Bob kann lächeln…


… und das tut er auch. In meinem Traum, nachdem ich mit dem Fallschirm in den Konzertsaal eingeschwebt bin wie einige andere auch, in den Saal der gleichzeitig auch eine Freiluftarena und ein Seminarraum ist. Er sitzt schon auf der Bühne und wartet, geduldig, bis auch die letzten sich zurechtgesetzt haben und still werden, und während er wartet, lächelt er.

Dann beginnt er, Geschichten zu erzählen, die handeln von endlosen Autofahrten durch das unendliche Land. Schemenhafte Gestalten, im Vorbeifahren mit kurzen Worten portraitiert wie eine Kohlezeichnung. Wälder, die so dicht sind, dass man meinen könnte, es wäre Nacht, wo doch draußen Tag ist. Über Highways und Landstraßen entlang und quer durch die Wüste zieht sich die Geschichte, mehr angedeutet als ausformuliert, und er erzählt sie langsam genug, um in den lauschenden Köpfen Bilder entstehen zu lassen, die dann an die Wand projeziert werden. Und ich bin seltsam stolz, als es meine Bilder sind, die da erscheinen.

Endlich singt er, einen Song, den ich nicht kenne, und ich kenne sie alle, einen neuen Song also, mit alten Sounds, so wie sie auf der neuen Platte klingen, und der Song handelt von einem jungen Mädchen, das alt wird, während die Welt sich dreht in all ihrer Schönheit und Grausamkeit. Und als der Song vorbei ist, fährt ein Windstoß in seine Aufzeichnungen und weht sie auf den Boden, alle springen auf, um die Zettel aufzuklauben, aber er ist schneller, bewegt sich wie ein junger Mann und drückt dann den aufgesammelten Papierstapel mir in die Hand, wortlos, jetzt müßte ich den richtigen, den passenden Satz sagen, aber wie so oft im richtigen Leben fällt mir der auch im Traum nicht ein.

Dann schenkt er uns noch eine Geschichte, einen Geschichtensong, erzählt, aber gitarrenbegleitet, wie das Arlo Guthrie so gerne macht. Ich schiele auf die Zettel, die ich mit meiner Hand vor den Windböen beschütze und auf dem obersten Blatt ist eine seltsam abstrakte Zeichnung, die ein Liebespaar darstellen könnte, aber auch eine Landschaft, und darunter steht, in großzügiger, unregelmäßiger Schrift: “Bob Dylan’s 116th Dream”.

Der Song geht zu Ende, und im Stadion nebenan beginnt irgendein Spiel, und er steht auf und sagt: Wir sehen uns wieder, wenn der Lärm vorbei ist! Nimmt dann seine Aufzeichnungen entgegen und geht, die Leute zerstreuen sich, und ich stehe alleine in dem Raum und denke, was ich doch für ein Glück habe, dass mein Leben so ist, wie es ist. Die Lichter aus dem Stadion bestrahlen die malerisch grünblaue Dämmerung, hinter dem Zaun auf der anderen Seite werden bunte Fallschirme gepackt und ein Ballon steigt gerade auf, und dann sehe ich, dass ein Zettel am Boden liegengeblieben ist, ich hebe ihn auf und darauf steht: “the past is yet to come” und darunter gekritzelt mit aussetzendem Kugelschreiber ein Mann mit Hut, der mit dem halben Gesicht lacht und mit der anderen Hälfte weint.

Während ich überlege, ob ich das Blatt einstecken oder zurückgeben soll, weckt mich die feindliche Umwelt gnadenlos auf.


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