1990

Selbstportrait 1990

Ob die Welt auf mich wartet, oder ich auf die Welt? Nicht wichtig, nichts ist wichtig, das hatten mich die 80er gelehrt. Es war nicht direkt 1990, es waren die 60er, die 70er, die 80er, alles auf einmal und abwechselnd, so war es gut. Das Leben schnell, aber noch lange nicht schnell genug. Winters in Schweden, sommers in Rumänien, in Kroatien und in der Steiermark. Zwischendurch im Burgenland. Hier ein Konzert zu filmen, dort ein paar Texte vorzulesen, hier und dort und anderswo die Nächte, irgendjemand spielte immer auf irgendeiner Gitarre, der Rotwein war billig, der Kaffee war schwarz, die Beschäftigung mit Politik und Kunst und Philosophie selbstverständlich. Daneben gab es Katzen zu hüten, Hunde spazierenzuführen, oh, und die Liebe, die gab es natürlich auch, offen und ehrlich, mal entfernter, mal nah, nur keine Spielchen, die gab es nicht. Es gab Zeitschriften zu verschicken und Lokaldienste zu leisten, Protokolle zu schreiben und Artikel korrekturzulesen. Mein erstes Buch im entstehen, ein Wunder und doch eine Selbstverständlichkeit. Ab und zu Vorlesungen zu besuchen, aber um wirklich zu studieren, blieb keine Zeit. Vielleicht wäre Zeit gewesen, ohne die Nächte an der Donau, ohne die Tage am Kahlenberg, aber wie schade wäre das denn gewesen? Ich schrieb viel, doch jede Woche hatte Leben für ein paar Jahre. Das alles schreibe ich dann später, dachte ich. Aber später wurde es nie, obwohl die Zeit nicht stehenblieb. Und auch das war damals schon völlig klar. Nie davor war ich so jung und unbeschwert, nie danach so alt und abgeklärt.