Vernetzt, verwirrt, verlinkt – Ich? Hier? Wo?

In unregelmäßigen Abständen befällt mich tiefe Unzufriedenheit über meine Netzpräsenz und damit das drängende Bedürfnis, ganz einfach alles zu ändern – und das natürlich möglichst sofort. War das früher einfach (ein neues Template ist schnell programmiert, wenn man erst einmal eine optische Idee hat), haben sich mittlerweile die Seiten ebenso wie deren Verlinkungen vervielfacht, und man muss an so viele Kleinigkeiten denken, dass mir schon in der ersten Planungsphase (im Kopf) die Lust vergeht. Und so bleibt oft alles so, wie es ist – und ich habe keinen Spass mehr daran, Inhalte zu erstellen, weil Form wie Function des zur Verfügung stehenden einfach nicht meinem momentanen So-Sein entspricht. Dazu kommt, dass in den “sozialen” Netzen die Entscheidung einer Änderung gar nicht bei mir liegt – denn ob die Facebook-Timeline gestern oder übermorgen aktiv wird, ob ich beim Twitter-Besuch die aktuelle oder die vorletzte Version sehe, kann ich selbst nicht beeinflussen.

Ein erstaunliches Merkmal dieses Luxusproblems ist, dass es immer nur dann auftritt, wenn ich bis über beide Ohren mit Arbeit eingedeckt bin, also im Grunde eh keine Zeit hätte, alles das umzusetzen, was mir vorschwebt. Eine andere Konstante ist seit ein paar Jahren der Gedanke: ‘Facebook geht mir so auf den Arsch Geist, ich lösch jetzt meinen Account. Aber wirklich. Sofort.’

Anyway. Insgesamt sind meine momentane Netz-Unzufriedenheit im allgemeinen und die Skepsis zu sozialen Netzwerken im besonderen Grund genug, mich Konstantin Klein und Don Dahlmann anzuschließen und eine Bestandsaufnahme meiner digitalen Identitäten in diversen Netz- und Werken zu versuchen.

Twitter – Twitter ist für mich ein seltsam schizophrenes Ding. Während ich mich aktiv auf Befindlichkeitsmeldungen beschränke (ergänzt durch automatische Posts über sonstige Netzaktivitäten), ist es mir passiv längst zu einem der wichtigsten Nachrichtenmedien geworden. Alles, was “breaking” sein könnte, suche ich erstmal auf Twitter, bevor ich die üblichen Verdächtigen (ORF, Standard, ZDF) aufrufe. Zudem macht es einen Höllenspass, auf Twitter “gemeinsam” fernzusehen. Ob das nun der Tatort ist oder eine hochpolitische Talkshow – ohne die Tweets dazu fehlt einfach etwas.

Facebook – Facebook kriegt meinen persönlichen Preis für ‘längstmöglichstes Aufrechterhalten der breitestmöglichen Ambivalenz’. Anders ausgedrückt – Facebook ist das Ding im Netz, was ich seit jeher wenigsten mag, aber unterm Strich trotzdem extrem vermissen würde – wenn es plötzlich weg wäre. Der Hauptgrund dafür ist, dass sehr viele Kontakte einfach nirgends sonst zu finden sind. Alte Heimat, alte Musiker, alte Freundschaften – das alles finde ich nur dort. Ich wünschte, alle diese Menschen hätten Blogs mit RSS-Feeds, die ich abonnieren könnte. Oder Twitter-Accounts. Oder wenigstens, verdammtnochmal, einen lächerlichen altmodischen Email-Newsletter. Haben sie aber nicht. Und deshalb, genau deshalb und nur deshalb, komm ich aus Facebook nicht raus – egal wie sehr mich policies und politics dieser irgendwie doch sehr suspekten Firma nerven.

Google + – Ist in meiner Wahrnehmung mausetot. Und das, obwohl sich dort – wenn ich dann doch einmal reinschaue – die spannendsten Links, die durchdachtesten Diskussionen und die interessantesten Standpunkte finden. Der Grund dafür ist höchst trivial: Ich müsste eine eigene Seite/App aufrufen, um G+-Einträge wahrzunehmen. Und das mache ich nicht. Wenn ich am Desktop arbeite, steht yoono auf der linken Seite meines Bildschirms, und egal, was ich mache – die Einträge meiner Twitter-, Facebook-, Flickr- und Youtube-Kontakte laufen automatisch vorbei. Unterwegs bringt mir Tweetdeck immerhin noch Facebook und Twitter in einem aufs Phon. Extra eine Seite ansurfen? – Nein, wirklich nicht.

Google Reader – ist immer noch das wichtigste Werkzeug für die Informationsbeschaffung jenseits der Daily News. Die Share-Funktion vermisse ich schmerzlich, sowohl aktiv als auch passiv. Diverse Experimente zum Nachbau dieser Funktion – über Bookmarking-Dienste, ifttt und halbhändische Sammlungen in diversen haben lange nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Mittlerweile habe ich eine für mich akzeptable Lösung, und die läuft auf:

Soup.io. Ehrlich, ich hab nie verstanden, wieso die Wiener Suppenküche so ein Schattendasein in der Netzwahrnehmung fristet – im Grunde ist sie nämlich deutlich cooler als Tumblr und Posterous zusammengenommen. Und wird daher auch weiterhin meine bislang liebste Annäherung an den “Lifestream” bleiben. Wobei – Mal sehen, was die Suppenzukunft bringt!

Path – könnte mir gefallen und in meiner Social-Hitliste ganz schnell ganz nach oben steigen – wenn, ja wenn – zum einen mehr meiner Kontakte dort wären und es zum anderen ein Webinterface hätte.

Last.fm Hat bei mir mit der Entdeckung von Spotify eine Renaissance erlebt, weil es die Songlisten aus Facebook raus bringt.

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