Von Tozeur nach Matmata

Um sieben Uhr früh klingelt dieser Wecker, und alles atmet Tristessa und Abschied. Die letzten Sachen im Koffer verstaut, und voller dunkler Ahnungen vom gestrigen Tag, klappt zum Einstand schon einmal der Taxiruf nicht, denn unser gestriger Omar hebt sein Telefon nicht ab, fahren wir mit einem fremden Taxi zur Station des Luages.

Dort die übliche hektische Betriebsamkeit, die man nur mit einer orientalischen Geduld ertragen kann, weil sie erst einmal lange Zeit in nichts mündet. Männer unterhalten sich in dieser kehligen Sprache, in der jedes Gespräch fürs ungeübte Ohr wie ein Streit klingt, aber dann umarmen sie sich freundschaftlich und lachen dabei.

Dazwischen Frauen, in allen Stadien zwischen Verschleierung und Verwestlichung, aber ruhiger als die Männer und zurückhaltender. Dann drei Spanierinnen, die anscheinend Tunesien in einer Woche besichtigen, sie kommen aus Nefta und wollen heute weiter nach Kebili, Douz, Matmata und Gabes. Das ist fast unsere Strecke, und wir haben schon beschlossen, zusammen zu reisen, doch der Chef der Station will es anders. In einen ziemlich großen Bus, Platz für 8 Leute und den Fahrer, und schon geht es ab, durch Dörfer und Wüstenausläufer, eine Polizeikontrolle, und noch ein Dorf, eine Oase, dann aber das Schott. Nach allen Seiten breitet sich das flache gelbe Braun, Ewigkeiten und doch gar nicht so lange, die Landschaft tut meiner Seele gut und ich bin froh, am hinteren rechten Eck des Wagens zu sitzen, weitab von jeglicher Konversation, aber es gibt ohnehin kaum welche, außer zwischen dem Fahrer und der danebensitzenden halbverschleierten Wüstentochter.

Innen im Wagen ist der Fahrer- und Beifahrersitz von den übrigen Plätzen durch ein kunstvoll gedrechseltes Holzgitter getrennt, vorne an der Scheibe hängt eine leuchtgelbe Fatma-Hand, die an einer Feder im Takt mit den Unebenheiten der Straße wippt, und eine CD voller Koransprüche hängt vom Rückspiegel.

Nach ein paar Kilometern gibt es auch Musik, Radio zuerst, dann Kassetten voller arabischer Discomusik. Mittendrin ein anscheinend klassischer, jedenfalls aber berührend emotioneller Vortrag, ein musikalisches Gedicht, eine Mann und eine Frau, und die grob klingende Sprache wird zart in ihren Stimmen, und in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben verstehe ich jedes Wort, nein: ich bin es, die da spricht.

Dazu das Schott, nicht weiss wie von allen beschrieben, sondern braun und feucht, hier muss es geregnet haben, sagt auch der Sufi, viel später sieht man auch noch kleine Lacken und Teiche, und wie aus diesem Schott das Salz gewonnen wird, der Sufi zeigt und erklärt und ich nicke und schweige, denn hier wohne ich im Schweigen, die Landschaft schweigt und ich, im Wagen und doch mittendrin, schweige mit. Ich habe nur Augen, nur meine Augen hinter der Sonnenbrille, die mir angewachsen ist im Gesicht, die ganzen Tage lang schon, weil sie mich schützt, weil niemand sehen kann wohin ich schaue, das macht mich frei, ich kann einem jeden in die Augen schauen und auch sonst überall hin, so lange und so intensiv ich will, hinter meiner Brille, und ich schweige.

Ich schweige so beharrlich und so still, dass der Sufi schon ganz beunruhigt ist, er spricht mit mir und ich sage „ja“ und „wahrscheinlich“ und „vielleicht“ und „wohl wahr“, aber nicht mehr, einsilbig versuche ich, die Konversation zu töten, denn hier gibt es nur meine Augen und die Wüste, da draußen, die salzige sandige Unendlichkeit, in der ich bin, und das Auto fährt, und ich bin drinnen, und ich sehe mich da draußen, denn ein Teil von mir ist schon längst ausgestiegen und geht dem Horizont entgegen, immer weiter, Schritt für Schritt, alleine, und dieses ich ist einig und zufrieden wie der Rest von mir es selten war.

