Als wäre ich schon ewig hier…

Frisches Brot & Käse aus dem Supermarkt geholt, Kaffee aus der Küche. Ausgedehntes Frühstück auf der Terrasse zwischen Felsenpanorama und Agentenroman. Dann den Rucksack gepackt, heute will ich nach Taurito. Weil der Strand dort so schön sein soll. Und außerdem will ich zu Fuss gehen, weil die Küstenstraße tolle Fotos hergibt, die ich aus dem Bus nie bekomme.

Viel zu gefährlich, sagt Lumy. Und dass es einen Weg gibt am Ende des Felsens, zumindest verstehe ich das so, und das klingt doch auch sehr malerisch.

Der Weg, an der Casa Lila vorbei, endet so gut wie im Nichts. Ich klettere noch eine Weile zwischen den Felsen herum, an ein paar Wohnhäusern vorbei, argwöhnisch beäugt von mageren Wachhunden. Dann ist Endstation; zumindest wenn man keine Seile dabei hat für die Felswand.

Schlendere stattdessen Richtung Zentrum zurück, fotografiere Papayas (oder sowas) beim Wachsen, sehr pittoreske ?Farm? ?Bar? mit großem Schild “Zona Verde”. Dann stehe ich unerwartet an der Busstation. Na gut, nehme ich halt den Bus. Zigaretten gekauft zwischen den Einheimischen am Wüstelstand, muy machisma eine geraucht; dann kontraproduktiv touristisch eine Palme fotografiert.

Schließlich geht’s auf nach Taurito. Die dortige Anlage ist komplett eingezäunt; ich habe das Gefühl, ein Gefängnis zu betreten. Trotzdem durch die Palmenallee (die Früchte sehen aus wie Datteln, aber im Reiseführer steht, sie würden als Tierfutter verwendet). Am Swimmingpool vorbei, bei einem Shop Taucherbrille & Schnorchel gekauft, die sich später als zu klein erweisen.

Der Shop-Owner sieht aus wie ein Pakistani und redet Wasserfälle; früher, so erzählt er, hätte er seinen Shop in Puerto Mogan gehabt, aber das war auf die Dauer zu stressig, denn jedesmal, wenn die Tagesausflügler aus Teneriffa kamen, hätten die alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest war.

Danach an den Sandstrand; der Sand ist so fein, dass er sofort überall reinkriecht… egal, auf ins Wasser; eine ganze lange Strecke geschwommen, getaucht & dann im Brecherbereich die Wellen besprungen, ziemlich glücklich & selbstvergessen.

Zurück am Strand, bin ich zuversichtlich, sogar hier einen Tag hergehören zu können. Buch rausgekramt & ab und zu ein Schluck aus der Wasserflasche, dann wieder ins Meer, mit (Katastrophe) und ohne Taucherbrille. Zwischendurch auf einen Kaffee ins Strandcafe; der Kellner bringt mir Zuckerpampe statt des versprochenen frischen Orangensafts und Milchkafee statt des bestellten schwarzen. Muss wohl seine persönliche Rache am Touristenpack sein, denn so dämlich kann sich wirklich keiner anstellen.

 – Do you like it here?

– Not really.

– Why not?

– This is a plastic paradise for plastic people.

– It makes people happy!

– It makes the wrong people happy in the wrong way!

– There is no wrong way being happy.

Gehört, geträumt, whatever. – Ein anderer Kellner will mich dringend zum Abendessen einladen, was in der insistierenden Art lästig gewesen wäre, wenn er es ernst gemeint hätte. Da aber offensichtlich ist, dass er es nur tut, weil er glaubt, dass ich ebendas erwarte, ist es ziemlich traurig.

Mein Handtuch ist mittlerweile von einer niederländischen Familie umringt, die mich strafend betrachtet, als ich mich ein paar Meter zurückziehe. Dann nochmals ins Meer, draußen wieder die Fregatte mit den dunkelroten Segeln.

Die kennen wir ja schon. Unheimlicher ist ein anderes Schiff, das von ferne ganz normal aussieht – dann aber in die Bucht einfährt, ankert und seitlich eine Planke auslegt – von der tatsächlich, unter heftigem Geschrei, einer nach dem anderen über Bord springt. Dazu dröhnt Disco Musik.

Das ist nun wirklich zuviel. Ich schwimme eilends zurück zum Strand, übersehe in meinem Fluchtinstinkt die Brecherzone; ein brechender Brecher erwischt mich & pflügt mich unter. Lange 10-15 Sekunden kämpfe ich gegen den Strudel, ritsche mein Gesicht am Sand entlang, schneide mir das Knie an einem Stein blutig und tauche schließlich mit letzter Luft wieder auf, überzeugt, dass meine Linsen weg sind. Sind sie aber nicht.

