KategorieFotospaziergang

Unbekannte Nähen

Nach einer langen Arbeitswoche Freitag Nachmittag beschlossen, zu Fuss nach Hause zu gehen. Die üblichen Routen lockten nicht, denn im Wiental war die Auto-Hölle los, und von der Mariahilferstraße war ähnliches zu erwarten. Ich nahm also nach dem immer noch berauschend grünen Park ein Nebenstrasserl und kam so erstmals durch den Schwendermarkt, der von unten deutlich sympathischer wirkt als von der Mariahilferstraße aus betrachtet. Dann bog ich rechts ab und war schnell beglückt darüber, wieder einmal durch ein Grätzl zu mäandern, das ich bislang noch nicht betreten habe.

Die Gegend wirkt sympathisch, bewohnt und bunt gemischt. Kleine Geschäfte, die man gern einmal besuchen würde,  Schichten-Graffiti und … eher  zweifelhafte Einkaufstipps.

Bei letzterem befand ich mich dann in schon besuchten Gegenden, nämlich nahe dem wunderbar wienerischen Gasthaus Quell  und dem Bier-Paradies Hawidere. Es war aber nicht schwer, von dort aus wieder unbekanntere Wege zu finden.

In einem winzigen Park fand sich dann noch sehr Nachdenkliches. Vielleicht sollte man mehr Geschichte(n) an Wände schreiben.

Augustsonntag

Nach bravem Arbeitssonntag trotz Nachmittagsregens doch wieder am Wasser. Wäre zu schade um den August. Wunderbarer Sonnenuntergang, Langwanderung bis zur Reichsbrücke, ein Gläschen Retsina. Zu Fuß noch bis zum Praterstern, und ja: Es gibt noch S-Bahnen, bei denen die Fenster aufgehen!

 

Am Rande der Großstadt (Journal #74)

Irgendwie hatte ich zwei Ausflugslüste gleichzeitig: Zum einen, wieder einmal (von mir) völlig unerforschte Gegenden zu bewandern, zum anderen, wieder einmal einen richtigen Flohmarkt, einen untouristischen, unbekünstlerten, halt einfach einen Flohmarkt. Flohmarkt.at spuckte zwei Kandidaten aus, die noch dazu in derselben abgelegenen Gegend, nämlich transdanubisch nördlich lagen. Ich beschloss, den äußeren zuerst anzusteuern, dann könnte man ja, falls der unbefriedigend wäre, noch im Vorbeigehen (oder -fahren, so genau wollte ich mich nicht festlegen) noch den anderen mitnehmen.

Zuerst galt es, den Berg Richtung U-Bahn zu erklimmen, und mein Schrittmesser zeigte, lange vor Beginn der eigentlichen Action, fünf erstiegene Stockwerke an. Dass ich die dann wieder mit der Rolltreppe hinunterfuhr; nunja, das ist so die Natur der U3 in den Hügelbezirken.  Mit der U3 bis Stephansplatz, mit der U1 in die Leopoldau. Ich wunderte mich etwas darüber, dass Google Maps meinte, man könnte noch ein paar Stationen mit dem Bus fahren, wohingegen qando nur ein Sammeltaxi zeigte, fand aber keine Busstation mit den passenden Nummern, und zum Anrufen hatte ich ohnehin keine Lust. Ich gab also die Adresse in Maps ein und wunderte mich gleich noch zwei Mal: Zum einen über die vorgeschlagene Richtung, zum anderen über die Wegzeit von 50 Minuten, weil ich vom vorherigen Blick auf die Karte eher so an 25-30 Minuten gedacht hatte. Aber seisdrum, die Sonne scheinte, der Himmel produzierte vereinzelte Flauschwölkchen, ich hatte die Ewig-Latsch-Sandalen an und eine Flasche Wasser im Rucksack. Es konnte also eigentlich gar nichts schiefgehen.

Während ich so marschierte, links von mir die Bahntrasse, rechts erst Schrebergärten, dann richtige Gärten, wurde mir schnell klar, was da schiefgelaufen war: Ich hatte qando mit der Adresse des einen, Maps aber mit der des anderen Flohmarkts gefüttert, war also so weit wie möglich in Richtung des einen Flohmarkts gefahren, um jetzt in Richtung des anderen zu gehen. Dieser kleine Irrtum hätte sich nun wirklich leicht beheben lassen, es gab da nur ein kleines Problem: Ich hasse es, umzukehren und zurückzugehen. Und wenn es nur ein paar hundert Meter sind. Und außerdem – alles so bunt hier! Auch wenn die Mohnblumen erst einmal hinter Gittern sind.

Ich notierte, oder versuchte es zumindest, ein paar Eindrücke mit der Speech to Text Funktion, weil ich keine Lust hatte, dazu stehen zu bleiben.

Die Luft riecht nicht nach Mai sie riecht nach Juli mindestens wenn nicht August Punkt im Park sitzt einer schon mittags beim dir nicht ungewöhnlich in dieser Gegend ruyada beim Bier nicht bei mir und unglaublich süßer Duft von Blumen die Gärten gepflegt ich würde jemand kommen um sie zu beurteilen als nicht ich. Absatz nein das wird Nixe
Jetzt weiß ich wieder, warum ich die so selten nutze. Vergessen wir das und wenden wir uns den mittlerweile befreiten Mohnblumen zu.

Auf der anderen Straßenseite eine neue Schrebergartensiedlung, und ich grüble wohl einen halben Kilometer weit über deren Namensgebung. Ich meine, natürlich muss man sich sein Mini-Paradies erst schaffen, bevor man es bewohnen kann, aber das – das klingt doch irgendwie schwäbisch.

Mittlerweile hätte ich schon längst unter der Bahn durch sein sollen, aber da, wo Maps mir das Abzweigen nahelegte, war keine Unterführung gewesen, oder vielleicht war sie winzig und ich hatte sie vor lauter Mohnblumen übersehen. Ich beschloss, erst einmal nicht die Karte zu Rate zu ziehen. Irgendwo da ganz vorne verschwanden die wenigen Autos, die mich überholt hatten, nach links. Das wäre dann wohl meine Richtung. Ich fotografierte noch ein paar Mohnblumen.

Und dann andere Sachen, mit Mohnblumen.

Ich weiß selber nicht, warum dieses Aufeinandertreffen von Natur und Industrie immer so eine immense Faszination auf mich ausübt, aber ich glaube, ich könnte den Rest meines Lebens damit zubringen, solche Kontraste zu fotografieren. Gerne auch in schwarzweiß. Nur dann halt ohne Mohnblumen.

Übrigens war da kürzlich ein ganz spannender Artikel über den Schritt von der Schwarzweiss- zur Farbfotografie auf Petapixel, ohne den wäre ich vielleicht gar nicht auf die Idee mit s/w gekommen.

Die Straße war lang, der Weg war weit, und ich begann mich zu fragen, ob „niemals zurück“ nicht vielleicht manchmal doch etwa übertrieben war. Aber da kam dann endlich eine Unterführung. An der Wand ein kiffender Vogel, den ich auch mitnahm. Gab ja sonst nicht so viel abzulichten, außer halt den Mohnblumen.

Die Geleise, die ich bislang links von mir lagen, lagen – auch weiterhin links von mir. Google Maps meinte nämlich, ich soll so abbiegen (ja, ich habe geschummelt), und so traf ich auf den Stacheldraht von damals, der allerdings ganz ohne Sonnenuntergang nicht so eine dichte Suggestivkraft entwickeln kann. Nicht einmal in Schwarzweiß mit bröckeligem Mauerwerk.

Ich nahm einen Schluck aus der Wasserflasche, dann marschierte ich weiter. Wieder gartelte und schrebergartelte es, irgendwie entzückend die Unterschiede: Wo sich der eine ein Mini-Disneyland hinbaut, begnügt sich der andere mit einer windschiefen Hütte und zwei Gartenliegen. Ich fragte mich, ob daraus schrebergärtliche Konflikte entstehen, und wenn ja, wie die dann aussehen.

Bald sah ich den Bahnhof Leopoldau von der anderen Seite. Der Blumenbewuchs wurde etwas vielfältiger, in der Ferne gab es die ersten Hochhäuser zu erspähen.

Es war ziemlich warm, und ich hatte Lust auf Kaffee. Mein Wasser war lauwarm, mein T-Shirt deutlich zu warm. Trotzdem genoss ich die eigenartige Stadtrand-Landschaft, Schrebergärten auf der einen Straßenseite, Büros und Industrie auf der anderen. Seltsam eigentlich, hätte ich aus irgendeinem Grund diese elendslange schnurgerade Straße entlanggehen müssen, dann hätte ich endlos frustriert daran gedacht, wie viel schöner es jetzt doch am Wasser wäre. Aber ich musste ja nicht; genaugenommen hätte ich jederzeit in die jetzt durchaus wieder nahe U-Bahn einsteigen können, um ans Wasser zu fahren. Also ging ich weiter, jetzt wieder ohne Karte, in Richtung Hochhäuser. Dort würde es ja wohl irgendwo einen Kaffee geben, und vorher noch den Bankomaten, den ich brauchte, um den Kaffee bezahlen zu können.

Zunächst einmal gab es  aber viele Düfte, am öftesten und intensivsten dufteten die kleinen weißen Buschblümchen, deren Namen ich nicht kenne, dazwischen aber auch immer wieder Rosen, ab und zu Grillereiduft, einmal ein ordentlicher Schwall Benzin von einem wohl auffrisierten Moped. Dann noch den Chlorgeruch eines Sommerbades, der einen die Sommergeräusche fast hören lässt, obwohl es heute still war. Heißer Sand vom Sportplatz. Und dann noch ein Haus mit Zitat, das man nur zur Hälfte lesen konnte, wegen der wunderbar wuchernden Vegetation.

Zu Hause nachgeschlagen: Es ist Kafka, den man hier verewigt hat.

Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. (Franz Kafka, Tagebucheintrag 1922) (Schöne Hintergrundgeschichte in der NZZ)

Vor Ort, noch ohne den ganzen Text zu kennen, erst einmal beeindruckt davon, dass man Zitate an Wände schreibt und sie dann von grünen Bäumen halb zuwachsen lässt, man sieht das auf dem Foto nicht, aber auch wenn man direkt davor steht, kann man nicht das ganze Zitat lesen. Das ist symbolisch, metaphorisch, einfach ganz wunderbar. Oder ich habe einen beginnenden Sonnenstich und deliriere, heiß genug dazu wärs.

Was mich in die Gegenwart zurückbringt. Kaltes Wasser! Kaffee! Und ein Klo wär vielleicht langsam auch nicht schlecht. Ich frage eine junge Frau nach dem nächsten Bankomaten, sie weist mir freundlich den Weg. Drüben hinter der U-Bahn-Station im Einkaufszentrum.

Das Einkaufszentrum gehört zur Großfeldsiedlung, da war ich schon einmal, vor halben Ewigkeiten, bei einem Ripoff-Konzert. (Ich bin ziemlich sicher, damals irgendwas darüber gebloggt zu haben, aber ich finde nix. Seltsam.) Heute herrscht hier Sonntagsleben, Familien in der Konditorei, Typen mit Bierdosen am Kebabstandl, und endlich ein Bankomat. Die Konditorei ist mir aber zu dicht besetzt, um einen Kaffee zu trinken, Klobedürfnis hin oder her. Ich befrage nochmals die Karte, und 12 Minuten bis zum Ziel, dem Flohmarkt, ist sehr OK. So OK, dass ich erst einmal auf einer Bank im Schatten ein Zigarettchen rauche.

Dann weiter. An einer Tankstelle vorbei, an der Vorstadtjungs ihre Vorstadtautos waschen, als hätte sich seit den 70-er Jahren nichts verändert. Außer den Autos natürlich, die haben sich deutlich verändert. Drüber der Kreuzung ein McDonalds, da kann man gut aufs Klo und die Wasserflasche gegen eine kalte austauschen. Ersteres gelingt, zweiteres scheitert daran, dass ich nicht die geringste Lust habe, mich anzustellen, auch wenn die Schlange nur drei Leute lang ist.