Aber dann verliere ich mich aus den Augen, und ich bleibe traurig zurück, in diesem Wagen mit den getönten Scheiben, hinter meiner verspiegelten Sonnenbrille, und nur mein Schweigen ist noch hier. Nur mein Schweigen und meine Augen hinter den dunklen Gläsern, denn die da draußen hat alles andere mitgenommen, und das macht mich seltsam froh.

Und dann beginnt mir alles zu verschwimmen, die Wirklichkeit ist bei mir da draußen, bei mir da drinnen ist nichts Wahres mehr, das ist eine 3d-Simulation, und dieses Gefühl begleitet mich den Rest des Tages, als müsste ich nur die Hand ausstrecken und einen Knopf drücken, dann wäre ich in einer anderen Welt, einer vertrauteren, aber die da draußen will ich nicht ganz verlieren, aber in diesem Wagen will ich nicht sein, ich bin die, die ausgestiegen ist und über die Salzwüste geht, ich bin, ich bin, ich bin!

Dann nimmt die Wüste ein Ende, und Dörfer beginnen und Palmen, die Sonne scheint langsam wärmer durch die Scheiben und wir fahren durch ein paar Dörfer, alles wie gehabt, die einen Häuser scheinen noch nicht fertig, die anderen schon wieder am Zusammenbrechen, nichts wie es eigentlich aussehen soll außer vielleicht den Denkmälern und den Statuen, Kunstwerke gibt es hier und tunesische Flaggen, dazu das mehr oder weniger verblasste Gesicht des Staatsoberhauptes auf mehr oder weniger zerfransten Plakaten.

Und Kinder, und Jugendliche, auf den Strassen, vor den Schulen und in den Schulhöfen, eine neue Generation die schon durch ihre Masse stärker ist als die alte, aber nicht nur das, sie sprechen auch mehrere Sprachen, sie sind sauber und die Mädchen nur manchmal verschleiert, es ist die Zukunft, die durch die hiesige Sozialdemokratie oder durch die suggestivkräftigen Scharen an Touristen der Religion entwachsende Hoffnung für das Land.

Und dann schon wieder eine Polizeikontrolle, die Passagiere müssen diesmal ihre Ausweise durch das Fenster reichen, nur wir nicht, „Tourists“ sagt der Fahrer, mit dem Daumen in unsere Richtung weisend, und der Polizist wirft einen prüfenden Blick durchs Fenster und winkt dann: weiterfahren.

Dann Kebili. Die Stadt, wenn das nun eine ist, macht einen sauberen Eindruck, macht den Eindruck von Wohlstand und Normalität. Das näher anzusehen bleibt keine Zeit, denn wir wollen ja nach Douz, und kaum bleibt unsere Louage stehen, haben wir auch schon eine andere für die Weiterfahrt gefunden.

Viel weniger bequem der Wagen, viel weniger beeindruckend die Landschaft, denn jetzt geht es durch Orte und Vororte, wie oben beschrieben, und dann noch einmal tanken, 4 Schilling der Liter, so rechnen wir aus, ziemlich teuer, meint der Sufi, ich nicke und schweige und dann sind wir in Douz.

Am Busbahnhof ein kleines Cafe wo wir uns niederlassen und unser Gepäck aufstapeln, endlich ein Klo, und während wir auf unseren Kaffee warten gehe ich in das kleine Geschäft, das mir gleich beim Aussteigen aufgefallen ist, kaufe um 100 Millime, das ist ein Schilling, das sind 15 Pfennig, ein halbes Baguette, und die hübsche junge Frau im Laden kann meine Haare nicht verstehen, sie zeigt und geht um meinen Kopf mit den dreifarbigen Strähnen herum und will hingreifen, traut sich aber nicht, und dann steht sie nur da und lächelt mich an und will noch was sagen, aber sie ist wohl zu schüchtern, und ich grüße freundlich und hilflos und auch ein bisschen schüchtern und gehe mit meinem halben Baguette zurück ins Cafe.

Mit ein bisschen Mühe finden wir die Agentur, und dort gibt es zwar keinen Pickup, aber einen Landcruiser, auch den für 60 Dinar, für die knapp hundert Kilometer nach Matmata, aber nicht sofort, und der Sufi führt mich durch die Stadt und erzählt, wie es war, als hier der Viehmarkt war, und ich höre zu und nicke und kaufe ein T-Shirt mit dem arabischen und dem lateinischen Alphabet, und immer noch ist dieser Knopf da, ich bräuchte die Hand nur auszustrecken und draufzudrücken und ich wäre woanders, aber ich tue es nicht, und ich bleibe wo ich bin.

