Wallander ist nie jung gewesen

Was haben wir aus diesem Tag gelernt, fragt mich der Sufi, und während er seine eigenen, zulässigen, ja: für die weitere Lebensgestaltung unerläßlich wichtigen Schlüsse zieht, denke ich: Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass man aus einem mittelalten Kommissar keinen jungen Spund machen kann, einfach so. Wenn ich, so ganz persönlich und ohne Gedanken an profanen Nutzen, noch etwas gelernt habe, dann das, dass ich nie wieder ohne Digitalkamera aus dem Haus gehen werde. Was könnte ich jetzt alles zeigen… die Bilder, ach, die Bilder.

Was so ein Tag alles in sich tragen kann, von versuchten halbgaunerischen Immobilientransaktionen bis zu stundenlangen halbtrunkenen Lobliedern auf das Reisen im Allgmeinen und Vietnam im Besonderen. Wie man sich freuen kann, erkannt zu werden. Wie Menschen, die man seit vielen Jahren kennt, plötzlich eine ganze neue Seite haben. Wie das kommunizieren mit Fremden doch immer wieder funktioniert. Aber, und dabei tief einatmen, verlassene Riesenräder in der Abenddämmerung. Und dann, jetzt bitte ausatmen, dieser Möchtegernparagleiter auf dem einzigen Hügel weit und breit. Und dort, hat mal jemand eine Zigarette?, dort serviert man Hendln unter der Platane und Budweiser dazu, nein, nicht im Prater, viel gemütlicher, nur diese dummen Gelsen (Schnaken?), was solls, da kommt der Wind, schon sind sie dahin.

Die Flugzeuge, sage ich zum Sufi, nachdem wieder einmal ein heftiges Getöse von oben mich mitten im Satz unterbrochen hat, weißt du was? Seit ich nach Wien gekommen bin, habe ich immer in der Einflugschneise gewohnt, das muss einen Sinn, eine tiefere Bedeutung haben, immer waren meine Wohnungen direkt im Landeanflug der dicken Brummer, bis auf diese kurze Zeit da im zwölften (dem 12. Bezirk, in Wien denkt man in Bezirken). Immer sind sie über meine Wohnstatt geflogen, immer habe ich geträumt wo sie herkommen, wer wohl da drinnen sitzt und warum, immer habe ich ihnen von unten auf den Bauch geschaut, und in dem Haus, das wir uns heute angeschaut haben, ist es genau so. Das muss doch etwas bedeuten? Der Sufi glaubt nicht, hört mir aber trotzdem zu, als ich ausführe, dass seit kurzem, also so seit etwa einer Woche, das Flugaufkommen sich deutlich erhöht hat, und dass und warum ich das beurteilen kann, und wie der Anflug eines Jumbos mit vier Triebwerken sich unterscheidet von dem der kleineren Maschinen, und dass ich noch nie so viele Propellermaschinen gehört habe wie in der letzten Zeit. Das muss doch etwas zu bedeuten haben? Der Sufi glaubt nicht.

Dann kann man sich auch noch über Literatur unterhalten, wenn der Wind durch die Blätter streift, wenn es eigentlich schon viel zu kühl ist aber doch noch zu schön um schon hineinzugehen. Da kann man wunderbar über TCBoyle und DeLillo tratschen und nebenbei, in Halbsätzen, über Wohnsituationen und deren mögliche Finanzierung. Da stört auch ein verirrter Drehorgelspieler kaum, und der halbe Harley-Davidson Club in Leder-und Jeansjacken mit bunten Stickern ist eine fast erwartete Kulisse, da drüben gibt es übrigens des Sufis Lieblingsbier, womit ich besser leben könnte, wenn die Gäste nicht so laut und falsch singen würden, aber das Bier ist leider aus und daher bleibt uns auch die Geräuschkulisse erspart.

Und die Bilder, ach, die Bilder: Von kaiserlicher Arbeiterhütte über strizzihaltigen Vergnügungspark bis hin zur späten Nachtmusik in uralter Stammkneipe. Beleuchtete Bäume und Neonschriftzüge. Fachwerkarchitektur und ein Internetpuff. Wie schade, das hätte ich zu gerne festgehalten. Vielleicht beim nächsten Mal.

Ach ja das Buch, das Buch ist nicht schlecht, nur ist Wallander halt nie jung gewesen. Das gibt’s. Ich kenne solche Leute: Die schon mit zwanzig älter sind, als ich mir jemals vorstellen kann zu werden. Jaja. So haben wir alle etwas gelernt, jeder auf seine Weise. Und die Nacht ist noch nicht einmal in der Mitte.

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