Egal. Dieses Musikstöckchen habe ich ja schon da und dort gesehen – und war mir dabei nie so ganz sicher, ob ich es schön finde, nicht darüber nachdenken zu müssen, oder schade, nicht darüber nachdenken zu dürfen. Wobei, dürfen tut man ja immer. Aber so philosophisch wollte ich jetzt gar nicht werden. Weil, wenn der Herr Majo so nett vorlegt, dann muss ich ja einfach nachlegen – und zwar mit Begeisterung.

Die Fragen:

  1. Ein Lied aus deiner frühesten Kindheit
    Tja, da fangen die Probleme schon an. Eines? Nur eines? Das erste wird wohl Obladi, Oblada gewesen sein. Ich kann mich an meine Begeisterung über den Song erinnern, aber nicht daran, wie “allerliebst” ich – laut gerne wiederholten Erinnerungen meiner Verwandten – dazu getanzt haben soll, mit ~3 Jahren. [Die Gnade der frühen Geburt: Videokameras hat’s damals noch nicht gegeben – und die Super 8 meines Großvaters kam nur bei Familienfesten und Urlauben zum Einsatz.]
  2. Ein Lied, das du mit deiner ersten großen Liebe assoziierst
    Da schränke ich mal vorsorglich auf die erste große temporär erfüllte Liebe ein – und kann mich trotzdem nicht so ganz entscheiden: Ist es “Country Roads” oder doch eher “Dirty old Town”, das die Erinnerung intensiver konserviert? Beide hat der damals Angebetete auch selbst auf seiner Gitarre gespielt und gesungen; konservenmäßig kam “Dirty old town” damals von den Dubliners, nicht von den Pogues. Natürlich waren beide Songs zu dem Zeitpunkt nicht mehr neu; aber das, was damals neu war, war in unserer Wahrnehmung fast schon automatisch schlecht. Aus diesem Grund habe ich auch recht wenig Ahnung von der Musik der 80er. Das wenige, was ich aus der Zeit kennengelernt habe, bestärkt mich meistens in der Annahme, dass wir nicht so ganz unrecht hatten.
  3. Ein Lied, das dich an einen Urlaub erinnert
    Es gibt fast zu jedem Urlaub ein Lied, das mich auf alle Ewigkeit an ebendiesen Urlaub erinnern wird.
    Die erste Urlaubsplatte vielleicht: Eine Liveaufnahme von einem Theodorakis-Konzert – nur die Zugaben. Der Urlaub war Schweden, 1978, und ich war grade mal 12 (siehe auch hier).
    Das intensivste vielleicht: “Exertate” – von einer griechischen Sängerin, deren Name noch in irgendeinem Reisetagebuch steht – 1987, ich: schwer verliebt in einen deutschen Lebenskünstler, der gerade dabei war, am Peloponnes eine Tischlerei aufzubauen; eine nach Deutschland ausgewanderte Griechin auf Heimaturlaub schwer verliebt in mich; eine einsame Bucht, in der ich wochenlang wohnte; eine Höhle, in der ein Frankfurter Architekt sich eine Wohnungseinrichtung betoniert hat. Den Song suche ich heute noch, alle paar Monate, in allen mir bekannten .mp3-Quellen. Bislang ohne Erfolg.
    Das persönlichste vielleicht: Eine Vorfrühlingswoche am Neusiedlersee, in der Dorian sitarspielend sein Inside Out wachsen ließ.
    Das im Nachhinein am eigenartigsten passendste vielleicht: Bon Jovis “It’s my life”, zu diesem Trip.
    Das auf die seltsamste Art nach Hause gerettete, vielleicht: “Un monton des estrellas” von Polo Montañez, das gehört zum Kuba-Urlaub.
    [Mir fallen noch ein paar ein. – Nein. Genug jetzt.]
  4. Ein Lied, von dem du in der Öffentlichkeit nicht so gerne zugeben möchtest, dass du es eigentlich ganz gerne magst
    Auch davon gibt’s einige – mit ein Grund, warum ich das “Now Playing”-Plugin für iTunes bald wieder deinstalliert habe.
    Ein ganz altes: Brooklyn Roads, Neil Diamond
    Ein eher neues: Der Weg, vom Grönemeyer
  5. Ein Lied, das dich – geplagt von Liebeskummer – begleitet hat
    Punktgenau zu einer der seltsamsten Zeiten meines Lebens hat der Herr Dylan 1997 eine neue Platte gemacht – ich weiß nicht mehr, zu welchem Song ich am öftesten geheult habe, zu Standing in the Doorway vielleicht oder zu Love Sick; oder nein, wahrscheinlich war’s Not dark yet.
  6. Ein Lied, das du in deinem Leben vermutlich am häufigsten gehört hast
    Unmöglich zu sagen. Am öftesten hintereinander habe ich “Dirty Day” von U2 gehört. Die Geschichte dahinter ist hier angedeutet.
  7. Ein Lied, das dein liebstes Instrumental ist
    Seltsam eigentlich, ich bin total stimmenfixiert. Was mich stimmlos zum Abheben bringt, ist die Siebte von Beethoven, “E4” von Dorian, und, kürzlich gefunden, “Mediterranean Sunset” (live) von der gitarristischen Dreieinigkeit: Al Di Meola, John Mc Laughlin & Paco De Lucia. Ansonsten griechische oder nahöstliche Musik, aber eher nebenbei.
  8. Ein Lied, das eine deiner liebsten Bands repräsentiert
    Bands, hm? Also der Herr Dylan gilt nicht? Gut, dann “High & Dry” von Radiohead. Am liebsten in der Demoversion, die damals auf dem Spex-Sampler war, glaub ich (möglicherweise aber auch auf einer der ersten musikexpress-CDs).
  9. Ein Lied, in dem du dich selbst wiederfindest oder in dem du dich auf eine gewisse Art und Weise verstanden fühlst
    Alle Lieder, die ich gerne höre, sind solche, in denen ich mich in irgendeiner Form wiederfinde und auf eine gewisse Art und Weise verstanden fühle. Sonst tät ich sie nicht so gern hören… aber OK: Weil’s sonst nirgends reinpasst: “Time”, gesungen von Nancy Sinatra. (Obwohl, das hätte unter Punkt 4 auch bestens gepasst…)
  10. Ein Lied, das dich an eine spezielle Begebenheit erinnert (& welche das ist)
    Hier möchte ich, wenn es erlaubt ist, meinen Stöckchenwerfer zitieren:

