AutorAndrea

Endlich ausschlafen

Hab ich gedacht. Um sieben Uhr zwanzig bin ich hellwach. Einen diffusen Traum im Kopf, in dem mir Stefan Raab sein Sweatshirt schenken will, wenn ich mit ihm ins Bett gehe. “Ich hab’s im TV getragen”, sagt er. Als ich noch überlege, wie ich sein Ansinnen ablehne, ohne ihn zu beleidigen, weil er trotz allem ein netter Kerl ist, wache ich auf.

Auf der Straße kläfft ein Dackel. Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Jalousien. Immer schon ist es mir schwer gefallen, einzuschlafen, wenn ein Lichtstrahl um mich herumtanzt. Ich stecke meinen Kopf unter die Decke. Das nutzt nichts. Ich weiss, dass das Licht da draussen ist.

Eine Stunde liege ich noch so und schaffe es in eine Art gedankendurchwobenen Halbschlaf. Dann wacht der Nachbar auf. Er begrüßt den Tag mit einer HipHop Session, die mich unverzüglich in die Senkrechte befördert. Da gibt’s nur eins: Zurückschlagen. Rein mit dem selbstgebastelten Frühlings-Sampler und die Lautstärke hoch.

Und wenn ich schon an einem Samstag so unverschämt früh wach bin, kann ich genauso gut anfangen, die Wohnung zu putzen.

Song zum Tag:

Tocotronic – Morgen wir wie heute sein

Tocotronic – Morgen wird wie heute sein

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Leergeträumt

Die Nacht ist so strahlend und die Sterne sind so nah. Mein Hexenherz fliegt unterm vollen Mond. Vielleicht eine Rast im kühlen Moos. Vielleicht ein Gedanke, der sich selbstständig macht wie eine streichelnde Hand. Nice and Easy.

Schlag die Augen auf in der Dunkelheit. Die Sterne verschwunden. Mein Herz klopft ins Leere. Regen prasselt an die Scheiben. Alle Geschichten sind ausgedacht. Alle Träume ausgeträumt. Die Kopfworte sind ausgeflogen. Was bleibt da noch?

Musik und Luftsprünge

Da war eine Party, und vielleicht war es zuerst mühsam, viel zu viel Business und viel zu wenig Leben aber…

…dann doch, und da waren Gitarren und da war Musik und nach einer ganzen Weile war da auch ein Mikrophon und ich habe gesungen und das war nur im Moment, denn niemand hat es festgehalten, aber das war gut so, nur vielleicht ein bisschen schade um den Text, der nie mehr wiederkommt, den Text: Der alles versteht und alles erklärt, aber eben nur im Moment. Das war schade, und das war gut.

Dann waren da noch die Kinder, die keine mehr sind: als hätte jemand unversehens die Sanduhr umgedreht, schauen sie dir plötzlich gerade ins Gesicht, denken und meinen und machen Musik. Schön…

Davor aber, davor: Im wolkenbeschatteten Sonnenlicht; im Schutz der freundschaftlichen Umgebung. Wir reden. Wir sind. Da.

be cool!
be quiet!
look.
feel.
be.

maybe.
maybe not.

no hurry.

made a mistake
once. twice.
don’t repeat it again.

be cool!
be quiet!
look.
feel.
be.

Der eine, der alle ist

Ich gehe durch eine Stadt. Eine seltsam vertraute fremde Stadt. Kopfsteinpflaster unter den Schuhen. An einem Zoo vorbei. Das Licht: Mediterraner Mittag. Hitze stört nicht. Wind vom Meer her. Irgendwo da oben gibt es eine Dachterrassenwohnung, die würde mir gehören, wenn ich hinginge. Ich gehe nicht hin.

Straßenleben. Dinge die klein sein sollten sind groß. Dinge die groß sein sollten sind klein. Jemand fängt ein Zebra in einer Kaffeedose. Er spricht eine Sprache, die klingt wie Musik. Ich kenne die Sprache nicht, aber ich verstehe sie. Das Zebra schrumpft, erklärt er mir. Deshalb muss es zum Tierarzt. Das Zebra wiehert in der Kaffeedose. Die Luft fühlt sich kurz vor dem Gewitter. Kein Wolke weit und breit.