Dann wieder ab durch die Wüste, die Plastiksackerln, die rund um Tozeur schwarz waren, nachher aber weiß, sind hier gelb: Das ist sicher ein Service des Touristenvereins, damit man weiß in welchem Bezirk man sich befindet! -Mein erster Scherz heute, man sieht, ich bemühe mich. Aber die Wüste draußen schweigt, und wieder werde auch ich stumm, kein Schott hier, kein salziger Schlamm in dem man versinken könnte, richtig Sand und Steine und das hier hat auch die richtigen Farben, Kodakcolor-Wüste mit Agfachrom-Himmel, flach zuerst, dann leicht wellig und schließlich bergig, davor aber noch ein Abstecher zu Ali Babas Restaurant in the Middle of Nowhere Country. Wir trinken Tee, heiss und süß, und als wir weiterfahren, frage ich mich, ob ich nur einen Zuckerschock erlitten habe oder ob da irgendwas drin war, denn ich bin leicht high und fürchte, man will uns einschläfern und ausrauben, aber das vergeht bald und was bleibt ist nur die Unwirklichkeit und die Fremde, und solange ich nicht kommunizieren muss, ist mir das recht.

Noch ein eindrucksvolles Fotoshooting des Städtchens Tamreza, hoch auf der Kuppel und dann noch eine Weile durch die Berge, dann sind wir in Matmata, auf den ersten Blick gar nicht eindrucksvoll sondern ein Haufen halbfertiger oder halbverfallener Häuser in einem Kessel, und dort sitzen wir zuerst und essen zu Mittag, dann geht der Sufi auf Zimmersuche und ich wehre die Horden an Leuten ab, die uns ihre Dienste anbieten wollen.

Schade dass es nicht richtig warm ist, hier bieten sich die Höhlenhotels an, die den in den Berg gehauenen Berberwohnungen nachgebaut sind, aber die haben keine Heizung, und die Nacht ist doch empfindlich kalt.

Sitzen stattdessen im netten Weiß-Nicht-Wie-Viele-Sterne-Hotel Matmata, ein leerer Swimmingpool, sehr warm im windgeschützten Innenhof, dann tatsächlich ein Kamelritt, ganz lustig, mit orientalischer Gehaltsverhandlung des Sufi, klingt nach Mord und Totschlag, ist aber laut Sufi nur ein Spaß. Dann wandern wir durch die Stadt, lassen uns auch die hiesige Star Wars Kulisse nicht entgehen, und ich hätte gerne ein Heft gekauft, weil ich momentan lieber mit der Hand schreiben würde als am Computer, aber überall wo wir uns nähern, treten uns die Verkäufer mit Postkarten, Korallenketten und bunten Fläschchen Sand entgegen, und mich nervt das so, dass ich den Sufi weit weg ziehe und beschließe, am Laptop weiterzuschreiben.

Dann wieder im Hotel sitzen wir im Freien, aber die Sonne ist bereits untergegangen, die Venus steht zuerst recht einsam am Himmel, bald gesellen sich andere Sterne dazu und es wird deutlich kalt. Samt meinem elektronischen Schreibblock flüchte ich ins Zimmer, wo die Heizung ein wahrer Segen ist.

Dort schreibend bin ich geborgen und werde es wieder zufrieden. Und hungrig, nach einer Weile ziemlich hungrig, gehen wir wieder dem aus wenigen Häusern bestehenden Ortskern zu und nehmen die Abendmahlzeit im selben Restaurant ein, in dem wir zu Mittag gesessen sind. Und der Sufi isst Couscous, und ich esse aus der Taschin, genauer gesagt Erdäpfel und Chicken, und das Lokal ist leer bis auf uns und 4 Einheimische, und das Essen ist gut, wäre es heiß, wäre es noch besser, und zu trinken gibt es Cola, weil die Alternative besteht in Leitungswasser, Tee oder Kaffee.

