AutorAndrea

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Und manchmal

liegt in einem Augen-Blick:

Mehr als ein Moment.

Mehr als ein Leben.

Und das bedeutet gar nichts

sagt aber alles

genau jetzt.

 

Erst wirr. Nicht zufrieden. Überheblich.

Aber dann: Genügt Musik. Und eine Frage, ohne Antwort. Genügt.

Hier ist gleich finster wie dort. Das ist vielleicht ein bisschen traurig. Und auch wieder nicht. Das genügt.

 

Da war noch ein Traum…

…ein seltsamer, beunruhigender, aus dem ich verschwitzt und atemlos aufgewacht bin heute Nacht.

Wir sind eine ganze Gruppe von Leuten, der Sufi war dabei, wer sonst noch? Keine Ahnung. Wir gehen bzw fahren mit seltsam militärisch anmutenden Geräten eine Bergstraße entlang, keine österreichische, es ist eine Wüstengegend, und die Straße ist kein Straße sondern eine in den Abhang gesprengte Rinne, Felsen, darauf gelber Sand. Reifenspuren von sehr groben Profilen, Lastwägen oder Vierradfahrzeuge müssen hier gefahren sein. Es ist Sommer, die Sonne ist sehr warm.

Wir sind auf dem Weg von einem Tal ins andere, ich weiß nicht, zu welchem Zweck, aber es ist etwas Offizielles. Auf der linken Seite sieht man den Abhang hinunter, künstlich bewässerte Felder, Plantagen, eine Ansiedlung. Wir bewegen uns ohne Eile, aber sehr ernst.

Jemand ruft: Da kommen die Flugzeuge!

Und wirklich, ein ganzer Schwarm von antiquarisch anmutenden graugrünen Militärfliegern brummt ins Bild, wir freuen uns zuerst, weil sie irgendwie zu uns gehören, aber dann…

…ruft jemand: In Deckung! Sie werfen Bomben!

Wir alle werfen uns in den Dreck, ich alleine auf der falschen, der hangzugewandten Seite der Straße, die anderen alle im geschützteren Bereich, in die tiefere Rinne an der Bergseite.

Unzählige von Bomben fallen, langsam, sodass ich jede einzelne von ihnen betrachten kann, sie sind bunt bemalt, die meisten mit amerikanischen Flaggen, andere aber haben grüne Fischgesichter, rot-blaue Haifischmäuler oder gelb-schwarze Drachenfratzen.

In Zeitlupe sehe ich sie fallen und bin empört, weil “unsere Leute” die Bomben auf das Dorf da unten werfen, auf die Häuser und die Felder und auf die Menschen, die da leben und arbeiten.

Dann sehe ich, dass die Bomben sehr nahe sind, einige könnten auch uns treffen,

Wieso tun sie das? ruft jemand,

Sie wissen doch dass wir hier sind!

Und die ersten Bomben detonieren, irgendwo da unten, Staub steigt auf und Trümmer fliegen, und ich habe Angst, dass die Druckwelle mich mitreißt und irgendwohin schleudert, und ich versuche, weiter hinter ein paar Felsen zu kriechen…

…viel später gehen wir stumm und bedrückt durch Häuserruinen. Es sind keine Menschen da, weder tot noch lebendig. Was passiert ist, ist lange her. Wir werden hier bleiben und alles wieder aufbauen, aber das ist kein tröstlicher Gedanke, denn es gibt hier keine Menschen mehr.

Here, not there

Rosaroter Riesenvogel

steht stumm (?), still:

liebstes Livebild!

wüste Wolken? wilde Winde?

[Update]

Fünf Fünfundzwanzig:

fier flügelflieger

fröhlich ferstaut:

Fogel fliegt!

Leute leider

unscharf umhergehend

viel verschwommen vlanierend

wer da wohl willig wartet?

Kronistin kann kaum

kool kritzeln.

eilig eisernes

Gefährt gesucht!

Naja, wird wohl nichts mehr dieses Wochenende. Schade auch. Viel Spass euch da drüben!

[Wegen mehrerer besorgter Nachfragen beeile ich mich zu betonen, dass alle obigen Rechtschreibfehler in absoluter alliterativer Absicht gemacht wurden.]

Der Trafikant und andere Tagesreste

Die Trafik (für Nordösterreicher: Der Tabakladen), in der ich morgens meistens die Ration Tschik (für Nordösterreicher: Glimmstengel) für den Tag erstehe, ist kürzlich verkauft worden. Der neue Trafikant arbeitet mit freundlicher, bewußter Langsamkeit.

In die Hektik des Morgengeschäfts läßt er sich nicht hineinpressen. Für jeden Kunden, jede Kundin hat er alle Zeit der Welt. Diskutiert ausführlich über die Vorzüge und Nachteile dieser oder jener Computer-, Sport- oder Frauenzeitschrift. Fragt, warum man denn diese Marke rauche und nicht eine andere.