An einem Ding, das aussieht wie eine Mischung aus Regenschirm und Flugdrachen, hängt eine Hollywoodschaukel. Es fliegt lautlos vorbei. Drei Bekannte sitzen auf der Hollywoodschaukel und winken mir , ich soll ihnen folgen. Ich laufe dem Ding nach.

Es landet in einem Garten, der überall ist. Überallhin wären es nur ein paar Schritte. Noch mehr Freunde hier. Und der eine, der alle ist. Das fliegende Spielzeug läuft mit einer neuartigen Magnettechnologie, erklärt man mir. Der Motor sitzt im Gestänge der Hollywoodschaukel. Um zu starten, zu lenken oder zu landen, muss man grosse Eisenstücke, die auf den Stangen sitzen, in bestimmte Positionen bringen. Geht ganz leicht. Verbraucht keinen Treibstoff.

Wir wollen etwas essen gehen. Wir wollen etwas trinken gehen. Auf dem Weg dorthin will ich die Freunde in ihrem Fluggerät filmen. Es sind zu viele Bäume hier, ich kann sie nicht sehen. Auf einer Stromleitung balanciert meine Familie. Ich rufe sie nicht, denke ich, sonst verlieren sie das Gleichgewicht. Ich filme sie.

Wir sitzen in einem Lokal, das zu hell ist und zu stylish. Der eine, der alle ist, erzählt. Mit jedem Satz wechselt er die Gestalt. Das beunruhigt mich nicht. Das ist schon richtig so. Während er sich verwandelt, lege ich meine Hand auf seine Brust. Die Hand spürt alle Unterschiede. Alle Ähnlichkeiten.

Währenddessen ist das Gespräch versiegt. Die anderen gehen. Wir wollen bezahlen. Wir haben schon bezahlt. Wir gehen, Hand in Hand.

Draußen im Garten, der überall ist, stimmt etwas nicht. Wo der Brunnen sein sollte, steht ein Grab. Ich gehe hin, um es mir anzusehen. Goldregen in einem Glaszylinder. Daneben ein Brief, feucht, vergilbt. Erzählt von einem Mädchen, Mitte zwanzig, die eine Krankheit hatte, die erst verblödet und dann tötet. Ein Missionar hat den Brief geschrieben. ‘Sie war wie eine Tochter für mich’, schreibt er. ‘Da war nichts mehr zu machen. Ich fahre jetzt nach Paris, dort werde ich gebraucht.’

Auf dem Brief ist ein Bild des Missionars, schwarzweiß. Kein Bild von dem Mädchen. Aus irgendeinem Grund weiss ich, dass sie blond und langhaarig war. Das Bild vom Missionar ist aus dem 19. Jahrhundert. Ich verstehe, dass das eine sehr alte Geschichte ist.

Neben dem Grab ein Hebel. Wenn ich ihn umlegen würde, würde ich ein anderes Grab sehen. Die Gräber auf diesem Friedhof liegen nicht nebeneinander, sondern hintereinander in der Zeit.

Ich drehe mich um und gehe. Der eine, der alle ist, ist verschwunden. Auch sonst ist der Garten leer. Das Insektensummen verstummt. Alle Bänke, Denkmäler, das Grab verschwinden. Nur mehr Wiese und Bäume. Das Licht wie kurz vor dem Dunkelwerden in einem nordischen Sommer. Die Tore, die aus dem Garten überallhin führen, sind versperrt, versiegelt. Langsam verstehe ich, dass ich tot bin.

Nichts verstanden

Nichts verstanden.

Gar nichts. Viel zuviel. Flucht.

Sorry.
Oder auch nicht.

Feuer & Eis

Manchmal ist das Leben scharf und klar wie ein Sprung ins Kaltwasserbecken. Dann wieder verwischt und verwirbelt wie die Luft über einem Feuer.

Sich davonstehlen. Durch die laue Frühlingsluft. Zigaretten holen gehen und nie wieder zurückkommen. Warum eigentlich nicht? Einfach immer weiter gehen. Bis die Wörter keine Last mehr sind.