Außerdem ist da drüben ja schon der Flohmarkt, am Parkplatz des besonders großen Möbelhauses. Es ist ein Flop-Flohmarkt, das ist mir schon klar, bevor ich noch ganz da bin. Viel Platz und kaum Leute. Fast hätte ich mehr Lust, den unerwarteten Hügel auf der anderen Straßenseite genauer anzuschauen, aber – wozu war ich denn dann stundenlang unterwegs?

Ich schlendere an den Ständen entlang und spüre deutlich das Ambiente von „Jetzt steh ich schon 6 Stunden da und hab noch immer nix verdient“, das ich so gut von früher erinnere, bevor wir lernten, wie man schon im Vorfeld Flop-Flohmärkte aussortiert. Im Angebot erstaunlich viel Klamotten, erstaunlich wenig Bücher, außer ein paar zweifelhaften (nazi-zweifelhaft). Bisschen Hausrat, viel Kinderspielzeug, Nippes, immerschonbilliger Modeschmuck. Ich erspähe einen Knopf, der gut zu meinem Grünen Stricktuch passt, und daneben noch eine Handvoll Knöpfe, die meine schon seit langem imaginierte Strickjacke, für die ich allerdings noch nicht einmal die Wolle habe, perfekt machen würden. Und dann sind da noch zwei, die mir erst einmal so gefallen. 6 Euro will die Dame dafür, das ist mindestens das doppelte von dem was das Zeug wert ist, und ich hole tief Luft um mit dem Gegenangebot anzufangen, und dann atme ich wieder aus, seufze ein bisschen und bezahle sechs Euro. Zu gegenwärtig ist mir noch das Gefühl, den ganzen Tag in der heißen Sonne herumgestanden zu sein und dabei nicht einmal die Standgebühr verdient zu haben. Aber damit ist natürlich klar, dass ich nicht flohmarktfit bin an diesem Tag, also besser wieder gehen sollte.

Ich nehme meine Knöpfe und hol mir noch ein Sprite am Würstelstand, aus dessen Boxen kelbrigsüßer deutscher Pseudo-Country träufelt, und werde ein bisschen sentimental dabei. Ein paar Stände weiter wollen sich ein paar hauen, wohl weil einer gesagt hat, die Ware des anderen wäre gestohlen. Ich mache einen Bogen und nehme dann doch noch ein Mantelkleid mit, 15 Euro, hätte man mit etwas Geschick sicher um 10 haben können, auch wenn das sichtlich nachträglich angebrachte Etikett etwas von 115 Euro  Originalpreis erzählt. Die 5 Euro, das ist der Kaffee den ich nicht getrunken habe und die Leberkässemmel die ich nicht gegessen habe, das ist schon OK.

Dann kurz unsicher, soll ich jetzt Richtung U-Bahn gehen oder mir doch diesen Hügel anschauen, der in der flachen Gegend höchst deplaziert wirkt? Ich nehme natürlich den Hügel, auf dessen anderer Seite auch noch sowas wie ein Teich sein soll, der Karte nach. Aber der Hügel ist dicht eingezäunt, und die Straße verliert nach ein paar hundert Metern ihren Gehsteig.  Ob da wohl noch was in die Richtung abzweigt, in die ich will, bevor es richtig in die Pampa geht?

Ich lass es drauf ankommen. Schließlich gibt es auch hier wieder jede Menge Mohnblumen zu fotografieren.

Zum Glück finde ich eine Abzweigung. Und dann doch noch etwas anderes zum Fotografieren.

Von dort weg hätte ich dann durchaus einen Bus genommen, hatte mir doch mein Fitnessarmband sowohl für die Schritte als auch für die Stockwerke bereits doppelte Pflichterfüllung gemeldet. Das Schild an der Busstation erzählte aber, dass der Bus hier sonntags nur einmal in der Stunde fährt, und dass er vor 10 Minuten gefahren war.

Und so marschierte ich brav weiter, vorbei an immer neuen Schreber- und sonstigen Gärten, mit Sonntagsdüften und Sonntagsgeräuschen. Vorbei am leeren „Nudelimbiss“, bei dem der Koch mit dem (vermutlich) Kellner alleine beim Bier saß. Vorbei am Parkplatz, auf dem jemand gerade das autofahren lernte. vorbei an Häusern und Hochhäusern und unendlich vielen lebendigen Leben. Bis zur U-Bahn-Station Rennbahnweg, wo ich mir nicht ganz sicher war, ob ich da jetzt ein Graffiti sehe – oder vielleicht doch mein eigenes erschöpftes Spiegelbild.


Kartenansicht

Natürlich hätte ich dann nicht auch noch vom Karlsplatz zu Fuß heimgehen müssen, aber irgendwie fehlte mir die Lust auf die Straßenbahn zu warten. Und so habe ich dann unerwartet doch noch die 20.000 Schritte geknackt.

 

 

Fremde Welten (Journal #68)

Nachmittags führte mich ein beruflicher Event ins mir ansonsten eher unbekannte Ottakring. Diese Geschichte wird demnächst anderswo zu lesen sein, aber einen Besuch beim Klaghofer kann ich wirklich allen Fleischliebhabern nur empfehlen, auch dann, wenn dort gerade keine Grillparty ist.

Mit Fotos und Informationen im Kasten und allerlei Köstlichkeiten im Bauch beschloss ich, doch noch etwas für meine Fitness zu tun und den Heimweg zu Fuss anzutreten. Der Abend war lau und das Licht pastellig, es war einfach zu schön für Straßenbahnen mit getönten Scheiben.

Ohne Onkel Google nach dem Weg zu fragen, ging ich nach Gefühl in Richtung Innenstadt und fand erst einmal die Gablenzgasse. Die war zwar sehr breit und für einen Samstag unangenehm dicht befahren, erweiterte aber meine Landkarte Wiener Sportvereine um einen, von dem ich noch nie etwas gehört hatte.

Eigentlich hätte ich, also gefühlsmäßig, ein Stückerl nach rechts gehört, aber da rechts keine Straße abging, ging ich halt nach links. Dort wartete die Herbststraße als klassische Vorstadtgasse, schmäler und ruhig, also warum nicht?

Eine wenig bekleidete Dame wartete über dem Eingang der Mode- und Bekleidungsschule wohl auf steile Klamotten, aber das tat sie am Samstag wahrscheinlich vergeblich. Die Kuh am Parkplatz dagegen war bereits einwandfrei gestyled.

Von da an wurde die Herbststraße weniger bunt und sehr gerade. Sonnenuntergangslicht, leichter Wind und der Duft nach Gegrilltem weckten dieses unwiderstehlich glückliche Urlaubsfeeling, obwohl sich links und rechts von mir die Gemeindebauten grau in grau  aneinander reihten – und sonst so ziemlich nichts. Ich war dennoch  irgendwie zufrieden. Aus einem Innenhof trug man Lautsprecher und Instrumente, während an der Ecke ein hagerer Typ mit langen Haaren seine Djembe streichelte, als wäre das Konzert einfach nicht lang genug gewesen. Vor dem nächsten Gemeindebau ein Denkmal, das ich gern fotografiert hätte, aber das hätte wohl zu Kommunikation mit der wie gemalt hin drapierten Gruppe Jugend geführt, die dort mit Bierdosen lagerte, und kommuniziert hatte ich für diesen Tag wahrlich schon genug. Auf der anderen Straßenseite hatte sich eine Schulklasse mit van Gogh beschäftigt und dabei, möglicherweise irrtümlich, Warhol-Anklänge geschaffen.

An der nächsten Gemeindebau-Kellerstiege saß, mit baumelnden Beinen, ein Mädchen, vielleicht 16, vielleicht 18, ein Bier rechts von sich, eine Flasche Wasser links von sich, ein Buch in der Hand. Unsere Blicke trafen sich, und ich war schlagartig sicher, dass sie dort auf jemand wartete, von dem sie schon wusste, dass er (oder sie?) nicht kommen würde. Ich hätte mich ja dazugesetzt, um die Geschichte zu hören, aber die Füße waren schon wieder schneller.

Der Abend, die fremde Gegend und die heute tatsächlich wieder zärtliche Gleichgültigkeit der Welt erlauben es, auch Dinge wieder neu wahrzunehmen, an denen man (ich) sonst eher achtlos vorübergeht.

Etliche Schritte weiter werden die Häuser anders. Männer, Frauen und Engerln bewachen und stützen die mehr oder weniger abgeblätterten Fassaden.

Die Gegend ist übrigens auch voller ausgesprochen trauriger Pinguine.

Während ich darüber nachdenke, dass es hier ja nur bergab geht, und ich daher keine Stockwerke auf meinem Schrittezähler verzeichnen werde können, kommen aus einem Haus zwei kopftuchtragende Mädels und diskutieren darüber, ob der Amir aus der Klasse über ihnen jetzt auf die eine oder doch eher auf die andere steht. Wir gehen in die gleiche Richtung, sie ein paar Schritte hinter mir, daher kriege ich eine ausführliche Liste aller Anzeichen, von heruntergefallenen und wieder aufgehobenen Bleistiften bis zum Pfiff von der Ecke, der, wie sich die beiden einig sind, zwar ein bisschen unanständig aber doch sehr eindeutig gewesen ist. Als ich stehen bleibe, um ein architektonisches Detail zu fotografieren, das mir irgendwie nicht wirklich in die Gegend passt, überholen sie mich erst, kommen dann aber ein paar Schritte zurück und schauen, was ich denn da fotografiere. „Siehst du das?“ sagt die eine, „ich wohne hier schon immer, aber das habe ich noch nie gesehen!“

 

Bitte, gern geschehen. Der Blick geht halt leichter nach oben, wenn man niemanden zum Plaudern hat, aber ob nun das eine oder andere angenehmer ist, darüber ließe sich streiten.

Weiter bergab wird es wieder lauter, die Lokale, die oben gefehlt haben, häufen sich hier, als wären sie den Berg hinunter gerutscht. Aus allen Ecken tönt Jugopop, aus den Fenstern quillt kalter Zigarettenrauch, aber nicht unangenehm, eher wie ein Gruß aus der Jugend. Am Gürtel schließlich ein erfrischender subversiver Ton.

Am Mausi-Tempel stauen sich Samstagsausflügler, und plötzlich und völlig unerwartet habe ich Lust, ins Kino zu gehen. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal im Kino war, aber man kann ja einmal einen Blick aufs Programm werfen? Drinnen lenkt mich die laute, bunte Spielhalle ab, sodass ich das Kino erst einmal gar nicht sehe. Natürlich sind die Bildschirme mehr und größer und schärfer geworden, dennoch erinnert mich das gut besuchte Eck an Flipper- und Tischfussball-Hallen meiner Jugend. Ich fahre drei Stockwerke nach oben, an Kulinarik aus aller Welt vorbei. Beim Japaner sitzen die Liebespaare, beim Vietnamesen und beim Burger-King die Familien, die Bar dagegen bleibt leer. Den Schildern nach finde ich schließlich das Kino wieder ganz unten. Von keinem der Filme auf der Tafel habe ich bislang irgendwas gehört, und irgendwie klingen die Titel nicht sehenswert, auch wenn der Popcornduft verlockend bleibt.

Ich gehe wieder. Beim Queren des Gürtels meint mein Knie, dass es jetzt vielleicht langsam doch genug wäre mit der Latscherei, doch weder das Gemüt noch der Rest des Körpers wollen zustimmen. Also geradeaus die Burggasse runter, dann rechts ab in die Neubau, und dann bin ich ja eigentlich eh schon daheim.