Und dann sind wir die einzigen Gäste im Lokal, und der Chefkoch fragt freundlich, ob es uns denn hier im Lande gefällt, ob wir sein Essen mögen und die Gegend und die Menschen hier, und natürlich finden wir alles „tres joli“ und „tres bien“, und natürlich lassen wir uns nach nebenan in eine Cafe genannte Teestube lotsen, wo die ortsansässigen Typen bei Tee und Wasserpfeifen Karten spielen, ja, sie spielen Karten und nicht Tavla oder sonst was, und ein Fernseher läuft, und der Sufi lässt sich eine Schischa, eine Wasserpfeife, anheizen, und wieder kommt der süße, starke Tee auf den Tisch und im Fernsehen laufen Nachrichten, und sie zeigen irgendwas mit israelischen Politikern und dann irgendwelche Leute, die Aufruhr auf irgendwelchen Straßen machen, und ein Schiff das auf Grund gelaufen ist, und ein U-Boot das auftaucht oder untergeht, schwer zu sagen weil die Kamera aus dem Hubschrauber so schwankt, und dann Panzer, die eine staubige Straße entlang fahren, und hier fällt das einzige Wort, das ich verstehe: Kosovo, und dann noch irgendwelche Politiker, die um einen langen Tisch sitzen, und zumindest der eine von ihnen ist ein EU-Funktionär, und außer mir schaut da keiner hin, und auch ich könnte nicht sagen ob diese Bilder von heute sind oder Monate oder Jahre alt.

Und die durchwegs jungen Kneipenbesucher bestellen mehr Tee und Spielkarten, und die Wasserpfeife des Sufi zieht nicht mehr, und die Karten werden mit einer Vehemenz auf den Tisch gedroschen, die man nüchternen Menschen gar nicht zutrauen würde, und der Sufi kriegt neue Kohle, und ich probiere die Wasserpfeife, und ich wäre überall lieber als hier, und eigentlich würde ich am liebsten heulen, aber das tue ich nicht, stattdessen ziehe ich eine alte Rechnung aus der Tasche und bettle den Sufi um einen Stylo an wie die hiesigen Kinder es bei allen Touristen machen, und ich schreibe:

„Zum Teufel mit diesem Teehaus, in dem ich nicht sein will, zwischen all den machoiden Ignoranten, genau so wenig wie ich in einem burgenländischen Gasthaus sitzen will, in dem die Hackler nach getaner Arbeit Karten dreschen und sich die Birne weichsaufen oder gegenseitig wegen einer Frau weich klopfen, aber im Burgenland könnte man sich wenigstens graduell auf den Umgebungslevel niedersaufen, mit The du menthe funktioniert das leider nicht. Das ist nicht meine Welt, und diese Welt will ich nicht, und auf den Schichtenuniversalismus pfeife ich hiermit, und das laut und deutlich.“

Und ich schaue dem Sufi beim Schischa-Rauchen zu, und ich schäme mich ein bisschen, und im Fernsehen läuft eine Musiksendung, wo ein seltsam exotisch anmutender Latin Lover akustisch einen indisch gewürzten arabischen Schmalztopf ausleert, umgeben von leicht verschleierten dunkeläugigen Schönheiten, die sich auf hier in der wasserarmen Sand- und Steinwüste unerträglich unwirklich aussehenden grünen Wiesen strahlend im Takt wiegen, und die Jungs dreschen ihre Karten auf den Tisch, dass es im Kopf nachhallt, und ich schreibe:

„Interessant noch, dass die Männer rundherum die grünen Wiesen nur aus dem TV kennen, so wie ein durchschnittlicher Mitteleuropäer (wie ich bis vor kurzem) die Wüste nur aus dem TV kennt. Aber das ist auch schon alles.“

Und dann endlich können wir gehen, und der Chefkoch, dem augenscheinlich auch das Cafe gehört, nimmt gnädig unser Geld entgegen, und kalt ist es draußen, aber nicht weit bis zum Hotel, und der Sufi versteht nicht, warum ich mit all dem nichts am Hut habe, und die Straße ist still und leer, und das gefällt mir, nur ein Mann, der uns entgegenkommt und Bonsoir sagt, ohne zu fragen, ob wir Deutsch sind oder Englisch oder Französisch, der uns keine Führung anbietet und keine Ansichtskarte und kein Hotel und kein Auto, sondern nur sagt Bonsoir und dann weitergeht, und dann sind wir wieder alleine, die Kiesstraße unter uns und die Sterne über uns, so wäre es gut, aber das weiß nur ich, und ich bin stumm geworden, stumm, nicht schweigend, da hilft auch kein Bier und kein Anisette im Hotel, da hilft auch kein Schreiben, stumm bin ich und ich will weg von hier und will doch nicht nach Haus, aber wenigstens ist das Zimmer warm und mehr gibt’s heute nicht, das muss genügen.

 

Teilen? Tweet about this on TwitterShare on Google+Share on FacebookEmail this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.