schlamm, der, wäre es nach den Informationen auf der Webseite gegangen, gar nicht hätte da sein dürfen. „Es sind durchgehend Holzspäne ausgestreut“, stand da, man müsse sich keine Sorgen machen, auszurutschen. Stattdessen hatte man die Wahl zwischen schlittern und einsinken. Und außerdem war es, sobald die Sonne ums Eck war, einfach ungut saukoid.

Ich hatte übergangslos überhaupt keine Lust mehr, dachte darüber nach, stattdessen einfach wieder heim zu schlittern, beschloss aber, erst einmal ein Bier zu trinken. Weil, ein Bier habe ich zum einen immer noch getrunken, und zum anderen wollte ich doch zumindest so einen Becher mitheimnehmen, wie auch immer der Abend sonst ausgehen würde. Das Gelände war durchaus ausreichend mit Gastronomie durchsetzt, sodass sich die Wartezeiten in Grenzen hielten. Während ich bezahlte, fing die Vorgruppe an, die sich zu so ungefähr jedem anderen Zeitpunkt ein „Wow“ von mir eingefangen hätte, aufgrund des in mir vorherrschenden Grundgrants allerdings nur ein „Jo eh“ erhielt. Was aber egal war, der Rest des Publikums „wow“‚te durchaus gitarrensolo-adäquat.

Ich faxte ein bisschen auf Facebook herum (mitten in der Gegend! Mitten in einem Großevent!) und fühlte mich noch deplazierter davon. Steckte das Handy weg und mäanderte mit offenem Blick über das Gelände, zum einen, weil ich das noch bei jedem Großkonzert gemacht habe, zum anderen, weil Stillstand unweigerlich bedeutet hätte, langsam im weichen Schlamm zu versinken. Ich fand, wie noch meistens und diesmal doch irgendwie unerwartet, eine Ecke seitlich der Bühne vielleicht 30 Meter vor der Barriere, wo erstmal kein und später immer noch kaum Gedränge herrschte. Langsam wurde es dunkel. Kaleo hatte fertig gespielt, der Vor-Konzert-DJ spielte den Klassik-Rock meiner Jugend. Mein Bier war leer, und obwohl ich durchaus noch eines vertragen hätte, verzichtete ich auf die Dienste der mobilen Bierträger mit ihrem Fässchen auf dem Rücken: Gut geschüttelt und vermutlich lauwarm  hätte diese flüssgie Dienstleistung wohl auch nicht zu meinem Wohlbefinden beigetragen.

Plötzlich mischte sich ein alter, wohlbekannter Duft in die Herbstluft, und ziemlich zugleich erklang aus der Konserve „Black Betty“. Ebenso übergangslos, wie mich der Grant erfasst hatte, war er auch wieder weg. It’s alright now, ich bleibe, genau dort wo ich bin, und rings um mich gehen erste Begeisterungskundgebungen aus dem Publikum ins Leere. Links von mir zwei enthusiastische Tschechinnen, rechts von mir ein Pärchen, dessen weiblicher Teil überhaupt noch nie auf so einem Event war, wie sie mehrfach  selbst ungläubig betonte.

Die mobilen Bierträger stauten sich, ich überlegte, ob ich nicht doch, überlegte aber zu langsam, schräg rechts von mir tauchte einer in den Schlamm ab und wurde von helfenden Händen gerade noch so befreit, bevor der Sumpf „schlurp“ machte; die großkonzert-unerfahrene Dame shakte vorsichtig bemüht, und selber versuchte ich mich vergeblich an einem coolen Selfie mit Zunge im Hintergrund. Ist aber auch nicht ganz einfach, zum einen die Coolness an sich mit 50+, zum anderen die Lichtverhältnisse mit der Handy-Cam, aber, naja, eigentlich habe ich keine Entschuldigung für das Scheißphoto. Hier stattdessen die Zunge, die man eigentlich auf dem Selfie hinter mir hätte sehen sollen.

 

 

Die großkonzert-unerfahrene Dame beklagte mehrfach, dass sie mittlerweile entsetzlich fror, der Schlammtaucher rang einem mobilen Bierträger die letzten Tropfen ab, ich bewunderte die sich im Dunkelwerden immer wieder verändernde Kulisse, begann aber gleichzeitig selbst zu frieren, und aber überhaupt; jetzt könnten sie doch langsam… ?

Yeah. Uh-u-uh!

Es dauerte, wenn überhaupt, 10 Minuten. Eineinhalb Songs vielleicht.  Von der bemüht wohlwollenden Haltung: „Hey, die alten Recken geben uns tatsächlich noch einmal die Ehre!“ bis zum verblüfften „Die. Rocken. Jetzt. Hier.“, wo Alter, Vorgeschichte und Legende gar keine Rolle mehr spielen. Wo einfach alles stimmt, und zwar nicht obwohl, sondern besonders dann, wenn einmal ein einzelnes Riff nicht stimmt.

Mick Jagger bewies, dass er auch in seinem Alter nicht nur eine überdimensionale Bühne flächendeckend bespielen kann, sondern bewies auch Orts- und Situationsbewusstsein. (der Satz ist schräg, egal, nehmt das Video:)

Das einzige, was vielleicht ein bisschen störte, waren die vielen in die Höhe gereckten Handies, aber hej, wenn mein All-Time-Lieblingssong kommt, dann streck ich verdammtnochmal auch das Handy in die Höhe. „You can’t always get what you want…“ .

