AutorAndrea

Jetzt und nicht jetzt

Ausgezeichnetes Abendessen im Beirut. (Dank an Weasle für den Tipp!) – Nachher nicht im Jazzalnd und nicht im Roten Engel, stattdessen ein schnödes Bier im Casblanca, wo ein Typ mit relativ guter Stimme aber mäßigen Gitarrenkenntnissen die gesamte Country Szene von Nashville bis nach… hmmm… Nashville abspielt. Nett und nutzlos, aber weil wir schon da sind, muss sich der arme Sufi einen Haufen Geschichten anhören aus der Zeit, als das Bermuda-Dreieck noch kaum eins war, als ich noch jung und hübsch und Wien noch etwas ganz besonderes war. C’est ca.

Was habe ich bloss damals geschrieben? Ach was: Manches ist in der finstersten Schublade am Besten aufgehoben.

What else is new?

Kalt ist es draußen, und ich bin müde und weiß nicht warum. Ein Frühling der keiner werden will. Meine Ersatz-Kontaktlinse kommt viel später als geplant, und ich muss noch tagelang mit Brille herumlaufen. Mein Notebook ist anscheinend by DHL verschollen. Nicht gerade der beste Tag meines Lebens…

Besoffenes Notebook ist schließlich doch nüchtern heimgekehrt.

 

Wüstenlächeln

bilder & worte & klänge

flüssig, nicht

überflüssig

frei

da wächst etwas

wasserlos

uferlos

stark

nachtblume

mondkind

wüstenjungfrau

schön

Nie mehr

Nie mehr wieder
sagt jemand und
alle lächeln wissend
jeder kennt dieses
‘nie mehr wieder’

allen ernstes und
in aller hoffnugslosigkeit
ausgesprochen:

nie mehr wieder!

jemand weiss alles
und alle nicken und
lächeln wissend
vom leben jenseits
aber weiss keiner

ausser mir

ich nicke und
ich lächle

keine spaziergänge mehr
im mondschein
sagt jemand,

nie mehr wieder! aber
er träumt wie ein kind

ich trete
einen schritt zurück
nur das lachen
will ich sehen

sonst nichts

dieses lachen
illusionslos
und
frei

 

[and when you think that you’ve lost everything | You find out you can always lose a little more]

Impression aus der Wiener Schnellbahn

Auf dem Bahnhof setzt sich ein Typ mit langen Haaren, ansonsten unauffällig, auf eine Bank und beginnt, Mundharmonika zu spielen. Er beginnt mit “Oh when the saints…”, danach fließender Übergang zu “Blowing in the Wind”.

Wenig später kommt ein Bahnangestellter, leicht zu erkennen an Uniform und Funkgerät, und fragt mit der geballten Autorität seines Amtes: “Ham’s a Genehmigung?”

Der Angesprochene setzt die Mundharmonika ab und fragt erstaunt: “Brauch ich eine?” – Der Uniformierte: “Ja.” Der Mann zuckt die Schultern und steckt die Harmonika ein.

Hinter mir zwei alte Damen. Die eine: “Furchtbar, diese Sandler sind auch überall.” – Die andere darauf: “Ach geh, warum, er hat doch schön g’spielt.” Ich, mich umdrehend: “Wieso Sandler?” Die Damen mustern mich von oben bis unten und treten dann ohne Antwort ein paar Schritte zurück. Ach ja richtig, ich habe ja rote Strähnen im Haar…

Auto. Bahn?

Räder rollen, leise, antriebslos. Hinterher ein Sattelschlepper voller unerfüllter Erwartungen. Worte gehen schwimmen und Nebel steigt auf. Jemand raucht zuviel. Etwas schmeckt salzig. Etwas schmeckt bitter. Brückenbauer arbeiten mit Gänsefedern. Rauschender Applaus auf den billigen Plätzen. Ganz hinten huscht das Lachen aus der Wüste vorbei. Etwas wird federleicht. Die Sattelschlepper suchen einen Parkplatz für die Nacht. Jemand hat viele Fragen gestellt, nur die eine nicht. Jetzt ist es wieder still.

DotCom

Ich sitze in einer Garage ohne Tür. Computerkram und Kleinteile liegen herum, zwei Leute tippen manisch. Ich habe ein Dot.com gegründet, stelle ich fest, und frage mich, ob ich verrückt geworden bin – wo die doch alle pleite gehen. Ein berühmter Ex-Austrianer kommt herein und erzählt, dass er ins Fernsehen soll, und zwar statt einem berühmten Ex-Rapidler. “Wenn der das erfährt, dann fliegen die Fetzen”. Da kommt auch schon der Ex-Rapidler. Ich fürchte um meine Ausstattung, doch die beiden starren sich nur an mit einem Blick, der Berge schmelzen könnte.

“Incoming Message” sagt mein Computer, und ich bekomme eine Email von Michael Köhlmeier. Sie beginnt mit den Worten: “Weil mir gerade langweilig ist”, und ich habe keine Lust, den Rest auch noch zu lesen. Trurl kommt herein und fragt, ob ich springen gehen will. “Klar”, sage ich. “Gut”, sagt er, “dann geh ich den Flieger bestellen”. Ich ziehe mich um, da brummt es auch schon am Himmel. Beim Rausgehen frage ich mich ohne beunruhigt zu sein, ob von diesem Unternehmen ohne Tür noch etwas übrig sein wird, wenn ich zurückkomme.

