Von Matmata nach Zarsis

Die Zimmer im Hotel Matmata in Matmata aber sind schön, haben ein Gewölbe, und das Gewölbe besteht aus roten Ziegeln und weißen Zwischenräumen, und unter diesem runden Himmel lässt sich’s gut im Halbschlaf dahinträumen, dahinüberlegen, und die Klimaanlage rauscht, je nach Halbschlafbildern wie ein Meer oder wie eine stark befahrene Straße oder wie ein Wald, und ich bin ausgeschlafen genug um dieses Gefühl zu genießen: Im beinahe-Schlaf, im gerade-nicht-mehr-Schlaf, hat alles Platz an Bildern und Gefühlen, und warm ist es auch.

So dämmert der Morgen nach einer leicht durchschlafenen, leicht durchwachten Nacht, und es ist kalt heute, Wolken über uns, und die Wolken, die mich stören, bedeuten Hoffnung für das Land, in dem es seit 2 Jahren nicht mehr geregnet hat.

Zum Gaudium des Publikums klettere ich frierend im Badeanzug in den leeren Swimmingpool, der Sufi immer mit der Kamera hinter mir her, und der Barmann holt den Manager, und der Manager holt den Chef, und alle stehen herum und lachen herzlich über die verrückten Österreicher.

Dann gibt es Kaffee und so was wie ein Frühstück, und ich verkünde, dass ich wieder wegfahren will, heute noch, der Sufi wäre geblieben, der Sufi wäre hier wochenlang geblieben, sagt er, oder auch noch länger; wenn er hier sterben sollte, sagt der Sufi, dann will er hier begraben sein und nirgends sonst, und ich nicke ernst und lächle dann und wir spazieren weiter, über die Dächer der Troglodyten-Häuser, der in den Berg gegrabenen Berberwohnungen, und das Museum hat auch heute geschlossen, aber für ein Foto von oben reichts noch, und die Kinder bitten um Stylos und Bonbons und Dinars, und die Antwort ist immer „no“, politisch korrekt aber unendlich traurig.

Und eine Frau bittet uns in ihre piekfeine unterirdische Wohnung, und wir gehen von Zimmer zu Zimmer und filmen, Kommunikation findet nicht statt, und natürlich ist es ein Einkommen und eine Verdienstchance für die Menschen, aber den 5er hätten wir auch so hergeben können, ohne durch ein fremdes Leben zu trampeln, und ich bitte den Sufi, wieder aufzustehen und herauszukommen, bevor ich an der Peinlichkeit ersticke, und dann haben wir auch das überstanden, und die Wohnung selber, einfach aber sauber und unter der Erde mit Strom und Gas, die sieht gar nicht so unbequem aus.

Dann zurück zum Hotel, gepackt ist ja noch, und der Chef bringt uns zur Busstation, und eine geräumige, bequeme Louage bringt uns von den Bergen hinunter ins Nouvelle Matmata. Außer uns noch zwei Japanerinnen, keiner Sprache mächtig außer der eigenen und der englischen, und so etwas versteht hier kein Mensch. Der Sufi nimmt sich der armen Wesen an und unterhält sich mit ihnen und hilft ihnen, die richtigen Schritte zu setzen um in Richtung Douz zu kommen, und er fragt sie woher sie kommen und wohin sie gehen, und das ist gut so, den ich bin schon wieder dem Schweigen verfallen.

Vorne in der Louage sitzt noch eine Frau mit einem Kind, und unterwegs steigt noch ein junges Mädchen zu, und sie sitzt mir gegenüber, und wir lächeln uns freundlich zu, und ihre Augen sind offen und ohne Scheu und ohne Berechnung, und draußen das Bergland zieht vorbei, diese Landschaft, die ich gestern das erste Mal gesehen habe, die mir vertraut ist seit Anbeginn der Zeit, und es wird langsam flacher, und dann sind wie in Nouvelle Matmata, und dort steigen wir um in einen viel kleineren, viel unbequemeren Wagen, um die viel weitere Strecke nach Gabes zu erfahren.

