Wir lassen den Tag langsam beginnen, denn gestern war es spät und viel Anisette ist die Kehlen hinuntergeflossen. Gerade noch rechtzeitig kommen wir ans Frühstücksbuffet, das keine Wünsche offen lässt. In der Mitte eine halbrunde Theke, die Käse, Wurst, Marmeladen und Müsli bietet, weitere Tische biegen sich unter Brot und Kuchen, dann gibt es eine Saftbar mit diversen Fruchtsäften und ein Salatbuffet, malerisch dazwischen platziert ein nachgebautes Beduinenzelt, vor dem eine Frau sitzt und Fladenbote bäckt.

Weiter hinten eine Theke, an der man sein Omelett zubereiten lassen kann, je nach Wunsch mit allem angereichert, was man sich in einem Omelett vorstellen kann oder auch mit Dingen, die man sich in einem Omelett lieber nicht vorstellen möchte.

Und natürlich gibt es Kaffee und Tee und Kakao und Milch, und nach kurzem Zögern stellen wir uns dieser gewaltigen Herausforderung und fressen uns tapfer einmal quer durch den Saal. Meinem unerschrockenen Jägerherzen gelingt es sogar, die „Feige Marmelade“ zu erwischen, bevor sie zitternd aus dem Schälchen unter den Tisch flüchten könnte.

Dann kann der Tag so richtig anfangen. Wir drehen eine Runde am Meer, und dann wird der Sufi von einer tiefen Müdigkeit erfasst und zieht sich auf dem bereitwilligen Bett in die horizontale zurück, während ich auf dem Balkon in der Sonne mit Wörtern jongliere.

Am Nachmittag gäbe es Markt in Houmt Soukh, so hat man uns gesagt, und brave Touristen, die wir sind, begeben wir uns an die Bushaltestelle, wo um halb 2 der Bus auf die Halbinsel Djerba fahren soll. Soll.

Wir stehen und warten, und nach einer Weile setzen wir uns in den Sand und warten, und die Sonne brennt vom Himmel, und es kommt kein Bus. Ich bin recht zufrieden, die Sonne scheint mir ins Gesicht und es ist warm und friedlich, und die Kamera habe ich im Zimmer gelassen, daher filme ich nicht, wie ein netter junger Mann versucht, ein soeben gekauftes Pferd zu bändigen, und das Tier will nicht so wie er und schnaubt und bäumt sich auf, und der Sufi sagt, das ist ein tolles Pferd.

Dann kommt ihm ein anderer zu Hilfe, nachdem er mir ganz selbstverständlich das Halfter seines eigenen Pferdes in die Hand gedrückt hat, und ich rufe den Sufi und übergebe ihm das Pferd, in der Hoffnung, dass man die leise Verzweiflung in meiner Stimme nicht hören kann.

Mitten auf dem Dorfplatz versehen sie das nervöse Tier mit Sattel und Zaumzeug des später hinzugekommenen, und das dauert eine ganze Weile, ein Schauspiel für die Touristen und die Einheimischen, alle kommentieren das Geschehen, und der neue Besitzer schwingt sich in den Sattel und bleibt Sieger, und der freundliche Helfer reitet das eigene Pferd ohne Sattel und ohne Zaumzeug nach Hause, und der Bus kommt nicht.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr, obwohl das hier überhaupt keine Bedeutung hat, und ganz hinten in meinem Kopf klingt ein Lachen aus der Wüste, und der Bus kommt nicht.

Wir sitzen im Sand, und der Restaurantbesitzer von gegenüber kommt auf ein Pläuschchen vorbei, wendet sich aber wegen der Sprachschwierigkeiten lieber an die ebenfalls wartenden Franzosen, und wir kaufen Orangensaft und Halwa im Geschäft nebenan, und der Sufi spaziert einmal um den Platz, und der Bus kommt nicht.

Als wir gerade aufgeben wollen, kommt er doch. Es hat doch nur etwas mehr als eine Stunde gedauert… und um wenig Geld sitzen wir in dem klapprigen Gelenksbus, dessen Schaffner mit der Würde des Amtes dreisprachig den Fahrgastraum beherrscht, und die Einheimischen achten darauf, dass zwischen den dunklen Vorhängen sich kein Sonnenstrahl in den Bus verirrt, hinausschauen kann man nur nach hinten.

Und das tun wir, während der Riesenwurm sich erstaunlich behände durch die Landschaft schlängelt, wir fahren durch die Gegend, durch die wir gestern marschiert sind, und noch ein Stückchen weiter, über den Damm auf die Insel Djerba, und quer durch diese durch, und während die Straße unter uns hinwegzieht, ein grauer Streifen im freundlich gelben Sand, stehe ich und schaue und das Lachen aus der Wüste klingt in mir nach.

Markttag ist heute natürlich keiner, das haben wir schon im Bus von den Franzosen erfahren, aber die ganze Stadt ist ein einziger großer Markt, ein Touristenmarkt, und das ist ziemlich mühsam.

Die Bauten sind weniger orientalisch hier, gäßchenweise könnte diese Stadt auch an einem europäischen Mittelmeer liegen, und bei jedem Zögern im Schritt stürzen sofort 3 Männer auf den Touristen zu und versuchen, ihn in sein Geschäft zu ziehen.

Das funktioniert in allen Sprachen, und der Schuhverkäufer, der sein Geschäft mit den Worten „Freund! Komm! Guckste die Latschen!“ anbahnen will, ist nur eine der skurrilen Sprachblüten, die einen fürchten lassen, man hätte sich in das Einwandererviertel einer deutschen Großstadt verirrt.

Natürlich kaufen wir, ein Kleid und eine Bluse und dann sehe ich einen wunderschönen Ring, zuerst müssen wir Geld wechseln, und dann gehen wir Essen, ein bisschen in den Seitenstraßen, wo die Touristenstände zumindest dünner gesät sind und eine kleine Ahnung von einheimischem Leben sich zwischen die Andenkenläden verirrt.

Wir essen Gamounia und Couscous, mit Blick auf eine kleine Schneiderei, und dann gehen wir, um den Ring zu kaufen, aber das Geschäft ist hier nicht und dort nicht, und wir laufen stundenlang herum und finden meinen Ring nicht mehr, den Ring mit der Mulde in der Mitte, in die ich das Lachen aus der Wüste in meinem Kopf gießen wollte, um es mit heim zu nehmen und immer bei mir zu tragen.

Stattdessen verzichten wir auf den Bus nach Hause und drehen eine Runde durch die Normalität außerhalb des Zentrums, und wir trinken noch einen Tee und lassen uns von freundlichen Menschen den Weg zur Station des Louages zeigen, und als das Himmelblau über uns in ein Pastellrosa übergeht, dem erstaunlich schnell die Dunkelheit folgt, nehmen wir eine Louage unter den Sternen.

Die Hütten wirken viel freundlicher in der Nacht, und ich wünschte, wir könnten weiter fahren als nur die paar Kilometer zurück in den Tempel des Konsums, weiter durch die Olivenplantagen und dann hinein in die Wüste, und am Lagerfeuer vor dem Beduinenzelt könnte ich vielleicht das Lachen finden, das wie ein Schleier über meinem Schweigen schwingt.