Walk the Line

Ich bin ja, treue Leser haben es vielleicht schon aus weitgehender Abwesenheit cineastischer Beiträge in diesem Weblog geschlossen, ich bin ja so ein bisschen ein Kinomuffel. Wobei das Wort irgendwie irreführend ist, weil Kinos liebe ich eigentlich. Die Sessel, weich oder hölzern, aber immer klappbar. Die Leinwand, breit wie ein mittleres Segelschiff lang ist (wenn sie kleiner ist, ist es kein richtiges Kino). Der Geruch nach Popcorn und das leise Getuschel ringsrum. Kino ist im Prinzip ganz wunderbar.

Richtiger wäre es also zu sagen, ich bin ein Filmmuffel. Weil, egal ob Action-, Kunst- oder Kultfilm – die Gelegenheiten, zu denen das Gefühl am Ende des Films nicht gegenüber der Erwartungshaltung enttäuschte, die kann ich trotz über 40 Jahren auf dieser filmfreudigen Erde immer noch an meinen beiden Händen abzählen. Obwohl die immer noch aus nur 10 Fingern bestehen. Ich mein, es gibt eine handvoll Filme mehr, die man sich ruhig anschauen kann, ohne Kino und Popcorn, aber eineinhalb Stunden ungeteilte Aufmerksamkeit? Ohne Geplänkel, ohne Zigaretten und vor allem: ohne Fingerbeschäftigung? Nicht wirklich. Also bin ich, ganz genaugenommen, ein Normale-Filme-im-Kino-Anschau-Muffel. Und diese Einleitung ist eindeutig zu lang geraten.

Ganz besonders nicht mag ich biographische Musikfilme. Ich mein, so Filme, wo jemand anders einen berühmten Musiker spielt. Auch oder besonders dann, wenn ich den betreffenden Musiker wirklich verdammt gerne mag.

Jim Morrison und the Doors zB lege ich jederzeit gerne auf, wenn die Gelegenheit richtig und der Sentimentalitätsspiegel entsprechend ist, aber als man mich damals – übrigens nur unter heftigen Protesten – in den Film “The Doors” schleppte, konnte ich trotz der umwerfenden Erscheinung des Hauptdarstellers und der weitgehend originalen Musik einfach nicht verstehen, was der Sinn eines solchen Filmes ist. Oder worin das Vergnügen darin bestehen soll, eine nacherzählte Geschichte mit nachgesungenen Songs vorgesetzt zu kriegen.

Vielleicht kann mir ja jemand weiterhelfen. Tatsache ist: Wir haben von allen Künstlern seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Masse an Tonaufnahmen. Wir erkennen, wenn wir den Künstler (oder die Künstlerin) entsprechend mögen, die Stimme, den Gitarren- , den Klaviersound, bei Liveaufnahmen das Publikum, ich kenn sogar Leute, die erkennen, wer die Regler am Mischpult bedient hat. Wir haben außerdem reichlich, um nicht zu sagen überreichlich, Bild- und Videomaterial, genug um zu wissen und zu erkennen wie jemand aus dieser Kategorie aussieht, wie er (oder sie) sich bewegt (hat), wie er (oder sie) die Gitarre hält und wie er (oder eben auch sie) über die Bühne läuft oder gelaufen ist .

Und dazu haben wir Geschichten und Geschichterln, in Magazinen, in Büchern, im Internet. Und wenn man einen Musiker (eine Musikerin)  oder eine Band mag, dann hat man all das zumindest in groben Zügen auch im Kopf.

Also, ehrlich, warum um alles in der Welt sollte ich ins Kino gehen, um mir eine Geschichte anzuschauen, die ich längst kenne (und die der Regisseur völlig anders beschwerpunktet und/oder interpretiert als ich), eine Geschichte, in der bekannte und vertraute Songs von Stimmen nachgesungen werden, die mehr oder weniger nahe am Original sind, manchmal fast genau so gut, manchmal vielleicht sogar besser, die aber eben – und das ist der Punkt – nicht das Original sind?

Versteh ich nicht.

Versteh ich wirklich ganz und gar nicht.

Die Janis-Joplin-Geschichte kommt mir daher genau so wenig in den DVD-Player wie der Bob-Dylan-Film. Und dabei ist es mir völlig wurscht, wie viele Preise die einheimsen. Ich hab einfach keine Lust, mir meine Vorstellung von einer Regisseurs-Vorstellung verwässern zu lassen. Basta! – Naja… naja.

Heute Abend gab’s Johnny Cash im Fernsehen. Also eben nicht Johnny Cash, sondern die ebenfalls preisgekrönte Musik-Bio. Bäh. Dachte ich. Und hab dorthin nur zurückgeschalten, als ich defintiv nichts anderes Aushaltbares im Kanalspektrum gefunden habe; an einem Abend, an dem ich außer Fernsehen eben nichts weiter mit mir anzufangen wusste.

Was soll ich sagen? Nach 10 Minuten blieb die Nebenbeschäftigung unbeachtet liegen und ich machte etwas lauter. Noch eine Stunde (und etliche Gänsehäutln) später holte ich die seit 2 Jahren unberührte Gitarre aus der Ecke und hab sie zumindest Mal wieder gestimmt. Und als der Film aus war (aber eben nicht vorher), tappste ich in den Keller, um die 3 oder 4 Cash-CDs auszugraben, von denen ich wusste, dass sie da noch irgendwo sind (weil, so schön die Geschichte auch war, die Songs einfach nicht das Original erreichen). Und ich war zu dem Zeitpunkt ein ganz kleines bisschen beleidigt, weil der Film so früh (in der Biographie, nicht uhrzeitmäßig) zu Ende ging.

Was mehr könnte ein Film wollen?
– Interesse (wieder) hervorrufen – check
– Kreavitivität im Zuschauer (wieder) wecken – check
– Mehr wissen wollen (Fortsetzung?) – check!

Alles offen für Interpretationen, natürlich. Vielleicht hat mir der Film nur so gefallen, weil Johnny Cash zwar zu den von mir respektierten, aber nicht zu meinen absoluten Lieblingskünstlern zählt (und ich seine Geschichte daher nicht so gut kenne). Vielleicht war ich irgendwie reif für eine Runde Musik-Kitsch. Oder vielleicht werde ich auch einfach innerlich mittelalt und damit anfällig für eine Schau der verpassten Gelegenheiten der jungen Jahre (so ein richtiges, echtes Drogenproblem sollte man wohl doch gehabt haben, als ernstzunehmender Künstler! Verdammt.).

Keine Ahnung. Jedenfalls würd ich mir das gern nochmals anschauen, auf einer Leinwand, so groß wie ein Segelschiff. Und wenn möglich in Dolby Surround.

Obwohl’s in Mono auch OK war. Mitsamt den regenbogenfärbigen Streifen, die mein 37cm-Fernseher neuerdings überall einbaut.

Vielleicht macht ja gerade das einen guten Film aus, dass all das beim Anschauen völlig wurscht ist.

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