Und ich werde auf den Vordersitz dirigiert, und das ist mir zuerst unangenehm, weil ich fürchte, mit dem Fahrer plaudern zu müssen, aber der schweigt ohne Anspannung, und hinten sitzt der Sufi und plaudert weiter mit den Japanerinnen, und ich bin heilfroh, vorne zu sitzen, und die Tür ist leicht verbeult und geht nicht ganz zu, und wenn ich nach rechts schiele, sehe ich durch den Spalt den Asphalt vorbeiziehen.

Vereinzelte Palmen und Olivenbäume werden dichter, werden zu Anpflanzungen, und darunter wächst sogar Gras und manchmal Blümchen. Hochspannungsleitungen laufen auseinander, laufen zusammen, und wieder fahren wir in eine fremde Stadt, nach Gabes hinein, das so anfängt wie alle anderen, aber das beunruhigt mich nicht mehr, und ich sitze still und schaue, die Stadt macht einen mediterranen Eindruck und sieht zuerst verlassen aus, dann die ersten Geschäfte, Pferdewagen und Männer, die entspannt vor ihren Läden auf der Straße sitzen.

Der Weg zur Station des Luages führt durch den heute hier stattfindenden Viehmarkt, und zwar im Schritttempo, denn auf Schritt und Tritt gibt es hier Dinge, denen es auszuweichen gilt, spielende Kinder etwa oder verkaufte Schafe, und die neuen und die alten Besitzer drängen die Körper der Tiere mit dem eigenen Körper zusammen, sodass unser Wagen vorbei fahren kann, und ein kleiner Bub springt auf den vor uns fahrenden Pferdewagen auf und strampelt mit den Beinen, und ein Schaf versucht vergeblich zu flüchten, und der Fahrer lacht und ich lache und dann sind wir auf dem belebten Platz, wo Busse und Louages in den Rest des Landes abfahren, und wir verabschieden uns von den Japanerinnen und ich setze mich auf eine Mauer und überwache das Gepäck, während der Sufi auf die Suche geht nach einem Wagen, der uns in Richtung Zarsis bringt.

Und es vergehen keine 5 Minuten, dann ist auch das geklärt, und wir ziehen mit unserem Gepäck zum nächsten klapprigen dreihreihigen Kombi. Ich fühle mich wie das japanische Paar in Jim Jarmuschs „Mystery Train“, das seinen riesigen Koffer durch ganz Memphis zieht, ohne zu merken, wie die Leute schauen, und das sage ich dem Sufi, und zur Abwechslung ist er es der lächelt und schweigt.

Mit Mühe verstauen wir unser Gepäck, der Wagen fährt direkt nach Zarsis, und alle Plätze bis auf einen sind belegt, wir werden also nicht mehr lange warten müssen. „Vor dir sitzt ein gelehrter Mann“, sagt der Sufi, und ich nicke und lächle, ein Mann mit einem weißen Käppi und einem langen Bart, den ich immer nur von hinten sehe.

Dann ist noch ein Mitfahrer gefunden und es kann losgehen. Ich hätte die Jacke ausziehen sollen, denke ich, aber dazu ist es zu spät, und das Auto schleicht durch die belebten Straßen, und in einem ausgetrockneten Flussbett weiden Schafe und Ziegen, und endlich am Horizont eine tiefblaue Ahnung von Meer, und dann kommen wir aus der Stadt heraus und der Fahrer gibt Gas, zum ersten Mal ein Anklang dessen, was man in unseren Breiten unter orientalischer Fahrweise versteht, klemmt er sich auf einen halben Meter hinter vor ihm fahrende Lastwägen oder Omnibusse, kümmert sich beim Überholen nicht um Kurven und möglichen Gegenverkehr, und ich bin ganz ruhig.

