Wochenend-Bericht

Durch die Stadt, nicht ganz freiwillig, und über dem Geschehen liegt eine staubige Sonne, unerwartet, weil der Wetterbericht Gegenteiliges verhieß. Auf der großen Einkaufsstraße wenig Frühlingsgefühle, im Gegenteil, hier ist alles sehr hektisch. Fein bemalte Indianermusiker machen “Straßenmusik” mit Playback und 8-Spur-Mixer.

Die Grundstimmung ist seltsam aggressiv, “Du bist schuld, wenn die Kälber eingehen, weil sie nichts zu trinken haben” ruft mir die Tierschützerin nach, für deren Organisation ich meine Kontonummer nicht preisgeben wollte; vor einem Kleiderregal rammt mir eine Frau den Ellbogen in die Seite und beantwortet meinen kritischen Blick mit “Ich war zuerst da, wenn ich hier was finde, gehört es mir” anstatt der erwarteten Entschuldigung.

Hunger hätte ich auch; der Pizza-Stück-Bäcker hat nur Labberiges, beim McDonalds geht die Schlange ums Eck. Dann halt nicht, vorläufig. Ich ziehe weiter, Richtung Bahnhof, fahrbahnnahe, weg von den rempelnden Zentrumsmarschierern, hier riecht es nach Abgasen, dort ein kurzer Schwall Drogerie-Gestank, verkniffene Gesichter. Ich wende den Blick nach oben, Flugzeuge im Landeanflug, seltsam häufig, kurzer Flashback Tunis, unbegründet aber erleichternd, plötzlich atme ich frei.

Am Bahnhof noch ein Cappuccino auf sonnenwarmer Bank, besser, aber nicht gut. Der Falter, den ich erst heute in die Hand kriege, hat einen lesenswerten Artikel zu Robert Schindel, der auch schon 60 wird; immerhin, denke ich, immerhin hat er seinen ersten Gedichtband erst mit über vierzig veröffentlicht. Das läßt mir ja noch Raum. Dann noch eine Beilage mit einer Story zu einem iranischen Architekten; forgive me, i can’t remember names; ein Architekt also, der seine Gebäude nach Computerspielen designt, seltsam vielleicht, aber immerhin mal was Neues. Dran bleiben.

Der Zug schleppt sich durch erwachende Landschaft, vorsichtig grünende Felder, aufatmende Obstbäume, in ein paar Wochen ist hier sattgrüne Sommerparty, wie jedes Jahr, und doch verwundert mich: Was ist und was wird.

“I don’t belong”, hierher nicht und auch sonst nirgends hin, ich war schon lange nicht mehr so froh über diese wiederkehrende Erkenntnis, und das ist gut, aber nicht gut genug.

Besser dann die D.-Band-Session, besser sowohl von mir als auch für mich, immerhin, ein Rauchpausen-Blick nach oben, der Erdtrabant rundet sich, das erklärt einiges und läßt doch alle Fragen offen.

Später dann, ich habe mich selbst eingeladen, keine Lust, diese Session fahrplanbedingt früher zu verlassen als nötig; später, nach dem Abmarsch der Restband, mit der einsetzenden Jugendlichkeit nicht gerechnet, schon gar nicht angesichts des offensichtlichen Mangels an geistigen Getränken, es passiert aber trotzdem: 2 mehr als Erwachsene, die jeder mit seinem Stapel CDs dasitzen und einander Song um Song um die Ohren schmettern, begeistert, beinhart, und das bis 6 Uhr früh.

Eine Vorgehensweise, die ich bereue, spätestens als gegen 12 das erbarmungslose Telefon jeden Gedanken an Schlaf vaporisiert; Terrassenfrühstückswetter wäre, wird aber nicht wahrgenommen, weil es nämlich da draußen viel zu hell ist. Mir zumindest.

Ein Weilchen danach fährt wieder ein Zug gen Wien, ich mittendrin, der Schaffner schwerst manisch, pfeifend und halbgare Witze reißend; ich hoffe, er ist nur verliebt. Ich dagegen habe mein Buch, ja, den Autor habe ich vor einiger Zeit mal quasi verrissen, seither aber auch in Tunesien ein zumindest mitreissendes Werk von ihm gelesen; genaueres gibt’s dazu nicht, weil ich leichte Lektüre seit jeher für interessierte Nachleser aussetze, ganz ohne Bookcrossing, ein leeres Zugabteil, eine Flugzeug-Sitztasche reicht, vielleicht findet’s ja jemand, der Freude dran hat, wenn nicht, dann eben nicht.

Anyway, Samstagmittag, der bahnhofswartende Sufi deutlich munterer als ich, was bin ich müde; lasse mich willenlos durch menschensummende Mariahilferstraße lotsen, schaue beim konsumieren zu; selber machen mich, die ich auch ganz gern konsumiere, konsumierende Massen eher konsummier-unwillig, aber wenigstens tut es heute nicht weh.

