Unwettertourismus mit der österreichischen Bundesbahn

Als ich gestern Abends um 6 in München in den Zug Richtung Salzburg stieg, dachte ich, der Tag wär so gut wie vorbei. Erst noch der etwas mühsame Bummelzug nach Salzburg, dann der Eurocity, der traditionell eher nur halbvoll ist und daher gemütlich. Nach Mobilfunkgrenzüberschreitung noch ein paar Mails beantworten, danach lesen oder Musik hören, je nach Müdigkeitszustand, bis Wien, dann das wohlverdiente Bett. 5 Uhr (früh) bis 23:30 ist irgendwie doch recht lang für einen Ausflug.

Wenige Kilometer nach München verfiel der Zug in Schleichgang und schlich noch ein Stückchen weiter bis zu einem Full Stop. Ich biss seufzend in mein labbriges Mozzarella-Sandwich (von der jämmerlichen Verpflegung auf internationalen Routen muss ich wohl irgendwann gesondert berichten) und folgte eher desinteressiert den Berichten der Zugbegleiterin mit dem nicht ganz zuordenbaren Dialekt. Irgendwas mit einem schweren Gewitter und Stromausfall. Na dann. Wir sammelten im Stopp&Go knapp 25 Minuten Verspätung, die Dame mit dem Käppchen war am Zugtelefon überdurchschnittlich bemüht, jeden Anschlusszug entweder aufzuhalten oder für adäquate Ersatz-Information zu sorgen. So kam es auch, dass der 20:08er ab Salzburg Richtung Wien West brav auf uns wartete, was allerdings in Salzburg einen Sprint durch den Bahnhof bedeutete.

Nun hab ich grundsätzlich nix gegen einen kleinen Bahnhofslauf, was ich dagegen hatte, war immer noch heftiger Hunger (der Tag hatte bis zum labbrigen Sandwich vorhin gerade mal ein Frühstückskipferl um 8 Uhr gebracht). Weil der EC nach Wien zur besten Abendessenszeit allerdings keinen Speisewagen an Bord hat, sind die 19 planmäßigen Minuten Aufenthalt in Salzburg die einzige Möglichkeit, sich im Laufschritt wenigstens einen schnellen Burger zu besorgen. Und diese 19 Minuten, die fielen jetzt weg. Ich überlegte, laufend, ernsthaft, das Laufen sein zu lassen und stattdessen in Salzburg nett Essen zu gehen. Der 21:35er von Salzburg nach Wien, der ist nämlich ein Intercity, was bedeutet, dass die Ankunftszeit in Wien nur eine knappe Dreiviertelstunde später liegt als beim 20:08er, obwohl man in Salzburg 90 Minuten Aufenthalt gewinnt. (Ich schreib diesen Eintrag ja nur, um mit meinen Fahrplankenntnissen zu protzen.)

Mit meinen Sprint-Fähigkeiten hatte ich gegenüber langsameren Anschlussreisenden zwei Minuten gewonnen, die ich vor dem Zug für eine schnelle Denk-Zigarette nutzte. Dann stieg ich doch ein und verlagerte meine kulinarischen Hoffnungen auf Wien, wo mich der Herr Sufi abholen wollte.

Zu dem Zeitpunkt war es in Salzburg übrigens zwar wolkig, aber noch drückend heiß.

Gewölk, beeindruckend

Im Abteil wars finster und gemütlich. Irgendwo hinter Vöcklabruck, in der mobilfunktechnisch behinderten Zone, begann es draußen zu regnen. Blitze zuckten. Ich wechselte angesichts eines asozialen Abteilmitbewohners, der ungefragt das Deckenlicht auf volle Leistung geschalten hatte (“Muss das sein?” – “Ja.”) das Abteil und fand eins für mich allein. Allerdings nur bis zu einem weiteren der Bummelbahnhöfe, an denen der abendliche Eurocity zwischen Salzburg und Linz unerklärlicher Weise stehen bleibt. Dort fand die herrliche Ruhe ihr jähes Ende durch drei Mädels, die die Zugfahrt nutzten, um sich auf ihrem iBook einen Film anzuschauen. “Chocolat”, glaube ich. Ich überlegte einen weiteren Abteilwechsel, ließ es aber angesichts der ansonsten durchaus gemütlichen Haltung der drei bleiben und pflopfte mir stattdessen die Kopfhörer ins Ohr. Das Mobilfunkdatennetz glänzte mit beharrlicher Abwesenheit, und ich versuchte, stattdessen ein bisschen Schlaf nachzuholen. “White Noise” am iPhone eignet sich hervorragend, um Umgebungslärm auszusperren, ich empfehle die Flugzeug-Geräusche.