    EIN Lied? EINE Begebenheit?

    …und hinzufügen: Gnade! Wenn ich jetzt wirklich anfange, solche Geschichten zu erzählen, höre ich nie wieder auf! – Na gut, lassen wir iTunes im Random-Modus Schiedsrichter sein:
    1987. Oktober. Eben aus Griechenland zurückgekehrt, beschloss ich, dass Graz, ach was, dass die ganze verdammte Steiermark viel zu klein für mich ist. Ich fuhr also nach Wien, ohne Geld, ohne Wohnung, ohne Aussichten (wie sehr ich den mir damals hilfreichen Menschen auf die Nerven gegangen bin, möchte ich im Nachhinein nicht einmal mehr imaginieren), inskribierte an der UNI, ging dann irgendwie planlos durch die Stadt, nahm meinen Walkman aus der Tasche, setzte die Kopfhörer auf, drin war irgendein Mixtape von irgendeinem Grazer Freund, und drückte auf den Play-Knopf. Und wie im Film, oder genaugenommen viel besser, jaulte ein vertrautes Gitarrenriff in meine Ohren, genau in dem Moment, als oben die Wolken einen Sonnenstrahl durchließen: “Sitting on a Park Bench…” – und ich setzte mich auf die nächstbeste Park Bench, in the sun streaking cold, und der old man walking lonely war auch da, und ja, ich fühlte mich verdammt lonely, aber auf die gute, starke, zukunftsträchtige Weise. [Und dass genau diese Jethro-Tull-LP ein paar Jahre früher ein musikalisches Frühlingserwachen bei mir auslöste, muss ich jetzt nicht mehr erzählen – gefragt war ja EINE Begebenheit…]

  11. Ein Lied, bei dem du am besten entspannen kannst
    Definitionssache. Eigentlich möchte ich schon wieder zitieren:

    Musik krümmt die Raumzeit, da gibt es kein »bei dem«.  Wie bei Johnny: ich kann nicht bei Musik arbeiten, ich kann bei Musik nicht entspannen oder sonstwas, ich kann bei Musik nur hören.

    Aber es gibt natürlich “Schalter-Songs”, die irgendwie die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit markieren. Der Sufi weiß ein Lied davon zu singen (pun nicht intended, aber trotzdem ganz nett): Wenn wir uns irgendwo auf ein Frühabendbier treffen und den Arbeitstag oder zukünftige Aufgaben besprechen, und irgendwo im Hintergrund (meist leider viel zu sehr im Hintergrund) dudelt eine Stereoanlage irgendwas, dann gibt’s gewisse Songs, bei denen ich sage: “Aus jetzt. Kein Wort mehr über die Arbeit.” Das hat dann meistens etwas mit jaulenden Gitarren zu tun.

