Vollmondwanderung mit Sunset-Schwimm

Dass diese seltsam fahrig-gereizte Stimmung, die mich nicht einmal in die Bachmannpreis-Texte hineinkippen ließ, von den Füßen kam, die schon viel zu lange ohne Auslauf dahinvegetieren (4 Tage unter 5km), war mir schon früh klar, aber es galt noch hier und da ein paar lose Enden aufzusammeln, bevor ich lostraben konnte, zudem die eine oder andere Kommunikation zu führen, nette wie lästige, aber heute waren auch die netten irgendwie lästig. Meinten zumindest die Füße, die in solchen Dingen eine unerhörte Überzeugungskraft über die anderen Körperteile entwickeln, dem sich schließlich auch das Gehirn nicht mehr entziehen kann.

Das ist ein bisschen blöd, schließlich habe ich den zweiten Klagenfurt-Tag blogseitig noch nicht verarbeitet, die Wäsche nicht gewaschen, und dieses Hirn hätte durchaus auch Lust auf einen geselligen Freitagabend irgendwo da draußen verspürt, bevor die verdammten Füße wieder einmal ihren Willen durchsetzen mussten.

Was solls, dann halt.

Donauinsel oder Kanal ist die Frage, der Kanal gewinnt – erstmal um Haaresbreite. Die Füße nehmen grummelnd in Kauf, dass das Hirn zum Ausgangspunkt der Expedition doch mit U- und Straßenbahn fahren will. Freitagsmassen in der Stadt wären für beide nicht das Wahre gewesen. Gleiche Richtung wie zuletzt, aber anderes Ufer. Gleich hinter der Urania geht es die Treppen hinunter, und neben entspannter Strandatmosphäre mitten in der Stadt eröffnet sich, erwartungsgemäß aber dennoch gewaltig, ein völlig neues Graffiti-Universum.

Gerade an der Katze (1. Bild) wird sehr schön klar, wie die Schichten der Zeit im Graffiti-Freigebiet Donaukanal quasi in Tag-Generationen aneinander wachsen, finde ich.

Das Bunte endet hier schneller als auf der anderen Seite, das Ufer ist etwas „wilder“, verwachsener, streckenweise geradezu waldig. Metallene Sitzgarnituren, oft auch mit Tisch, sind gut besetzt. Jugendliche blasen einander Hiphop um die Ohren, ein paar abgerissen aussehende Pensionisten teilen zwei Bier durch drei Trinker, eine Biegung später zwei eher edel gekleidete ältere Herren und eine Dame beim Kartenspiel. Angenehm, dass hier Fuß- und Radweg getrennt sind, nicht so angenehm, dass die Straße nahe und laut ist. Eine Gruppe junger Mädchen lacht vorbei, jede einzelne bekränzt nach Hawaii-Art, ich frage mich, ob ihnen bewusst ist, dass alles ringsum einen Moment innehält vor so viel jugendlicher Lebensfreude.

Unten auf den Steinen, mit denen streckenweise das schnell fließende Donaukanalwasser in kleine Becken geleitet wird, sitzen Gestalten in Badehose und Bikini. Ich frage mich, ob sie hier auch baden. Ich hoffe nicht, so, wie das riecht. 

Ein Stück weiter wird die Nähe zum Hundertwasserhaus sichtbar.

Direkt neben dem Weg immer wieder eigenartige bunkerartige Bauwerke, nur eins von den vielen besprayt.

Auf der anderen Seite immer wieder grüne Idyllen, in denen HundebesitzerInnen ihre Wauwaus baden schicken.

Je weiter kanalabwärts es geht, umso weniger Bänke sind besetzt, und umso weniger Jogger, Hundebesitzer und Flanierer sind unterwegs. Nur Mist gibt es auch hier reichlich.

Die Brücke, an der ich letztens abgebogen bin, ist erreicht. Auch an diesem Ufer wird die Straße nebenan zur Autobahn und rückt unangenehm nah. Ein Stück dahinter gibt es fast zu viele Entscheidungsmöglichkeiten.

Bratislava käme den Füßen vermutlich gerade recht, aber der dichte blecherne Verkehr hält mich davon ab, über den Zaun zu klettern und diese Richtung einzuschlagen. Stattdessen freue ich mich an dem grünen Gewucher ringsherum.

Die als sensationell angekündigte Hitze ist übrigens ausgeblieben, findet jedenfalls mein Körper, Thermometer habe ich keines mit. Es ist warm, sommerlich warm, beim schnelleren Gehen durchaus ein bisschen schwitzwarm, aber weder drückend noch schwül, und schon gar nicht „ichwillnurnochimschattenimliegestuhlliegen“-warm. Nervig dagegen die Schwärme kleiner Mücken, die irgendwie überall sind; zwischen den Bäumen halte ich die Hand vor Mund und Nase, um sie nicht einzuatmen, nachdem mir genau das zwei Mal passiert ist. Die Raben, die auch an diesem Ufer reichlich herumlungern, sind wenig hilfreich. (Was fressen eigentlich Raben?) Aber mit dem Zurückweichen des Gebüschs lassen auch die Mücken nach, und jetzt hat endlich der gemeine Fußgänger die Möglichkeit, sich ebenfalls zu entscheiden. Zumindest wenn er bereit ist, sich als Radfahrer auszugeben.

