Der Nationalfeiertag fällt auf einen Sonntag, zu Hause wandern sie jetzt mit Kastanien & Sturm. Und jemand hat Geburtstag.

Hier aber scheint die Sonne, und das einzige, was mich jetzt mit Wien verbindet, ist das Ende der Sommerzeit. Mir auch egal. 3 Uhren (inkl. Handy) hab ich mit – Eine zeigt MEZ, die nächste MESZ, die andere hiesige Sommerzeit. Keine Ahnung, ob irgendetwas davon von Bedeutung ist.

Das Frühstück fällt kurz aus, heute, Veneguera steht auf dem Programm. Und zwar zu Fuss. Das sind 10 Kilometer, über den Berg, so ungefähr. Mal sehen.

Aufstieg problemlos; nicht schnell aber stetig. Ganz neue Perspektive auf das Dorf, von hier aus, das Meer dahinter schimmert & meine Pension kann man ganz deutlich sehen.

Oben aber eine Kurve um den großen Felsen, und wie auf Knopfdruck ist sie weg: die ganze Zivilisation. Einiges an Flora zu fotografieren; links das Meer, mal näher, mal ferner. Es dauert eine Weile, bis ich das ganze unglaubliche Panorama tatsächlich als echt wahrzunehmen bereit bin; das blaue, weite Meer, die gelben und rötlichen Felsen, die staubigdunkelgrünen Büsche dazwischen: Langsam wird es wahr.

Als ich stehenbleibe, um ein Foto zu machen, entdecke ich erst die unglaubliche Stille ringsherum. Ich bleibe viel länger stehen, als der Klick dauert, und höre: Nichts. Ab und zu ein Vogel, irgendwo, oder ein dickbrummiges Insekt, dann ein einzelner Windstoss in den Palmblättern. Aber kein Grundlärm, über den sich ein Geräusch erst erheben müsste, um hörbar zu sein. Wunderschön und sehr verblüffend.

Immer wieder muss ich stehen bleiben, um Fotos zu schießen (auch von mir, mit Selbstauslöser, um sicher zu gehen, dass ich tatsächlich hier war), aber auch, um das Geräusch meiner Schritte auszuschalten und das Knarren der Tasche.

Statt der Straße weiter zu folgen, lasse ich mich dann von einer Bucht locken: Im schätzen war ich nie sehr gut, aber es sieht nicht weit weg aus & auch nicht allzu felsig.

Einen distelig-staubigen Ziegenweg entlang, dann an die Felsen gekommen. Geklettert & geklettert & geklettert in meinen Sandalen, tiefer & tiefer & tiefer, die Straße längst unsäglich weit weg, die Bucht aber kommt nicht näher.

Die Sonne brennt & die Disteln stechen, die Wasserflasche plötzlich & unerwartet leer, ich sitze in der Landschaft & wünsche mich in die schwarzsandige Bucht da vorne, aber es könnte noch hundert Jahre dauern, sie zu erreichen.

Also umgekehrt & beim Wiederaufstieg erst gemerkt, wie weit ich wirklich schon gegangen war; rauf ist – wie üblich – anstrengender, aber auch leichter als hinunter: Auf dem Hinweg habe ich ab und zu beide Hände gbraucht in den Felsen, auf dem Rückweg reicht durchgehend eine.

Über meine kartenlose Expedition geflucht, aber egal, die Szenerie ist schön & ich bin zwar durstig, aber sonst guter Dinge.

Endlich die Straße wieder erreicht & gerastet im Schatten der nächsten Pinie, immer noch diese Stille & dann fährt ein Radfahrer vorbei, hebt grüßend die Hand, und dann wieder nichts.

Recht langsam & den Kopf voller Gedanken den Rest des Weges zurückspaziert; ab und zu ein Boot draußen auf dem Meer, und da vorne, da kommt schon der Felsen: Das Tor nach Puerto Mogan.