In der Burggasse noch ein deutlich sympathischeres Kino: Das Admiral. Hier hängen neben den Plakaten kurze Beschreibungen der Filme, und einen davon würde ich mir tatsächlich gern anschauen, aber – was mache ich mit den fünf Viertelstunden bis dahin? Dass ein Film tatsächlich zu einer festgelegten Zeit beginnt, erscheint mir einen Augenblick lang völlig absurd, und das macht mir plötzlich und unmittelbar bewusst, wie sehr die Vergangenheit vergangen ist. Auch die Idee, in irgendeinem Schanigarten noch irgendwas zu trinken, ist gar nicht mehr verlockend. Dabei hatte ich es mir oben im 16. doch eigentlich fest vorgenommen: Irgendwo einkehren und zuschauen, wie die Leute vorbeispazieren, damit nicht nur ich immer irgendwo vorbeispaziere. Aber ich spaziere lieber weiter. An der Mariahilferstraße noch ein Veganista-Eis, Banane und schwarzes Kokoswasser, ersteres unendlich köstlich, zweiteres kann nicht mit den begeisterten Beschreibungen mithalten, die ich darüber gehört habe.

In der Kaunitzgasse finde ich ein Sonnenuntergangswölkchen, und während ich Eis, Fotoposition und Handy ausbalanciere, glitscht mir das Gerät aus der Hand und holt sich am Asphalt einen ordentlichen Sprung am Display. Noch Stunden später wundere ich mich darüber, dass mich das kaum aufregt. Und dabei war das Wolkerl gar nicht so toll.

100 x 100 (59)

Heute hab ich mir zwei Stunden geklaut und war im botanischen Garten, Fotos fangen. Das war zwar nicht ganz frei, weil ich die Fotos demnächst für ein anderes Projekt brauche, hat sich aber doch frei angefühlt. Und gut, weil ich das in den letzten Monaten sträflich vernachlässigte Makro noch durchaus beherrsche. Unterwegs, nicht zu warm nicht zu kalt, ziemlich zufrieden. Das Fitnessarmband auch endlich wieder befriedigt. Danach wieder an die Arbeit, schließlich ist ja Tag der Arbeit. Neben Fussball arbeiten hat immer schon Spass gemacht, hoffentlich wird das Spiel nicht allzu spannend.

OK, ein Foto geht noch (Nix für Arachnophobiker).

Frühlingsspaziergang ohne Frühling

Ein überraschend ausgefallener Vormittagstermin versetzte mich in die glückliche Lage, die Nachmittagsarbeit mittags schon erledigt zu haben. Zwar hätte ich noch reichlich nachlegen können, aber man will ja weder die ToDo-List durcheinanderbringen noch das Fitnessarmband enttäuschen. Also wagte ich mich in den etwas wärmeren, aber dennoch tristgrau-feuchten Donnerstag, im Kopf vage Ideen. Vielleicht doch mal einen neuen Kochtopf besorgen, vielleicht ein paar Fotos mit heim bringen, vielleicht einen kleinen Imbiss unterwegs, und, ach ja, seit mein Strickkörbchen durcheinandergekommen ist, wollte ich ja auch ein Nadelmass besorgen, denn momentan stricke ich Pi mal Daumen (was erstaunlich gut funktioniert).

Ich schlug erstmal den Weg zum sympathischen halbtürkischen Allesundnix-Laden ein, in dem ich letztens ganz gute Kochtöpfe gesehen hatte, kam aber zu dem Schluss, dass man etwas schweres wie einen Kochtopf doch eher am Ende des Spaziergangs kaufen sollte. Stattdessen ging ich ins Handarbeitsgeschäft gegenüber und fragte nach dem Nadelmass, das die Dame aber auch nicht vorrätig hatte. Sie empfahl mir an dessen Stelle das Werkzeug, mit dem Installateure ihre Rohre messen, aber ich vermute, dass das etwas mehr kostet als ein Karterl mit Löchern drin.

Ich spazierte die Reinprechtsdorfer bergab, dann die Schönbrunner stadteinwärts, mit Zeit genug für offene Augen. Den Lokalen wachsen, dem Wetter zum Trotz (es nieselt schon wieder), doch langsam Gastgärten. Nur vor den Blumengeschäfte sichtet man Frühlingsblumen, immerhin die schon schön bunt. Im Schaufenster eines Tätowierer-Ladens stehen Blumentöpfe mit knallgelben Primeln malerisch um einen furchterregenden Ton-Totenkopf drapiert. Ein Radfahrer fährt bei Rot über die Ampel, und ich grantle ein wienerisches „Rot gilt auch für dich!“ hinterher. Der Dame hinter mir, die meint, die Ausländer würden sich ja so und so an keine Gesetze halten, muss ich leider erklären, dass heimische Radfahrer die Verkehrsregel-Ignoranz mindestens ebenso gut beherrschen.

Fast könnte einem sowas die Laune verderben, doch da lockt schon wieder ein spannendes Schaufenster. Das Pannino e Vino, jahrelang eher unscheinbar, hat sich zu einer schinkengefüllten Spezialitätenhöhle gemausert. Da könnte man doch einen kleinen Imbiss…? Ich rufe den Herrn Sufi an, der jedoch aus dietätischen Gründen ablehnt. Eh besser, bin ich doch gerade erst bei der Hälfte der angepeilten Schrittzahl.

In einem Schaufenster begegnet mir ein Leinenkleid in einem Rot, das ganz ideal zu meiner Henna-Haarfarbe passen würde. Der Kaufvorgang bringt ein unerwartet spannendes Gespräch mit der Dame des Geschäfts, die, wie sie erzählt, trotz ihrer 80 Jahre noch mindestens einmal die Woche im Laden steht, und auch sonst sehr frisch geblieben ist. Geschichte und Politik findet sie spannend, letztere aber auch ein bisschen besorgniserregend, kürzlich hat sie sich ein iPad zugelegt und versucht ihre Altersgenossinnen zu überzeugen, was das für tolle Möglichkeiten birgt. Dass alle immer jammern, versteht sie überhaupt nicht: Die Leute wüssten ja nicht, wie es früher einmal war, und wie es anderswo ist. Uns geht es ja gut, ist sie überzeugt. Nur der Umgang der Politik mit kleinen vs den großen Geschäftsleuten gefällt ihr nicht; die kleinen würden gepiesakt, wohingegen die Konzerne ihre Schäfchen ungestört ins Trockene bringen können. Wo sie recht hat, hat sie recht!

So geht Altwerden, denke ich, als ich mein neues Kleid ins Nasse trage, denn der Regen hat etwas zugelegt. Aber auf der Margaretenstraße kann man gut von Dach zu Dach huschen, und sollte es noch schlimmer werden, kann man ja immer noch irgendwo hinein gehen. Nächster Stopp: Wollgeschäft! Nadelmass!

Allein, das Wollgeschäft existiert nicht mehr. Das Schaufenster ist leer, und an der Tür nur ein lapidares „geschlossen“. Das habe ich nun davon, denke ich, dass ich eher in andere Bezirke in besser sortierte Läden oder gar ins böse Internet gegangen bin, um Wolle zu kaufen. Wenn man dann doch einmal etwas aus der Nähe braucht…

Kurz überlege ich, zum Trost bei Veganista einzufallen und vielleicht das neue Dattel-Eis zu probieren, aber meine Finger sind kalt, und mein Hunger will gerade eher salzig. Ins POS vielleicht? Oder ins Blue orange? Doch an der Querstraße lockt optisch der Naschmarkt, und ja: Da war ich doch seit dem Herbst nicht mehr! Zwar ist es schwer, am bestsortierten Buchgeschäft des Grätzels vorbeizugehen (wer weiß, wie lange es das noch gibt, wenn ich auch heute wieder kein Buch kaufe), aber der Stapel der noch Ungelesenen Käufe neben meinem Bett spricht eine deutliche Sprache.

An verlockenden Ideen vorbei erreiche ich den Markt.

Der Naschmarkt, mit allen seinen Düften, mit vertrauten und exotischen Genüssen, ist trotz der immer noch unpassenden Souvenirgeschäfte immer wieder eine Augen- und Nasenfreude. Mir scheint gar, dass die Touristenfallen gegenüber der Zeit kurz nach dem Umbau etwas zurückgegangen sind. Erstaunlich sind ja die immer wieder neu erfundenen, bis dahin unbekannten Spezialitäten, die eines Tages auftauchen, sich über den Markt verbreiten und dann meistens langsam wieder verschwinden. Voriges Jahr (oder vielleicht schon vorvoriges?) war es die Wandererschnitte, Früchte und Sesam und Kakao in gepresster Form. Sie hat die Saison überstanden und ist auch in diesem Jahr noch überall präsent. Neu hingegen, und immerhin schon an drei Ständen gesichtet, scheint mir heuer der strahlend blaue Lavendelkäse. Obwohl mir das Heidelbeer-Lavendeleis letztens ganz ausgezeichnet gemundet hat, will ich mir den Lavendel in Kombination mit Käse geschmacklich nicht vorstellen, aber vielleicht tue ich der Innovation ja Unrecht.

Ich wechsle aus dem Markt- in den Kulinarik-Gang, wo unter den Markisen die Heizschwammerln ihr Bestes geben.  Man könnt ja vielleicht ein koreanisches Supperl, oder ein paar Sushi…? Ich bin unentschlossen und erreiche so das Marktende, wo im ehemaligen Fischgeschäft ganz neu die Rinderwahn-Burger angeboten werden. Das kann man doch ruhig einmal probieren. Ich bestelle einen Cheeseburger und ein Cola, bezahle, und erhalte einen Dongle, der piepsen wird wenn der Burger fertig ist, und einen Zettel mit dem Code für die Getränkemaschine. Ersteres finde ich pfiffig, letzteres eher überdrüber. (Wär OK, wenn das ein Refillable wär, aber wegen eines einzigen Bechers?). Anyway, bevor ich mich noch entscheiden kann, ob ich die aus Europlatten gezimmerten Gastgartenmöbel cool finde oder nicht, piepst schon mein Dongle.

Der Burger ist ein durchaus feiner. Das Verhältnis zwischen Brötchen, Salatgarnitur, Sauce und Fleisch ist mengenmäßig perfekt. Das Brot leicht angetoastet (großer Pluspunkt), die Garnitur frisch, die Sauce gerade richtig üppig. Das Fleischlaberl ist von guter Qualität, wobei es von mir aus gern etwas weniger durch und etwas gewürzter hätte sein können – aber ersteres hätte man vermutlich dazusagen, letzteres mit den frei verfügbaren Zusätzen am Serviettentisch beheben können. Kann man jedenfalls genussvoll essen, und auch das Preis-Leistungs-Verhältnis passt gut.

Während ich so recht zufrieden an meinem Burger nage, wird das Nieseln stärker. Man hätte den Burger nehmen und sich unter ein Dach zurückziehen können, aber verdammtnochmal! Wenn ich so schon zum ersten mal in diesem Jahr im Freien genieße, will ich gefälligst auch richtig im Freien genießen. Schließlich ist der erste Freiluft-Genuss des Jahres auch eine symbolische Handlung: Der Schritt aus dem beschränkten eigenen Wohnungsleben in die Draußen-Welt voll Leben und Licht. Also setze ich mir einfach meine Kapuze auf und esse etwas schneller.