Manches sollte man filmen, denke ich, und ich filme nicht. Nicht die lebendigen Hunde am Straßenrand, nicht den toten Hund im Graben, und ich filme keine Schafe und keine Ziegen und keine Arbeiter in den Gärten am Rande der Straße, ich filme nicht die Verkaufsstände und ich filme nicht, wie unser Fahrer unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln sein Ziel ansteuert, und es ist warm im Wagen aber ich schwitze nicht, und der heilige Mann vor mir riecht nach Kleidern, die lange in einem Schrank gelegen sind, und irgendwo anders her weht ein Duft von Kölnisch Wasser, und eine Fliege sucht nach einem Platz, wo es sich leben lässt, und ich schaue ihr zu, sie setzt sich auf die Mütze des Gelehrten, die ist wohl zu weiß, dann auf die Lederjacke des anderen, zu schwarz, und dann verschwindet sie irgendwo, und ich brauche sie nicht mehr zu verscheuchen.

Und die letzte Reihe in diesem Wagen ist verdammt unbequem, und bei jedem Schlagloch, deren es viele gibt, poltere ich schmerzhaft auf mein Steißbein, und es ist warm, und ich bin zufrieden. Und wieder hängen wir bei Tempo 120 einen Meter hinter einem Omnibus, und

ich habe keine Angst

ist das das fremde Land oder

mein freigelegter Kern?

Alle meine Türen stehen

weit offen und

trotzdem kann mich

nichts

verletzen

hier & jetzt

Jetzt mehr Olivenbäume als Palmen, und ich denke, wenn wir jetzt einen Unfall haben, dann wird niemand jemals lesen, was ich gestern geschrieben habe, und das wäre schade, aber das wäre das einzige, was schade wäre, und bei dem Gedanken wird mir warm und froh.

Und ich erzähle das dem Sufi, und er sagt, er hat gerade gedacht, wenn wir jetzt einen Unfall haben, dann werden sich unsere Gene mit denen des Gelehrten vor uns vermischen, und das gäbe etwas ganz neues, nie dagewesenes, und ich nicke und lächle, seine Bilder und meine Bilder, hier hat alles Platz.

Eine Polizeikontrolle, wieder einmal, und im Gegensatz zu gestern werden auch unsere Pässe einer eingehenden Prüfung unterzogen. Aber werder Interpol noch sonstjeamnd sucht nach uns, und ein freundlicher Polizist bringt sämtliche Ausweise mit der schon bekannten Handbewegung „weiterfahren“ zurück ans Fenster.

Bäume jetzt durchgehend und links und rechts der Straße Kanister mit oranger Flüssigkeit, alle paar Meter so ein Stand, und schließlich fragen wir einen unserer Mitfahrer, was denn da drin sei, „sauce pour la voiture“ sagt er, und das heißt Benzin. Aus dem nahen Libyen, fragen wir, und er grinst und nickt, ob das nun stimmt oder ob er dachte, dass wir einen Scherz machen, werden wir nie erfahren.

In Medenine steigt er aus, und weil unser Fahrer keinen Ersatz findet, hat der Sufi jetzt mehr Platz für seine beinahe schon eingeschlafenen Füße. Nach Medenine lässt der Verkehr nach, und auch das Land verändert sich wieder, die Vegetation wirkt jetzt nicht mehr mediterran zufällig, wir fahren durch Anpflanzungen von Oliven, gerade ausgerichtet jede Baumreihe und darunter, je nach Besitzer, weiteres Grün oder auch nicht.

Die Sonne scheint und ein Schild draußen verkündet: 2064 km bis nach Kairo, und ein schwarzer Merzedes mit getönten Scheiben überholt uns, und unser Fahrer versucht, mit ihm mitzuhalten, bis der verdächtige Wagen in einer weiteren Polizeikontrolle gestoppt wird, dann geht es wieder etwas weniger halsbrecherisch weiter.