  12. Ein Lied, das für eine richtig gute Zeit in deinem Leben steht
    Auch hier ließe sich wieder gut zitieren, aber ich lasse es und ergreife stattdessen die Gelegenheit, um ein paar Jahre im schnellen Vorlauf zu überspringen, und nenne Wolfsheim” mit “Es gibt keinen Weg zurück”. Der Text ist höchst melancholisch, aber die Zeit war gut. Verdammt gut. Wahrscheinlich eine der besten. (Aber niemand weiß, was die Zukunft bringt…)
  13. Ein Lied, das momentan dein Lieblingssong ist
    Ich sammle gerade für den nächsten Sampler. Nicht ganz neu, aber mir erst jetzt zu Ohren gekommen: “This Mess We’re In” – PJ Harvey with Tom Yorke. Könnt ich momentan stundenlang hören.
  14. Ein Lied, das du deinem besten Freund widmen würdest
    Vor dieser Frage bin ich jetzt verdammt lange gesessen – und konnte mich einfach nicht entscheiden, was ich wem unter welchen Umständen widmen wollen würde. Deshalb widme ich jetzt einfach Mal all den FreundInnen, die ich viel zu selten sehe, ein Lied, zu dem ich den Text selbst geschrieben habe: Heut Nacht, gesungen von der Michi. Die ich übrigens auch viel zu selten seh. (Ja, das ist ein verdammter Kitsch. Und ich steh dahinter. Und zwar voll.)
  15. Ein Lied, bei dem du das Gefühl hast, dass es außer dir niemand gerne hört
    “Fanclub der Sehnsucht”, von Funny van Dannen. Genaugenommen weiß ich nichtmal, ob ich den Song selber gerne höre. Aber irgendwie glaube ich schon. Sonst wär er mir jetzt nicht eingefallen.
  16. Ein Lied, das du vor allem aufgrund seiner Lyrics magst
    Hm, das hat irgendwie etwas mit meiner Antwort auf Punkt 9 zu tun. An den Lyrics vorbeihören geht irgendwie nicht, und wenn mir ein Lied in einer fremden Sprache gefällt, suche ich meistens sofort nach einer Übersetzung. Wenn mir ein Lied gefällt, dann also mit den und wegen der Lyrics. Kann ich jetzt wirklich nicht näher eingrenzen.
  17. Ein Lied, das weder deutsch- noch englischsprachig ist und dir sehr gefällt
    Ah, endlich ein guter Grund, den alten “Uffe” zu nennen! Also: Ulf Lundell, “Serengeti”. Ach was, die ganze verdammte LP “Män utan kvinnor” ist fantastisch. Und nicht nur die.
  18. Ein Lied, bei dem du dich bestens abreagieren kannst
    Nja, die Abreagier-Songs müssen relativ häufig wechseln bei mir, die nützen sich nämlich ab beim Abreagieren. Momentan ist es “Fuck your fear” von den Walkabouts.
  19. Ein Lied, das auf deiner Beerdigung gespielt werden sollte
    Das ist längst besprochen. Ich will zwar nicht beerdigt werden, sondern der Wissenschaft dienen, aber wenn meine freundschaftlich Hinterbliebenen zu einem sentimentalen Freundschaftsbier zusammenkommen, muss es den “Psycho Lover” vom Dorian geben – und zwar live.
  20. Ein Lied, das du zu den besten aller Zeiten rechnen würdest
    Die besten aller Zeiten? Ich muss ein sehr glücklicher Mensch sein: Je älter ich werde, desto mehr beste Zeiten erinnere ich.
    Der erste allerbeste Sommer aller Zeiten gehört irgendwie untrennbar zu “Ruby Tuesday” in der Melanie-Version (obwohl wir damals sonst eher Hardrock gehört haben). Der zweite allerbeste Sommer aller Zeiten ist mit Herrn Cohens “Ain’t no cure for love” ebenso verbunden wie mit Chris Isaaks “Wicked Game” (obwohl ich selber damals gerade am Muddy-Waters-Trip war).  Und der dritte allerbeste Sommer aller Zeiten… nein, ich mach hier einen Break. Der bislang letzte allerbeste Sommer aller Zeiten war durchdrungen von Wir trafen uns in einem Garten (obwohl ich zu der Zeit eher auf düstere Alternative- bis Emo-Tracks abgefahren bin).

Wow, das hat länger gedauert, als ich dachte – und noch ist es nicht vorbei. Denn: Wem werfe ich jetzt meinerseits die Stöckchens zu? Als ich das letzte Mal Musikstöckchen geworfen habe, habe ich zwei freundliche aber ablehnende Mails und eine Nullreaktion erhalten. Verständlich, aber irgendwie unbefriedigend… also, was tun?

Ich versuch’s einfach mal innerhalb der “Familie”. Gefragt sind: Der Herr Sufi (versuchen wir einen Kompromiss: Du musst nicht alle Fragen beantworten, dafür lass ich den Hausfrieden gerade hängen); dann der Herr Trurl (wenigstens das, wenn wir schon heute nicht beim Konzert waren); und das dritte Stöckchen…  überbringe ich offline und Euch dann die Antworten. Zumindest letzteres sollte verläßlich klappen. Vor allem nach Majos netter Erwähnung meiner Stimme.

PS: Während dieses Marathoneintrags habe ich mal nebenbei in den Referrern gestöbert – und die Anfrage Was macht man gegen Musiksucht passt da ja fast perfekt hierher. Nur Antwort habe ich – leider? – keine.