Assange & die Schwedinnen (erweitert)

Seit Tagen – oder sind es mittlerweile Wochen? – verfolge ich die Berichterstattung um Assange und seine mutmaßlichen Straftaten, in drei Sprachen, über viele Länder hinweg, und versuche, mein tiefes Unbehagen in einen Text zu verwandeln. Der Source-File hat unübersichtliche Ausmaße angenommen, die meisten Links erkenne ich an den ersten 3 Buchstaben, und dennoch ist bislang kein gscheiter Artikel herausgekommen. Das liegt daran, dass ich das Gefühl habe, die ganze Wahrheit herausfinden zu müssen, eine Verantwortung, die in dem Chaos an Information, Gerüchten und Halbwahrheiten einfach nicht einzuhalten ist.

Als allerdings heute auch der ansonsten von mir geschätzte Michael Moore scherzen musste, dass ein geplatztes Kondom in zivilisierten Ländern ja wohl keine Vergewaltigungs-Anklage rechtfertigt, war’s mir irgendwie zuviel. Wenn (falls) die Wahrheit jemals ans Licht kommt, dann vermutlich nicht über Boulevard-Zeitungen oder selbsternannte Ritter der Gerechtigkeit, sondern vor einem Gericht, das – im Gegensatz zu allen anderen – die unverfälschten Informationen besitzt. Ich verzichte also vorläufig auf die Suche nach der Wahrheit, und möchte stattdessen aufzählen, was alles nicht wahr ist.

Nicht wahr ist, dass der Wikileaks-Frontman wegen eines geplatzten Kondoms angeklagt ist. Das ist nämlich tatsächlich kein Verbrechen, weder hier noch in Schweden noch sonstwo. Das einzige Land, wo man jemanden dafür verklagen könnte, wären eventuell die USA, und dort träfe es – wenn dann – den Kondomhersteller.

Die erste Erwähnung eines Kondoms kommt, soweit ich mich durch die Masse an Material wühlen könnte, vom Expressen. Der behauptete am 2. September, die Protokolle der ersten Einvernahme von Assange zu haben. Das ist, noch bevor wir zum Inhalt kommen, schon formal problematisch. Expressen bewegt sich nämlich, was Sorgfalt und Glaubwürdigkeit anbelangt, irgendwo zwischen Bild-Zeitung und Kronen-Zeitung. Man hat dort in der Vergangenheit tatsächlich schon geheime Protokolle veröffentlicht – aber ebenso oft auch frei erfundene. Zudem bleiben in Schweden die Details und die Namen der Opfer von (auch mutmasslichen) Sexual-Straftaten wegen Opferschutz zumindest laut Gesetz geheim.

In dem Artikel finden sich folgende Passagen:

När förhöret inleddes delgavs Assange att han var misstänkt för att ha ofredat kvinnan vid ett tillfälle i hennes bostad. Ofredandet ska ha bestått i att han haft oskyddat sex med kvinnan. Hon ska, enligt Expressens källor, anklagat Assange för att medvetet ha gjort hål på en kondom och sedan haft sex med henne.

auf Deutsch:

Am Anfang des Verhörs wurde Assange mitgeteilt, dass er verdächtigt wird, eine Frau in ihrer Wohnung belästigt zu haben. Die Belästigung soll darin bestanden haben, dass er ungeschützten Sex mit der Frau hatte. Sie soll, laut Expressens Quellen, behauptet haben, dass Assange bewusst ein Kondom beschädigt hat und anschließend Sex mit ihr hatte.

Seine Antwort, laut Expressen: “Das ist nicht wahr”.

Der Artikel erzählt weiters, dass Assange nachgefragt hätte, ob er befürchten müsse, dass die Inhalte des Verhörs an die Medien weitergegeben werden. Danach habe er sich mit seinem Anwalt beraten, wieviel von seiner Version er preisgeben müsste. Dann soll es noch um einen “bestimmten Vorfall” gegangen sein, dessen Inhalt aber “geheim bleiben müsse” (eine seltsame Formulierung, wenn man bedenkt, dass zum Zeitpunkt des Artikels eigentlich der gesamte Inhalt der Protokolle geheim war).

Aber kommen wir zum letzten Absatz.

Polisen ville också veta om kvinnan någon gång under natten avvisat hans sexuella inviter.
– Ja, ibland men inte på något sätt som var betydelsefullt. Nej, inte något som skulle vara onormalt, svarar Assange som hävdar att allt han gjort varit fullständigt “normalt”.

auf Deutsch:

Die Polizei wollte auch wissen, ob die Frau während der Nacht irgendwann seine sexuellen Avancen abgewiesen hätte.
– Ja, mehrfach, aber nicht auf eine ernstzunehmende Art und Weise. Nein, da war nichts Ungewöhnliches, antwortete Assange, der darauf besteht, dass alles, was er getan hat, völlig normal war.

Wenn (und das ist ob der Grund-Glaubwürdigkeit des Expressen durchaus ein großes “Wenn”), wenn wir also annehmen, dass dieses Protokoll echt ist, dann müssen wir auch akzeptieren, dass Assange bereits zugegeben hat, ein “Nein” nicht unbedingt ernst zu nehmen.

Aber egal, wie viel man davon glaubt oder nicht: Der Artikel im Expressen war die erste mediale Konkretisierung der Vorwürfe und damit vermutlich der Ursprung aller geplatzten Kondom-Gerüchte.


