Die Nachricht vom Ende von soup.io traf mich unerwartet hart. Unerwartet, weil ich dort doch schon ein paar Jahre nicht mehr aktiv war, hart, weil mir plötzlich aufging, dass es die letzte Plattform war, die mit ihren laufenden Import-Möglichkeiten meiner Idee eines Livestreams recht nahe kam.

Der Lifestream nämlich, das ist schon sehr lange ein Thema, über das ich gerne nachdenke. Früher, als ich noch viel mehr selber im Code herumschraubte, hatte ich einmal den mir idealen Zustand crude zusammenprogrammiert: Eine Seite, Optik Kalender, in der Blogposts, Tweets, Flickrbilder, Facebook-Meldungen, Kurzlinks und noch einige andere, mittlerweile längst vergessene Dienste zusammenkamen. Online war sie nicht sehr lange, aber im Hintergrund feilte und schraubte ich deutlich länger, mit dem Gedanken, dieses Tool auch anderen zur Verfügung zu stellen und als Ergänzung / Plugin zu Blogs und anderen CMSen anzubieten.

Die Idee war: Meine Inhalte, wo immer ich sie erstellt habe, auf meinem Webspace – aber immer mit Backlink, um eventuelle Kommunikation auf dem Ursprungsservice zu erlauben.

Dann machten mir die Siloplattformen einen Strich durch die Rechnung: Facebook drehte seinen RSS-Feed ab, Twitter folgte, die meisten Bilderplattformen auch. Um die Idee weiterzuverfolgen, hätte man anstatt von überall gleich strukturierten xml-Feeds von überall unterschiedlich strukturierten APIs ausgehen müssen. Das wäre nun zum einen deutlich mehr Arbeit gewesen, zum anderen war das auch ungefähr die Zeit (2010 so etwa?), als das bislang gemütliche Internet ein bisschen ungemütlich wurde in Sachen Juristerei und Copyright.

Nicht, dass das jemand missversteht: Ich bin absolut dafür, dass jede*r die Rechte an seinen Inhalten hat und nutzen kann – nicht zuletzt darum ging es ja bei meiner Idee. Dass aber beispielsweise ein Link, wenn mit Vorschaubild gepostet, bei Facebook OK ist, auf einer privaten Seite aber nicht, ist dann halt nicht richtig zu Ende gedacht. Aber das nur am Rande.

Ich war natürlich nicht die einzige, die den Gedanken an einen zentralen Lifestream hatte, aber meines Wissens nach die einzige, die das auf eigenem Webspace basteln wollte. Communities kamen in der Zeit in Mode, es waren einige gute dabei. In bester Erinnerung habe ich Friendfeed, dann kam irgendwann Tumblr, das die Sache mit dem Import aber relativ schnell wieder abdrehte. Google Reader war durchaus auch für solche Zwecke verwendbar, wenn man ihn entsprechend dressierte.

Selber hatte ich mein Projekt eingestellt, nachdem ich – genau! –  für einen Link mit Vorschaubild eine empfindliche Geldstrafe zahlen musste.

Dann kam soup.io, oder: gegeben hatte es das Ding schon eine Zeitlang, als ich drüber stolperte.  Ich nannte meine Suppe myLüfterl (nur alteingesessene Wiener Nerds verstehen diese Anspielung). Microblogging mit Importmöglichkeit für so ziemlich alle Plattformen von Twitter über Flickr, delicious für Links, und eine Unzahl anderer Dienste (Last FM! Youtube natürlich. Sevenload. MySpace. Picasa. Und natürlich RSS Feeds), von denen die meisten längst eingestellt und vergessen sind. Der Clou: Weil die Inhalte importiert wurden und nicht nur als pure Verlinkungen dastanden, sind da – auch jetzt noch – Inhalte aus Services, die es schon seit (vielen) Jahren nicht mehr gibt. Und eine Community, die ich als bekennender Grottenolm vielleicht nicht so wichtig nahm wie andere das taten, die ich aber ab und zu aber auch als Inspirationsquelle und Zeitvertreib besucht habe. Bei einigen der „Friends“ war zu vermuten, dass sie längst vergessen hatten, jemals einen soup.io Account angelegt zu haben, aber man konnte auf dem laufenden bleiben und bei Lust und Laune die jeweilige Quelle der Inhalte ansteuern, um zu interagieren.

Warum ich da in den letzten Jahren dann auch kaum mehr war, weiß ich eigentlich selber nicht. Vielleicht bin ich auch zu sehr in die Falle getappt, mein Sturm-Web-Imperium als in sich abgeschlossene Einheit zu betrachten. Wann wurden eigentlich Blogrolls im Sidebar uncool, und seit wann ist man eigentlich der seltsame Außenseiter, wenn man nicht versucht, mit seinen Webseiten Geld zu verdienen?

Anyway. Mit soup.io verschwindet nicht nur eine Plattform, mit soup.io verschwindet eine Idee. Eine Idee, die mir sehr fehlen wird.  Nicht nur in Sachen Lifestreaming: Daneben denke ich seit einiger Zeit auch über ein digitales Erbe nach. Nicht, dass ich so wichtig wäre, dass meine Texte, Bilder und vielleicht auch Blödeleien unbedingt für die Nachwelt erhalten werden müssten, aber andererseits, es wäre doch schön, wenn sie noch da wären, falls sie denn doch jemand lesen wollen würde – gemeinsam mit Tausenden oder Millionen anderer Stimmen, die ebenso wie meine verloren gehen würden, sobald die Urheber*innen tot umfallen und ihre Hosting-Gebühren nicht mehr bezahlen.

Wär spannend zu wissen, ob sich noch jemand solche Gedanken macht – und wenn ja, in welche Richtung.