Zugsplitter

Dass die ÖBB mittlerweile auch in den 2.-Klasse-Abteilen normale 230V-Steckdosen anbieten, finde ich gut. Obwohl es mir auch für die samstägliche Zugfahrt die Ausrede nimmt “Habe vergessen, mein Handy aufzuladen”. Aber das Handy kann man auf Vibrationsalarm stellen, dann die Mp3-Player-Stöpsel ins Ohr, die von der Bahn ziehen die Landschaft vorbei, und schon hat man einen Spielfilm.

Dass es in der ersten Klasse jetzt auch gratis-Orangensaft gibt für Businessreisende, lese ich im Zugbegleiter, und frage mich, wo das mobile WLAN bleibt.

Obwohl die Fenster längst nicht mehr aufgehen und der Kaffee um nichts besser geworden ist, gilt noch, was ich immer schon gesagt habe: Alleine die Bewegung des Zuges macht mich zufrieden und froh, läßt den Alltag von mir abfallen, gaukelt mir eine Beständigkeit vom Hier im Jetzt vor, die im Rest meines Lebens Ihresgleichen sucht.

Aber müde bin ich, viel zu wenig Schlaf, daher bin ich froh, dass das Abteil ab Wiener Neustadt mir allein gehört. Genaugenommen bin ich zuerst einmal froh, dass es hier noch Züge mit Abteilen gibt. Großraumwaggons sind wie Großraumbüros, modern, oft sogar freundlich; aber gemütlich sind sie nicht.

Ich greife unter mich und siehe da: Die Sitze lassen sich noch ausziehen. Ich knöpfe die Kapuze von meiner schwarzen Daunenjacke ab, ein wunderbarer Kopfpolster, und breite den Rest der Jacke über meine Füße. Der Zug ruckt an, Schwellenrhythmus, der Eisenbahn-Blues, schon döse ich, vielleicht bin ich sogar ganz eingeschlafen, als plötzlich die Tür aufgeht.

Taste reflexartig nach Handy und MP3-Player, beides noch da, werfe dabei die Zigaretten runter, fluche halblaut, schaue zur Tür. Dort ein optisch androgynes Wesen, das ein taxierenden Blick auf mich und die Situation wirft, danach Handy, MP3-Player und Zigaretten aus der Jackentasche nimmt, die Sachen neben sich auf den Sitz legt, die schwarze Daunenjacke ablegt, den Sitz auszieht und es sich in einer ähnlichen Position wie ich bequem macht. Mit der Jacke über den Füßen.

Fast ein Spiegelbild, wenn sie (dass sie eine Sie ist, weiss ich erst etliche Kilometer später) nicht mindestens zehn Jahre jünger gewesen wäre als ich. Ehrlichgesagt eher noch ein paar Jahre mehr.

Ich reibe mir die Augen, und bevor ich wieder einschlafe, klingelt mein Handy. Sie funkelt ein wenig irritiert herüber, aber noch bevor der erste Semmeringtunnel mein Gespräch auslöscht, klingelt auch ihres.

Danach schweben wir durch die Landschaft zwischen Handy, Rauchschwaden und MP3s. Der Sufi, als ich ihm später davon erzähl, will wissen, wo sie herkam und wo sie hinwollte; keine Ahnung, sage ich. “Habt ihr denn nicht geredet?” – Ich spar mir die Antwort, es ist zu offensichtlich. Auch das ein Teil des Spiegelbilds.

[Erst viel später fällt mir dieser Blogeintrag ein, wo immer das auch war, wo jemand hinterfragt hat, wie alt man denn sein dürfte, bevor ein MP3-Player lächerlich wirkt. Heyia, habe ich damals schon kommentiert, ich trage das Ding wegen der Musik mit mir herum, nicht wegen der Coolness. Aber das wiederum konnte ja die coole Tante nicht wissen.]

Die halbe Stunde Aufenthalt in Graz reicht jedenfalls, um beim Sorger ein Käsestangerl und ein Topfentascherl zu besorgen; wo ist jetzt dieser Artikel, der schlüssig erklärt, warum es in Graz deutlich bessere Bäckereiwaren gibt als in Wien? – Verschwunden in den Tiefen des Internets.

Von Graz aus weiter im Regionalzug, der weder Steckdosen noch ausziehbare Sitze bietet. Dafür mit Emmylou Harris im Ohr, die bei entsprechender Lautstärke auch die schwerst pubertierenden HTL-Schüler verläßlich aus meiner Wahrnehmung ausschließt.

Alles außer mir steigt in Leibnitz aus. Ich dagegen, ich steige erst in Spielfeld um. Oder versuche es zumindest. Wo denn der Bus nach Radkersburg abfährt, frage ich den rotbekappten Bahnbeamten. “Heute gar nicht” ist die entmutigende Antwort.