Wartet auch nachher, bis Kunde oder Kundin alle Einkäufe und die Geldtasche sicher verstaut hat, ohne derweil schon über die Schultern des ersten den zweiten oder gar dritten zu bedienen. Stattdessen fragt er noch nach dem Wohlergehen im allgemeinen und dem Tagesbefinden im Besonderen.

Und erst wenn der oder die gut Bediente schon die Tür in der Hand hat, um das Geschäft zu verlassen, wendet er sich dem nächsten zu, mit einem freundlichen Gruß und einer wohlformulierten Frage nach den Wünschen.

Einige irritiert das. Mich macht es täglich irgendwie seltsam froh.


Ich auch! – aber wenn ich nicht hier bin, bin ich aufm Sonnendeck


“Your eyes show as many deep and full shades of blue as a healing bruise upon an injured forelimb.” – The Surrealistic Compliment Generator (Link via Rymdimperiet)

 

Gefühle

Gefühle, Gefühle, Gefühle. Wie altmodisch ich bin, ich habe Gefühle. Es gibt Menschen, es gibt Dinge, die ich liebe. Es gibt Menschen und Dinge, die ich hasse. Nein, ich habe kein Bedürfnis nach abgeklärtem Gleichmut. Vielleicht ist alles gleich viel wert, Kitsch und Kunst und Dilettantismus. Aber nicht für mich.

Sätze, im Kopf festgefroren

Ich will gar nicht darüber schreiben, wovon ich eben geträumt habe im schienengewiegten Halbschlaf zwischen Bruck und Mürzzuschlag. Nein. Will ich nicht. Schön wars trotzdem.

Wie dieser Zug heißt, steht nirgends, jedenfalls heißt er nicht Romy Schneider, denn der Intercity 535 Romy Schneider verkehrt zwischen Wien und Klagenfurt. Nicht Zwischen Wien und Graz. Mit Romy Schneider habe ich gestern die Strecke zwischen Wien und Bruck/Mur hinter mich gebracht. Und dabei wieder einmal daran gedacht, dass ich endlich herausfinden muss, wo im Netz die wirklich tollen Bilder von dieser wirklich tollen Frau sind. Damit ich sie der Zirbelschen Frauensammlung vorschlagen kann. Was ja nicht heißt, dass das auch angenommen werden muss. Aber mir hat sie dort immer schon gefehlt.

Der Zug, wie immer er nun heißen mag, ist fast leer. Bin fast allein im Abteil. Ganz alleine wär mir lieber. Im Moment. Aber das macht nicht viel. Ein bisschen müde bin ich. Das war ein gemütlicher Nachmittag, Frühabend, freundschaftsgetränkt und zwanglos kommunikativ. Plötzlich rede ich viel. Zuviel vielleicht. Über das eine und das andere. Über das Springen und über die Wüste.

Als könnte ich mit Worten diese Gefühle festhalten, die Gefahr laufen, im Alltag zu ertrinken. Als könnten meine Worte ein Gummiboot aufblasen, in dem wir beide, meine Gefühle und ich, dem sinkenden New Economy Schiff entkommen könnten. Und irgendwo neu anfangen, auf einer Palmeninsel mit weißem, feinen Sand.

Und dort könnte man auch wieder Sätze sagen, die man hier und heute nicht sagen kann. Sätze wie:

“Du bist so schön wenn du lachst!”

Und so ein Satz würde endlich wieder so klingen, wie er gemeint ist, und wäre gar nicht peinlich.


Ein Zug in der Nacht ist etwas anderes als ein Zug am Tag. Die Landschaft draußen ist nicht sichtbar, nur ein Licht ab und zu, und das viel zu helle Deckenlicht macht dem Reisenden viel zu bewußt, wo er hinschaut.

Läßt man den Blick gewohnheitshalber durch die Fenster ins imaginierte Draußen laufen, trifft man unweigerlich auf Spiegelbilder. Zuerst das eigene, dann die der Mitreisenden. Verschwommene Gestalten in vielfacher Lichtbrechung lesen, dösen, tratschen, und man kommt sich ein bisschen verschlagen vor als heimlicher Beobachter, und dann hebt einer oder eine den Blick und schaut einem meiner Spiegelbilder direkt in die Augen, ertappt und verwirrt muss der Blick schnell ganz wo anders hin springen, und dann der nächste Augen-Blick, und schon wird man ein bisschen

nervös.

Davor bewahren geschlossene Lider, und was für ein Gefühl das ist: Durch Bewegung und Geräusch des Zuges fast sofort in Halbschlaf versunken, bin ich für lange Zeit schwerelos wie sonst nur in meinen Träumen. Und dann durch die nicht ganz, nur halb geöffneten Lider blinzeln, wo man denn nun ist.