Vor lauter Überraschung die nächste Welle übersehen, die mich ähnlich verprügelt. Dann den Strand erreicht und zum Handtuch gehumpelt. Deutsche Mutti von nebenan starrt mit gerümpfter Nase meine echt (nicht gekauft) gefransten Jeans an, als wollte sie sagen “du gehörst nicht hierher”. “Zum Glück” möchte ich antworten, keineswegs aus Trotz. Dem zur Mutti gehörigen Vati quellen die Augen fast aus dem Kopf, als ich aus der Tasche ebendieser Jeans mein läutendes Handy ziehe (es ist wieder einmal C., die wissen will, ob es auch noch warm ist). Ich winke freundlich und gehe, wieder Mal ein Weltbild erschüttert, wunderbar.

Jetzt nichts wie raus; die viel zu kleine Taucherbrille samt Schnorchel lasse ich an der Bushaltestelle liegen – vielleicht freut sich ja ein Kind.

In sesselartigem roten Felsen auf den Bus gewartet, es ist der gleiche Fahrer wie vorhin, der kaum glauben kann, dass ich schon genug habe vom “best beach on the island”. Ich aber, froh, beschwingt, 2 Stationen weiter die einsame staubige Landstraße runter nach Media Almud. Kaum ein Mensch hier (später tauchen aber einige auf), und meine invalide steingestützte Liege steht, wo ich sie gestern habe stehen lassen.

Wanderung über die Steine und nochmal schwimmen, beim Rausgehen die Fussohle an einer Muschelschale aufgeschnitten (als wäre der Cut am Knie noch nicht genug!).

Amüsiere mich blendend über rotverbrannte Mami, die sich punktgenau zwischen mich und ihren sonnverbrannten Bierbauch-Typen legt, peinlich darauf bedacht, dass er keinen Blick auf mich werfen kann, ohne dass sie auch im Bild ist. Als ob mich das Schwitztier interessieren würde. Bäh.

Noch eine lange Steinwanderung (fast hätte mir die Flut den Rückweg abgeschnitten), dann wieder ins Wasser getunkt zur Abkühlung (geschwommen bin ich schon genug heute). Und dann Aufbruch.

Bis ins Dorf runtergefahren & in der Apotheke Pflaster und Desinfekt gekauft. In der Pension Dusche & verarztet und Jause auf dem Balkon. Ein bisschen gelesen & eigentlich gar nicht mehr weggehen wollen, aber irgendwie doch.

Ich hab den Fotoapparat mit, daher gibt es heute natürlich keinen roten Sonnenuntergang und keine Wasserkaskaden hinten an der Mole (es ist nämlich Ebbe). Über die Mauer geklettert & eine Weile herrlich allein auf der Seeseite der Mole gesessen, bis mich das Discoschiff von dort vertreibt.

Dann ins Casablanca & erst bei Orangensaft & Cafe, später bei einem Martini mit viel Eis das Journal geschrieben. Ob die die ekelhaften Youngsters drüben am Kai jetzt gerade mir johlen und pfeifen & rülpsen, weiß ich nicht; früher an der Plaza hat es auf jeden Fall mir gegolten. Daher ihnen und ihren weltweiten Kollegen nur eins: MÖGEN EUCH DIE EIER BEI DEN OHREN RAUSWACHSEN! In Ewigkeit, pfui.

Ach, da fehlt ja noch einiges. Meine Freunde, die Eidechsen, die ich meistens nur rascheln höre, selten auch huschen sehe, nie langsam genug für den Fotoapparat. Und der doppelhandgroße Nachtfalter, der lichtbetäubt auf dem Felsen sitzt und sich fotografieren läßt; der Klick macht die alten Männer zwei Häuser weiter aufmerksam und sie spazieren herbei, diskutieren die seltsame Erscheinung, ohne mich dabei weiter zu beachten. Und dieses seltsame Gefühl, abends im Hafen, diese ständigen Blitze. Kein Wetterleuchten, das sind alles Fotoapparate.

Dann werde ich doch nochmals hungrig & gehe in die Doppelfunktionskneipe (tagsüber dürfen Touristen um teures Geld von Motorbooten aus fischen; abends werden die von den glücklichen Touristen gefangenen Fische im Lokal wieder an Touristen verkauft). Heute gibt es Hai, auch ganz ausgezeichnet zubereitet. Danach wieder die seltsame Pfirsichschnapsprozedur. Dann müde heim.