Wie konnte ich nur jemals einen laufenden Fernseher ertragen?

Die Worte kehren zurück

Sie klopfen vorsichtig an die Tür meines angenehm ruhigen Gehirns, als das Auto mit vier sonnenmüden Neo-Fallschirmspringern von der Flugfeldzubringergasse in die Hauptstraße einbiegt.

Während draußen eine Sonne leuchtet, als hätte sie in der viel zu langen Regenzeit Energie für drei Glutbälle aufgestaut, während wir vier unser heutiges technisch bedingtes Nichtspringen mit einem kräftigen “Scheiße” abhaken, während das Auto sich Meter um Meter in Richtung daily Life bewegt, klopfen und poltern die Worte, die ich nicht haben will, jetzt noch nicht, und schließlich treten sie die Tür ein und fläzen sich in meine Gehirnfalten wie in ein altes Sofa.

Draußen Wiesen und blühende Bäume. Soviel Grün: So viele Sorten Grün. Bäume blühen in weiß, in rosa. Und die Bewegung ist gut. Es ist gut, durch dieses üppig feuchte Grün zu fahren, die Fenster weit offen, Fahrtwind und Stille, und die Worte, die sich räkeln und strecken, bevor sie sich zu Sätzen ballen, die mir Wort um Wort die Illusion der Freiheit rauben.

Wir fahren, wir fahren. Draußen der Tag, hinter der Sonnenbrille dunkle Nacht. Die letzten Begegnungen werden ausgetauscht, die letzten Grüße ausgerichtet. Dann wird es still im Wagen. Wir fahren.

Ein Stück Sonne ist in einen Teich gefallen, dir Birken zeigen erstes Blattgewand. Dann eine Stadt mit bunten Straßenbahnen. Ein Wäldchen, eine Burg. In jeder Wiese möchte ich liegen, in jeden Teich möchte ich springen, in jedem Birkenwäldchen spazierengehen.

Wir sind ein Stück in die falsche Richtung gefahren, ein gutes Stück. Das ärgert einen, der fahren muss. Das stört eine, die ankommen will. Das langweilt eine, die nicht im Auto sitzen will. Mir ist es recht. Wenn ich nicht ankommen muss.

Jetzt klopfen Bilder an die Türe. Das will ich schon gar nicht. Schicke die Wörter, um die Bilder draußen zu halten. Sperre die Augen auf. Da, ein Maibaum mit bunten Bändern. Hier, ein Dorf, eine Band hat eine Musikanlage aufgebaut, Leute stehen unschlüssig herum, ein Bier in der Hand. Schon bin ich woanders.

Können wir nicht hier stehenblieben, denke ich. Die Jungs mit den Gitarren haben cool ausgeschaut. Ein Nachmittag auf einem fremden Dorfplatz, ein Bier in der Hand, Die Band wird vermutlich unsägliche Musik machen, aber wen stört das schon, mit Sonne im Gesicht und gesichertem Biernachschub. Ich sage nichts. In fremder Musik liegt keine Stille mehr.

Wir kaufen Chips und Cola an einer winzigen Tankstelle. Keine tschechische Krone zur Hand, da muss die Visakarte ran. Für Chips und Cola. Das verstört mich, sodass ich kurz an einer Rede über richtiges Reisen feile. Ich sage nichts. Die Fenster offen, die Straße jetzt für höhere Geschwindigkeiten geeignet. Der Fahrtwind übernimmt das Reden.

Der Fahrtwind sagt: Hier bist du also wieder. Und lacht. Ich schliesse die Augen, will nichts hören. Er lacht. Letzten Samstag, sagt er, als ihr hier angekommen seid. Du: Nervös und zerfahren. Seit Wochen ohne Bezug zu deinem Leben. Jede Aufgabe wie ein lästiges Hautjucken. Jedes Gespräch wie das Geräusch einer Kettensäge um 6 Uhr früh.

