Bachmannpreis 2002, Tag 1


Manchmal frage ich mich, ob außer mir noch jemand mitten im strahlenden Juni ganze Tage vor dem Fernseher verbringt, um sich Geschichten erzählen zu lassen. Ich tu es schon seit vielen Jahren mit Begeisterung.

Das seit Anbeginn meiner Zuhörzeit dazugehörige Computerspiel, Fingerbeschäftigung während der Kopf bei den Geschichten ist, will nicht laufen. Das ist irgendwie traurig. Ich erinnere mich an mein seit langem brachliegendes Puzzle. Na immerhin. Es kann losgehen.

Jörg Matheis: Schnitt

Kein Text für mich. Zu konstruiert, zu berechnend. Dass die Jury es für nötig hält zu erwähnen, dass der Text “handwerklich erstklassig” ist, verwundert mich. Handwerklich nicht erstklassige Texte sollten in diesem Wettbewerb gar nicht vorkommen, finde ich.

Nina Jäckle: Buchenhofstaffel

Oje, ein Selbsttherapie-Psychotext, ist mein erster Eindruck. Verstärkt durch die jämmerliche Stimme der Autorin. Aber je länger ich hinhöre, umso mehr werde ich in hineingezogen. Kein Siegertext, nicht für mich, aber eine schöne Geschichte. Ein Novum in der folgenden Diskussion: Buhrufe des Publikums für die Meinung eines Jurors. Zumindest habe ich in den Jahren meiner lauschenden Anteilnahme immer nur Applaus und gelegentliches Gelächter gehört.

Markus Ramseier: Steinzeit

Ein weiteres Beispiel für die alte Regel: Wenn ein Mann einen Text über eine Frau in der Ich-Form erzählt, geht das schief. Ausserdem immer wieder Buzzwords im Text, künstliche Metaphern. Das stört den ansonsten schillernden Wortstrom. Den Vortrag hätte ich mir etwas weniger weich & weniger zögerlich gewünscht.

Heinz D. Heisl: Die Rechtfertigung des Alltäglichen oder drei Worthäuser in der Straße des jungen Er

Blut, Schmerz und helles Licht. Kriegt einen Preis. Da bin ich ganz sicher. Jedes Jahr gibt es mindestens einen solchen Text, sprachlich exzellent aber völlig seelenlos, den ich am liebsten nicht zu Ende hören würde. Und jedesmal kriegt so ein Text am Ende den (oder zumindest einen) Preis. Wenigstens hat er gut gelesen.

Lukas Bärfuß: Aus der Novelle “Die toten Männer”

Ich mag den Text in all seiner Langatmigkeit und all seiner Absurdität. Mitsamt der seltsam schwarzen Schweizer Komik.

Mirko Bonné: Auszeit

Den Text habe ich gerne gehört, aber am Ende fehlt irgendwas. Ein bisschen wie Camus ohne Philosophie. Oder so. Interessant, aber kein Highlight, nicht mal an diesem Tag.


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