Danach wieder durch den Naschmarkt zurück mäandert. Vor einem Gewürzladen liegt Henna, mit arabischen Buchstaben beschriftet, und weil ich mit der Intensität der kürzlichen Färbung nicht ganz zufrieden bin, geh ich hinein und frage, welches der Päckchen denn nun das kräftigste Rot verspricht. Der junge Mann hinter der Theke wirkt leicht überfordert. Er zeigt auf das eine Packerl und sagt: „Feuer!“, dann auf das andere: „Kupfer!“ – „Aber welches ist stärker?“ frage ich. Er seufzt und fragt dann auf arabisch einen Schatten im hinteren Teil des Ladens, der sich ächzend erhebt und nach vorne kommt. Der Mann sieht aus, als hätte er nicht erst die Kreuzzüge, sondern schon den Bau der Arche höchstpersönlich miterlebt, aber er nimmt ein Päckchen in jede Hand und erklärt mir dann, ausführlich und nachvollziehbar, in stark akzentuiertem aber ansonsten einwandfreiem Deutsch, die Lage. Die Feuer-Packung ist zwar eigentlich die stärkste, wirkt aber nur richtig auf hellem Haar. Die Kupfer-Packung dagegen ist für meine Haare (er schaut prüfend) vermutlich die bessere, außer (er schaut wieder prüfend) ich möchte Grau überdecken (ein dritter prüfender Blick), aber danach sähe es ja nicht aus. Ich bedanke mich für die gute Beratung und greife zu Kupfer. Er mahnt mich noch zur Vorsicht. Länger als zwei Stunden, und es würde richtig gefährlich rot. Genau das ist der Plan, entgegne ich, und er grinst und zeigt mir den Daumen hoch, bevor er wieder im Schatten verschwindet. Ich werds dann demnächst mal mit drei Stunden probieren.

Ein Stückchen Naschmarkt habe ich noch, und ich bin schon wieder ganz zu Hause in den bunten Gerüchen. Vor mir jetzt ein sichtlich genierter Wiener mit einem sichtlich illuminiertem Gast, der mit slawischem Akzent alle paar Schritte „Wodka! Wir brauchen Wodka“ verlangt. Ich gehe langsamer, um nichts zu verpassen. Der ganze Naschmarkt, Standler wie Besucher, deutlich amüsiert. Man zeigt sich durchaus hilfreich. Glühwein gäbe es, Bier gäbe es, Raki gäbe es. Aber halt keinen Wodka. Nicht einmal der Dr. Falafel, bei dem im letzten Jahr immer ein paar Flaschen Spezial-Wodka auf der Theke standen, kann helfen. Am Ende der Standln, wo das Mädchen mit den Nüssen dem Mann eine Gratiskostprobe anbietet, klingt er sehr resigniert und fast ein bisschen weinerlich. „Ich will doch nur Wodka!“ wiederholt er ein letztes Mal, und nimmt doch eine Handvoll Nüsse. Vielleicht als Trost.

Für mich wird es Zeit, links abzubiegen. Als ich durch die Gassen und Gässchen Richtung Heimat strebe, wird das Nieseln zum Regen, und der sogar kurzfristig zu einem Guss. Schirmlos kann ich nur versuchen, mich zwischen den Tropfen durchzuschummeln, was nicht ganz gelingt, und so erkenne ich schnell, dass „nicht kalt“ noch lange nicht warm bedeutet. Also statt angedachten Freundschaftsbesuchs nach Hause geeilt. das Fitnessarmband ist längst befriedigt, selbst bin ich satt und zufrieden und freue mich auf ein Wetter, das mir erlaubt, mein neues Kleid in die Welt zu tragen. Der Kochtopf, ach. Der hat noch Zeit.

Ich mag diese Stadt. Sagte ich das schon?

Da braut sich was…

Nach einer ziemlich langen Weile regnete es tatsächlich. Ich rettete mich ins Mosquito, aß eine Wurst und nahm dann den Bus zur Donaustadtbrücke, wo der Regen schon wieder vorbei war. Also das Stück bis zur Reichsbrücke zu Fuß, z’wegn der Cloudscapes. War eine fototechnisch wertvolle Entscheidung.

Wanderung mit Blümchen und Fluss

Als die Füße heute wieder unruhig wurden, hatte der Kopf dank reduzierter Außentemperaturen endlich einmal Gelegenheit, ein Wunschziel einzubringen. Die Blumengärten Hirschstetten sollen nämlich nicht nur eine kurzweilige Spazierumgebung bieten, sondern auch Gelegenheit zu großartigen Fotos – hatte ich mir zumindest erzählen lassen. Die Füße stimmten zu. Verkehrstechnisch einigten wir uns, mit der U-Bahn zu fahren, die lächerlichen 4 Stationen mit dem Anschlussbus wollten die Füße selbst in Angriff nehmen.

Die Gegend um die U-Bahnstation Apsernstraße ist merklich Neubaugebiet. Es wirkt etwas verloren und verlassen, aber größtenteils auf sympathische Art. Die Kombination von neuem Wohnbau und wilder Gstätten hat mich halt schon immer fasziniert.

Ich weiche vom vorgegebenen Weg ab und laufe durch die kleinen Gassen zwischen Aspernstraße und Erzherzog-Karl-Straße. Hier sind Reihen- und Einzelhäuser in neu und mittelalt, bis in die 80er zurück vielleicht, die alle hell und freundlich aussehen und viel Grün in sich und um sich herum tragen. Fotografieren trau ich mich nicht recht, weil aus jedem zweiten Garten eine misstrauische Oma linst. Schade eigentlich, vielleicht fahr ich dort mit weniger Zurückhaltung noch einmal hin.

Ein Stückchen weiter ist die Zeit wohl eine ganze lange Weile stehengeblieben.

Und wieder ein Stückchen weiter locken Blumen- und Bauernläden die Kundschaft an. Sehr urban wirkt es hier nicht mehr. Es ist windig und kühl, insgesamt sehr angenehm.

Dann verirre ich mich auf eine Baustelle, die Google Maps nicht kennt, und finde nur unter Missachtung aller Verbots- und Hinweisschilder und mit Überklettern zweier Betönklötze wieder in die richtige Richtung, was weder die Bauarbeiter noch die abladenden Lastwagenfahrer stört, sondern nur den Radfahrer, der am anderen Ende des Zauns sehnsüchtig in die Richtung schaut, aus der ich gerade gekommen bin. „Da darf ma ned durch“, zeigefingert er. „Jo eh“ sage ich, recht entspannt, weil ich bin ja schon durch.

Noch eine Straße mit Satellitenwohnbau links und Vorstadtgewerbe rechts, dann habe ich die Blumengärten erreicht. Auf dem Fon habe ich irrtümlich HDR aktiviert, was diesem Arrangement in der Einfahrt einen surrealen Touch gibt.

Gleich beim Eingang lockt das Palmenhaus. Obwohl mir mehr nach Outdoor zumute ist, werfe ich einen Blick hinein. Kaum ist die Tür hinter mir zu, ziept ein exotischer Vogel an mir vorbei. Damit habe ich nicht gerechnet. Die Dschungel-Atmosphäre wirkt authentisch.

In der Mitte ein kleiner Teich, hinten handgeschnitzte Sessel. Eine Treppe, auf die man nicht hinaufdarf. Ich versuche eine Zeitlang, die Vögel zu fotografieren, die aber immer nur ganz schnell zum Wasser runterschießen und dann wieder im Blattwerk verschwinden. Den einen, der eine halbe Minute lang stillsitzt, erwische ich nicht, weil die Linse der großen Kamera von der Feuchtigkeit beschlägt. Na gut, wenden wir uns halt den anderen Tierchen zu.

Der Eidechs ist übrigens aus dem mediterranen Raum, der – zumindest in Hirschstetten – viel wärmer ist als die Tropen. Die Orchidee (wieder im Tropen-Raum) hält auch still.

Subtropisch gäbe es dann auch noch, aber mich zieht es an die frische Luft. Draußen spaziert man erst einmal an vielen geschlossenen Holzhüttchen vorbei, bevor man zu den Themengärten kommt. Die sind gut und liebevoll gemacht, immer wieder mit gemütlichen Sitzecken durchsetzt, aber dennoch hat mich irgendwie die Lust am Fotografieren verlassen. Vielleicht, weil ich heute ganz auf Makro eingestellt bin, die Aufbereitung nach Geographie oder Gartentyp eher nach der Totalen verlangen würde. Vielleicht weil es schon halb sechs war und die Gärten um sechs schließen. Oder vielleicht weil eh alles schon so gut sortiert ist. Oder weil überall übermütige Kinder herumtollen, die auch wildfremde Fotografinnen erbarmungslos umrennen. Ein paar Shots sind aber doch gelungen.

Nicht im Bild: Die mir immens sympathische Schildkröte, die mit geradezu demonstrativ faulen Paddelbewegungen den Teich durchquerte. Ich schätzte, übermorgen würde sie das andere Ufer erreichen. Ich hatte schlagartig Lust, mich auch ins Wasser zu werfen und ebenso träge dahinzutreiben.

Nach dem Erklimmen des Hirschstettener Weinbergs beschließe ich, den Rest ein andermal zu erkunden – am besten außerhalb der Ferienzeit. Der 26er, der am anderen Ende der Gärten fährt, soll laut Anzeige in 18 Minuten kommen, und da die Füße nicht so lange herumstehen wollten, gehen wir halt wieder ein Stück zu Fuß. Immer an den Straßenbahnschienen entlang, so gehts auch zur U2. Die Gegend hier nicht mehr ganz neuer sozialer Wohnbau; dennoch freundlich, nur die Fauna besteht aus hilflos ausgesetzten Gittertieren.

Ich weiß nicht recht, warum ich auf diesem Abschnitt nicht mehr Fotos gemacht habe – gerade das letzte Stück Richtung U-Bahn ist ein faszinierender Mix aus alter Satellitenstadt, neuer Stadtplanung mit U-Bahn, Straße und Baustellen sowie reichlich faszinierenden Gstätten. Ich glaub, da muss ich auch noch einmal hin.

Die U-Bahn sollte mich dann von der Hausfeldstraße nach Hause bringen. Ein bisschen was vorbereiten für morgen, ein bisschen herumhängen. Aber da hatte der Kopf die Rechnung ohne die Füße gemacht, denn die verließen den Zug ohne Vorwarnung in der Station Donaumarina. Der Kopf indes hatte nicht wirklich was dagegen. Ein Stück noch an der Donau entlang, so unaufdringliche Sommertage sind ja auch selten, und Wasserblick mit Abendlicht geht immer.

An der Donau pfeift ein frischer Wind (nicht ganz ein Sturm), und ein Wasserski-Fahrer übt das Heckwellensurfen an der schlappen Leine. Ich frage mich zum 99. Mal, wie man wohl an eins der Hausboote auf der anderen Seite kommt, und dann frage ich mich, warum ich das noch nie recherchiert habe, obwohl ich jedesmal beim Vorbeigehen dran denke. In der Donaumarina (dem Freizeithafen) ist nichts los, obwohl im Donaumarina-Lokal alle Tische besetzt sind. Ich wandere weiter und frage mich angesichts des Hilton-Waterfront-Gartens, warum auf dieser Seite der Donau ausschließlich Schicki-Lokale sitzen und nicht ein ganz normales Beisl, in dem ich jetzt nämlich ganz gern eine Kleinigkeit gegessen hätte. Vor dem Hotel, das glaube ich früher mal ein Scandic Crown war, ankern Frachter, die meisten mit Heimathafen weit donauabwärts, und das ist irgendwie ein ganz entzückender Kontrast. Nur das mit der korrekten Beflaggung sollte dieser Kapitän nochmal üben.

Ein paar Schritte weiter lasse ich mich auf einer Treppe nieder, die ins Wasser führt (obwohl man hier definitv nicht baden sollte), rolle mir eine Zigarette und existiere ein Weilchen zufrieden in Sonne und Wind.

Eine Entenfamilie kommt zu Besuch, zieht aber bald enttäuscht ab, weil zu essen hab ich nichts dabei.

Dann weiter Richtung Reichsbrücke. Die Lastkähne werden spärlicher, dann das erste Kreuzfahrtschiff. Hinter mir drei Amis, ein Typ und zwei Ladies, die ihre Koffer an der Donau entlang rollen. Aus dem Hilton? Auf dem Weg zu einer Kreuzfahrt? Oder doch zum Flughafen? Alle drei sind jedenfalls traurig, dass sie nur zwei Tage in Wien waren, das war viel zu wenig. Als sie mich überholen, weil ich eine Fotopause mache, sehe ich: Eine von ihnen geht auf locker 8 Zentimeter hohen Korkstöckeln, das ringt mir Respekt ab. Ich tät schon bei vier Zentimetern stolpern. Aber wieso irgendein Reisender, der seine Sinne beisammen hat, diese seltsamen Koffer verwendet, die man vor sich herschiebt anstatt sie hinterherzuziehen, das erschließt sich mir immer noch nicht. Dafür einem unglaublich roten, möglicherweise historischen Kran begegenet.