Die langen Zugfahrten aus alten Zeiten tauchen wieder auf, 38, 42, und noch weiter: um die 50 Stunden manchmal zwischen Einsteigen und Aussteigen. Vorfreude auf den Urlaub, das große Abenteuer Reise, ganz anders als in einen Flieger einzusteigen und ein paar Stunden später wieder hinaus, nicht: Erst hier, dann dort, sondern jede Veränderung der Landschaft, jede Wetterscheide, jede Staatsgrenze zu erleben, bis man endlich am Ziel war, die Fahrt ein Teil der Reise, nicht lästiges Kilometerfressen.

Aber damals, in dieser fernen Zeit, die gar nicht lange her ist, gab es auch noch keine Handys, kein immer und überall verfügbares Internet, war man einmal weg, dann war man weg, und selbst eine simple Telefonverbindung zu den Daheimgebliebenen konnte, wenn überhaupt, nur mit Mühe und unter hohem Aufwand an Zeit und Kosten hergestellt werden.

Das waren Zeiten. Soviel besser als heute. Soviel schlechter als heute. So völlig anders. Und gar nicht lange her.

Draußen der Mond, der volle runde, wolkenumschwärmt und groß und nah.

Da wundert mich nicht mehr, dass ich träume.


Der Traum

Es ist der Traum der Träume. Der Traum, der schamlos Bilder aus den alten Träumen stiehlt und sie zu einem Ganzen zusammenfügt, das außerhalb des Traums nicht existieren könnte. In diesem Traum grenzt Wüste an Meer. Birken wachsen neben Palmen, und gleich nach dem nordfarbenen Sonnenuntergang geht dieselbe Sonne wieder auf. Am selben Platz. In Südfarben.

Der Wein schmeckt rot und voll unter den Pinien, und niemand wird besoffen weil alle ganz bei sich sind. Wir sprechen ohne Worte. Wir sind satt von Gedanken. Und all die eingefrorenen Sätze tauen auf, und sie sind nicht mehr seltsam. Und ich sage:

Du bist so schön, wenn du lachst!

Schön wie eine exotische Blüte, dem Glashaus entkommen. Schön wie das Asphaltflimmern über der Straße, die nach Süden führt. Schön wie das Lächeln, das alleine zurückbleibt, wenn alles andere vergangen ist. Schön wie das beinah verlorene Leben. Schön.

Und du lachst.

 

Die Kerze brennt

Ja, eine letzte Kerze habe ich noch gefunden in der spärlich gefüllten Vorratskammer meines für gewöhnlich einsam herumstehenden Hauses. Nicht nur die Vorratskammer hier ist leer, auch das Haus selbst ist leer, der Sufi und ich haben es vom Ballast mehrerer Menschenleben befreit, kurz nachdem ich es geerbt habe, weil wir verkaufen wollten (und noch immer verkaufen wollen), aber das ist jetzt schon ein gutes Jahr her, und wir haben nicht verkauft, weil die Wertvorstellungen der potentiellen Käufer von den meinen zu stark differieren.

Wie aber sollte ich auch? Dieses Haus zu billig verkaufen?

Ein Magnolienbaum, so gross wie das Haus, blüht gerade in feierlichem Weißviolett, und eine Blüte davon, die ich im Vorbeigehen unachtsam von ihrem Zweig gerissen habe, steht in einem Wasserglas vor mir auf dem Tisch. Auch der Kirschbaum blüht, dieser Kirschbaum, der in den 20 Jahren seines ungehemmten Wachstums nie mehr als eine Handvoll Kirschen getragen hat, und jede einzelne davon war unerträglich sauer. Und die Marillen blühen, nur ein einziger Marillenbaum, der steht an der Südecke des Hauses, seit ich mich erinnern kann, und der trägt unbeirrt jedes Jahr eine schwere Last an goldenen Früchten, mehr als man essen kann, Marillenmarmelade haben wir früher daraus gemacht, heute: keine Zeit. Wir verschenken die Früchte.

Und die japanische Quitte blüht, die, die im Herbst die giftigen Früchte trägt, zu nichts als zum Anschauen gut: aber wunderschön mit ihren Blüten in dieser unbeschreiblichen Farbe irgendwo zwischen rot und violett.

Und der Goldregen blüht, ein bisschen vulgär aber nicht minder verschwenderisch, strahlend gelb wie die Sonne selbst. Und die Apfelbäume kriegen erste, mit grünlichem Samt verschlossene Knospen, und die Birke: zeigt erstes Zartgrün.

