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Sex, Panik und Froschgeschichten (Bachmannpreis 2018 #3)

Den Anfang vom Freitag leider wegen wichtiger Telefonate verpasst. Der erste Satz, den ich von Corinna T. Sievers‘ „Der Nächste, bitte“ höre, enthält schon das Wort Koitus. Es liegt durchaus etwas Faszinierendes in der Geschichte der sexsüchtigen Kleinstadtzahnärztin, die trotz aller Ausschweifungen bieder bis ins Mark bleibt, während sie sich ihre Existenzgrundlage nach und nach vom Leib vögelt. Die Autorin hätte aber wohl diesen Widerspruch noch ein bisschen zuspitzen müssen, denn bei der Jury kam er nicht an. Die diskutierte stattdessen über literarische Vorlagen und hatte nicht einmal genug Verstand, Übergriffigkeiten mit Blick aufs wirkliche Leben  bleiben zu lassen. Danach störte mich sogar die Feststellung „mit männlicher Kraft erzählt“ von Nora Gomringer. Wenn meine innere Feministin einmal wach ist, ist sie wach.

Ally Klein wagte mit Carter einen Ausflug ins Unterbewusstsein. Der Anfang verwirrend, jemand stolpert, mehr oder weniger betrunken, durch die Nacht. Dann wird klar, dass wir mit diesem Text mitten in einer Panikattacke stecken, sprachstark und entsprechend vorgetragen. Wie sich die Welt auflöst, wie sich der Blick nach innen richtet, wie sich die Hauptfigur die Welt mühsam wieder zusammensetzt. Wie sogar die hilfsbereiten Hände zum Feind werden. Schon auf Twitter wurde klar, dass dieser innere Ausnahmezustand nicht bei jedem ankam, und in der Jury kam er gar nicht an. Diskutiert wurde stattdessen darüber, wer Carter sein mochte, und man nannte den Text eine Kosmogonie, oder schlimmer noch, einen Adolesszenztext. Ob dieses Zersplittern der Welt und des Ichs wirklich nur erkennen kann, wer es kennt?

Als Tanja Maljartschuk „Frösche im Meer“ liest, muss ich los zu einem Termin. Vielleicht liegt es ja an meiner inneren Hektik und am Unterwegs-Hören, dass ich den Text trotz feiner kleiner Bilder und Wendungen todlangweilig finde, aber der Eindruck ist so nachhaltig, dass ich ihn auch später nicht noch einmal ansehen will. Die Diskussion beginnt mit Gomringer, die meint, das Publikum würde jetzt denken „endlich Literatur!“. Unterstellung! Oder spricht sie von sich selbst? Mehr kriege ich dann aber nicht mehr mit und hab auch gar kein Bedürfnis danach, es weiter zu hören.

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