Zu Fuß auf dem Heimweg, die Wiedener Hauptstraße stadtauswärts, kommt mir eine ältere Frau entgegen, rollende Einkaufstasche im Schlepptau. Sie fixiert mich schon von weitem, so, dass ich mich bemühe, noch mehr Abstand zu halten als ohnehin schon.

Er reicht nicht. Als sie auf meiner Höhe ist, macht sie einen Schritt in meine Richtung, hält mich am Ärmel meiner Bluse fest und sagt, leise aber intensiv: „Du bist genau so ein Arschloch wie alle anderen!“ – Ich befreie mich aus dem Griff, gehe zwei Schritte zurück. „OK“, sage ich, „OK!“ – Sie starrt mich noch ein paar lange Augenblicke an, bevor sie weitergeht, und ich bleibe stehen, um sicher zu sein, dass sie auch wirklich weitergeht. Beim Café ein paar Schritte weiter legt sie sich mit den Schanigarten-Sitzern an, erst da wage ich, ihr den Rücken zuzuwenden.

Es ist die bislang einzige Eskalation einer Wahrnehmung, die ich seit einer Weile mache: Die seltsamen Gestalten werden mehr. Vorwiegend an den öffentlichen Verkehrsknotenpunkten der Stadt, aber ein bisschen auch anderswo. Wo man bisher vielleicht ein haucherl vor Taschlziehern auf der Hut war, sind es nun vielmehr die Unberechenbaren, die herumstehen und sitzen, mit sich selbst reden, mit unsichtbaren Wesen kämpfen.

Sie hätte Angst vor den Grüppchen, die laut in fremden Sprachen reden, hat mir kürzlich eine nicht-ganz-Freundin gesagt. Vor denen habe ich gar keine Angst, sagte ich, die unterhalten sich nur.  Aber vor denen, die mit Wesen sprechen, die ich nicht sehen kann, habe mittlerweile sogar ich ein bisschen Angst. Wo kommen sie her, wieso sind es mehr als früher, und wie geht man mit solchen Begegnungen um?

Ich mache meine Wege, kaufe ein, halte das Bild im Header mit Meta-Spiegelung fest. Es ist alles ganz normal, aber ein bisschen Unbehagen bleibt. Ich bin seltsam, du bist seltsam, wir sind alle seltsam. Aber ab wann wird seltsam gefährlich? Und woran erkennt man das?

Ratlosigkeit.