Und das Gras, man glaubt es kaum, ist teilweise schon fünfzehn Zentimeter hoch, höchste Zeit also für die erste Rundfahrt mit dem Rasenmäher, und als ich wie üblich über das für solche Exkursionen völlig ungeeignete Modell von Grasklipper schimpfe, ein elektrisches Ding, das für Schrebergärten designt wurde und angesichts von 1600m2 schon vor Arbeitsbeginn weinend zusammenbricht, denke ich daran, dass in meiner Kindheit und bis weit in meine Jugend hinein das Gras von einem Bauern gemäht worden ist, zweimal im Jahr, der zuerst bezahlt hat für das Heu, das er getrocknet für seine Kühe mitgenommen hat, und irgendwann hat er nicht mehr bezahlt, war also ein Gegengeschäft, Heu gegen Arbeit, und noch später, aber da war ich schon weit weg von hier, wollte der Bauer Geld fürs Mähen, weil er das Heu ohnehin nicht mehr brauchen konnte, und da hat mein Großvater stattdessen diesen Rasenmäher gekauft, das neueste Modell, damals, elektrisch, selbstfahrend und mit einem (ich zitiere die Bedienungsanweisung) „großzügigen Auffangkorb ausgestattet“.

Das beste vom Besten, also. Allein: für einen anderen Zweck.

Und so fahre ich durch den Garten mit diesem Mordinstrument der hüfthohen Sommerwiesen meiner Kindheit, und zwischen zwei Bäumen halte ich inne und sehe vor meinem geistigen Auge die längst verrottete orange Netzhängematte, in der ich Winnetou, Heidi und die fünf Freunde gelesen habe, von April bis Juni, denn danach wurden die Äpfel auf den Bäumen so groß, dass es sicherer war, stattdessen auf einen Baum zu klettern, in dem Garten boten sich einige Bäume mit großzügig bequemen Astgabeln an, und später, im September, waren diese Astgabeln der Inbegriff des Paradieses, denn es genügte, die Hand auszustrecken, und mit einem Biss in den Apfel war man profane Sorgen wie Hunger und Durst los.

Ganze Sommerferien habe ich in den Bäumen verbracht, zum nicht enden wollenden Kummer meiner Großmutter, die jahrelang vergeblich versuchte, mir beizubringen, dass Mädchen nicht auf Bäume klettern.

Der Großvater hatte damit kein Problem, er strich mir grob-zärtlich über die Haare, wenn ich mich nach Stunden entschloß, doch wieder herunterzusteigen, und murmelte zufrieden etwas wie: „Du bist halt mei Bua.“

Bub also musste man sein, um Jeans zu tragen statt Rüschenkleidern, um Karl May zu lesen und auf Bäume klettern zu dürfen.

Wo das doch so schön war, auch für ein Mädchen. Ich ließ das Buch sinken, ermattet von hunderten von Seiten, und war nur mehr froh in der durch die Blätter gedämpften Sommerhitze, im Gesumm von Insekten in das lichtdurchflutete Grün hinaufschauend: zufrieden und froh.

Verzeiht mir, ich schwafle

Aber es ist ein wunderbarer Tag, um zu schwafeln, die feuchte Frühjahrskühle hat sich schliesslich doch zum regnen entschlossen, und so bin ich der Notwendigkeit enthoben, noch etwas im Garten zu tun. Stattdessen sitze ich hier, mit einem Glas herrlichherbem Chianti, und sinniere. Und nur, wer Lust hat, mir zu folgen, liest weiter. So einfach ist das.

Ich nehme einen Schluck aus dem Weinglas, zünde mir eine Zigarette an und schaue in die Kerze. Und das sind drei Dinge, die entsetzlich gewesen wären in der damals natürlichen multiplen Omniversalität meiner Kindheit.

Die Kerze: Könnte Dinge in Brand setzen. Wird also nur am Christbaum angezündet, und dort nur 5 Minuten. Oder zu Ostern, wenn man das heilige Licht aus der Kirche mitbringt, das muss natürlich über Nacht brennen, damit man zum Osterfrühstück ein geweihtes Licht hat.

Aber über Nacht brennt es, eine 48-Stunden-Friedhofskerze, in einem Wasserglas in einer Salatschüssel in der Badewanne. Damit nichts anbrennt. Oder: Wenn meine Mutter da ist. Und sentimental. Dann zündet sie eine Kerze an, und meine Großmutter schleicht alle halben Stunden die Treppen zum ersten Stock hinauf, um zu sehen, ob meine Mutter noch wach ist, ob die Kerzenflamme noch unter Kontrolle ist, oder ob das Haus bereits brennt. Und wenn sie wieder im Erdgeschoß ist, und das Haus brennt noch nicht, dann lamentiert sie über ihr Unglück, das ihr eine Tochter beschert hat, die dermaßen gefährlich Dinge tut wie Kerzen anzünden. Und Wein trinken. So weit hätte es doch nicht kommen müssen. Man hat ihr, der Tochter, also meiner Mutter, doch alles geboten. Und sie hätte auch dieses Kind nicht kriegen müssen. Dann wäre nämlich alles anders gekommen.