Präzisere Beschreibungen der angeblichen Vorgänge haben wir frühestens seit dem Auslieferungsantrag. Dafür mussten die Vorwürfe offengelegt werden, und viele Medien berufen sich in ihren Berichten auf eine Meldung von Reuters, in der demnach steht, der charismatische Australier habe “sein Körpergewicht eingesetzt, um die Frauen still zu halten und den Geschlechtsverkehr zu vollziehen”, er habe “die Beine der Frau auseinandergedrückt und nicht auf ihren Protest gehört”, und schließlich: “während beide nackt im Bett lagen und sie schlief, sei er ohne Vorwarnung von hinten in sie eingedrungen” – ein Vorgang, den englischsprachige Medien seither gerne als “surprise sex” bezeichnen. Fast untergegangen in den darauf folgenden bösartigen Vergewaltigungswitzen sind die vereinzelten Versuche, etwas Licht ins umstrittene Schlafzimmer zu bringen – so schreibt etwa die Washington Post:

But the controversy seems to center on the fact that both encounters started off consensually. One of his accusers was quoted by the Guardian newspaper in August as saying, “What started out as voluntary sex subsequently developed into an assault.” Whether consent was withdrawn because of the lack of a condom is unclear, but also beside the point. In Sweden, it’s a crime to continue to have sex after your partner withdraws consent.

Was in den USA nicht so ist, wie die WP weiter ausführt, um zu dem durchaus nachvollziehbaren Schluss zu gelangen:

So if you initially agree to have sex and later change your mind for whatever reason – it hurts, your partner has become violent, or you’re simply no longer in the mood – your partner can continue despite your protestations, and it won’t be considered rape. It defies common sense. Who besides a rapist would continue to have sex with an unwilling partner?

Wie wahr, wie wahr.


Nicht wahr ist auch, dass wir die Identität der Frauen kennen, die Assange angezeigt haben. Deren Identität ist wie gesagt nach schwedischem Gesetz geschützt, und auch wenn eine plausible Spurensuche vorliegt – die Erkenntnisse sind nicht bestätigt. Das ist auf mehreren Ebenen interessant, denn der wichtigere Name, der kolportiert wird, wurde erstmals auf flashback.org (absichtlich kein Link) erwähnt – und das ist ein zumindest rechtslastiges Forum (das von weniger vorsichtigen Menschen auch als rechtsextrem bezeichnet wird). Ich verzichte in dieser Sache auf weitere investigative Aufdröselung und verweise auf den englischen Artikel von Torbjörn Jerlerup.


(edit 17.12.)

Woher die Gerüchte in Richtung Eifersuchtsmotiv ursprünglich kommen, habe ich nicht herausgefunden. Dieser Artikel im (allerdings auch nicht sonderlich seriösen) Aftonbladet ist vom 21.8. – demnach hat die Redaktion ein Interview mit der einen Frau geführt, und die sagt dort folgendes:

Kvinnorna och Assange träffades under hans vistelse i Stockholm och har inte tidigare träffat vare sig honom eller varandra.
Kvinnan i 30-årsåldern uppger att hon för sin del anser sig vara utsatt för ett sexuellt övergrepp, eller ofredande, men inte en våldtäkt.
Upprinnelsen till polisanmälan kom i fredags. En annan kvinna kontaktade henne och berättade en liknande, men värre historia. Den kvinnan är mellan 20 och 30 år.

Auf Deutsch:

Die Frauen und Assange trafen sich während seines Besuchs in Stockholm und kannten vorher weder ihn noch einander. Die 30-Jährige sagt, dass sie aus ihrer Sicht einen sexuellen Übergriff oder Belästigung erlebt hat, aber keine Vergewaltigung. Eine andere Frau hat sie kontaktiert und von einem ähnlichen, aber schlimmeren Erlebnis berichtet.

Zudem erklärt sie, sie sei nicht deshalb erst später zur Polizei gegangen, weil sie Angst vor Assange gehabt hätte. Sie habe die andere Frau begleitet, als sie von deren Erfahrungen hörte, um ihren Bericht mit den eigenen Erlebnissen zu ergänzen.

(/edit)


Noch ein paar lesenswerte Links (laufend ergänzt):

Kate Harding: Some Shit I’m Sick of Hearing Regarding Rape and Assange
Time zum Thema Schweden und Sexualstraftaten an sich
Die Mädchenmannschaft über das Gerüchtechaos, mit vielen interessanten Links
Guardian – Die (mutmaßlichen) Details der Anklage
Spreeblick über die Verharmlosung von sexuellen Straftaten über Standpunkte, mit vielen interssanten Links

Eine hervorragende Antwort auf den populistisch-dümmlichen offenen Brief von Michael Moore


Von allen schlüpfrigen Geschichten mal abgesehen: Assange ist nicht Wikileaks. Wikileaks ist eine großartige neue Chance für alle, die Transparenz und Information ernst nehmen – gerade in einer Zeit, in der viele konventionelle Medien nur noch als Regierungs- und Industrie-Megaphone dienen. Assange dagegen ist ein Gesicht, das sich – je nach Quelle, die man liest – uneigennützig als Frontman zur Verfügung gestellt oder völlig sinnlos in den Vordergrund gedrängt hat. Wikileaks wird mit oder ohne Assange weitermachen – diese simple Tatsache muss selbst der hinterletzten Dumpfbacke im ungelüfteten Geheimdienstkeller klar sein. Und deshalb glaube ich in Sachen Assange ausnahmsweise nicht an die vielbeschworene CIA-Verschwörung.