Nun wäre ja der Donaukanal(rad)weg angesagt, denn ich will, wie êigentlich schon letztes Mal, endlich wissen, wo dieser Kanal zurück in die Donau mündet. Aber dieser Weg führt an der Autobahn entlang, soweit das Auge reicht, die Autobahn ist voll von lästigem Freitagabendverkehr, und ohne das Hirn weiter zu befragen, beschließen Füße, Ohren und Augen, jetzt doch lieber in Richtung Donauinsel abzuschwenken. Den Donaukanal kann man einmal bei weniger Verkehr weiter verfolgen, an irgendeinem Sonntag in der Früh vielleicht.

Die freitragende Rampe hoch zur Brücke gibt mir ein seltsames Gefühl. Nicht Schwindel; im Gegensatz zu allem, was ich gehört habe, bin ich heute eher weniger schwindlig als früher, sondern den Eindruck, sich über den kargen Beton quasi freizulaufen von allem, was bisher ein bisschen zu nahe war, ohne dass man das so recht gemerkt hat.

Oben freier Blick auf eine seltsam künstlich anmutende Stadt. Auf dem Gegenlicht-Foto kommt das noch ein bisschen stärker heraus als in Wirklichkeit.

Auf der anderen Seite Schrebergärten und Tennisplätze, die so leer und verlassen wirken, dass ich das Gefühl habe, ich muss da ganz schnell durch, bevor der Horrorfilm-Horror seinen Lauf nimmt. Leere Schrebergärten an einem Freitagabend sind doch nicht wirklich normal? Ich zucke zusammen und bin doch gleichzeitig erleichtert, als eine scharfe Altfrauenstimme irgendwo hinter einer Buchsbaumhecke nach ihrem „Karliiii!?“ ruft.

Noch ein zwei Kurven weiter und ich bin mitten im Prater. Also, im grünen Prater, nicht im Vergnügungspark. Das hätte ich mir zwar rein geographisch denken können, aber so richtig gedacht habe ich schon seit ein paar Kilometern nicht mehr. Das ist ja irgendwie der Sinn der Sache.

An seinen Ausläufern ist der Prater richtig sympathisch. Man könnte wirklich meinen, man wär am Land, wenn nicht die Autobahn (jaja, hier läuft die andere entlang, mit mindestens ebenso viel Freitagabendverkehr). Kastanienbäume, Wiesen, vereinzelte  :) Schrebergartensiedlungen. Doch dann wird er so wie man ihn kennt. Irgendwie fad grad. besonders ohne Fahrrad. Und wenns dem Hirn fad ist, dann sind auch die Füße nicht mehr ganz so entschlossen, das muss man fairerweise zugeben, die Beziehung ist durchaus eine gegenseitige.

Im Grunde könnte man deshalb jetzt die paar Schritte zurück gehen und den Bus nehmen, der… da gibt es nur ein Problem: Zurück geht gar nicht.

Überhaupt nicht, unter keinen Umständen, außer vielleicht wenn akute Lebensgefahr besteht. Und die besteht ja nun keineswegs. Die Wasserflasche ist halb voll, die Radfahrer sind zivilisiert, und eigentlich seh ich „da vorn“ eh schon die Brücke. Die zur Insel. Also latschen wir halt noch über die Brücke, und nehmen dann den Bus flussabwärts. Keine große Sache.

„Da vorn“ ist natürlich ein durchaus dehnbarer Begriff, und meine Entfernungswahrnehmung ist keineswegs die beste. Immerhin erfahre ich auf diese Weise, dass es neben den Bade- und Naturschutzgebieten auch noch Altflussgebiete gibt, die sich dem Ruf als öffentliches Naherholungsgebiet erfolgreich entziehen und auch an einem wunderschönen Freitag still und einsam daliegen. Erstaunlich, bei solch idyllischen Anblicken.

Zwei Schrebergartensiedlungen und ein halbes Industriegebiet später stehe ich tatsächlich vor der Brücke. Die ja eigentlich nur die Fortsetzung der Autobahn ist, mit einer Rampe, auf der die Radfahrer quasi eine Etage unter den Autofahrern die Donau überqueren können. Oben ist es relativ hoch, und ich erlebe erstmal einen leichten Anflug von Handy-Schwindel („OK, ich pass nicht durch den Spalt da an der Seite, aber was wenn mir das Handy aus der Tasche rutscht und in den Fluss fällt?“), der sich leicht ignorieren lässt, sitzt das Handy doch fest in der Tasche. Nur ein paar Schritte später allerdings befällt mich richtiger Schwindel, den ich erst gar nicht zuordnen kann. Hm. So heiß ist es doch gar nicht, so weit bin ich doch gar nicht gelaufen, Wasser habe ich genug getrunken, was zum Teufel ist jetzt…

Der nächste Schwerlaster über mir macht klar: Es liegt nicht an mir, die Brücke schwankt tatsächlich. Nur ein ganz kleines bisschen, aber genug, um ein unterschwellig mulmiges Gefühl auszulösen. Beruhigt latsche ich weiter; an sowas gewöhnt man sich schnell. Links und rechts zischen, ziehen und schleichen Radfahrer an mir vorbei, auch daran kann man sich gewöhnen.

