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Wundern, Oida!

Ich hab deutlich zu wenige Finger an den Händen, um abzuzählen, wie oft ich mir in letzter Zeit gedacht habe, „dazu müsste man doch etwas schreiben“. Aber immer, wenn ich ansetze, ist längst schon wieder etwas Neues passiert. Maßnahmen und Meinungsgerülpse aus rechten und aus neoliberalen Kreisen haben sich zu einem ständigen wirbelnden Rauschen verdichtet, das mich zunehmend sprach- und ratlos zurücklässt.

Antisemitische, rassistische Liederbücher, Hetze gegen JournalistInnen und BloggerInnen, Kürzungen bei Förderungen und Massnahmen für ältere und sonstige Arbeitslose und Bedürftige, Abgastests an Affen und Menschen, Atomknopf-Größen-Schwanzvergleiche, Religiöser Schwachsinn aus unterschiedlichsten Ecken, Verschwörungstheorien ohne Ende, es hört und hört nicht auf.

Den vielen vielen Einzelfällen entgegenzutreten, ist zermürbend und unendlich ermüdend. Zwar sind die rechtsrechten Argumente üblicherweise leicht zu entkräften, das Problem ist nur: Es interessiert keine Sau. Weil auf jede durchdachte Replik ein vermeintliches Totschlagargument folgt, wie „Ach, und Stalin war ein Engel?“ (Nein, war er nicht, aber grade momentan reden wir über die andere Seite), oder „Ach, Feministin?“ (ja klar, was sonst, aber das hat nichts mit dem Thema zu tun), oder einfach nur „Jaja, ihr werdet euch noch wundern!“ (aber ich wunder mich eh schon längst).

Ich wundere mich, wie aus dem bestimmenden Lebensgefühl meiner jungen und mittelalten Jahre, einem durch und durch wohlwollenden „Leben und Leben lassen“, so plötzlich und unvermittelt ein „wir gegen sie“ geworden ist.

Ich wundere mich, wie schnell ein gesundes Vertrauen auf Fakten und Logik durch nichtssagende Rhetorik und hämische Meinungsmache verdrängt werden konnte.

Ich wundere mich, wie faschistische, menschenfeindliche und untergriffige Wortkotzerei eine offene und warmherzige Diskussionskultur dermaßen verdrängen konnte.

Ich wundere mich, wie bereitwillig eine breite Masse auf jeden Sündenbock anspringt, der medial durch’s globale Dorf getrieben wird: die Flüchtlinge sind schuld, die arbeitslosen Durchschummler sind schuld, die linkslinken Gutmenschen sind schuld, und nein, natürlich sind nicht die internationalen Konzerne schuld, die ihre Gewinne so oder so ins Trockene bringen; schweigende PolitikerInnen sind ebenso wenig schuld wie unsere Großväter und Urgroßväter, die genau so gar nichts von nichts gewusst haben, wie der Germania-Burschenschafter heute nichts von seinem Liederbuch weiß.

Und sorry, keine Pointe. Ich bin ratlos.

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3 thoughts on “Wundern, Oida!

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