Den plötzlich, von der anderen Seite, ein Pärchen umrundet, sehr jung, sehr braungebrannt, beide (!) mit nacktem Oberkörper, Hand in Hand. Ich grüße, die beiden auch, dann bin ich um die Felsenecke herum & sofort in ganz normale Geräuschkulisse eingetaucht, ein Schock nach der geliebten Stille. Motoren, Kindergeschrei, irgendwo ein Radio. Schwer zu glauben, dass die paar Schritte so viel ausmachen können; ich möchte zurückgehen hinter den Felsen und das noch einmal testen, bin aber zu müde.

Langsamer Abstieg; ab einem gewissen Punkt im Leben erinnert wohl alles an irgendetwas: Akrokorinth diesmal. Nur halt anders.

Zurück in der Pension neue Gäste taxiert; deutsches Pärchen, das mehr nach Hotel aussieht; zwei sehr blonde Engländerinnen. Was kümmerts mich; ein Schluck Wasser & eine Orange auf meinem Balkonplätzchen, so billig kann Glück sein. Mit den Augen die Straße verfolgt, Kurve um Kurve, bis zum Soundmagischen Felsen, der von hier eigentlich recht harmlos aussieht.

Langsam zu Atem kommen & die entgangene Bucht durch einen Platsch in der Allgemeinbucht ersetzen. Mit Liegestuhl heute sogar; 700Ptas sind zwar sehr happig, aber ich spar mir die Diskussion. Salzmandeln & Wasser & dann rauch ich schließlich doch eine, obwohl es doch heute bisher gar nicht nötig war.

In der sinkenden Sonne über kaum glaubliche Hautfarbe gewundert. Als ich genug gebraten bin, erinnert mich ein Stück Restgehirn an die Tafel beim Casablanca: Erdbeeren mit Sahne! Genau die müssen es jetzt sein.

Drinnen läuft Formel I, Villeneuve wird Weltmeister. Das erste, was ich seit einer Woche von den Weltnachrichten mitkriege. Nicht dass mir dabei etwas fehlen würde.

Unterwegs nach Hause eine kurze Jean & ein T-Shirt erstanden, mich gefragt, ob wohl jemals wieder ein heimischer Sommer kommt, der es erlaubt, so etwas auch zu tragen. Egal. Duschen & mit einem neuen Buch in der Hand die Haare auf der Terrasse trocknen; überhaupt: Dieses Bücherregal im Flur der Pension, woher kenne ich das? Griechenland, natürlich, Andros, aber auch von noch wo, fällt mir gerade nicht ein).

Dann umgezogen für erneute Fotoexpedition; Lumy kommt vorbei & hat mein verloren geglaubtes Taschenmesser gerettet (also die Deutschen von nebenan zu Unrecht verdächtigt); runter zum Hafen und da liegt das schönste alte Holzboot aller Zeiten neben einem Riesen-Ami (mindestens 40 Meter, das Ding. Ja, Meter. Nicht Fuss.)

Vorbei an den Malereien auf der betonmauer, wo sich Bootsanlieger verewigen (dürfen?). Auf einen Abendkaffee vorne am Leuchtturm, ja, nur Cappuccino, ich weiß, und sauteuer; weiß ich auch. Der Sonnenuntergang entschädigt für alles, sogar für kaum erträgliche Kitsch-Filmmusik. Dann aber Klassik, das ist besser.

Anschließend ein Spaziergang zur Dolby-Surround-Klippe, wo ich leider bei weitem nicht die einzige bin. Einer sitzt da und zeichnet die Aussicht. Das ist immerhin idyllisch. Ich bleibe sitzen, bis alle weg sind, die Wellen schwappen, von drüben die Kuppel des Teide kaum unterscheidbar von den Wolken.

Langsam durchs Dorf geschlendert & mich gefragt, ob ich mich irgendwo reinsetzen will. Stattdessen am anderen Ende, am Strand, noch im Sand gesessen und eine Zigarette geraucht, die letzten Boote kommen herein, von der Restaurantmeile herzliches Gelächter, dann ein riesiger Katamaran.