Anschließend dringend gesuchter Schanigarten findet sich im Schweizerhaus, wär mir normalerweise zu hektisch, ist mir heute aber egal – vielmehr wuascht – und das erste Freiluft-Budweiser der Saison befähigt zu einem Prater-Rundgang; hier müsste man bei leichtem Sommerregen spazieren und erst dann die Fotos machen, finde ich. Werde ich auch, irgendwann.

Erstmal müde genug & auf nach Hause; da spielt noch verschiedenstes im Fernsehen, an mir vorbei, da kommt noch das eine oder andere Tröpfchen Rotwein: in meine Nähe, da gebe ich, frühzeitig vor dem verwunderten Sufi, auf und entschlummere: In einen neuen Tag.

Der Sonntag also, 10 Stunden Schlaf und noch nicht wach genug: Und dann da draußen nicht mal das angekündigte Schlechtwetter. Ja Himmel, da hätt ich doch gleich springen fahren können!?!

Bin ich aber nicht. Stattdessen zum ersten Mal seit ungefähr zwanzig jahren einen Formel-1-GP von Anfang bis Ende gesehen, aber ORF bitte; so, wie man Fussball eben nicht mit österreichischen Kommentatoren anschauen kann, ist Formel 1 ohne Heinz Prüller eben keine Formel 1, auch wenn der Kurs da unten nagelneu ist.

Danach einen langen kurvigen Spaziergang voller Schikanen durch den zweiten Bezirk gezogen; eine Wohnung suchen wir nochimmer schonwieder, zwischen Ausstellungsstraße und Mexikoplatz, heute, Zeitungen und deren Anzeigen zu gewöhnlich für den Sufi, der lieber herumspaziert und alte Damen mit kläffenden Dackeln anspricht, ich immer irgendwie und doch daneben, erstaunt über die Kommunikationsfreude der alten Menschen, mit oder ohne Dackel; Resultat: Nichts Wesentliches und doch viele Spuren.

Gut, ich hätte nicht unbedingt im ersten – aus kommunikativen Gründen aufgesuchten – Ecklokal ein Seidl trinken müssen, jedenfalls hätte ich das lassen können, wenn der Sufi mir nicht so selbstsicher ein Soda zugeordnet hätte; andererseits waren die Bilder klarer, strahlender nach diesem Frühnachmittagsexzess, der mir nicht ähnlich sah.

Jedenfalls läuft man viele Schritte, und das ist angenehm: Bewegungsmäßig wie auch optisch; übrigens: da oben zeigt sich schon der Mond – ist der doch heute erst richtig voll? – Hinter einer Ansammlung kerzengerade schräger 08/15-Bauten, in denen man nicht einmal begraben sein möchte. Und doch leben hier Menschen.

Wie in jedem der Häuser hier im Grätzl, in denen nach und nach die Lichter angehen, Menschen leben; meist unerwartet freundliche, denke ich nach jedem Kommunikationsversuch des zielgerichteten Sufi, und zünde mir die ungezählte Zigarette Nummer siebzehn an, aber nicht unbedacht und auch nicht überall, denn ich vermute, 70jährige Damen mit Dackeln mögen keine rauchenden Frauen.

Viele notierte Adressen und etliche ablichtenswerte Anblicke später streben wir dem Auto zu, zumindest mein Blick ist mittlerweile beinahe ungesund scharf im Bezug auf überwucherte Balkone und ungewöhnlich blinde Fenster; auch erscheint es mir nur noch halb so seltsam, wenn des Sufis differenzierte Annäherungsversuche an die teilweise außerirdisch anmutenden einheimischen Lebensformen Sätze zutage fördern wie “Naja ja, da kann man schon verschiedenes mieten, aber die Wohnungen sind viel zu groß, deshalb sind sie auch teuer” oder “Des Haus da am Eck gehört drei jüdischen Brüdern, sie können sich vorstellen, was die für eine Wohnung verlangen”; ich rede ja nicht, kann mich schluckend umdrehen und den dunkelwerdenden Horizont betrachten, manchmal sogar diesen unglaublichen ersten Vollmond des Frühjahrs im Blick; während der Sufi asiengestählt sein Pokerface intakt hält.

Nicht zu vergessen die übrig gebliebenen Gaststätten mit Thekenstehern in schwarzem Leder, Nieten von Kappe bis zu den Schuhen, “Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas noch gibt”, sage ich “Du würdest dich wundern, wie viele es davon noch gibt”, sagt der Sufi.

Eine Portion Spaghetti und eine Grundsatzdiskussion zum Sozialstaat und dessen Bewohnern später lassen wir dieses Wochenende ein vergangenes sein und streben heimwärts, ich um ein paar Bilder reicher, der Sufi pollenschnupfend beeinträchtigt; aber mit all den Bildern übersteht sich die kommende Woche sicher leicht, auch wenn sie mit Sicherheit anstrengender wird als die 52 davor.

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This article was written by Andrea

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