Wasser. Nass.

Der Sonntag begann, mitten in der Nacht, mit viel Wasser. Das Problem war, das Wasser fiel nicht nur draußen. Es fiel, ungefähr fünf Minuten, nachdem draußen der Wolkenbruch eingesetzt hatte, auch drinnen. Aus mehreren Quellen aus der Decke. In meiner Küche. Und am Gang.

Ich war gerade ins Bett gegangen und fast schon dabei, einzuschlafen, aber ich erkannte das Geräusch sofort. Das liegt daran, dass es nicht das erste Mal regnete, in meinem Substandard-Elfenbeintürmchen. Das gab es nicht erst einmal, nicht zweimal, nicht dreimal, sondern bereits vier Mal. Im Gegensatz zu drei dieser vier Male war es allerdings kein zögerliches Tropfen, das eine potentielle Katastrophe ankündigte, es war voller Katastrophenmodus von Anfang an. Man wurde in meiner Küche schlagartig genauso nass, wie wenn man draußen gestanden wäre.

Den Hausmeister im Erdgeschoss gibt es nicht mehr, und selbst wenn es ihn gegeben hätte, hätte der Weg nach unten wertvolle Zeit verschwendet. Vom Realisieren und innerlichen Analysieren des Problems bis zum Wählen von 122 verging deshalb diesmal keine halbe Minute. Es war nämlich definitiv schlimm genug für einen Notruf. Es war so schlimm, dass ich, von der Notrufzentrale um Bewertung der Ausbreitung des Problems ersucht, erst einmal ein Plastiksackerl griff, um mein Telefon zu schützen, denn ungeschützt hätte es den Weg durch die Küche nicht überlebt.

Auch draußen am Gang schwamm alles. Das Licht war an, doch während ich noch links und rechts lugte, wie weit es bis zur nächsten trockenen Fleck war, ging es aus. Draußen am Gang. Und bei mir in der Wohnung. Die Notrufzentrale versprach einen Wagen innerhalb weniger Minuten. Derweil fiel mir auf, dass ich splitternackt im Indoor-Regen stand. So geh ich halt schlafen, aber das war vermutlich nicht der beste Modus, um an der übernächsten Nachbartür zu klopfen, hinter der noch Licht war.

Man hätte, wenn Zeit gewesen wäre, darüber nachdenken können, warum ich wach genug war, mein Telefon zu schützen – aber nicht mich. Man hätte auch darüber nachdenken können, warum man der Hausverwaltung nicht öfter und intensiver auf die Zehen gestiegen war, um das Problem nachhaltig zu lösen (oft und intensiv hatten wir, meine Nachbarn und ich, also hätte noch öfter und noch intensiver wahrscheinlich auch nicht geholfen, aber was weiß man schon). Man hätte die Arme heben können und eine imaginäre übersinnliche Anwesenheit fragen: WARUM IMMER ICH? Aber, für alle diese Dinge war definitv keine Zeit.

Stattdessen tappte ich zurück ins Zimmer, zog mir das nächstbeste Kleid über und warf ein paar Handtücher an die Türschwelle, um die Ausbreitung des Wassers ins etwas tiefer liegende Zimmer zu verhindern, tappste an ein paar verdächtigen Stellen nach meiner Taschenlampe, die sich aber dort nicht fand, und lief dann wieder hinaus, um beim Nachbarn zu klopfen und ihn nach einer Taschenlampe zu fragen. Der wunderbare Nachbar hatte nicht nur eine Taschenlampe, sondern auch die blendende Idee, die Wasserfluten mithilfe von Besen die Stiegen hinunter zu dirigieren, bevor sie noch schlimmeres anrichten konnten. So beserlten wir also vor uns hin, ich schupfte das Wasser aus meiner Küche auf den Gang, er schob das und was von oben dazu kam die Treppen hinunter. Zwischendurch brachte ich Zeugs aus der Küche, das noch nicht völlig durchnässt war, ins Zimmer, und versuchte, meine 2 Eimer und 3 Kochtöpfe strategisch günstig zu platzieren, was allerdings angesichts ungezählter Tropfstellen völlig sinnlos war.

