Krems – LET 410/3925m – Solo
Öffnung: 0800 | Freifall: 63s
avg: 190km/h | max: 227km/h

Samstag Regen. Sonntag Windhold (obwohl’s für Frühaufsteher eine Load gegeben hätte). Montag stimmt alles: Wetter. Flugzeug. Reichlich Leute am Platz.

Stimmt alles? Fast alles. Ich hänge auf meiner Packplane herum und meditiere darüber, wie lange 5 Monate sind. 5 Monate! Nicht in der Luft.

An freundlichem Zuspruch fehlt es nicht. Aber Chronistinnen brauchen in solchen Fällen Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Viel Zeit. Na gut, bis halb 4 sollte reichen. Wo doch der frische Vogel so freundlich in die Gegend schaut.

Ich bringe mein Zittern unter Kontrolle und betrachte mein Gear. Pincheck, Höhenmesser, Cypres, ProTrack. Alles bestens. Aber… ach was. Rauf mit dem Packl auf die Schultern. Hier ist wohl abnehmen angesagt, der Winterspeck läßt alles etwas eng erscheinen. Egal. Auf geht’s.

Vorsichtshalber bitte ich den Prosecco darum, mich notfalls aus der Tür zu treten. Man weiß ja nie; vor allem bei mir.

Schon beim Boarden der LET fällt der Türsteher ins Auge. Der steht zwar nicht, sondern sitzt, ist aber auf jedem Flug dabei – nur um die Tür zu öffnen. Kopfhörer am Kopf, mit einer Lifeline am Flugzeug gesichert, ein Buch über Flugzeugtechnik in der Hand. Sowas nenn ich Luxus.

„Muss ich wirklich so weit hinten sitzen?“ Prosecco verdreht nur die Augen. Ich muss. Die Tür geht zu, der Vogel rollt. Steht nochmal. Rollt dann ernsthaft an. Trotz zwei kräftigen Motoren braucht er ziemlich viel Startbahn. Aber als er erstmal in der Luft ist, steigt er schnell und stetig. Und nicht besonders laut. Das fühlt sich gut an. Irgendwie sicher. Erstaunt nehme ich zur Kenntnis, dass mein innerer Aufruhr (trotz einiger Böen zwischen 1000 und 2000m) langsam nachläßt.

Prosecco, der Treulose, schließt sich der Gruppe vor mir an, gibt aber den Auftrag, mich notfalls aus der Tür zu treten, an den Tandemvideomann weiter. Na, soweit kommt’s noch! Ich lass mich doch nicht von jedem aus der Tür treten!

Egal, ist eh schon Zeit zum Fertigmachen. Die Brille ist etwas verbogen von der Winterruhe. Der Rest sitzt perfekt. Leicht irritierend die fast-Stehhöhe der LET. Da steht man auf, ganz ohne Hindernis, und wenn man den Kopf hebt, scheppert der Helm gegen das Dach. Der Springer hinter mir betrachtet mein etwas zittriges Bein. Ist dir kalt? fragt er. „Ja, und fürchten tu ich mich auch“. Was bin ich doch für ein unnötig ehrlicher Mensch.

Oho, da ist das weiße Licht. Der Türöffner verstaut sein Buch und öffnet die Tür. Sehr klar die Luft, Blick auf durchaus vertraute Landschaft. Plötzlich ist alles ganz normal und sehr perfekt. Grünlicht, der Türsteher nickt und winkt die erste Gruppe hinaus. Etwas verwirrte Aufstellung der zweiten Gruppe. Abgang. Als Solo-Bauchfliegerin bin ich die nächste. Zähle friedlich meine Sekunden. Und… raus.

Mein Versuch zu einem halbwegs stabilen Exit wird durch 100 Knoten Absetzgeschwindigkeit im Keim erstickt. Viel mehr hätte ich auch nicht purzeln können, wenn ich getreten worden wäre. Nach etwa zweieinhalb Schrägschraubensalti krieg ich mich ein und finde meinen Bauch. Und den Blick. Es ist alles noch da; die ganze Gegend und – kurze Fassrolle – auch der Flieger ist noch da, spuckt grade ein paar Freeflyer aus; dann wieder am Bauch: Auch der Flugplatz ist noch da, weit weg im Gegenlicht die Gruppe vor mir, und ich! ich bin auch noch da. Und der Spass ist da, und die Sonne, und überhaupt: Kann irgendetwas schöner sein?

Brav greif ich mal nach hinten: Ja, das Handdeploy ist auch noch da; dann ein Kreis nach rechts und einer nach links, funktioniert, als wäre nichts geschehen. Kurzer Check, wo sind die anderen? Und dann ein Stück weit in die Gegend getrackt, westwärts, da ist grad reichlich Platz und so ein wunderschönes Glitzern auf der Donau. Ach was, schon Zeit zum Öffnen?

Noch ein Blick, dann raus mit dem Stoff, sanft – freundliches orange-gelb über mir; Luftraumcheck und Slider collapsed, und dann gemütlich Richtung nach Hause geflogen; fast ein Stückchen zu weit bei dem Wind – kurz hänge ich ohne jede Vorwärtsfahrt über den Bäumen und denke, ich hätte wohl doch das andere Feld nehmen sollen – aber dann geht’s wieder; Vorsicht! Da kommt der feindliche Boden! Aber perfekt sanft ausgeflart und auf den Zehenspitzen runtergestiegen. Die Landung glaub ich mir selber kaum.

Und dann ist alles wie früher; und doch wieder nicht: Ruhiger irgendwie und trotzdem stärker; ich und das Erlebnis beim Sprung.