Nun werden die Kreuzfahrtschiffe deutlich dichter, bassige Motoren pulsieren da und dort, und ab und zu dringt eine kräftige Dieselnote an die Nase. An der Reichsbrücke gibt es einen mir bislang unbekannten Springbrunnen, der ganz neue Blicke auf die altehrwürdige Franz-von-Assisi-Kirche ermöglicht.

Gegenüber parken die Donaukreuzfahrtschiffe jetzt in Dreier-Reihen nebeneinander, davor vergnügen sich Touristen wie Einheimische im Outdoor-Gym oder hängen in Hängematten herum, und ich sollte jetzt doch zumindest in diese U-Bahn hier einsteigen, um noch halbwegs zeitig heimzukommen.

Mag aber nicht.

Da gäb’s ja sogar noch ein Lokal, das Gäste auch ohne Schlips und Goldkreditkarte bedient. Ich bin ein Augenblickerl lang beglückt, bevor ich des DJs ansichtig werde, dessen Soundauswahl Momente später an mein Ohr dringt. Nein, Belanglosigkeits-Elektro-Chill-Musi geht jetzt gar nicht. Ü-ber-haupt nicht.

Unschlüssig quere ich den Handelskai. Man könnte ja auch ein paar Stationen mit der U-Bahn fahren und dann noch am Kanal abhängen. Man könnte auch die Praterstraße entlanggehen und dort kulinarisch zuschlagen. Man könnte… ach, man könnte so viel. Aber mich ziehts zurück an dier richtige Donau. Ich hol mir beim türkischen Nah-und-Frisch-Greisler ein Wurstsemmerl und ein Wasser und ein Bier und geh zurück zu den dieselnden Schiffen und zum freien Wasser. Gut versorgt und zufrieden  vorbei an den erleuchteten Speisesälen der unkriegerischen Kreuzfahrer. Ein Stück flussaufwärts freier Blick auf Fluss und Gegend.

Ich jausne gemütlich mein Semmerl, richtig kühl wird es jetzt im Wind, aber ich hab ja noch mein Tuch. Ein altes Pärchen kabbelt sich auf einer nahen Bank ums Programm fürs Wochenende, eine Gruppe Asiaten mit Selfies-Sticks bleiben kurz stehen, um mir zuzusehen, wie ich ganz ohne Stick auch einen Selfie mache. Als ich freundlich winke, flüchten sie.

Aus den Kreuzfahrtschiffen quellen nach dem Abendessen Rauchwillige, und mein Semmerl ist aufgegessen und mein Bier ist ausgetrunken und die Zigarette danach ist auch geraucht, also mache ich mich jetzt auf den Weg. Zur U-Bahn. Wirklich.

Als ich heimkomme, dröhnt von irgendwo auf der Gassn grindige Mittelmehr-Diskomusik. Seltsamerweise stört mich das gar nicht.

Also, fast gar nicht.

Ach, verdammte Scheiße, ich mach einfach das Fenster zu.

[13,2km]

Vollmondwanderung mit Sunset-Schwimm

Dass diese seltsam fahrig-gereizte Stimmung, die mich nicht einmal in die Bachmannpreis-Texte hineinkippen ließ, von den Füßen kam, die schon viel zu lange ohne Auslauf dahinvegetieren (4 Tage unter 5km), war mir schon früh klar, aber es galt noch hier und da ein paar lose Enden aufzusammeln, bevor ich lostraben konnte, zudem die eine oder andere Kommunikation zu führen, nette wie lästige, aber heute waren auch die netten irgendwie lästig. Meinten zumindest die Füße, die in solchen Dingen eine unerhörte Überzeugungskraft über die anderen Körperteile entwickeln, dem sich schließlich auch das Gehirn nicht mehr entziehen kann.

Das ist ein bisschen blöd, schließlich habe ich den zweiten Klagenfurt-Tag blogseitig noch nicht verarbeitet, die Wäsche nicht gewaschen, und dieses Hirn hätte durchaus auch Lust auf einen geselligen Freitagabend irgendwo da draußen verspürt, bevor die verdammten Füße wieder einmal ihren Willen durchsetzen mussten.

Was solls, dann halt.

Donauinsel oder Kanal ist die Frage, der Kanal gewinnt – erstmal um Haaresbreite. Die Füße nehmen grummelnd in Kauf, dass das Hirn zum Ausgangspunkt der Expedition doch mit U- und Straßenbahn fahren will. Freitagsmassen in der Stadt wären für beide nicht das Wahre gewesen. Gleiche Richtung wie zuletzt, aber anderes Ufer. Gleich hinter der Urania geht es die Treppen hinunter, und neben entspannter Strandatmosphäre mitten in der Stadt eröffnet sich, erwartungsgemäß aber dennoch gewaltig, ein völlig neues Graffiti-Universum.

Gerade an der Katze (1. Bild) wird sehr schön klar, wie die Schichten der Zeit im Graffiti-Freigebiet Donaukanal quasi in Tag-Generationen aneinander wachsen, finde ich.

Das Bunte endet hier schneller als auf der anderen Seite, das Ufer ist etwas „wilder“, verwachsener, streckenweise geradezu waldig. Metallene Sitzgarnituren, oft auch mit Tisch, sind gut besetzt. Jugendliche blasen einander Hiphop um die Ohren, ein paar abgerissen aussehende Pensionisten teilen zwei Bier durch drei Trinker, eine Biegung später zwei eher edel gekleidete ältere Herren und eine Dame beim Kartenspiel. Angenehm, dass hier Fuß- und Radweg getrennt sind, nicht so angenehm, dass die Straße nahe und laut ist. Eine Gruppe junger Mädchen lacht vorbei, jede einzelne bekränzt nach Hawaii-Art, ich frage mich, ob ihnen bewusst ist, dass alles ringsum einen Moment innehält vor so viel jugendlicher Lebensfreude.

Unten auf den Steinen, mit denen streckenweise das schnell fließende Donaukanalwasser in kleine Becken geleitet wird, sitzen Gestalten in Badehose und Bikini. Ich frage mich, ob sie hier auch baden. Ich hoffe nicht, so, wie das riecht. 

Ein Stück weiter wird die Nähe zum Hundertwasserhaus sichtbar.

Direkt neben dem Weg immer wieder eigenartige bunkerartige Bauwerke, nur eins von den vielen besprayt.

Auf der anderen Seite immer wieder grüne Idyllen, in denen HundebesitzerInnen ihre Wauwaus baden schicken.

Je weiter kanalabwärts es geht, umso weniger Bänke sind besetzt, und umso weniger Jogger, Hundebesitzer und Flanierer sind unterwegs. Nur Mist gibt es auch hier reichlich.

Die Brücke, an der ich letztens abgebogen bin, ist erreicht. Auch an diesem Ufer wird die Straße nebenan zur Autobahn und rückt unangenehm nah. Ein Stück dahinter gibt es fast zu viele Entscheidungsmöglichkeiten.

Bratislava käme den Füßen vermutlich gerade recht, aber der dichte blecherne Verkehr hält mich davon ab, über den Zaun zu klettern und diese Richtung einzuschlagen. Stattdessen freue ich mich an dem grünen Gewucher ringsherum.

Die als sensationell angekündigte Hitze ist übrigens ausgeblieben, findet jedenfalls mein Körper, Thermometer habe ich keines mit. Es ist warm, sommerlich warm, beim schnelleren Gehen durchaus ein bisschen schwitzwarm, aber weder drückend noch schwül, und schon gar nicht „ichwillnurnochimschattenimliegestuhlliegen“-warm. Nervig dagegen die Schwärme kleiner Mücken, die irgendwie überall sind; zwischen den Bäumen halte ich die Hand vor Mund und Nase, um sie nicht einzuatmen, nachdem mir genau das zwei Mal passiert ist. Die Raben, die auch an diesem Ufer reichlich herumlungern, sind wenig hilfreich. (Was fressen eigentlich Raben?) Aber mit dem Zurückweichen des Gebüschs lassen auch die Mücken nach, und jetzt hat endlich der gemeine Fußgänger die Möglichkeit, sich ebenfalls zu entscheiden. Zumindest wenn er bereit ist, sich als Radfahrer auszugeben.

Nun wäre ja der Donaukanal(rad)weg angesagt, denn ich will, wie êigentlich schon letztes Mal, endlich wissen, wo dieser Kanal zurück in die Donau mündet. Aber dieser Weg führt an der Autobahn entlang, soweit das Auge reicht, die Autobahn ist voll von lästigem Freitagabendverkehr, und ohne das Hirn weiter zu befragen, beschließen Füße, Ohren und Augen, jetzt doch lieber in Richtung Donauinsel abzuschwenken. Den Donaukanal kann man einmal bei weniger Verkehr weiter verfolgen, an irgendeinem Sonntag in der Früh vielleicht.

Die freitragende Rampe hoch zur Brücke gibt mir ein seltsames Gefühl. Nicht Schwindel; im Gegensatz zu allem, was ich gehört habe, bin ich heute eher weniger schwindlig als früher, sondern den Eindruck, sich über den kargen Beton quasi freizulaufen von allem, was bisher ein bisschen zu nahe war, ohne dass man das so recht gemerkt hat.

Oben freier Blick auf eine seltsam künstlich anmutende Stadt. Auf dem Gegenlicht-Foto kommt das noch ein bisschen stärker heraus als in Wirklichkeit.

Auf der anderen Seite Schrebergärten und Tennisplätze, die so leer und verlassen wirken, dass ich das Gefühl habe, ich muss da ganz schnell durch, bevor der Horrorfilm-Horror seinen Lauf nimmt. Leere Schrebergärten an einem Freitagabend sind doch nicht wirklich normal? Ich zucke zusammen und bin doch gleichzeitig erleichtert, als eine scharfe Altfrauenstimme irgendwo hinter einer Buchsbaumhecke nach ihrem „Karliiii!?“ ruft.

Noch ein zwei Kurven weiter und ich bin mitten im Prater. Also, im grünen Prater, nicht im Vergnügungspark. Das hätte ich mir zwar rein geographisch denken können, aber so richtig gedacht habe ich schon seit ein paar Kilometern nicht mehr. Das ist ja irgendwie der Sinn der Sache.

An seinen Ausläufern ist der Prater richtig sympathisch. Man könnte wirklich meinen, man wär am Land, wenn nicht die Autobahn (jaja, hier läuft die andere entlang, mit mindestens ebenso viel Freitagabendverkehr). Kastanienbäume, Wiesen, vereinzelte  :) Schrebergartensiedlungen. Doch dann wird er so wie man ihn kennt. Irgendwie fad grad. besonders ohne Fahrrad. Und wenns dem Hirn fad ist, dann sind auch die Füße nicht mehr ganz so entschlossen, das muss man fairerweise zugeben, die Beziehung ist durchaus eine gegenseitige.

Im Grunde könnte man deshalb jetzt die paar Schritte zurück gehen und den Bus nehmen, der… da gibt es nur ein Problem: Zurück geht gar nicht.

Überhaupt nicht, unter keinen Umständen, außer vielleicht wenn akute Lebensgefahr besteht. Und die besteht ja nun keineswegs. Die Wasserflasche ist halb voll, die Radfahrer sind zivilisiert, und eigentlich seh ich „da vorn“ eh schon die Brücke. Die zur Insel. Also latschen wir halt noch über die Brücke, und nehmen dann den Bus flussabwärts. Keine große Sache.