Dann kommst du an und es regnet. Aber das macht gar nichts. Es genügt, dass dieser Flieger dasteht, flugbereit. Es genügt, dass die richtigen Leute die richtigen Dinge sagen. Es genügt, dazustehen und zu warten, ob es noch aufklart. War doch so? Und dann klart es tatsächlich auf, der erste Sprung. Nicht ganz so toll: Zu lange her. Zuviel Wasser in der Luft. Aber noch am selben Tag der zweite. Da war doch die Welt in Ordnung?

Als ich nicht antworte, nimmt er mir kurz den Atem. Nur zur Erinnerung, sagt er.

Fast in Ordnung. Ich habe alles verstanden. Ich habe nichts verstanden. Alles stimmt, und doch nicht ganz. Ich lerne, was ich längst weiss. Es fühlt sich anders an.

Ich bin nicht mehr die die ich war: Belangloses Zeug. Wie geht das? Als hätte ich ein unsichtbares Tor durchschritten, an dem meine Haut ausgetauscht wird. Und wieder zurück. Dazwischen ist alles einfach. Oder doch fast. Davor und dahinter überholte Wichtigkeiten.

Nichts ist schwieriger: als zu wissen, was man will. Nichts schwerer zu ertragen: als das zu haben, was man wollte. Der Himmel Blau wie zersprungenes Glas. Wir fahren und das ist gut: Überall ist es besser, wo ich nicht bin.

Draußen ein See. So viele Seen hier. Dieser See hat eine Insel in der Mitte, leicht zu erschwimmen vom Ufer aus. Auf dieser Insel werden Geheimnisse ausgetauscht, erste Küsse geteilt. Die Kinder schwimmen dahin, um sich dem Müssen zu entziehen. Ich bin sicher, dass es so ist. Wenn das Wasser erst einmal wärmer wird. Heute liegen See und Insel verlassen im Sonnensplitterlicht. Nur die Frösche quaken. Weil sie vögeln wollen.

Und wieder blühende Bäume. Ich bin ganz ruhig. So soll es bleiben. Wir fahren. Ein Traktor auf einem Feld, und nichts als Sonne und Farben. Ein Hund läuft einen Feldweg entlang, mit flatternden Ohren. Niemand weit und breit. Das Land sieht aus, wie es bei uns auch aussieht. Die Leute in den Gärten auch. Die Dörfer nicht.

Dann der erste Baggersee, der zweite. Ein Campingplatz. Die Grenze. Dahinter eine Zigarette. Wir sind das letzte Auto, bevor er zumacht, sagt der Beamte. Dass es noch Grenzstellen gibt, die über Nacht zumachen, ist erstaunlich.

Wir fahren, jetzt im Abendlicht. Das Grün der Felder wird noch grüner. Auch diesseits der Grenze in jedem Dorf ein Maibaum. Rotweissrote Fahnen in den Fenstern. An der Straße ein Fußballplatz: Die Kinder kicken. Ein paar Eltern schauen zu.

Dieser Moment gestern: Im Stich gelassen von meiner Hand, die den gewohnten Schirm nicht ans Tageslicht bringt. Mein ich wird immer kleiner, während ich suche und suche, und dann weiss ich, dass ich etwas tun muss, bevor ich in mir verschwinde. Die Reserve erblickt das Tageslicht. Ich bin wieder da.

Wir fahren. Wir fahren an dem Feld vorbei, an dem ich vor langer Zeit schon im Dunkeln vorbei gefahren bin. Damals steigt jemand mitten auf der Straße in die Bremse. Da liegt eine Adlerfeder auf dem Feld, sagt er. Blödsinn, sage ich, es ist stockfinster. Wir nehmen die Taschenlampe, klettern über die Böschung, gehen über einen Feldweg, ein paar Schritte in ein Feld hinein. Da liegt eine Adlerfeder. Die Hand hebt die Feder auf, steckt sie ein, knipst die Taschenlampe aus, legt sich um meine Schultern. Siehst du? sagt die Stimme im Dunkeln. Jedesmal, wenn ich hier vorbei fahre, denke ich an die Adlerfeder. Und an die Hand. Der Platz ist leicht zu erkennen an einer markanten Pappelgruppe. Die Hand habe ich gestern vermisst.