Doch plötzlich stört etwas die sportliche Idylle.  Es ist eine ausgesprochen bundesdeutsche Intonation, die da donnert: „Hören Sie mal, das ist ein Radweg, da können sie doch nicht spazieren gehen!“. Die Stimme sitzt behelmt auf einem Fahrrad, das mit allen Taschen ausgestattet ist, die man auch nur irgendwie an einem Fahrrad anbringen kann, und das Donnern gilt einem älteren Pärchen, das mir entgegen kommt und dem Donneranten offenbar im Weg war. Ich bin schon fast in Spechnähe und lege mir ein „In Wien sehen wir das nicht so eng“ zurecht, das ich allerdings nicht los werde, denn hinter dem Deutschen ist ein typischer Wiener Rennradfahrer aufgelaufen, also ein typischer Rennradfahrer mit Bierbauch. „Gehst auf’d Seiten?“ schlägt er dem Deutschen erst einmal relativ freundlich vor, was der Radreisende aber offenbar nicht vor hat. „Die können doch hier nicht spazieren gehen!“ Wiederholt er, während ich absichtlich langsamer gehe, um die Entfaltung des Dramas nicht zu verpassen. Mit Recht.  Denn während der männliche Teil des spazierengehenden Pärchens etwas unbeholfen anfängt „Wos soll des haßen, wir kennan do ned…“, hat der Wiener Rennradfahrer bereits die Hände in die Hüften gestemmt und donnert nun seinerseits „Wennst dein Kreibl ned glei wegramst, fliagt a in die Donau, dann gehst a spaziern!“

Mittlerweile hat sich auf beiden Seiten der Blockade ein kleiner Radstau gebildet, aus dem jetzt eine Mischung aus Kichern und Unmut aufsteigt. Ich drücke mich am Zentrum des Geschehens vorbei und atme unversehens eine Bierwolke ein, ohne den Verursacher mit Sicherheit ausmachen zu können.  Ich verdächtige aber den halbwegs gewaltbereiten Bierbauchträger. Unter Radgequietsche und Unmutsgemurmel löst sich die Sache auf.

In der Mitte der Brücke, also über der Insel, stelle ich fest, dass es hier nicht weiter geht. Also, es geht natürlich weiter, nämlich runter auf die Insel, aber eben nicht weiter ans andere Donauufer, wo der Bus fährt, den ich mittlerweile doch ganz gern genommen hätte. Da seufzen sogar die Füße.

Was solls. Dafür begrüßt mich die Insel mit einem Wortspiel, und ein paar Schritte später mit künstlerisch und kulinarisch ansprechenden Sujets.

Oh, und mit dem Licht. Diesem Frühsommer-Abendlicht, das selbst etwas völlig Banales wie ein Kraftwerk irgendwie bedeutend und schön aussehen lässt.

Dennoch, irgendwie zaht es sich jetzt schon ein bissl. Vor allem, weil das Wasser deutlich lockt. Aber ein Badeanzug ist nicht mit, und der FKK-Bereich ist noch nicht erreicht. Es bleibt also nichts anderes übrig, als weiterhin Schritt für Schritt… Immerhin weht mittlerweile ein angenehm laukühler Wind.

Die angekündigte Polizeipräsenz auf der Insel ist übrigens tatsächlich intensiv. Auf dem Stückl von einer Brücke zur nächsten 3x mal eine Streife vorbeifahren gesehen, wobei ich nicht sicher bin, ob das 3x die selbe oder drei verschiedene waren.

Aber endlich. Die Brücke ist erreicht, jetzt sind es nur noch ein paar Meter bis dorthin, wo man wirklich alle Hüllen fallen lassen kann. Oh, Moment! Noch schnell ein Sonnenuntergangsfoto!

Da, ein (fast) freies Badefloß. Ich werfe alles von mir, was nicht ins Wasser soll, und anschließend mich in selbiges. Perfekter Moment! Das Wasser hat im Verhältnis zur Luft die richtige Kühle, um frisch, aber nicht schockig zu sein. Ein paar Schwimm-Meter später (3-400 vielleicht?) lege ich mich auf den Rücken und bewundere die Wolkenschaft über mir, die sonnenuntergangsrot kuppelhaft mein ganzes Blickfeld einnimmt. Wunderbar! Und dann traut sich sogar noch der Mond hinter seiner Wolke hervor. Oder doch zumindest so halb.

Auf dem Heimweg dann noch von der Klimaanlage im Bus tiefgefroren und anschließend in der unklimatisierten U-Bahn resch aufgebacken worden, aber was solls. So durchblutungsfördernd ist er halt, der Sommer in Wien.

 

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