Beinah schon heimatlich & Royales Abendessen

Schon um 1/2 9 hellwach. Seltsamen Traum gehabt (M. ist schwanger – oder ist es die Katze? Im Jeep durch die Nacht über einen Höhenkamm, dann in riesigem Lokal verlaufen.) – but never mind.

Die Wirtsleute nochmal wegen dem Steckeradapter-Problem aufgesucht, eine geschälte wunderbar süße Orange geschenkt gekriegt & danach auch einen Steckeradapter geliehen, wenn ich ihn auch ganz bestimmt vor meiner Abreise zurückgebe, was ich verspreche (immer wieder verblüffend, wie gut man sich verständigt, obwohl doch keiner die Sprache des anderen spricht).

Frühstück schon fast gemütliche Routine. Beschließe einen Ausflug nach Puerto Rico, vielleicht gibt es ja dort ein Badekleid in einer kleineren als Regentonnen-Größe.

An der Haltestelle fragen mich 2 Schweizer in gebrochenem Spanisch, wann denn der letzte Bus geht. Im Bus dann zwei Deutsche, wo hier das nächste Postamt wäre. Ich muss wohl schon unheimlich hiesig oder zumindest eingelebt ausschauen.

Faszinierende und furchterregende Küstenstraße. Nach weiteren Badebuchten ausschauend entdecke ich die “Junkie-Bucht”, vor der man mich gewarnt hat, und dann noch ein paar hübsche, in denen allerdings überall gebaut wird. Bei Taurito schütten sie gerade lastwagenweise weißen Sand aus (Gran Canaria ist Massenimporteur von hellem Saharasand, weil der hiesige vulkanschwarze den Touristen “schmutzig” vorkommen könnte, steht in meinem Reiseführer – was soll man da noch dazu sagen?)

Schließlich angekommen in Puerto Rico. Betongewordener Neckermanntraum. Hier sieht man vorwiegend blonde Köpfe, aus deren Mündern skandinavische Wortströme rauschen. Im Supermarkt gibts folgerichtig schwedische Kekse (aber keine spanischen).

Film und Limo gekauft, und schließlich noch ein T-Shirt-Kleid, das auch nicht gerade hübsch ist, aber wenigstens meine Größe hat.

Durch die Strandcafes spaziert & eine unheimliche Begegnung der seltsamen Art: Sitzt doch da glatt eine Frau in meinem Alter ganz allein am Tisch. Und schreibt. In ein Heft genau wie meines. Schaut auf und schaut mich an mit genau der Mischung aus Weggetretenheit, Offenheit und Skepsis, die ich teils empfinde, teils an den Tag zu legen versuche. Bin versucht, sie anzusprechen, aber dann gehe ich doch weiter, irgendwie magisch das ganze.

Kaufe dann noch hawaianisches Sonnenöl (besser gesagt -gel), und trinke Kaffee, natürlich an der Promenademeile; Blick über tausende Liegestühle. Ich sitze still und schaue, wie Väter und reifende Töchter, Mütter und herrschsüchtige Söhne (10-jährig), backfischaltrige Freundinnen und Liebespärchen aller Altersstufen dem Strande zu, vom Strande weg streben. Genieße die Tatsache, dass ich die drei hiesigen Hauptsprachen verstehe (deutsch, englisch und schwedisch – spanisch spricht hier niemand) und schaue dann, sobald ich den Kaffee geleert habe, dass ich die Busstation wiederfinde. Hier hält mich nichts.

Endlich der Bus. Voll wie die Wiener U-Bahn zur Rush-Hour, ich finde einen Platz, schon quetscht sich etwas zwitschernd neben mich, mit 2 stehenden Mitzwitscherinnen (kann die Sprache nicht identifizieren; lettisch? tschechisch? egal.) Zwitschert durchgehend, pausenlos, ihren breiten Arsch ohne jegliche Bedenken auf meine Hälfte der Sitzbank verbreitend, bis ich ein unerwartet tiefes Schlagloch nutze, um ihr meinen Ellbogen kräftig in die Rippen zu rammen. Sie zuckt und ich “entschuldige” mich umgehend, worauf sie mir (englisch) beipflichtet, dass die Busse und Fahrer hier wirklich lebensgefährlich, jaja… My Pleasure.