Und das Kind war ich.

Und diese Rede, die sich hunderte von Malen in meine Gehörgänge gegraben hat, in dem Nebenzimmer, in dem ich längst hätte schlafen sollen, aber nicht habe schlafen können, weil die Selbstgespräche meiner Großmutter zu laut waren oder weil der Fernseher, den mein Großvater, damals schon schwerhörig, auf seine ganz eigene Zimmerlautstärke gestellt hatte, die Straßen von San Francisco in die ruhigen Weiten der Weststeiermark brachte, diese Rede ging weiter und immer weiter im Kreis, bis es Zeit war, das nächste Mal nach der harmlosen kleinen Kerze zu schauen, die einen Stock höher das ganze Gebäude in Brand zu setzen drohte.

Der Wein: Wurde in halbvollen Achtelgläsern gereicht. Zu Geburstagen, Hochzeitstagen und zu Weihnachten. Und zu Silvester ein Glas Sekt. Alles was darüber hinausging, war Alkoholismus.

Natürlich war Bier im Haus, wenn Handwerker kamen. War der Handwerker aber dumm genug, das ihm zur Jause angebotene Bier zu akzeptieren, war er verloren: Nicht mehr vertrauenswürdig. Ein Säufer. Und daher auch ein „Pücha“. Kein Trinkgeld. Beim nächsten Mal jemand anderen bestellen. (Und wenn jemand irgendeine Idee hat, wo das Wort „Pücha“ herkommt, dann bitte ich um Erklärung).

Die Zigarette: Ein Zeichen für schwache Menschen, die ihre Gelüste nicht beherrschen können. Möglicherweise stimmt das sogar. Nur hat, Jahre davor, mein Großvater auch mit Begeisterung geraucht. (Und Jahre später wird er das fast stolz wieder erzählen: 4 Packeln hat er damals am Tag geraucht! Und dann von einem Tag auf den anderen damit aufgehört. Und als um die siebzig ist, schleicht er heimlich auf die Toilette und versucht es immer wieder einmal mit einer Zigarette, und dann kommt regelmäßig der Kreislaufkollaps. Und die Rettung.)

Und alles das passt irgendwie nicht ganz zusammen mit den ruckelnden Super-8-Filmen ohne Ton, die in irgendeiner Kiste lagern und meine Großeltern, meine Mutter, und die Gastfamilie zeigen an irgendeinem, nein, am adriatischen Meer, in Kroatien, Fisch und Weinflaschen und Zigaretten auf dem Tisch. Die Männer, leger und elegant, schwarzhaarig, die Haare nicht zu kurz aber sehr glatt nach hinten gekämmt, lässig die Zigaretten im Mund, ein Lächeln im Gesicht, als gehörte die Welt ihnen. Die sehr weiblichen und dabei starken und irgendwie auch mondänen Frauen der 50er, der frühen 60er Jahre, ja, auch meine Großmutter ist dabei, und meine Mutter, damals selbst noch beinahe Kind.

Und das erschreckt mich am meisten, wenn ich ans Altwerden denke: Dass es mir auch passieren könnte, dass ich vergesse, wie gut das Leben sein kann, an irgendeinem Tisch, an irgendeinem Meer. Ab und zu.

In Zügen bin ich immer froh

Nein, heute ist nicht die strahlendste aller Wetterlagen, trotzdem ist die Luft frühlingsklar und lässt Gebäude, Bäume, Autos strahlen als wären sie aus Glas.

Am Südbahnhof hektische Betriebsamkeit, schliesslich fangen heute die Ferien an, alles voller Menschen, die nach Hause oder auf Urlaub fahren wollen, glücklich oder genervt, und dann bin ich im Zug und finde ein Plätzchen, tatsächlich, im Abteil mit einem scheu lächelnden ebenfalls Hennaroten Mädel, und später kommen noch andere dazu, aber die sind nicht wichtig.

Die Zugbewegung macht mich ruhig, zufrieden, wie ich das gewohnt bin. In einem Zug zu sitzen etliche Stunden lang: Das befreit von der Last des Irgendwo-Seins, ich bin geborgen in der stetigen Bewegung, die mich zu einem flüchtigen, ungebundenen Wesen macht.