…but if you try sometime you find
You get what you need

Yeah, that’s the spirit! Danach einer der besten Songs des Abends, „Paint it Black“. Einen Moment lang bereute ich, die Kamera schon abgeschalten zu haben, aber dann versank ich völlig in der Musik. Gut so! Aufgenommen haben zum Glück andere.

(Ungefähr zu diesem Zeitpunkt habe ich übrigens den 3. Heiratsantrag meines Lebens bekommen – ein entzückend junger Italiener, der meinte, er müsste unbedingt die erste Frau heiraten, die den Text zu ‚Paint it Black‘ auswendig kann – ich hab auch diesen  Antrag abgelehnt, no bad feelings, High5!)

Leider wurde mein Spirit kurz nach diesem Zeitpunkt kräftig von berauschten Stage-Runnern beeinträchtigt. Sich an den Händen nehmen und Richtung Bühne ziehen, OK, aber sich mit guten 25 Zentimetern Körpergröße mehr als ich direkt vor mir einzuparken? …nicht so charmant. Aber egal, ich musste ohnehin mal. Wohin. Schlitterte also, deutlich gegen den Strom, in Richtung Toilettenhäuschen, während die Urgesteine nach wie vor das Äußerste gaben, und schaffte es, trotz Dunkelheit nicht ganz in den Schlamm zu fallen, auch wenn ich im Gegenlicht ein Loch übersah und mit einem Bein fast bis zum Knie im Schlamm stand, aber… was solls.

Auf dem Rückweg begegneten mir zwei Sanitäter, die, heroisch auf dem tiefen Gelände, eine deutlich  beeinträchtigte Gestalt auf der fahrenden Trage durch den Schlamm zu manövirieren versuchten. Die Gestalt hatte die Augen geschlossen, aber beide Arme am Ellbogen gebeugt, die Finger zur Faust geballt, die Mittelfinger gestreckt. Na dann… auf der Bühne vocalte Keith Richards (bei aller Liebe für seine Art, live funkt das nicht so ganz), und ich kam auf meinem Weg zurück in  Richtung Bühne am Südamerika-Stand vorbei. Der Cuba Libre kostete 8 Euro, der Mojioto 9,50, und ich hatte eine Idee, wie ich die langsam doch lästig näherkriechende Kälte aus meinen Knochen kriegen könnte. „Was kostet denn ein Rum ohne alles?“ – Damit hatten die Grazien hinter der Theke sichtlich nicht gerechnet, es brauchte einiges an Diskussion, bevor sie zu dem Schluss kommen: „2 Euro!“. Danke, ich nehme einen dreifachen!

Mit dem wärmenden Drink in der Hand glitt ich durch den Schlamm vorsichtig wieder in Richtung Bühne. Von dieser Seite her war eigentlich erstaunlich wenig los. Der „Midnight Rambler“, ein Song, den ich so nicht auf dem Radar hatte, brachte mich dazu, meinen Rum ex zu trinken, weil, ich brauch die Hände frei, DAS MUSS MAN DOCH AUFNEHMEN!  (Wobei, als ich Record drückte, war der geilste Teil leider schon vorbei).

Danach war mir immerhin gar nicht mehr kalt, weder innerlich noch äußerlich. Ich war am Rande der Masse gestrandet, weit weg aber doch guter Blick auf die Bühne. She’s a Honky Tonk Woman, und ich, ich war unerwartet mehr als zufrieden mit diesem Abend. Daran konnte nichtmal ein Bier was ändern, das sich anstatt in den Mund des Besitzers über meine Jacke ergoss. Dass der allerdings meint, mir deshalb seine Lebensgeschichte erzählen zu müssen, während vorne „Brown Sugar“ erklang, war nicht so ganz in meinem Sinn. Ich suchte mir im Windschatten eines mobilen Bierträgers ein ruhigeres Plätzchen.

Aber, ich weiß auch nicht, die Magie war irgendwie dahin, Satisfaction hin oder her.

Jetzt noch die Zugaben, dachte ich, und zog ganz gegen meine Gewohnheit schon während der letzten Nummer Richtung Ausgang. Ein Bierchen noch in der Schlange Richtung Shuttlebus. In Knittelfeld City dann Verschwesterung mit ähnlich verlorenen Seelen, die rechtzeitig abgezogen waren, während die BegleiterInnen noch stundenlang auf die spärlichen Busse warteten.


 

…und was bleibt? Eine schlammige Hose, die auch nach dem 2. Waschdurchgang nicht zu früherer Unbeflecktheit zurückgefunden hat. Die überraschte Erkenntnis, dass man auch mit 50+ noch eine halbe Nacht lang unbeschwert in der Kälte herumsitzen kann, wenn nur das Ausgangsgefühl stimmt. Und die beglückende Hoffnung, dass nicht alles verloren ist, solange Ron Wood und Keith Richards auf der Bühne eine dermaßen vergnügte Kommunikation pflegen. Illusion vielleicht, aber, wenn dann, willkommen und erhaltenswert.

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