Wir fahren. Gleich sind wir in Wien. Die Sonne geht unter. Verabschieden und zur U-Bahn gehen. Hinter den Hochhäusern das letzte Abendrot. Versteht denn niemand, wie die Stadt die Menschen verstört? Innen auf meinen Augenlidern noch das Grün von der Fahrt. Ich bleibe ruhig.

In der U-Bahnstation lästert einer: “Scheiß Freaks!” – Ob er meine Frisur meint oder mein buntes Tuch? Ich drehe mich um und lache. Ein Junge, vielleicht 15, vielleicht 16. Mit beiden Fäusten geht er auf mich los. Nein, das tut er nicht. Es steht nur in seinem Gesicht.

Die U-Bahn, die Straßenbahn. Auf der Rolltreppe einer, völlig alleine, breitet die Arme aus und ruft: “Das ist doch alles vollkommen unfassbar!” – Genau so ist es, denke ich.

Wetter

Millionen von Sternen am Himmel & die Frösche balzen. Was für ein Wetter das heute war. Kurzhosenwetter, Augenzumach- und Zurücklehnwetter. Endlich wieder das Gefühl, den ganzen Tag unter freiem Himmel zu verbringen. Sogar im freien Himmel!

Sorry, no more. Mir geht’s ausgezeichnet, bis auf eine winzige Kleinigkeit. Und die ist nicht mehr wichtig.

Leider keine Bilder

Heute hätte ich die Digitalkamera mitnehmen sollen. Auf dem Weg durch die Stadt, vielleicht nur frühlingsgebeutelt und durch die sonnengeweckten Augen plötzlich gesehen:

1 – Ein Wellblechrolladen, rot, leicht angerostet, vor einem (anscheinend) Geschäftslokal. Darauf mit Pinsel gemalt: “Bin zur Zeit in Indien. Gruß, W.”

2 – Im Fenster einer Pizzeria ein Riesiges Plakat: “Achtung! ADSL-Internet in der Pizzeria!”

3 – Schild in der Auslage eines Elektrofachhandels: “Wer billig kauft, ist selber schuld.”

nachtgedanken

draussen stürmts. ich

frage mich, ob irgendwo

wo jetzt die sonne scheint

während hier nacht ist

also ganz woanders

jemand auf einer

parkbank sitzt

mit dem man

gut reden könnte

wenn man

die sprache

verstünde

CD Menschen

menschen-coverLiedermacher singen Texte von Andrea Sturm

Musiker:
Dorian Schaefer
Harold Weiss
Michaela Benyr
Andrea Sturm

Bestellen:
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Titel:

  1. Splittertraum (Harold Weiss)
  2. Ist das das Leben (Dorian)
  3. Heut Nacht (Michaela Benyr)
  4. Wo geh ich hin (Dorian)
  5. Vergessen (Michaela Benyr)
  6. Kinderwelt (Dorian)
  7. In deinen Augen (Dorian & Andrea Sturm)
  8. Menschen (Harold Weiss)
  9. Alles will ich (Michaela Benyr)
  10. Schwarze Hand (Dorian)
  11. Zug durch die Nacht (Harold Weiss)

43 Minuten. Dor Records 2001.

Einsamkeit

Vor zwei Wochen beim Billa: Eine alte Dame, um die 80 vermutlich, elegant gekleidet, dezent geschminkt. Kein Einkaufswagen, nur eine hellbraune Lederhandtasche, die sie in beiden Händen hält. Vor den Bierregalen stehen die Leute schon in der Kassenschlange.

Die alte Dame geht eine Zeitlang unschlüssig vor den Bierregalen auf und ab. Dann wendet sie sich an einen der Wartenden und fragt, welches Bier denn gut sei. Sie braucht nämlich eine Flasche Bier, weil der Sohn einer Freundin aus Deutschland heute bei ihr übernachtet.

Nicht zu bitter soll es sein, aber auch nicht zu süß. Und österreichisches Bier soll es sein, deutsches kann er schließlich zu Hause trinken.

Unter den Wartenden entsteht eine lebhafte Diskussion über die Vorzüge und Nachteile sämtlicher beim Billa verfügbaren Biersorten. Und das sind eine ganze Menge. Die alte Dame nimmt mit zufriedenem Lächeln daran Teil, nicht ohne die eine oder andere Geschichte über die Freundin in Deutschland und deren Sohn einzustreuen.