Und ich packe mein Buch aus und zünde mir eine Zigarette an, und der Zug fährt los. Die Dinge schauen ganz anders aus heute, hinter dem Bahnhof Meidling zum Beispiel ist eine Baustelle, dahinter ein Friedhof, den man bislang nie gesehen hat, und ich bin verwirrt: Bin ich in der richtigen Stadt, im richtigen Zug? So fremd sieht das aus, auf der Backbordseite des Zuges, aber an Steuerbord ist alles in Ordnung, derselbe gute alte Bahnhof: von hunderten von Zugfahrten bekannt.

Dann hinaus aus der Stadt durch die Industrieanlagen, die aufgegebenen, die alten aber noch in Betrieb stehenden, die neueren und die ganz neuen. Eine Bilderserie müsste her, denke ich, und: das ist der Maschinenraum der Stadt. Die alten, fleckigen Ziegelhallen , schon lange leer, auf den Fassaden noch altdeutsche Schriftzeichen, verwaschen, verblasst, Die Dachziegel teilweise abgefallen, die Höfe überwuchert von Gestrüpp. Dazwischen verrostete Gerätschaften, dermaßen verunstaltet vom Vergehen der Zeit, dass man ihren ursprünglichen Zweck nicht einmal mehr ahnen kann: Nutzlos geworden, entwickeln sie eine Ästhetik der Trümmerkultur. Daneben, im selben Blickfeld, hochmodernes aus Glas und Beton: Kontraste . Und auch wieder nicht.

Ungefähr da habe ich alle Telefonate erledigt, schalte das Telefon aus, jetzt ein bisschen Musik, U2 kommt gerade recht, und dann durch das Wiener Becken nach Süden, die Wolken werden dünner da heraußen und höher glaube ich auch, und da stehen Bäume, die schon blühen und die noch schwarz und wie tot in die Landschaft greifenden bizarren Figuren der Weinstöcke, und die Welt, das Leben, rollt unter mir dahin, und die Musik in meinem Ohr macht aus der Ansicht einen Film, und der gefällt mir.

Und dann, ungefähr in der Höhe von Bad Vöslau, ist da tatsächlich ein Flieger am Himmel, ich hatte gar nicht aufgepasst, plötzlich diese Shilouette im Fenster, ja, das könnte eine Cessna sein da oben – oder auch nicht. Und die schwarzen Punkte daneben, darunter, habe ich mir nur eingebildet. Ganz bestimmt.

Dann die Stimme aus dem Lautsprecher, die die Musik übertönt, wir erreichen in Kürze: Wiener Neustadt, und wieder eine Überraschung im Fensterviereck, 2 Fallschirme, die sich herunterschlängeln, would you believe it? Zu weit weg, um auch nur die Farben zu erkennen… Bine, bist du das gewesen?

Noch voller wird der Zug jetzt, und dann geht es weiter durch die eigentlich triste Landschaft der Nadelbaumplantagen, künstlich gepflanzte und daher in Reih und Glied stehende Föhren, dazwischen Wege; schnurgerade, aber gerade dieses Stück liebe ich, aus alter Zeit her noch, wenn diese Landschaft mich begrüßt hat: Im Hitzeflimmern des August kenne ich sie, im klaren Licht der Frühlingssonne, im Regen und im Nebel und schneebedeckt mit einer dünnen, durchsichtigen Schicht oder mit einer dicken Decke strahlend weißen Weichs, und immer war sie ein Versprechen, damals, als Wien mein Fluchtpunkt war – auf dem Weg nach Süden ein beruhigendes: „Du kommst wieder zurück“, und in der Gegenrichtung ein: „Na also, du bist ja wieder einmal entkommen.“

Und oft habe ich mir gedacht, dass ich eines Tages dort irgendwo aussteigen werde, um in diesen Wäldern spazierenzugehen, wie die Paare, die ich ihre Kinderwagen durch alle Wetterlagen schieben gesehen habe, oder wie die Jugendlichen mit ihrem Hund, dem sie gerade das Apportieren beibrachten, oder wie die alten Männer, die alten Frauen, die ganz alleine ihre Runde durch diese in ihrer Verbindung aus Natur und Geometrie eigenartig anmutende Landschaft drehen, aber ich bin nie ausgestiegen, und ich bin auch sonst nie hingekommen… eines Tages vielleicht.

Dann hinauf auf den Semmering, hier werden die Wolken wieder dichter, die Landschaft versteckt ihre schroffe Schönheit, und ich verzichte heute auf mein Ritual des Semmering-Biers, dazu habe ich noch zuviel vor, wenn ich erst einmal angekommen bin.

Ach, wozu immer ankommen? Ein anderes Leben: Ein ganzes Leben im Zug.