Draußen scheint die Sonne, und der Flieger ist auf einer Straße gelandet, die der Hernalser Hauptstraße ziemlich ähnlich sieht. Die Leute auf der Straße scheinen es normal zu finden, dass ein Flugzeug hier landet. Ich steige ein und sage zum Piloten: “Ich würde anschliessend gern schwimmen gehen.” – “OK”, sagt er, “dann werf ich euch über dem Schotterteich raus.”

Den Teich kenne ich aus einem früheren Traum. Als ich herumgehe, um ein Plätzchen zu finden, sehe ich einen Kindersandkübel, daneben steht in den Sand geschrieben “Andrea”. Das hat mein Kind-Ich geschrieben, weiss ich sofort, und frage mich, wo sie hingegangen ist. Ich würde sie gerne treffen.

Ich gehe weiter und komme an einen Würstelstand, an dem der Sufi Spezialitäten verkauft. Ich bestelle ein Hot Dog. Der Sufi ist beleidigt und hält mir einen Vortrag darüber, warum eine gute Käsekrainer dem gemeinen HotDog überlegen ist. Michael Köhlmeier kommt und beschimpft mich, weil ich seine Mail nicht gelesen habe. Dann bestellt er eine Bratwurst. Während er mit dem Sufi über Würste fachsimpelt, schleiche ich mich davon.

Ich suche nach dem Flieger, um hier schnell wieder wegzukommen, da kommt mein Kind-Ich aus dem Wasser und ruft “Mama, wo ist mein Handtuch?” – Ich kann doch nicht meine eigene Mutter sein, denke ich, als ich sie abtrockne, und im gleichen Moment legt mir jemand die Hand auf die Schulter und sagt: “Das ist schon in Ordnung so.” Ich drehe mich um, um zu sehen, wer das ist, aber bevor ich das Gesicht sehen kann, wache ich auf.

fast ein gedicht

synchronschwimmer unter Wasser
ein jeder tanzt
zu seiner eigenen musik

etwas tut fast weh &
etwas ist fast zärtlichkeit

sonnenreflexe und
das wasser ist
fast nicht mehr kalt

das ist fast genug

Ob

Das wars dann wieder mit dem Frühling. Fürs erste. Vom Himmel fällt Wasser, und ich bin müde. Die Ehestreits der Nachbarn werden heftiger. Um halb drei Uhr früh weckt mich das Getöse zerschellenden Geschirrs. Auf meiner Seite der Wand rieselt der Putz herunter. Langsam sollte ich mich wirklich nach einer ruhigeren Wohngegend umsehen.

Ob dieser Tag noch zu einem Besseren wird?

Passt

Eine Kinderstimme im Volksschulalter singt: “vergiß die Männer, sind doch alles nur Penner”, und dann ist das Lied aus, und jemand sagt: “In jedem Haushalt sollte es ein Panzerbergefahrzeug geben!” – ein schlechter Traum? – Nein, Sonntagmorgen auf FM4. Für Liebhaber des Absurden immer wieder Quelle der Inspiration.

voll Mond

moved

Harte Worte

Das Fadenkreuz im Blick

irrst du durch die Welt

wo immer du hinschaust

liegt dein Ziel

So verstärkt sich

mit der Zeit

die Vermutung

dass du im Kreis läufst

und dabei noch hinkst

Sex vs. Love

PLAYBOY: Would you classify sex among your wants, wherever you go?

DYLAN: Sex is a temporary thing; sex isn’t love. You can get sex anywhere. If you’re looking for someone to love you, now that’s different. I guess you have to stay in college for that.

Aus dem legendären 1966er Playboy-Interview mit Bob Dylan.

 

…den Kopf in den Wolken…

Zwei Tage in Zell am See, am Flugplatz natürlich, denn die Pink war ja auch dort. Meine Kleinigkeit ist dort nur ein einziges Mal gesprungen, zuerst zu lange gezögert und dann waren die Wolken zu dicht für Neulinge, aber es war ein Sprung, und es der schönste und beste und wichtigste bisher (warum das so ist… das wissen die, die’s wissen…).

Also da rauf im geheizten Flieger und endlich der Exit… Der geplante Salto klappt nicht so recht, stattdessen liege ich in der Luft auf dem Rücken und schaue der entschwindenden Pink nach, will warten bis die nächste aus dem Flugzeugbauch kommt, aber das dauert zu lang… also umgedreht, und zum ersten Mal nicht über der Wüste, und plötzlich soviel Gegend zu betrachten… und der glücklichste Mensch auf der Welt sein, für die paar Sekunden…

Sonntag kein Wetterglück mehr, also die langen Stunden über die Autobahn wieder nach Hause, gute Nachricht: Das Notebook lebt wieder, nur die Tastatur klebt noch…

Im sonntagstristen Bus der Wiener Verkehrsbetriebe plötzlich das Bedürfnis, ein Auto zu besitzen, um dieser Tristesse zu entkommen. Wie in dem alten Witz, wo der Mann zu seiner Frau sagt: “Ich kann nicht mehr sehen, wie du dich abrackerst – mach bitte die Küchentür zu!” – und dann hohnlacht ganz kurz ein blauer Himmel da oben, aber in Wirklichkeit kann mir all das nichts anhaben…

Wachtraum

Jemand sagt zu mir: Bitte geh aus meinem Kopf! und irgendwo im Haus hat jemand Sex, sehr heftig und sehr ausdauernd. Durch die Lider scheint ein Licht, ein helles und orangerotes. Geh doch du aus meinem Kopf, antworte ich halblaut in den zerflatternden Traum hinein, und als ich wacher werde, weiss ich nicht mehr, wem das im Traum vertraute Gesicht gehört. Sonne vor dem Fenster, und kalt ist es auch nicht im Moment, vielleicht bin ich gar nicht da sondern ganz woanders?

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