Urlaubsgefühle

Morgens, noch verschlafen, den Geschmack des ersten Kaffees auf der Zunge, im sonntagsstillen Fabrikshof stehen und die erste Zigarette rauchen. Im Kopf nichts, oder doch nichts Bestimmtes, der Tag hat gerade angefangen, das Leben hat noch den ganzen Tag Zeit.

Es ist warm, wärmer als im Haus, und  als dann von irgendwo ein kühlerer, keineswegs kalter Windhauch durch den langen Torgang streicht, ist es plötzlich da. Das Gefühl von weitweg und fremdzufrieden, einfach so, weil der kühle Wind auf der Haut sich ein Scheingefecht mit den warmen Sonnenstrahlen liefert.

Später Worte in gegenseitig vertrauten Halbsätzen, eine Nektarine im Joghurt vielleicht. Dann los, unter der jetzt hellwachen Sonne einen Hügel hinauf, der sich wie ein Berg anfühlt. Langsam, als würde man die Gegend bestaunen, schließlich aber wirklich die Gegend bestaunen, sie ist bunter und lebendiger geworden seit ich das letzte Mal hier war.  Vielen Häusern sind Schanigärten gewachsen, in denen sonntagmittags, je nach Lokal,  Familien mit Kinderwägen beim Mittagessen sitzen, oder Eingeborene beim möglicherweise nicht mehr ersten Bier, oder ernste dunkelhaarige Männer vor duftendem Kaffee.

In der U-Bahn verwundert, warum all die üblicherweise griesgrämigen Stadtreisenden plötzlich viel freundlicher scheinen. Im dunklen Spiegelbild  des Flüchtigfensters schließlich mein eigenes zufriedenes Halblächeln gefunden. Wo das wohl her kommt. Weiß ich. Das Leben bleibt weich. Sogar die Hektik im Sonntagssupermarkt, wo ich noch eine Flasche Wasser hole, bringt mich nicht aus der Ruhe. Das ist nun wirklich erstaunlich.

Am Donauufer reichlich Menschen, doch die Menge verliert sich artig beim ersten Quellwolkerl, das von ganz weit her ein leises Grummeln hören lässt. Zurück in der nach wie vor strahlenden Sonne bleiben die alten Donauhasen, zu denen ich mich mittlerweile schamlos rechne. Es bleibt noch stundenlang warm, wenngleich windig, auch wenn beim Rausschwimmen  der Grauwolkenschleier Richtung flussaufwärts etwas von Regen in Höhe der Reichsbrücke erzählt. Als der Wind stärker wird, ziehe ich mein Handtuch aus dem Schatten in die Sonne. Als die Wolken kommen, gehe ich noch einmal schwimmen. Erste verirrte Tropfen von oben werden ungläubig beäugt und ansonsten nicht weiter beachtet, was dem Rest wohl den Mut nimmt – es kommen keine weiteren nach. Auch der Wind beruhigt sich deutlich, kriegt aber eine feuchtkühle Note.  Einmal schwimme ich noch, die Donau wirft Wellen wie ein abendmüdes Meer.

Man könnte hier immer noch gut bleiben, aber die allgemeine Aufbruchsstimmung steckt mich an. Gleich heim mag ich trotzdem nicht. Da muss mein gramgebeuteltes Budget einfach noch ein paar Pommes und ein kleines Bier finanzieren, wie unvernünftig das auch sein mag. Noch einmal versucht es ein vorwitziges Wolkerl mit ein paar Tropfen Wasser, die die Strandhüttenbesucher ebenso wenig beeindrucken wie vorhin die Strandbesucher. So geht halt Spätsommer.

Schließlich zum Bus, der aber nicht kommt. Hier regt das niemanden wirklich auf, auch wenn nach zehn Minuten leichte Verwunderung aufkommt. Er ist hinunter gefahren, wo es noch etwa drei  Haltestellen weiter geht, also müsste er doch irgendwann zurückkommen? Kommt aber nicht. Keine Tragik. Man setzt sich hin und liest ein wenig, raucht eine Zigarette, aus zehn Minuten werden 20. Da wird wohl irgendwas passiert sein, kann man nichts machen, hoffentlich nichts Schlimmes.  Dann fährt der nächste Bus in die Gegenrichtung, und der kommt dann auch tatsächlich irgendwann zurück. Der Fahrer trägt einen Gesichtsausdruck, als wäre er auf schlimmste Zornesausbrüche vorbereitet, und lächelt verwirrt, als die Einsteigenden nur freundlich grüßen, wie es hier an der grünen Peripherie halt üblich ist.

Dann U-Bahn und Straßenbahn, mittlerweile ist es dunkel geworden. Beim Aussteigen erzählt der glänzende Asphalt, dass hier doch etwas mehr Regen gefallen sein dürfte. Die Wohnung ist warm und ein bisschen dunstig von trocknender Wäsche, ich mache alle Fenster auf und ja, da ist es wieder.  Als Wohnungsrestwärme und der kühle Lufthauch von draußen auf meiner sonnensatten Haut aufeinandertreffen. Das unvermittelt Glück bringende Urlaubsgefühl.

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This article was written by Andrea

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