Etwas muss sich ändern

Und wenn es nur die Haare sind, die will ich jetzt nicht mehr in dem von Anfang an suspekten Blutrot, das in den letzten Tagen immer mehr zu einem grindigen ausgelutschten Zuckerlrosa verblasst ist. Henna drauf, vielleicht wird das wieder. Vielleicht werd ich wieder. Also: Das grünliche Pulver in eine Keramikschale, und dabei tief einatmen, ich liebe diesen Geruch, fremd und verheissungsvoll und trotzdem vertraut vom Anbeginn der Zeit. Und dann Wasser darüber, leicht warm, der Geruch wird stärker. Gut so. Nein danke, keinen Eidotter dazu und kein Bier, das würde nur den Duft verderben, wir nehmen es so wie es ist.

Ein bisschen stehenlassen, derweil ich im Spiegel die Grundlage betrachte. Dieses blonde, dieses kindisch rosarot gewordene Purple, was daraus bloss wird? Es kann nur besser werden.

Natürlich keine Handschuhe zu Hause, natürlich misslingt wie gewöhnlich der Versuch, mit Hilfe von Löffel und Kamm die Hände aus der Sache rauszuhalten, und da es dann ohnehin schon egal ist, verteile ich die erdige Masse mit beiden Händen in den Haaren, langsam und gründlich, nur keine Wurzelspitze auslassen, und dann noch hier ein bisschen und dort…

Und dann die Plastikfolie darüber, und warten. Dabei läßt sich gut ein Buch lesen, ein leichtes, womöglich, und die Wärme genießen, die sich auf dem Kopf ausbreitet. Nur leicht beunruhigt von den Horrorstories, die als Resultat von gebleichten Haaren im Zusammenspiel mit Henna mit Grünlich-Graue Färbung oder gar Haarausfall prophezeien. Und in Gedanken all die Badezimmer abklappern, in denen ich schon eine Spur grünen Pulvers oder bräunlicher Paste hinterlassen habe, glücklich, unglücklich, immer dann, wenn eine Änderung fällig war in meinem Leben hat sie an den Haaren begonnen. Mal sehen ob’s auch diesmal klappt.

Dann, nach einer guten Stunde, den Kopf auswickeln und ab unter die Dusche, erdig rinnt es den Abfluss hinunter und ich widerstehe der Versuchung, jetzt schon den Kopf hinauszustrecken und in den Spiegel zu schauen, erst die Haare mit Shampoo gewaschen und mit dem Handtuch vorgetrocknet, und dann …

… ein warmes Flammenmeer auf dem Kopf, in drei Schattierungen, erstaunlich strahlend und trotzdem nicht grob: Das entspricht mir, das bin endlich wieder ich, und zumindest damit bin ich

zufrieden.

Ja, genau. Ich wollte eigentlich ganz andere Dinge schreiben. Aber davor habe ich mich wieder einmal erfolgreich gedrückt.

Und: Nein, ich werde morgen nicht springen, und: nein, ich werde den genialen Will Oldham morgen nicht live sehen, weil ich nämlich ganz woanders hinfahre, wo ich mich um Dinge kümmern muss, um die mich zu kümmern mir nicht sehr liegt.

Aber dafür werde ich morgen oder übermorgen abends eine liebe alte Freundin treffen, und wir werden das eine und aller Wahrscheinlichkeit nach auch das andere Bier trinken und tratschen, bis die Wände wanken.

 

Error

Strange Life.

Confusion.

Longing.

Might even think

it hurts.

Please excuse me while I reconstruct my self.

 

 

WARNING!

Reconstruction failed

Try again? [y/n]

>y

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> y

Please add data now. Press Ctrl-x when finished.

> Mir geht das alles auf den Geist.

Error: Syntax error. Try again? [y/n]

> y

Please add data now. Press Ctrl-x when finished.

> life != nice

Data added. Reconstructing, please wait…

………………………………………

Error. Insufficient data. Add data? [y/n]

> *#@##%$§!!!

 

 

CRITICAL ERROR!

Please reboot system and change User!

Black, White & Blue

blackandwhiteandblue: Was ich jetzt brauche, ist ein Tisch in einem Garten, darauf Käse und Oliven und Rioja und im Kreis sechs, sieben Menschen, lachend, streitend, redend.

Schön, dass du das Leben wieder einholst. Schade, dass wir dich nicht mehr lesen dürfen. Alles Gute!

 

Licht

Kaffee ist ausgegangen. Als endlich wieder einer da ist, wird in allen Zimmern meiner alten Schule um die Wette Kaffee gekocht. Ich soll meiner Tante eine Tasse bringen, finde sie aber nicht und setze mich vor der Schule auf eine Steinbank an einem Steintisch. Davor eine Straße, sandgelb, alles ist leer und kahl, Mittagsruhe vielleicht. Die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenlos, trotz aller Helligkeit ist es ein düsteres Licht, das den Boden zum Gleißen bringt.