Da hilft mir mein ganzer fein säuberlich im Internet (mit dem richtigen Datum) recherchierter Plan nichts: Auch auf dem angeschlagenen Fahrplan steht der Bus heute nicht drauf. “Das ist, weil der Samstag bei uns nicht als Schultag gilt”, sagt Rotkäppchen und fügt mutig hinzu “Zu unserer Zeit war das noch anders.” Was ich durchaus als Kompliment gelten lasse: Auch er ist deutlich jünger als ich.

Da ich nicht 2 Stunden am Bahnhof rumsitzen will, organisiere ich mobiltelefonische Transportalternativen und sitze dann, weil drin das Rauchen verboten ist, draußen vor dem Bahnhof. Als 3 Minuten später der angeblich nichtexistente Bus einfährt, staune ich nicht schlecht. Immerhin spricht es für die Spielfelder, dass Rotkäppchen atemlos angelaufen kommt, damit ich den unerwarteten Anschluss nicht doch noch versäume.

Aber mittlerweile warte ich auf meinen privaten Transport, der auch spontan funktioniert, und die Bundesbahnen, die treffe ich erst am Sonntagabend wieder.


Ich eile also zum 21:45er nach Bruck/Mur, mit Umsteigemöglichkeit nach Wien. Gerne hätte ich noch Proviant eingekauft, allein: Es gibt keinen. Sonntags kurz nach halb 10 haben am Grazer Hauptbahnhof sowohl die Pizzeria als auch der McDonalds die Jalousien bereits heruntergelassen.

Ich bin entsetzt. Was vermutlich verständlich wäre. Genau so verständlicherweise hätte ich mir aber vermutlich sparen sollen, dem Sufi am Telefon lauthals von dieser Unannehmlichkeit zu erzählen. Sagen zumindest die Blicke der Mitreisenden.

Dass der Mann auf der anderen Seite des Mittelgangs nicht in irgendeinem Buch liest, sondern mit lautlos sich bewegenden Lippen den Koran studiert, merke ich erst, als ich aufgehört habe zu telefonieren. Das ist auch ein bisschen ein komisches Gefühl. Zuerst ein Impuls, aufzustehen und mir einen anderen Platz zu suchen, um ihn mit meinem aus reinem Trotz gekauftes Bier (wenn ich schon nix zu essen kriege, will ich wenigstens was zu saufen) nicht in seiner Andacht zu stören. Dann der Gedanke, dass er ja nicht wissen kann, dass ich aus Rücksicht aufstehe, dass er es, im Gegenteil, als Beleidigung auffassen könnte. Ob ich nicht vielleicht Bier wie MP3-Player besser rücksichtsvoll in der Tasche ließe?

Dazwischen ein Quasi-Control-Check in mir selbst. Ist das jetzt positivistischer Rassismus? Nein, stelle ich fest, säße da drüben jetzt eine Nonne, die ihren Rosenkranz betet, würde ich mich genau so seltsam deplaziert fühlen.

Ich denke an den Menschen, der mir vor nicht allzu vielen Jahren erklärt hat “du denkst zu viel”, ich denke an den Baum, ich denke an den Sufi, der seine Kreise nie von so etwas stören ließe: Stopfe mir die Kopfhörer in die Ohren, mache mein Bier auf und hänge lässig in dem Zug-Sessel, wie ich es normalerweise sowieso tun würde, nur dass es plötzlich auf unerwartet unangenehme Weise auch eine Pose ist.

Mein peripheres Sehvermögen ist trainiert genug, um zu bestätigen, dass der Koranleser soweit keine Notiz von mir nimmt. Entspannter schaue ich in die Dunkelheit jenseits des Fensterscheibenspiegels, Lichter huschen vorbei, vierzig Minuten bis Bruck an der Mur (“In Bruck an der Mur gibt’s Dodeln g’nua, In Bruck an der Leitha san’s a ned vü gscheida” tönt die Geisterstimme meines Großvaters mitten in die E-Gitarre von Jimi Hendrix); erst als ich in der Spiegelscheibe dem Blick des Koranlesers begegne, wird mir seine Anwesenheit wieder bewusst, und natürlich ist es nur ein gespiegelter Blick in einer schmutzigen Scheibe, aber einen Augenblick lang lese ich Angst in diesen Augen. Warum? Wovor? Vermutlich nur unbegründete Einbildung.