Nun schlafe hervorragend im Zug, wie ich gerne erzähle, aber das gilt für fahrende Züge. Unserer blieb stehen. Ich blinzelte abwechselnd zu den Blitzen nach draußen und zum bunten Bildschirm innen und fragte mich, ob so ein Waggon eigentlich auch ein Faradayscher Käfig ist. Wär schad gewesen um den schönen Mac. Zwischendurch erfuhren wir, dass wir den ungeplanten Aufenthalt einem Stromausfall im Stellwerk St.Valentin zu verdanken hatten, und hörten über diverse Mobilfunktelefonate die ersten Katastrophenmeldungen aus der Außenwelt. Faustgroße Hagelkörner in Salzburg. Nicht ganz so große in Wien, dafür wasserfallartiger Regen. Ich dachte an die unzuverlässigen Regenrinnen an meinem Haus und hoffte das Beste. Derweil fuhr der Zug immer Mal wieder im Schritttempo ein paar Kilometer und blieb dann wieder stehen. Im Nebenabteil hatte einer die ZiB 2 am Computer, Armin Wolf erzählte scheinbar korrekt gekleidet etwas vom heißesten Tag des Jahres, während kalter Regen auf uns herunterprasselte und die immer noch laufende Klimaanlage im Zug für erstes Frösteln sorgte. Der Buffetwagen kam durch. Die Sandwiches sahen noch labbriger aus als vorher. Bier war aus. Ich nuckelte an meiner Mineralwasserflasche.

Mit 40 Minuten Verspätung rollten wir schließlich weiter. Der Schaffner kam durch und fragte jeden nach seiner endgültigen Destination. Etwas später die Lautsprecherdurchsage, dass wir an ein paar kleineren Bahnhöfen halten würden, um Fahrgäste mit verpassten Anschlüssen aussteigen zu lassen. Ich fand die Lösung bewundernswert praktisch und unbürokratisch. Auf ein paar Minuten mehr kams zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr an.

Hinter Linz fand der Eurocity zu seiner gewohnten Geschwindigkeit zurück. Draußen weiterhin Regen und Blitze. Ich zog mir das Tuch vors Gesicht und döste im White Noise. Bis St. Pölten blieb die Zugwelt in Ordnung. Schläfrig blinzelte ich auf die Uhr, die die planmäßige Wiener Ankunftszeit zeigte. Ein Stündchen noch. Oder so.

Ich war gerade dabei, richtig wegzuschlummern, als wir wieder stehen blieben. Ich versuchte beharrlich, einen stehenden Zug ebenso gemütlich zu finden wie einen fahrenden. Eine halbe Stunde später gab ich auf. Es war kurz vor zwölf. Durchs Fenster schimmerte das Bahnhofsschild von Kirchstetten. Der Zug war voller schlafender und schläfriger Menschen. Ich suchte nach dem Mann mit dem Buffetwagen und fand den Wagen neben einer offenen Zugtür, davor Schaffner, Buffetwagenbetreuer mit einem American-Football-Spieler und einem weiteren Passagier. Rauchend. Ich rauchte mit und erfuhr dabei, dass der Stromausfall zwischen Eichgraben und Rekawinkel so komplett und allumfassend war, dass es derzeit nicht einmal genaue Informationen darüber gab. Die Mobilfunkstationen waren mit ausgefallen.

Die Luft war angenehm frisch, die Zugoffiziellen konferierten mit dem Bahnhofsmenschen von Kirchstetten, wir unterhielten uns über Football und Fernsehserien und rauchten, so lange noch einer Zigaretten hatte. Nach und nach fanden weitere Mitreisende die offene Tür. Es war ein bisschen wie in einem Katastrophenfilm, in dem man vor der Katastrophe nach und nach alle Mitwirkenden kennenlernt. Ich hoffte auf das Ausbleiben der Katastrophe.

Zug steht.