Schließlich geht sie, ohne etwas gekauft zu haben, mit dem Argument, sie wolle doch lieber ihre Freundin in Deutschland anrufen und fragen, was der Bub denn gerne trinkt.

Heute, beim selben Billa: Dieselbe alte Dame. Diesmal bin ich dran.

Stehe leicht gedankenverloren vor dem Kafferegal, da spricht sie mich an. Ob der Nescafe Cappuccino denn gut sei. Sie fährt nämlich morgen zu Verwandten in die Steiermark, sehr liebe Leute, aber Kaffee kochen können sie nicht. Ich beantworte ihre Fragen, so gut ich kann. Ob man diesen kaffee auch mit Schlagobers trinken kann. Wieviel man denn braucht für eine Tasse.

Derweil erfahre ich ganz nebenbei, was die Verwandten für einen schönen Bauernhof haben. Und wie sich der Hund freut, wenn sie kommt, weil sie ihm immer heimlich Schokolade mitbringt.

Schließlich entscheidet sie sich dafür, keinen Kaffee zu kaufen. Sie kann ja auch Tee trinken, meint sie. Schließlich will sie die lieben Verwandten nicht beleidigen. Und geht, ohne auch nur irgendwas gekauft zu haben, mit ihrer Tasche in beiden Händen Richtung Ausgang. 50 Meter weiter liegt das städtische Altersheim.

Vielleicht hätte ich sie ja einladen sollen, auf einen Kaffee. Aber so etwas tue ich irgendwie nie. So etwas denke ich nur. Dabei wäre sie ganz sicher mit Begeisterung in den vierten Stock gestapft und hätte noch eine ganze Menge Geschichten über ihre steirischen Verwandten erzählt, die in ihrem Kopf gleich neben der Freundin in Deutschland wohnen.

Stattdessen werde ich mich in Zukunft, wenn ich morgens an der Busstation gegenüber dem Altersheim warte, fragen, hinter welchem Fenster die alte Dame denn jetzt sitzt und an den Geschichten feilt, die ihr nächsten Samstag beim Billa ein bisschen Kommunikation mit der Außenwelt bringen sollen.

Please Shut Up!

Please Shut Up!

Nein, schon OK, ist

schon OK

ich bin OK

aber sei doch mal

still

bitte!

nur 5 Minuten…

still… OK?

Hörst du?

nichts –

nur die Nacht und

da draußen das

fremde leben! hörst du?

du hörst nichts?

nicht?

was…?

was du nicht…

tatsächlich?

intere – – –

ssant

hör doch, horch!

he! hörst du?

ach halt doch…

bitte… mal den Mund, ja?

nein, ich bin nicht sauer, nur…

won’t you please

shut up?

now?

Just for a minute?

Me?

Not sure about anything. Sometimes is just too much for me. Maybe I will. Give up. Just. Lay back. And watch. The others. Struggle. But not. Right now.

Drinking Beer
to Pass the Day
Smoking Cigarettes

At Times
Smiling lovingly
to Everyone around

then again
harsh and Rough
like a Dog
without food

just hanging around
doesn’t matter Anyhow
no one cares
why should I
care?

Something is wrong
about Giving Up

Well just
have another Beer
and you won’t
Care

Maybe. Some day.
I will.
Give up.

But Not.
Right Now.

Oder, um beim Thema zu bleiben:
Maybe they’ll get me and maybe they won’t
But not tonight and it won’t be here

Well, that’s all for now.

mehr

Und manchmal

liegt in einem Augen-Blick:

Mehr als ein Moment.

Mehr als ein Leben.

Und das bedeutet gar nichts

sagt aber alles

genau jetzt.

 

Erst wirr. Nicht zufrieden. Überheblich.

Aber dann: Genügt Musik. Und eine Frage, ohne Antwort. Genügt.

Hier ist gleich finster wie dort. Das ist vielleicht ein bisschen traurig. Und auch wieder nicht. Das genügt.

 

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