„Da vorn“ ist natürlich ein durchaus dehnbarer Begriff, und meine Entfernungswahrnehmung ist keineswegs die beste. Immerhin erfahre ich auf diese Weise, dass es neben den Bade- und Naturschutzgebieten auch noch Altflussgebiete gibt, die sich dem Ruf als öffentliches Naherholungsgebiet erfolgreich entziehen und auch an einem wunderschönen Freitag still und einsam daliegen. Erstaunlich, bei solch idyllischen Anblicken.

Zwei Schrebergartensiedlungen und ein halbes Industriegebiet später stehe ich tatsächlich vor der Brücke. Die ja eigentlich nur die Fortsetzung der Autobahn ist, mit einer Rampe, auf der die Radfahrer quasi eine Etage unter den Autofahrern die Donau überqueren können. Oben ist es relativ hoch, und ich erlebe erstmal einen leichten Anflug von Handy-Schwindel („OK, ich pass nicht durch den Spalt da an der Seite, aber was wenn mir das Handy aus der Tasche rutscht und in den Fluss fällt?“), der sich leicht ignorieren lässt, sitzt das Handy doch fest in der Tasche. Nur ein paar Schritte später allerdings befällt mich richtiger Schwindel, den ich erst gar nicht zuordnen kann. Hm. So heiß ist es doch gar nicht, so weit bin ich doch gar nicht gelaufen, Wasser habe ich genug getrunken, was zum Teufel ist jetzt…

Der nächste Schwerlaster über mir macht klar: Es liegt nicht an mir, die Brücke schwankt tatsächlich. Nur ein ganz kleines bisschen, aber genug, um ein unterschwellig mulmiges Gefühl auszulösen. Beruhigt latsche ich weiter; an sowas gewöhnt man sich schnell. Links und rechts zischen, ziehen und schleichen Radfahrer an mir vorbei, auch daran kann man sich gewöhnen.

Doch plötzlich stört etwas die sportliche Idylle.  Es ist eine ausgesprochen bundesdeutsche Intonation, die da donnert: „Hören Sie mal, das ist ein Radweg, da können sie doch nicht spazieren gehen!“. Die Stimme sitzt behelmt auf einem Fahrrad, das mit allen Taschen ausgestattet ist, die man auch nur irgendwie an einem Fahrrad anbringen kann, und das Donnern gilt einem älteren Pärchen, das mir entgegen kommt und dem Donneranten offenbar im Weg war. Ich bin schon fast in Spechnähe und lege mir ein „In Wien sehen wir das nicht so eng“ zurecht, das ich allerdings nicht los werde, denn hinter dem Deutschen ist ein typischer Wiener Rennradfahrer aufgelaufen, also ein typischer Rennradfahrer mit Bierbauch. „Gehst auf’d Seiten?“ schlägt er dem Deutschen erst einmal relativ freundlich vor, was der Radreisende aber offenbar nicht vor hat. „Die können doch hier nicht spazieren gehen!“ Wiederholt er, während ich absichtlich langsamer gehe, um die Entfaltung des Dramas nicht zu verpassen. Mit Recht.  Denn während der männliche Teil des spazierengehenden Pärchens etwas unbeholfen anfängt „Wos soll des haßen, wir kennan do ned…“, hat der Wiener Rennradfahrer bereits die Hände in die Hüften gestemmt und donnert nun seinerseits „Wennst dein Kreibl ned glei wegramst, fliagt a in die Donau, dann gehst a spaziern!“

Mittlerweile hat sich auf beiden Seiten der Blockade ein kleiner Radstau gebildet, aus dem jetzt eine Mischung aus Kichern und Unmut aufsteigt. Ich drücke mich am Zentrum des Geschehens vorbei und atme unversehens eine Bierwolke ein, ohne den Verursacher mit Sicherheit ausmachen zu können.  Ich verdächtige aber den halbwegs gewaltbereiten Bierbauchträger. Unter Radgequietsche und Unmutsgemurmel löst sich die Sache auf.

In der Mitte der Brücke, also über der Insel, stelle ich fest, dass es hier nicht weiter geht. Also, es geht natürlich weiter, nämlich runter auf die Insel, aber eben nicht weiter ans andere Donauufer, wo der Bus fährt, den ich mittlerweile doch ganz gern genommen hätte. Da seufzen sogar die Füße.

Was solls. Dafür begrüßt mich die Insel mit einem Wortspiel, und ein paar Schritte später mit künstlerisch und kulinarisch ansprechenden Sujets.

Oh, und mit dem Licht. Diesem Frühsommer-Abendlicht, das selbst etwas völlig Banales wie ein Kraftwerk irgendwie bedeutend und schön aussehen lässt.

Dennoch, irgendwie zaht es sich jetzt schon ein bissl. Vor allem, weil das Wasser deutlich lockt. Aber ein Badeanzug ist nicht mit, und der FKK-Bereich ist noch nicht erreicht. Es bleibt also nichts anderes übrig, als weiterhin Schritt für Schritt… Immerhin weht mittlerweile ein angenehm laukühler Wind.

Die angekündigte Polizeipräsenz auf der Insel ist übrigens tatsächlich intensiv. Auf dem Stückl von einer Brücke zur nächsten 3x mal eine Streife vorbeifahren gesehen, wobei ich nicht sicher bin, ob das 3x die selbe oder drei verschiedene waren.

Aber endlich. Die Brücke ist erreicht, jetzt sind es nur noch ein paar Meter bis dorthin, wo man wirklich alle Hüllen fallen lassen kann. Oh, Moment! Noch schnell ein Sonnenuntergangsfoto!

Da, ein (fast) freies Badefloß. Ich werfe alles von mir, was nicht ins Wasser soll, und anschließend mich in selbiges. Perfekter Moment! Das Wasser hat im Verhältnis zur Luft die richtige Kühle, um frisch, aber nicht schockig zu sein. Ein paar Schwimm-Meter später (3-400 vielleicht?) lege ich mich auf den Rücken und bewundere die Wolkenschaft über mir, die sonnenuntergangsrot kuppelhaft mein ganzes Blickfeld einnimmt. Wunderbar! Und dann traut sich sogar noch der Mond hinter seiner Wolke hervor. Oder doch zumindest so halb.

Auf dem Heimweg dann noch von der Klimaanlage im Bus tiefgefroren und anschließend in der unklimatisierten U-Bahn resch aufgebacken worden, aber was solls. So durchblutungsfördernd ist er halt, der Sommer in Wien.

 

Stadtwanderung, 14.5km

Erst einmal von der Peripherie Richtung Vierten. Sonne und Wolken wechseln einander ab; im großen Park spielen Kinder, Erwachsene turnen auf den Freiluft-Geräten. Eigentlich wollte ich ja zur U-Bahn, aber die Füße haben Lust auf Straße. Die Stadt lebt deutlich, und die Wände sprechen Vorstadt.

Unterwegs ein Büchergeschäft. Schon lange keine Lyrik mehr eingekauft, denke ich und hoffe auf einen Jahressampler moderner AutorInnen oder Ähnliches, doch auf meine Frage nach Lyrik schickt man mich zu einem Tisch mit Loriot, Gartengedichten und Motivationsversen. Na dann halt nicht, denke ich, innerlich dennoch irgendwie indigniert. Draußen beginnt es zu tröpfeln, was sollte eine solche Wolke denn auch sonst machen?

Sie hört aber bald wieder auf. Im Kreisky-Park ist glatt eine Hängematte frei, und ich schenke mir ein halbes Stündchen, blinzle mit meinem Hörbuch-Krimi im Ohr in Richtung Slackliner und Barfusskinder. Dann wieder weiter.

Am Freihausviertelfest spielt Hary Wetterstein, und der „Trancedelic Tribal Beat“ passt ganz hervorragend in den Tag. Das Drumherum nicht so ganz. Zu viele Menschen, und dort, wo der Naschmarkt lockt, würde ein Meeresufer noch viel mehr locken. Die schwarzen Wolken tröpfeln nur einmal kurz, beinah wie versehentlich, schicken aber den einen oder anderen angenehm kühlen Windstoß vorbei.

Nach dem Konzert habe ich keine Lust mehr auf die Massen. Auf zu Hause aber auch nicht. Na gut, dann halt nochmal am Donaukanal entlang. Ich nehm die U-Bahn bis zum Schwedenplatz; auf dem Weg dorthin erfahre ich, dass am Karlsplatz jetzt Wein wächst.

Der Wind nimmt zu, oben wolkt es noch immer, doch Tropfen kommen keine mehr. Ich nehme die andere Richtung heute, die, von der ich aus unerfindlichen Gründen immer dachte, dass der Fußweg dort nicht weit weiter geht. Ein klarer Irrtum.

Erst einmal geht es an den neuesten Graffiti vorbei. Für heute sammle ich die Gesichter, beschließe aber, bald wieder zu kommen.

Donaukanal Faces

Danach zwei Lokale, von denen ich noch nie gehört habe, die aber beide so aussehen, als könnte man hier ausgezeichnet abhängen. Ein andermal, die Füße sind asphalthungrig. Ein paar hundert Meter weiter wird es grün, Beton sowie die Farbe darauf wird weniger. Jogger und Hundeausführer sind unterwegs, Jugendliche und nicht ganz so Jugendliche auf den Bänken; würde nicht von oben die Schüttelstraße Freitagabendverkehr rauschen, könnte man meinen, man wäre … ja, wo?

Robert Schindel

Robert Schindel

Bei „Schüttelstraße“ fällt mir frei assoziativ Robert Schindel ein, und es irritiert mich, dass mir ein bestimmter Text nicht mehr ganz einfällt. Nach dem Heimkommen gleich danach gesucht. Und gefunden.

Unterwegs stattdessen ein bisschen Brecht rezitiert, innerlich. So, wie Musik im Ohr alles um mich herum zu einem Film macht, macht Lyrik im Kopf alles wunderbar wunderlich. Die Frau, die im untadeligen Business-Outfit kleine weiße Früchte aus einem buschigen Baum pflückt und isst. Eine einsame Socke auf dem Gehweg, sauber, frisch wirkend, schwarz. Die vielen Raben, die auf der Wiese verteilt sitzen wie Gäste in einem halb leeren Kaffeehaus, jeder schaut in eine andere Richtung, man möchte ihnen glatt eine Zeitung reichen. Als ich näher komme, hüpft einer davon, zum Wegfliegen wirke ich wohl nicht gefährlich genug. Nur ein paar Hopser, ein Blick über die Vogelschulter, schon sitzt er wieder. Und dann, eine Wiese weiter, ist das etwa…

Es ist ein Hase. Ein prächtiger, großer Hase, mitten in der Stadt, die Ohren drehen in meine Richtung, obwohl ich stocksteif stehengeblieben bin mitten im Schritt. Ganz langsam greife ich in meine Hosentasche nach dem Foto-Fon, doch bevor ich ihn ablichten kann, ist er schon ein Stück davongehoppelt, zu weit für die Fon-Linse. Er dreht sich noch einmal zu mir um und verschwindet dann im Gebüsch. Wär ich ihm gefolgt, müsstet ihr jetzt Alice zu mir sagen. Stattdessen lauert unter der nächsten Brücke eine Riesenschildkröte.

Wer weiß, was die nun wieder vor hat.

Von da an wird der Weg etwas ungemütlicher, weil weiter weg vom Wasser und näher an der Durchzugsstraße, aber irgendwie will ich jetzt wissen, wo der Donaukanal denn zurück in die Donau mündet. Irgednwie seltsam: Die Stelle, wo er von der Donau abzweigt, ist mir vertraut seit vielen Jahren, aber wo es wieder zusammengeht, darüber habe ich nie nachgedacht.