Den will ich genauer sehen & folge ihm Richtung Hafen; unterwegs W. getroffen, er ist beschäftigt (sieht man sich noch? – vielleicht). Den Katamaran beim Grünblinkleuchtturm eingeholt, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie 25 Fahrgäste gegen 25 neue Fahrgäste ausgetauscht werden, verstreut über das Boot und etwas verloren & bemüht glücklich aussehend legen sie ab: Dann doch lieber Sterne zählen an Land!

Erst ist es einer, im noch pastellfarbenen Himmel, 3 Vögel fliegen vorbei. Über dem Strand erst 2, dann 5. Schon sind es viele, kaum mehr zu zählen, südlicher Sternenhimmel, ganz und gar ungewohnt.

Ein dänisches Boot liegt an der Außenseite (drinnen scheinen immer dieselben zu liegen), und sie fragen mich, wo man denn hier gut essen kann. Überall, lache ich, und sie wagen sich an Land.

Wieder dem immer noch beschäftigten W. begegnet. Dann ins Casablanca gesetzt, Orangensaft jetzt, frisch, ringsum ist Villeneuve das Hauptthema, außer vielleicht dem kranken Kind der Berliner, aber nur dann, wenn es fürchterlich hustet. Seine Schwester ist zwar nicht krank, aber quengelig; die Mutter wieder schwanger & darf nichts heben. Der Opa will wissen, wo denn der Frentzen abgeblieben ist beim heutigen Rennen, aber das weiß keiner. Die Tante hat in Jugoslawien immer Angst gehabt beim Segeln, aber jetzt in der Karibik hat sie keine mehr. Der Papa ist immer nur am ersten Tag seekrank gewesen, danach war er der einzige, der unter Deck kochen konnte. Himmel, manchmal wünsche ich, ich könnte die Ohren zumachen wie die Augen.

Jetzt streiten sie, wer zahlen darf. Die Kleine quengelt & will getragen werden, was die Mutti nicht darf. Die Tante will einspringen & kriegt die Kinderfaust ins Aug. Dann endlich Ruhe, ich bringe das Tagebuch auf neuesten Stand.

Schließlich, hungrig, ins Marina. Der Fisch des Tages ist Merlin (hatte ich schon), die Paella ist aus, also probieren wir das Lamm. Während ich warte, fällt ein übergeschnappter Schwedenhaufen ein. Dazu doppelt deplazierte Irenfolkmusik.

Da kommt das Lamm, köstlich zart mit Riesenportion Karrotten & Kartoffeln. Draußen promenieren wie gewohnt die Leute in großen Kreisen, darunter zwei, die ein Aug auf mich werfen. Ich frage mich ob wirklich, oder papagallomäßig. Ungeachtet dessen ist es ein Vergnügen, sie zu ignorieren, jung und hübsch wie sie auch sind 8besonders der eine).

Das Lamm, das ohne das gebrüll der Schweden sicher noch etwas besser geschmeckt hätte, ist irgendwann zu Ende. Nichts wie weg hier. heute gibt es keinen Pfirsichschnaps, heute gibt es Honigrum. Erstaunliches Geschmackserlebnis. Dann heim, glücklich schon über die Stille unterwegs.

Die aber auf der Stiege zum Balkon ein jähes Ende nimmt. 3stimmig deutsch lautlachend, ich befürchte das schlimmste, zum Glück stiebt es schon auseinander als ich im Zimmer meine Tasche ablege.

Am Kühlschrank überrascht festgestellt, dass ich noch ein Bier habe, also selbiges statt Wasser auf den Balkon mitgenommen und schon wieder geschrieben, zum erstaunlich harmonischen Konzert für 50 Grillen und einen deutschen Schnarcher. Zum ersten Mal seit Ankunft lange Ärmel ausgepackt.