Schließlich Zarsis. Wohin wir wollen, fragt der Fahrer, ins Zentrum, sagen wir, und er bedeutet uns, auszusteigen. Auf den ersten Blick wirkt der Ort wenig freundlich, zwei Kaffeehäuser in sichtweite, zwei Garküchen, wir gehen in die zweite, weil die erste übervoll ist, und dort finden wir uns zu unserer Überraschung in der arabischen Version einer Hamburgerbar wieder. Was wir denn alles haben wollen in unserem Hamburger, fragt der Verkäufer, und der Sufi macht eine Handbewegung, die das ganze Universum einschließt, und so sitzen wir wenig später vor einem runden Brötchen, in dem sich köstliche scharfe Würstchen, ein Spiegelei, Pommes Frites, Tomaten, Zwiebel und alle Arten von Salat wiederfinden. Über der Theke, an der Wand: Eine Koransure, schwarz auf Silber, neben dem eingerahmten Staatspräsidenten neben einem Fernseher. Und Coca Cola gibt es auch.

Jetzt gilt es eine Bleibe zu finden, und weil ohnehin schon alles egal ist, mieten wir ein Taxi und lassen uns von Hotel zu Hotel schippern, in jedes steckt der Sufi seine Nase, und aus jedem kommt er kopfschüttelnd wieder heraus. Meistens versteh ich das, denn vor den Hotels sitzen die germanischen Vorsaison-Zombies und geben einen Eindruck von Mallorca oder von der Costa Brava, ein kleines, nettes Hotel suchen wir, versucht der Sufi dem Taxler zu vermitteln, aber der schüttelt nur den Kopf und führt uns von einem Betonschuppen zum nächsten und kann nicht verstehen, wieso der Sufi jedes Mal verzweifelter aus den betonierten Hallen wieder auftaucht.

Wieder fahren wir eine lange Einfahrt hinunter, und schon beinahe verzweifelt erklärt der Fahrer, das sei nun wirklich das beste Hotel am Platz, 4 Sterne! Odyssee heisst die Hütte, und hier bleiben wir auch, nicht wegen der Sterne, sondern weil es das einzige scheint, das eine Spur von Eigenständigkeit hat in der vorherrschenden Internationalitätssuppe. Die Gänge sind rund, hier hat jemand bei Hundertwasser gelernt, nur bunt ist es nicht, aber das ist auch besser so.

Unsere französischen Wortversuche an der Rezeption werden mit nur leicht akzentuiertem Deutsch abgewimmelt, und noch während wir das geräumige Zimmer bewundern mit seiner geräuschlosen Heizung, mit Fernseher und Balkon und geschmackvollen Korbmöbeln und mit Kühlschrank und Bad und WC getrennt, wünsche ich mir, ich hätte nicht das Geld für so einen Nobelschuppen und wäre gezwungen gewesen, mich mit dem draußen noch näher auseinanderzusetzen.

Aber so ist es nicht. Da gibt’s nur eines: Ab ans Meer! Aber das Meer, kühl und blau und Zeit meines Lebens meine Sehnsucht, wendet sich ab und spricht nicht mit mir, eingeschüchtert vielleicht von der Wüste in meinem Kopf, ich sitze auf einem Stein und schaue hinaus und fühle

nichts.

Natürlich gehen wir spazieren, eine große Runde am Strand entlang, und dann wird es Abend und noch kühler und wir fahren noch einmal in den Ort und kaufen Pastis und Wein. Und dann wollen wir essen, ganz „normal“, aber normal gibt es hier nicht, hier gibt es Pasta und Pizza und Restaurants mit dem Visa-Zeichen an der Tür. Was solls. Sitzen in einem solchen, und auch hier bin ich stumm, unfähig zu verstehen, wie das, was mich gestern noch erschreckt hat in seiner Fremde heute die ungleich bessere Wahl wäre, zumindest ist das Essen gut, und wir plaudern plätschernd dahin, aber

in meinem Kopf fahre ich durch die Wüste, und die, die gestern aus dem Wagen gestiegen ist, winkt hinauf zu der Frau, die aus dem Flieger springt, und ich trinke den süßen Tee in Ali Babas Wüstencafe und sehe mich am Rande des Flugfelds stehen. Und ich weiß, dass ich in meinem Leben noch nie so nahe an der Grenze zu mir selber war,

und ein guter Roman hätte dort geendet.

Das Leben ist kein guter Roman.

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