Die Füße sind begeistert, obwohl von Schritt zu Schritt klarer wird, dass ich mir da wohl eine Blase laufe.  Die Spaziergänger und -läufer werden spärlicher. Noch eine Brücke, und die Straße nebenan wird zur Autobahn. Aber es ist nicht nur Autolärm, den ich höre, es ist…

Ein Schlagzeug? Eine Gitarre? Eine lockende Rock-Röhre? Die Augen bemühen sich, zu erspähen, was die Ohren schon längst als Zielkoordinaten eingestellt haben. Hm, da müssen wir die Treppe hoch und über die Autobahn, und dann…

Es ist ein Fest im Garten des Atom-Instituts der TU Wien, und der Sound ist gut genug, um sich gerne reinschummeln zu wollen, aber… als ich das Tor entdeckt habe, stimmt die Band „Happy Birthday“ an, und damit ist es irgendwie auch schon wieder vorbei. Meinen zumindest die Füße, die bereits wieder volle Geschwindigkeit in Richtung Brücke aufgenommen haben, während der Kopf noch überlegt, ob man nicht vielleicht doch…

Na.

Das Erkunden der Donaukanalmündung wird auf einen nächsten Spaziergang warten müssen, der Kopf hat den Füßen Stadtlust eingejagt. Jenseits der Brücke ist sehr Erdberg. Die Cafe-Gärten fest in slawischer Hand, aus dem Puff am Eck kommt einer mit gesenktem Kopf und verschwindet zwei Ecken weiter im Kebab-Laden. Die Gäste des Hotels daneben wälzen Karten im Kerzenlicht. Die Füße würden gerne die ganze Nacht lang weiterlatschen, es ist der Kopf, der das angesichts der wachsenden Blase nicht ganz so prickelnd findet. Na schön, dann halt zur nächsten U-Bahn-Station.

Zu Hause ist auch Sommer. Irgendwie hätte ich jetzt gern das Bier, auf das ich unterwegs keine Lust hatte. Aber nochmals vier Stockwerke runter? – Prost Mineralwasser.

Stadtsonntag II

(Teil 1 war hier)

Im botanischen Garten herrschte, zumindest eingangs, malerische Hitze-Welkerei. Nur die unscheinbaren Alpenpflanzerln zeigten sich unbeeindruckt vom Sommerwetter. Dann fand ich den Bambuswald, der mit Stegen von beiden Seiten begangen werden konnte. Optisch imposant, die erhoffte Kühle blieb aber aus.

Bambuswald

Ein Stückchen weiter fanden sich dann doch noch ein paar weitere Pflänzchen, die die Hitze genau so genießen konnten wie ich. Diese zwei Dahlien etwa, ihre Vornamen habe ich vergessen. Die ganze Dahlien-Ecke war auch ausgesprochen gut besucht von hungrigen Insekten aller Art.

Strahlend Dahlie, gut besucht

Den Namen der nächsten Schönen habe ich leider nicht nachgelesen. Vermutlich hätte ich ihn aber eh nicht aussprechen können – sieht schon etwas Alien aus, das Ding.

Von welchem Planeten...?

A propos Alien – die nächste Pflanze faszinierte nicht nur mich schon aus der Ferne. Zwei schüchterne junge Menschen asiatischen Aussehens fragten mich, ob ich weiß, wie das Ding heißt. „Elefantenkraut vielleicht?“ mutmaßte ich, in der festen Überzeugung, den Namen schon einmal gehört zu haben. Es war dann aber doch ein Mammutblatt. Ich hoffe, ich habe niemandem eine Botanikprüfung versaut.

Mammutstaude

Noch ein paar schritte weiter ein künstlicher Teich voller Lotusblüten. Die haben ein ungewöhnliches Innenleben.

Lotusblüte

Auf den Bänken ringsum lasen, dösten und tratschten Menschen, ein deutsches Pärchen las einander laut die Texte von den Schautafeln vor. Eine deutlich steirische Besucherin hielt ihrem Begleiter angesichts der entsprechenden Pflanze einen ausführlichen Vortrag zum Schierlingsbecher, während er sich mehr für die tatsächlich erstaunliche Anzahl an Kohlpflanzen interessierte. Jaja, Gemüse gibt’s hier auch.

Brokkoli

Es hätte noch viele Pflänzchen zu erkunden gegeben, aber mein unstetes Gemüt wollte wieder raus in die Stadt. Knapp vorm Ausgang noch ein Hanfpflanzerl erblickt. Warum das wohl hinter Gitter musste?

Hanf hinter Gittern

Draußen an der Mauer gleich wieder wichtige politische Botschaften.

Still

Ich cruiste ein bisschen kreuz und quer, dachte, dass ich meinen Zug längst verpasst hätte, wenn ich einen hätte erwischen müssen, und war froh, dass ich keinen erwischen musste. Die Fasangasse brachte einen sonntäglich lebendigen und durchaus sympathischen Mix aus polnischer und türkischer Kulinarik, zumindest olfaktorisch, denn obwohl ich mittlerweile recht hungrig war, war stehenbleiben irgendwie keine Option. Ich weiß nicht recht warum, denn innerlich hatte ich mir längst erlaubt, die 15 Euro in meinem Geldtaschl auszugeben. Es waren aber deutlich die marschfreudigen Füße, die das Tagesgeschehen bestimmten, der grummelnde Magen hatte das Nachsehen. An der S-Bahn-Station Rennweg beruhigte ich ihn mit einem Sprite und ging dann unten durch, um zu sehen, wo ich überall hinfahren hätte können, wenn meine Füße nicht so beharrlich am Gehen gewesen wären. Am anderen Ende wieder aufgetaucht, boten sich fremdländische Anblicke.

Exotische Anblicke

Neben der spirituellen Exotik allerdings auch kulinarisch-kulturell interessante Ecken. Was man so alles nicht sieht, wenn man mit der S-Bahn direkt dran vorbeifährt… Ich glaub, dort will ich einmal essen, wenn sie wieder aus dem Urlaub zurück sind.

Idyll am Stadtbahnrand

Jetzt lag der Stadtpark vor mir, mit dem ersten Bezirk dahinter. Da wollte ich aber definitiv nicht hin. Also links ab in unbekannte Gassen mit unbekannten Anblicken. Das ganze Grätzl eigentlich grundsympathisch, nur eins: Als jahrelanger Anrainer an einer Straße, in der ein Bus aus einer Haltestelle bergauf anfuhr, wollte ich wirklich nicht wissen, wie es ist, direkt über so einer bergauf-anfahr-Situation zu wohnen.

Wiener Wohnen

Von hier aus gab es allerdings nicht mehr allzu viele unbekannte Wege. Doch auch an den bekannten fanden sich faszinierende Anblicke.

Architektur in Generationen

Gleich danach, am durchaus vertrauten Brunnen am Schwarzenbergplatz, ein bisschen windzerstäubte Wasserkühle genossen. Vereinzelt hielten Touristen ihre heißgelaufenen Füße ins Wasser. Kurz überlegt, es ihnen gleichzutun, aber das war deutlich zu wenig. Verdammt, vor 20 Jahren hätte ich mich einfach mit vollem Gewand ins Brunnenwasser fallen lassen! Möglicherweise hätte ich das auch heute noch getan, wäre jemand dagewesen, dem ich die Tasche mit dem Fon hätte anvertrauen können. Aber mangels Begleitperson werden wir das wohl nie erfahren.

Brunnenwasserbestäubt

Stattdessen, wenn ich nun schon mal da war, einen Blick auf die Stadtwelle geworfen. Die war, muss ich zugeben, deutlich sympathischer als erwartet. Zwei Lokalitäten, Sommer-Surf-Musik, eine Tribüne, viele Liegestühle, und alle mit Blick auf die perfekte Welle mit Blick auf die Stadt.

Surfen mit Aussicht

Von hier aus gabs für mich in alle Richtungen nur mehr bekannte Wege. Und schlagartig meldeten meine Füße „müde“, meine Beine „viel zu heiß in der Jean“, mein Magen „Hunger“ und mein Mund „Durst“. Aus reinem Trotz widersetzte ich mich der Versuchung, für die letzten vier Haltestellen in eine Straßenbahn einzusteigen, und schleppte mich auch den Rest des Wegs zu Fuß nach Hause. In den vierten Stock.

Und erst als ich nach fast vier Stunden unterwegs mein Elfenbeintürmchen erreicht, das Gewand von mir geworfen und die Kühlschranktür geöffnet hatte, erinnerte ich mich wieder: Ich war ja eigentlich deshalb aus dem Haus gegangen, weil in diesem verdammten Kühlschrank nix drin war. Ich seufzte leise. Und machte mich nach einer erfrischenden Dusche ein zweites Mal auf den Weg.

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Stadtsonntag

Nachdem die geplante Neuauflage des Samstags – nochmals Kunstmarkt – nicht zustande kam, stand ich Sonntag mittag vor einem Problemchen. In der Annahme, eh das ganze Wochenende nicht zuhause zu sein, hatte ich nicht viel eingekauft. So gab’s zwar Brot, aber nix drauf. Es gab zwar Sugo, aber keine Nudeln. Es gab zwar Reis, aber der wollte nicht einmal in meinem experimentierfreudigen Köchinnen-Hirn (ich sage nur: Erdäpfelpürree mit Thunfisch) zum Sugo passen. Und noch schlimmer: Das Mineralwasser war aus. Ein Ausflug zum nächstgelegenen Sonntagsladen war angesagt, und da die Tabaklage zwar noch nicht kritisch, aber auch nicht sonntagsfüllend war, entschloss ich mich für den Weg zum Bahnhof anstatt zum Türken.

Das Wetter war flexibel, mit Sonne und Wölkchen, mit Wind und ohne. Aber durchgehend schwül. Wobei ich mir zuerst nicht ganz sicher war, ob’s am Wetter lag oder an mir, schließlich komme ich auch langsam ins Alter, wo frau grundlos schlagartig zum Schweißspringbrunnen wird. Am Bahnhof fragte ich mich dann nicht mehr, denn dort saßen durchaus junge Menschen beiderlei Geschlechts ermattet am Boden, fächelten sich und einander Luft zu und konnten nicht fassen, wie „verfickt schwül“ es doch ist. Ich dagegen fühlte mich gar nicht ermattet, sondern unter der leicht klebrigen Schweißschicht geradezu enthusiasmiert vom seltsamen Sommer. Einkaufen und heim zur Arbeit war irgendwie keine Option. Die erste Idee, ab an die Donau, verwarf ich: Am Sonntag ist dort definitiv Sardinenbüchse. Andere Schwimmalternativen entfielen mangels Badeanzugs im Rucksack. Kurz dachte ich an einen Tagesausflug nach Bratislava (in 15 Minuten hätte es einen Zug gegeben), aber weder Pass noch andere Ausweise hatten den Weg in meinen Rucksack gefunden. Schließlich beschloss ich, so zu tun, als hätte ich in einer fremden Stadt ein Stündchen oder zwei Aufenthalt. In solchen Fällen geh ich vor den Bahnhof, schau mich um, und geh in die Richtung, die am meisten lockt, ganz ohne Blick auf die Karte. Heute nun war die Richtung klar, denn die meisten Gegenden um den Bahnhof kenne ich wie meine Hosentasche. Es konnte also nur die eine Richtung sein, die ich nicht so gut kenne: Das neu- und umgestaltete Areal Richtung Arsenal. Ich kaufte eine Flasche Mineralwasser und zog los.

Der Ausblick beim Ausgang zum neuen Campus glänzt erst einmal mit immer noch gewaltigen Baustellen.

Immer noch heftige Baustelle

Hält man sich dann links Richtung Gürtel, dorthin wo einst der 13a abfuhr, findet man einen riesigen Park. Der war zwar irgendwie immer da, wirkt aber expandiert und neugestaltet. Ich wünschte, ich könnte mich genauer an den alten erinnern. Steinfiguren des allerersten Südbahnhofs sind hinter Glas zu bewundern, ausruhende Reisende, Jogger und Familien mit Kinderwegen bevölkern Wege und Wiesen. Mittendurch eine Straße, wo Busse parken, die ihre Fracht vermutlich beim Belverdere ausgespuckt haben. Die Busfahrer spielen in der Wiese nebenan Karten. Unter den Bäumen ist die Luft angenehm. Ein Stück zurück Richtung Bahntrasse lockt Kunst.