Trotzdem atme ich freier, als er aussteigt, an irgendeiner dieser Regionalzugstationen. Wie sich der Zug überhaupt leert, von Station zu Station. In Bruck hetzen eine andere Frau und ich zu zweit zum Anschluss nach Wien, der schon da steht und – wie der Lautsprecher verkündet – entlang der Strecke nirgends mehr stehen bleiben wird. Das hat es in meinem Bahn-Universum auch noch nicht gegeben. Natürlich mag es einen Geschwindigkeitsvorteil bringen, aber ganz ehrlich, was ist so eine Zugfahrt, wenn man nicht beim 5-Minuten-Halt in Mürzzuschlag das Fenster öffnen und tief die Bergluft einatmen kann? – Egal, die Fenster gehen ohnehin nicht mehr auf.

Ich zeige dem herbeieilenden Schaffner mein Ticket und befrage ihn nach diesem seltsam stationslosen Zug. Ja, meint der, der fährt halt seit ein paar Jahren immer sonntagabends von Villach nach Wien. Der Mitreisende im Abteil widerspricht, jeden Abend fahre dieser Zug, die beiden diskutieren das relativ basisdemokratisch, während meine Aufmerksamkeit sich schon dem näherkommenden Buffetwagen widmet: Endlich etwas gegen den Hunger, wenn es auch nur die typisch klebrigen Bundesbahnsandwiches sind. Und, warum nicht, gerne ein zweites Bier dazu. Der Mitreisende nimmt auch ein Bier, und ich unterdrücke den Impuls, der Frau vom Brucker Bahnhof, die nach einem Irrweg durch den weitgehend rauchfreien Zug auch in ausgerechnet dieses Abteil gefunden hat, aus seltsamer Solidarität auch eines anzubieten.

Aus dem Verhalten der Frau rührt übrigens der Eintrag mit den ungeschriebenen Gesetzen, denn da in dem 6-sitzigen Abteil, schematisch:

. . .

. . .

…der bereits vorhandene Typ (t) und ich (i)  unsere Plätze bereits eingenommen haben, wie folgt…

t . .

. . i

…hätte sie (s) eigentlich (den ungeschriebenen Bahnreise-Gesetzen zufolge) einen der mittleren Plätze nehmen müssen, also entweder:

t s .

. . i

oder:

t . .

. s i

Stattdessen setzt sie sich ans Fenster gegenüber des Typen (t), also sitzen wir so:

t . .

s . i

Nicht-Bahnreisende mögen das durchaus pingelig finden, der Typ (t) und ich (i) wechseln aber einen Blick mit hochgezogenen Brauen, der beidseitig ungläubiges Erstaunen ausdrückt – ein Gefühl, das sich – zumindest bei mir – relativiert, als sie ihren MP3-Player aus der Tasche nimmt und ihn sofort an die nur am Fenster verfügbare Steckdose anschließt.

Dass ich ihr, entgegen meinem ursprünglichen Impuls, kein Bier angeboten habe, tut mir ein bisschen leid, während mir der Gedanke gleichzeitig ein bisschen peinlich ist; beides aber nur ungefähr 3 Minuten lang: dann nimmt sie eine Dose aus ihrem Rucksack, und der unausgesprochene Kreis ist geschlossen. Sie pflopft sich sofort die Ohrhörer in die Gehörgänge, während ich damit warte, bis ich mein Sandwich vernichtet habe. Dann trägt Grandaddy mich über den Semmering.

Weil es draußen zu dunkel ist, um still in die Landschaft zu träumen, nehme ich mein Notizbuch aus der Tasche und notiere dies und das, mit Füllfeder auf Papier, und schließlich:

Vielleicht der stärkste Flashback von allen: Das Schreiben im Zug. Wie die Hand mit der Füllfeder das “Schwimmen” auf den Gleisen antizipiert, ausgleicht. Das macht mich auf unerwartet vertraute Art zufrieden mit dem Moment, ja sogar mit mir.

Und später dann noch:

Wie der stille Alte uns beide wahrnimmt, frage ich mich, zwei halbwegs weibliche Wesen, die sich mit Ohrhörern von der Umwelt abschoten, auf ihren Handies herumtippen und ab und zu dabei kichern (ja, ich auch). Wobei der stille Alte vermutlich gar nicht so viel älter ist als ich, jedenfalls besteht zwischen ihm und mir deutlich weniger Altersunterschied als zwischen ihr und mir. Ich weiß nicht, wahrscheinlich denkt er sich gar nichts. Trotzdem ist es irgendwie seltsam, wie wir so dasitzen, der Typ mit seinem Bier, das Mädel mit ihrem MP3-Player und ihrem Bier, und ich mit meinem Notizbuch, meinem MP3-Player und meinem Bier. Und ich frage mich, ob ich die einzige bin, die sich fragt, was die anderen beiden denken.

Und angekommen sind wir dann auch, irgendwann.

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