Es ist das Algerien aus Albert CamusDer erste Mensch”, weiß ich im Traum, und warte auf die Kinder, die gleich um eine Ecke kommen müssen, auf die schwarzgekleideten Frauen, wenigstens die Hunde müßten vorbeilaufen, denke ich, weiß aber gleichzeitig, dass sie nicht kommen werden.

Ich trinke den Kaffee selbst. Ich denke daran, dass Dorian gleich kommen wird,  wir wollen für einen Auftritt proben, aber ich fürchte, die Religionsprofessorin wird den Raum nicht rechtzeitig freigeben.

Niemand kommt, ich sitze auf der Bank, an der Straße, die Sonne wärmt mein Gesicht und ich bin ruhig und zuversichtlich trotz des dunklen Lichts.

Bus

Im morgenüberfüllten Bus der Verkehrsbetriebe eine Gruppe italienischer Jugendlicher, die mit ihren Gepäckstücken jeweils gleich zwei Sitze belegen. Schön sind die Mädels, cool die Jungs. Böse Blicke der Umstehenden, aber keiner sagt was. Was auch, wo sollen sie denn hin?

Italienisches Geplauder, von dem ich natürlich kaum etwas verstehe, aufgeregt zeigen sie einander alles, was draußen vorbeizieht, lesen sämtliche Schilder und Geschäftsnamen laut und mit grinsen machendem Akzent vor.

Seufz. So jung sein, alles zum ersten Mal sehen, diese selbstverständliche Ausstrahlung von “mir gehört das Leben, die Welt wartet auf mich” im Umkreis von zehn Quadratmetern verbreiten…

Frühling lässt sein blaues Band…

Jaaa, die Sonne ist aus dem Winterschlaf erwacht, und warm war es heute… Kurzärmelwarm! Als wäre das noch nicht Glück genug, war da auch noch ein Flieger, nein: Der Flieger! Sprünge bis zum Abwinken, für die die es brauchen, mir reichen drei, fürs erste.

Volksfeststimmung auf dem Flugfeld, Tandempassagiere und ihre Begleiter drängen sich.

Heldin des Tages: Ariane, mit einer Baumlandung – nichts passiert, zum Glück! Und dann, beim nächsten Sprung, die erste Reserve… bisschen viel für einen Tag… Aber sie lächelt noch.

Feuerwehreinsatz: Wer hat denn hier Kerosin verloren? Egal, ab in den nächsten Flieger. Abendkühl ist es schon, weit hinten am Horizont ein paar freundliche Wolken unter der tiefstehenden Sonne, in Abendfarben. Genug zu Betrachten im Freifall, und deshalb fange ich erst gar nicht an mit meinem Programm – ich würd doch so gerne am Rücken liegen da oben – vielleicht beim nächsten Mal – und dann, brav geht der Schirm auf als ich ihn freundlich darum bitte, gleich da drüben, zum Winken nah, zwei Heißluftballons in der Abendsonne, alles im Blick und noch den Wind von 3000 Metern Freifall im Gesicht – genug viel schön!

Song zum Tag:

Vanessa Amorosi – Shine

Eine Verbindung mit youtube wird erst nach dem Klick zum Abspielen hergestellt. Bei Klick gilt die Datenschutzerklärung von Google.

(Thanks to Silvia…)

Be-Merkens-Wert

Flugplatztag, der für blutige Anfänger kein Aufsteigen zuläßt, obwohl es ständig so aussieht, als würden sich die Wolken lichten. Jungs, die sich spaßeshalber aus 150m (einhundertfünfzig! Metern!) in die ziemlich flache Tiefe werfen. Ja, das ist nicht so wie sonst, wo man am Motorengeräusch hört, dass die wohl jetzt springen und dann vielleicht, aber nur wenn das Licht richtig ist, ein paar winzige Punkte sieht und dann sich öffnende Schirme. Aus 150m (einnhundertfünfzig! Metern!) sieht man auch von unten ganz genau, wie da Menschen aus dem Flugzeug springen, mit Armen und Beinen und Köpfen und was sonst noch so dazugehört. Da gibt’s nur noch eins: Fassungsloses Staunen. (Kommentar eines Piloten: “Immer nur Freifall ist auch langweilig”). (Fotos vielleicht morgen. Wenn ich nicht zu müde bin.)

Ist da vielleicht

etwas Blaues augeblitzt

zwischen den Wolken?

Nein das war wohl

ein Irrtum, fürchte ich.

Genug Flieger ringsum,

aber nur der Sound den die

Pink macht

gibt dieses

frohe Gefühl das

alle Türen öffnet

… ist da nicht doch ein

kleines bisschen blau,

aufgetaucht

da, schau doch …

Nein. Und wenn, dann

zu kurz.

Stattdessen Freibier.

Vorträge.

Irgendwann

knallt ein

Aschenbecher

gegen die Wand.

Ein schöner Tag.

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