Dann endlich die Media Almud erreicht. Die Magnetbandkringel der weggeworfenen Musikkassette am Straßenrand wie einen Wegweiser begrüßt. Unten am Strand ist Ebbe, Wellen aber zu hoch, um richtig zu schwimmen. Stattdessen mit dem Fotoapparat herumgestromert & böse Blicke der Nackedeis geerntet, obwohl ich doch ganz eindeutig nur auf die Felsen und Vulkanformationen ziele. Der gestrige Spanier begrüßt mich freundlich & harmlos (warum eigentlich freut es mich immer so, wenn ich wiedererkannt werde?).

Nach langem Muschel-Steine-Schnecken-sammel-Spaziergang mit Sprachengewirr-Geschichten im Kopf erstmal ein wenig in der Sonne gelegen, dann doch noch – vorsichtig – ins Wasser gestiegen & dann auf die Schattenseite gewechselt (warum erwische ich von den 5 freien Liegestühlen ausgerechnet den einzigen, dem ein Fuss fehlt? – egal. Stein drunter, Schwamm drüber.) Die Hand in den warmen Sand hängen lassen & ein bisschen weggedöst und wiedererwacht mit einer Endlosschleife von “Down by the Banks” im Kopf. Mit selbiger ins mittlerweile ruhigere Wasser gegangen, dann wieder Steine betrachtet & in die Luft geschaut. Draußen die Boote, darunter ein großes mit tiefdunkelroten Segeln. Was auch immer das bedeuten mag.

Dann knote ich mir mein Allzwecktuch als Sonnenschutz & drifte Richtung Pension zurück, weil mich der Hunger plagt. Unbeeindruckt von diversem Gehupe auf den Bus gewartet, Fahrgeld schon abgezählt in der Hand. Irgendwie ist es mir wichtig, die Alltagshandlungen nichttouristisch abzuwickeln. Unterwegs fährt der Bus zum Tanken, Himmel, das kann dauern! Also die letzte Station zu Fuss angesteuert. Mit letzter Kraft die Stufen zum Quartier hoch. Wasser!

Und danach eine Dusche, ein Joghurt auf der Terrasse, ein wenig gelesen, während die Haare trocknen und die beginnende Dämmerung die Felswand immer röter und weicher erscheinen läßt.

Dann gemütlich runter in den Hafen. An den Lokalen vorbeispaziert und geschnuppert, wo ich den heute dinieren werde. Vielleicht im “Tu Casa” (schaut nett aus) oder bei “Carlos”, wo sich gerade zwei schwedische Familien unterhalten und (freudigst!) feststellen, dass sie aus dem gleichen Stockholmer Stadtteil kommen?

Das Lokal, in dem ich gestern den tollen Fisch gegessen habe, heißt übrigens Marina (wenig einfallsreich), und ich gehe nochmal an der äußeren Mole entlang, wo der Rest des purpurroten Sonnenuntergangs Meer und Himmel mit einer silbrigen Schicht überzieht. Und das da hinten, ist das Teneriffa oder doch nur eine bizarre Wolke?

Dort, wo es nicht mehr weitergeht, sitze ich eine Weile und denke über die Geschichten aus meinem Reiseführer nach; die kanarischen Ureinwohner (Guaven o.s.ä. hat W. sie genannt), müssen ziemlich unerschrockene Menschen gewesen sein. Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit hielten sie der spanischen Conquista ziemlich lange erfolgreich stand; und Columbus soll auf seiner ersten Transatlantikfahrt die furchtsamen Mitglieder seiner Besatzung gegen tapfere Canarios eingetauscht haben. Und dann ist da noch die Geschichte von dem Bischof, der den nacktbadenden Ureinwohnern predigte, dass das gottlos wäre – und diese Predigt nicht überlebt haben soll.

