Wahlsonntag

In meinem Wahllokal musste ich Schlange stehen, das war das letzte Mal bei der vorvorletzten Nationalratswahl so. Aber vielleicht lag’s an der Uhrzeit. Am Land, früher, ging man ja eher nach dem Frühstück wählen, in der Stadt, so sieht’s aus, kommt der Wahlspaziergang mittags zum Schnitzel-Verdauen. Nicht, dass ich eins gegessen hätte, aber von den vielen Duftwolken unterwegs wär ich fast schon satt geworden. Ich machte ein braves Kreuzchen dort, wo es hingehört, und hätte dann fast den falschen Pass zurückgekriegt.

Angesichts des schönen Wetters nahm meine arbeitsame Vernunft den Zug nach Nirgendwo, und ich drehte stattdessen eine Runde Richtung 10., samt Eiskaffee im Eis-Café. Schon lang nicht mehr in der Sonne die Zeitung gelesen. Neben mir bestellte eine ältliche Tante den großen Schokobecher mit Eierlikör mit den Worten: “Aber lassen Sie den Schlag weg, ich bin auf Diät.” Ich tarnte mein Kichern als Husten.

Neben dem Café verabschiedete sich lautstark ein Rudel Next-Generation Jungs, nach allen Regeln karikaturhafter Klischees und nicht ohne Beleidigungen. Zwei davon setzten sich an einen Tisch und wechselten nach dem Abgang der anderen in ein leises, sanftes Türkisch. Das Handy des einen klingelte klassischen Streicher-Sound. Er wollte etwas mit Erdbeeren, die Bedienung empfahl errötend den Liebesbecher. “Guter Name – ich liebe Erdbeeren.” So könnte ein kitschiger Mittwochsfilm beginnen, fesch waren beide.

Auf dem Heimweg viele grünende Knospen fotografiert, rotende auch. Dazu ein paar malerische Baustellen. Aber keinen einzigen der heute reichlich kreisenden Hubschrauber. In der heimischen Gasse zwitschern wieder ein paar Vögel, die nach dem Abholzen der alten Alleebäume jahrelang gefehlt haben. Unten baut der Schnitzelbräter seinen Schanigarten auf. Der Sommer kann beginnen.