Vor uns, so hieß es, stünden noch zwei Züge, hinter uns bereits sieben. Ich war froh, dass wir im Bahnhof standen und nicht auf der Strecke. Einer verlangte nach Schienenersatzverkehr, eine nach Gratisverpflegung zur Entschädigung (“Besorgen Sie halt was, das muss schon drin sein!” – mitten in der Nacht, in Kirchstetten. Viel Glück.). Der Strom sollte bald wieder da sein, meinte der Schaffner, falls nicht, würde würde bereits ein Busverkehr geplant, allerdings, mit 10 stehenden Zügen sei unklar, wann unserer dran sei. Die Reisenden, die um 5 Uhr früh ein Flugzeug nach Mexiko besteigen wollten, verloren als erste die Nerven und bestellten ein Taxi aus St. Pölten. Weitere zwei, darunter die indignierte Dame, organisierten einen Privattransport. Beides ließ auf sich warten. Unser kleines Grüppchen plauderte, rauchte und lachte viel, nicht ganz ohne lästern. Wir schlossen Wetten ab, ob zuerst die bestellten Autos kommen oder der Zug sich bewegen würde. Die auf den Zug gesetzt hatten, verloren. Der Schaffner hatte als letzter noch Zigaretten und verteilte großzügig seinen Privatvorrat. Einbrüche ins längst geschlossene Bahnhofscafe wurden erwogen. Ich dachte daran, trotz nachmitternächtlicher Stunde den nahe wohneneden Dorian anzurufen. Mit einer Palette Bier, in seiner Speisekammer vermutlich vorhanden, hätte er zu dem Zeitpunkt in kurzer Zeit ein Vermögen machen können, wie den Gesprächen der Mitreisenden zu entnehmen war.

Die Nachrichten, dass der erste Zug jetzt auf Busse umgestiegen war, und dass der Strom wiederhergestellt, die Weichenstell-Computer aber noch leidend wären, kamen zur gleichen Zeit. Wieder wurden Wetten abgeschlossen: Bus oder Zug? Ich hoffte auf den Zug. Auf einen engsitzigen Bus hatte ich wirklich gar keine Lust. Den Witzchen ging langsam die Luft aus. Ich fand ein verlassenes Abteil für mich allein und versuchte es nochmals mit Dösen. Mittlerweile wäre wohl auch ein stehender Zug bequem genug gewesen, aber meine Neugier war wacher als der Rest von mir. Ich stieg wieder aus und hoffte gegen besseres Wissen, dass irgendjemand vielleicht doch noch Zigaretten… Da kam der Bahnhofsvorstand mit wehenden Armen aus seinem Kämmerchen: Es geht weiter! Ich schaute auf die Uhr: 2 vorbei.

Draußen hörte ich den Schaffner fröhlich Abfahrt pfeifen, während ich mich in die Polster kuschelte. Eine halbe Stunde Schlaf war besser als gar kein Schlaf. Noch einmal blieben wir stehen, offenbar um Gegenverkehr vorbeizulassen, Das nächste, was ich hörte, war ein forsches “Ausstieg: Links!”. Ich erblinzelte Hütteldorf. Noch 5 Minuten bis nach Hause, eine bahnoffizielle Entschuldigung über die Lautsprecher, Ankunft Westbahnhof: Punkt 3 Uhr früh.

Taxistand leer, und obwohl ich die erste war, die der Zentrale von einem frisch eingetroffenen Zug voller taxibedürftiger Menschen am Westbahnhof erzählte, hielt ich mich aus den Kämpfen raus, die um die ersten eintreffenden Wagen ausbrachen. Ich war sicher, dass es Wien definitiv genug Taxis gibt, auch um 3 Uhr früh, da braucht man keine Fäuste zu schütteln, ein Daumen genügt. Eine halbe Stunde später war ich folgerichtig zu Hause. Der Fahrer erzählte von Hagel, von umgestürzten Bäumen, von einer Sichtweite von unter 5m und von einer gesperrten Ringstraße. Zum Glück nur für eine Viertelstunde, wie er sagte. Der Baustelle vorm Haus hatte es Container und Absperrung umgeworfen, meiner Wohnung ging es zum Glück gut. Nur etwas fiebrig war sie. 38,5°. Was mit offenen Fenstern schnell behoben und meinem Schlaf dann auch egal war.

Baustelle, beeinträchtigt

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