Eine schöne Geschichte; auch wenn sie in der Broschüre ganz ohne Autoren- oder Quellenangabe gestanden ist: Hier an der Klippe, nicht geduscht aber doch immer wieder besprüht von den auflebenden Wellen, deren Echo aus der Felswand hinter mir sehr dreidimensionalen Soundtrack liefert, kann man sich das bildlich vorstellen.

Jetzt aber endlich essen. Ein Blick auf alle Speisekarten unterwegs, schließlich für den kleinen aber feinen Italiener auf dem “Hauptplatz” entschieden, trotz der Preise. Spaghetti al Frutti di Mare, und… weißen Wein! Und Wasser. Die Musik Sinatra-mäßig, sehr elegant das ganze. Die Kellnerin fragt, ob ich die Speisekarte in englisch, spanisch oder italienisch haben möchte, die – ebenfalls vorhandene – deutsche erwähnt sie gar nicht. Ich nippe an meinem Wein und warte, beäugt von deutlich besser gkleideten Pärchen an den Nebentischen.

Nebenan ein als riesiges Fass ausgebautes Schnaps-Lokal, in dem ein eingewanderter Deutsch-Canaro einer Gruppe rotnasiger Schweden Schnaps einflößt und ihnen Schrott als antik verkaufen will. Ich versuche, nicht allzu deutlich zu grinsen.

Als die Spaghetti kommen, ist mir nicht recht klar, welche der Schuppentiere mit den Fingern und welche doch besser mit Messer & Gabel zu knacken sind, aber seltsamer Weise stört mich das heute gar nicht. Danach noch ein Tiramisu und einen Espresso, das Ganze kostet mich fast 500 Schilling, ist es aber irgendwie auch wert. Ein miserables Gedicht geschrieben (später zerrissen) und eine Art Memo ans eigene ich:

Never forget this Moment of Peace, mit den teuersten Spaghetti meines Lebens im Bauch und Weißwein dazu; sie spielen “Imagine” und später auch noch “Stand by me”, und ich habe Sehnsucht nach D. und doch das Gefühl, dass ich problemlos ohne ihn leben kann (vielleicht sogar besser als mit), dass es aber trotz allem nicht “richtig” ist. Was auch immer das bedeuten mag.

All diese Gedanken & noch ein paar dazu; keineswegs quälerisch sondern mehr philosophisch, noch mehr John-Lennon-Songs dazu & mir ist klar, dass dieses “Dorf” genau dafür gebaut ist, solche Momente des “inneren Friedens” zu geben – ich frage mich, ob die Tatsache, dass ich jetzt eben einen solchen erlebe, als “Draufreingefallen” zu bezeichnen ist.

Noch einmal langsam und augenweitoffen um den Hafen promeniert (nach so einem Essen muss man “promenieren”), danach ein paar Stufen runtergestiegen und im Casablanca noch ein Glas Wein und selbiges geschrieben.

Fast ein bisschen unheimlich, wie schnell ich auch hier schon wieder “erkannt” werde; der Wirt weiß von einem seiner Zulieferer, dass ich am Nachmittag in MediaAlmud war; auch in der Pension schon hat mich Lumy darauf angesprochen, warum ich denn zu Fuss auf der Landstraße unterwegs war – ihre Mutter hätte mich gehen sehen (keine Ahnung, wieso ihre Mutter weiß wie ich aussehe; gesehen habe ich sie nie).

Ich meine, hier sind Hunderte und in den Nachbarorten Tausende von Touristen; wieso sehen die gerade mich?

Tja, dann bald Richtung heim & noch ein bisschen auf der Terrasse gesessen; aber müde, so sonnenmüde. Also bald ins Bett.