Endlich kam die Feuerwehr, 5 Mann hoch, brach ohne weitere Formalitäten die Dachbodentür auf und verschwand 4 Mann hoch nach oben, während der 5. sinnend die Lage betrachtete und schließlich zusammenfassend bemerkte „Na Servas.“ Dem konnte ich mich vollinhaltlich anschließen. Es dauerte keine 10 Minuten (vielleicht nichtmal fünf, mein Zeitgefühl war zu diesem Zeitpunkt nicht in bester Verfassung), bis die anderen wieder herunter kamen und einen knappen Situationsbericht gaben. Taubennest und tote Tauben in der Kastenrinne. Behoben. Es würde noch eine Zeitlang weiter rinnen, bis das bislang in der Decke versickerte Wasser durch wäre. Name und Adresse der Hausverwaltung? Wer hatte angerufen? Innerlich wunderte ich mich, wie dieser Mensch mitten im Wasserchaos ganz trocken ein Formular ausfüllte, aber glernt ist offenbar wirklich glernt. Dann waren die Freunde und Helfer auch schon wieder weg. Hatten sicher noch woanders zu tun.

Ich beserlte mit dem Nachbarn weiter, bis die Sturzfluten langsam zu einem – oder besser gesagt mehreren – Tröpfeln wurden. Als ich die unter die schlimmsten Wasserfälle gestellten Kübel ausleerte, stellte ich fest, dass das Gang-Klo ebenfalls knöcheltief unter Wasser stand, aber dazu fiel mir nicht viel ein, außer den Teppich aufs Stiegengeländer zu hängen. Der wunderbare Nachbar verabschiedete sich, nachdem er mir geholfen hatte, die eigene Taschenlampe zu finden.

Ich versuchte, damit den Schaden zu überblicken. Alles, was in der Küche gewesen war, war durchnässt. Elektrogeräte, Garderobe, Schuhe, die Lebensmittel auf meinem Gitterregal. Die obersten zwei Ablagen meines Winterkleiderschranks. Ich trocknete mit den restlichen Handtüchern, mit Bettwäsche und sonstigen Fetzen auf, was ich konnte. Das Tropfen hatte sich mittlerweile auf 3 Stellen reduziert, sodass ich Kübel und Töpfe sinnvoll einsetzen konnte.

Schließlich gab es nichts mehr, was ich in einer Wochenendnacht tun hätte können. Alles andere musste auf Tageslicht und Hilfe von Außen warten. Ich warf das mittlerweile natürlich auch plitschnasse Gewand ab, zündete drei Kerzen an, um ein Grundlicht zu haben, setzte mich auf die Couch und drehte mit aufgeweichten Fingern eine Zigarette. Und dann stellte sich heraus, dass ich im Grunde meines Herzens offenbar unerschütterliche Optimistin bin. Denn mein erster Gedanke nach dem nikotinerfüllten Durchatmen war:

‚Immerhin. Das Zimmer ist trocken geblieben.‘


Am Tag danach fragte der Nachbar, also nicht der wunderbare, sondern der andere, „Sag amal, warum ist denn der Kloteppich nass?“ Ich wies erst wortlos an die Decke, erzählte aber dann doch von den Abenteuern der letzten Nacht. Er hatte gut durchgeschlafen.

Am Tag danach föhnte ich eine sichtlich nasse Steckdose trocken und hatte dann tatsächlich wieder Strom, um – unter anderem – die vom Deckenwasser versifften Teppiche und Handtücher zu waschen. Mein Middle-Name ist ab sofort McGuyver.

Am Tag danach hatten einige liebe Freunde viele gute Ratschläge, die meisten davon allerdings sind an einem Sonntag nicht so leicht umzusetzen – vor allem nicht mit leerem Konto. Immer wieder erstaunlich, wie weit Lebensrealitäten auseinanderklaffen können.

Am Tag danach fragte einer scherzhaft: So sauber war deine Küche wohl noch nie? – Ich hätte ihn gern recht tief in das versiffte Deckenwasser getaucht.

Am Abend nach dem Tag danach, nach Wasch-, Putz- und Aufräumarbeiten, zählte ich mein verbliebenes Gesamtvermögen, kam auf stolze 12,50 und trug die gesamte Summe zum Türken am Eck, im Austausch gegen Fladenbrot, Schafskäse, Oliven und Bier. Von 12,50 kann ich zwar sonst eine Woche leben, aber mir war danach. Und, morgen ist ein neuer Tag, und der wird für sich selber sorgen.

Und wenn nicht, dann halt nicht. Scheiß der Hund drauf.

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