Ankündigung

Fast bin ich motiviert genug, mir das anzuschaun, doch nach wenigen Schritte ins Foyer des 21er-Hauses weiß ich: Hier ist mir jetzt grade zu kühl, körperlich wie inhaltlich. Ich geh stattdessen rechtsrum und finde neben einem Dingens, das nicht verrät, ob es Kunst oder Südbahnhofrelikte sein will, ein paar rote Schuhe, die meinem Krimischreiberhirn einiges zu denken geben.

Rote Schuhe

Während ich den Fon-Akku wechsle, sichte ich erstmals Pokemon-Go-Spieler in freier Wildbahn. Die beiden wirken weder verblödet noch verkehrsgefährdet, sondern einfach vergnügt bei der Sache. Dacht ich mirs doch.

Wieder Richtung Gürtel, steht da Frederic (oder, wie auf der Tafel steht, Fryderyk) Chopin mitsamt (s)einer Note Bleu vor einem Springbrunnen im Teich.

Fryderyk Chopin und seine Blue Note

Mit Klaviermusik im Kopf spaziere ich weiter und stelle fest, dass es in diesem Park überhaupt viel Wasser gibt. Ein Kinderfreibad zum Beispiel. Das kühle Blau des Beckenbodens macht mir die Hitze erst wieder bewusst, aber ich fürchte, mein kindliches Gemüt genügt nicht, um da reinzuspringen, schon gar nicht ohne Badeanzug. Ein paar Schritte weiter ein Wsserfällchen in einem Miniteich. Spätestens hier bereue ich, nicht die „richtige“ Kamera dabeizuhaben, aber… ich wollte doch nur einkaufen!

Wasserfällchen

Ein Stückchen weiter ein Lokal, in dem ich den Cappuccino trinken könnte, über den ich schon länger nachdenke, aber meine Füße sind grade eingelaufen und tragen mich vorbei, bevor ich protestieren kann. Einen lästigen Zaun umlaufen und dann bei rot quer über die Straße ins Arsenal.

Das Arsenal (irgendwann gabs hier schon einmal einen Blogeintrag dazu, den ich aber grad nicht finde, was mich nervös macht, aber… egal) ist ein ehemaliger Militärkomplex, dessen Gebäude zu Wohnungen, Firmengebäuden und Kunsträumlichkeiten umgebaut wurden. Die riesigen alten Backsteingebäude sind auf ihre eigene Art imposant, die grünen Wiesen dazwischen mit vielen Bäumen durchsetzt, es ist angenehm kühl und weiträumig und wirkt auf seltsame Art fremd vertraut. Die Ecke von Art for Art hat einen Berliner Touch und ein offenes Cafe, aber auch hier wollen meine Füße lieber weitergehen. Schließlich locken allerorts fotowürdige Anblicke, im Großen…

Alt-Bau

…wie auch im Kleinen.

Life... uh ... finds a way

Unter den Bäumen und auf den Wiesen und Wegen durchaus immer wieder Menschen, aber so wenige, dass die Gegend dadurch umso leerer wirkt. Manchmal Musik aus einem Fenster, einmal sogar Kaffeeduft. Ein Schild an einer zur Kunstwerkstätte umgebauten Garage verspricht: „Nächste Woche Salat – € 1“. Etliche Schritte weiter steht ein alter Bundesheerbus mit Vorhängen vor den Fenstern, nur einer, auf einem riesigen leeren Parkplatz. Noch ein Stück weiter ein Blick in ein umzäuntes Areal, auf dem Heeresfahrzeuge vor einer dunkelgewordenen Halle in ordentlichen Reihen stehen. Ausgemustert oder einsatzbereit, was weiß man schon.

Aber das Arsenal besteht nicht nur aus alten Gemäuern, und aus dem Mix ergeben sich manchmal verblüffende Anblicke.

Kontraste

Nicht alle alten Gebäude sind umgebaut und umgewidmet, und manchmal hat man das Gefühl, plötzlich in ein Stück Landschaft aus der Stalker-Trilogie hineinzuspähen.

Zuviel Stalker gespielt

Mein Mineralwasser ist leer, und trotzdem gehe ich am Tenniscafe vorbei. Irgendwo hier müssten doch die Flugzeuge… tatsächlich, da sind sie. Ein Draken und eine pummelige Tunnan vor dem Heeresgeschichtlichen Museum.

Tunnan

Hier ist die Gegend auch etwas belebter, hier spuckt ein Hop-on-Hop-off-Bus seine Gäste aus, mahnen Touristen ihre Kinder, dass man NICHT über den Zaun zum Flugzeug klettern darf (ich war dabei kein gutes Beispiel für die Jugend).

Wieder einen Moment lang überlegt, dass man doch auch einmal in ein Museum gehen könnte, aber der Tag war zu strahlend und die Füße zu aktiv.

Heeresgeschichtliches Museum

Auf dem Weg durch die Torbögen eines der alten Gemäuer ganz verblüfft über die kalte Luft, die da um die Ecke pfeift. Auch das letzte Lokal am Arsenal-Areal links liegen gelassen (etwas widerwillig, aber auf der Karte vor der Tür stand „Cappuccino mit Schlagobers“). Stattdessen an der Schwelle zum Rest der Stadt auf ein Mäuerchen gesetzt, eine Zigarette geraucht und die allerletzten Tropfen aus der Mineralwasserflasche gesaugt.

Vernünftig wäre gewesen, jetzt nach Hause zu gehen und endlich die Arbeit in Angriff zu nehmen, damit ich am Montag, wenn alle anderen arbeiten, ans Wasser fahren könnte. Aber vernünftig passt halt nicht zum Sommerwetter, deshalb lenkte ich meine Schritte, rechts von Schrebergärten, links vom Park begleitet, Richtung Gürtel, querte den und traute mich ins Belvedere-Getümmel, nur kurz, bevor ich rechts in den botanischen Garten abbog.

…und den Rest der Reise erzähle ich morgen, sonst wird mir die Nacht zu kurz.

(Teil 2 gibts hier)

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Samstags in der heißen Stadt

Ein Schmuckmarkt neben einem Benefiz-Fussball-Turnier wollte besucht werden – Details dazu drüben beim Dorian.

Selber war ich viel zu sommerfroh, um mich mit Stilfragen oder altersadäquater Kleidung aufzuhalten.

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Nach viel Geplauder mit besten Arbeitsabsichten den Rückweg in die Stadt angetreten. Allerdings war die Straße im Halbwald viel zu hübsch, um sich in einen Bus zu setzen, der ohnehin erst in 17 Minuten gekommen wäre, und ich spazierte ein Stück zu Fuß. In dieser Gegend hatte ich vor ziemlich genau 20 Jahren einmal sechs Wochen in einer verwunschenen Pension verbracht (zwischen zwei Wohnungen sozusagen), und ich machte ein paar Schwenks zur Spurensuche. Allein, die Pension gibt es nicht mehr. Das fragile Haus mit Jugendstiltür- und Fenstern, mit den nachts säuselnden Trauerweiden im Garten, mit der grantelnden uralten Gastgeberin („Wenn’s noch zehne hamkumman, sans leise! Und nach zwöfe kummans am besten goa nimma!“) hat offenbar modernen Appartments Platz gemacht, die so ganz und gar kosmopolitisch charakterlos an dieser Straße stehen, dass einem das Träumen ganz unmd gar vergehen könnt.

Und auch sonst gibt es so einiges nicht mehr, hier draußen. Das Füllfeder-Geschäft, in dem ich meine erste Lamy Safari gekauft habe, gibt’s nicht mehr. Das Lokal mit dem unglaublichen Garten, in das ich immer mal gehen wollte, aber nie gegangen bin, gibts nicht mehr.

Resi-Tant

Und das Lokal, in das ich eigentlich nie gehen wollte, weil die Ankündigung an der Tür immer schon etwas fragwürdig wirkte, das gibt’s auch nicht mehr.

Vorzügl. Wr. Küche

Als bekennender Vorstadt-Fan war ich dennoch beglückt über meinen Spaziergang. Kleine Geschäfte, Hundeomis, Babymütter. Hiesige und Zugezogene, alle scheinen etwas mehr Zeit zu haben, als man so aus der Innenstadt gewohnt ist. Brennsonne und Wind, der mir den Strohhut  so oft vom Kopf weht, bis ich ihn endgültig in den Rucksack stopfe. Aber das Gewitter, vor dem sich alle fürchten, kommt nicht. Noch nicht. Ein Sommertag, den ich mir nach und nach erstehle. Die Arbeit muss warten. Morgen solls ja eh kalt werden. Ein Eis noch aus einem tatsächlich übriggebliebenen Greißlergschäftl, ein paar hundert Meter weiter ein Mineralwasser aus einem anderen, halb schon türkisch angehauchten, allerdings mit einheimischer Bedienung.

Beim Stadtbahnbogen dann doch wieder in die Straßenbahn eingestiegen, warum eigentlich? Seltsam desinteressiert am EM-Spiel, dessen Tore – auch die vom Elferschießen – mir die App brav meldet. Polen is weiter. Na bravo.

Windzerzauster Sonntagsausflug (mit Weißwurst)

In der Marktwirtschaft lockte ein Weißwurstevent von Blunzn-Weltmeister Franz Dormayer. Nun ist Weißwurst zwar ein gutes Stichwort, um mich aus dem Bett zu bringen, aber ob das so ganz gereicht hätte, in aller Herrgottsfrüh um neun, kann ich nicht sagen, daher ersuchte ich den diplomierten Genuss-Specht Herrn Sufi um Begleitung. Die er auch zusicherte und trotz widriger Wetterverhältnisse einhielt.

Ein paar Busstationen weiter warteten drei verschiedene Varianten Weißwurst, von denen an anderer Stelle noch die Rede sein wird.Dazu gab es völlig unentgeltlich historische und kulinarische Expertisen vom Meister selbst.

Von dort zu Fuss zur Messe für alternative Ferienziele im alten AKH. Unterwegs interessante Tiergeschichten.

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Das spannendste auf der Messe waren die Fotoausstellungen, aber fremde Fotografien fotografiert man ja nicht. Dann wieder zu Fuss Richtung Nachhause. Mit Kaffeepause im Cafe Kandinsky, mit interessanten Ausstellungs-Bildern und köstlichem Kaffee, und viel zu entspannter Atmosphäre, um mit einer Kamera herumzufuchteln. Dafür auf dem Heimweg vertraute und neue Stadtbildgestaltung.

 

…näher…

Rest des Sonntags: NIckerchen, dann arbeitsam.

 

Kalter Fuss

Heute wollte ich wieder einmal in Sachen Restemuseum auf den Naschmarkt schauen. Ich dachte an eine kleine Food-Runde (Falafel ftw), dann an einen Kaffee in Sichtweite des Flohmarkts, um die richtige Zeit des allgemeinen Aufbruchs der Standler zu erspähen, und dann eben an die übliche ausgedehnte Reste-Foto-Runde.

Bereits auf dem Hinweg begann allerdings mein rechter Fuss trotz warmer Socke und Winterschuhen zu frieren. Ich dachte mir nichts dabei und ging etwas schneller, um die Zirkulation in Gang zu bringen. Der Naschmarkt war kalt und nass, und ich verlor ein bisschen die Lust – wenn man sich feuchtigkeitsbedingt nicht hinknien kann, um den besten Winkel zu erwischen, macht das Reste-Fotografieren auch nicht so viel Spass. Ein Cappuccino würde mich aufmuntern, dachte ich mir, aber die Lokale waren entweder überfüllt, punschduftverseucht, oder sie hatten keinen Cappuccino.

Trotz grauen Tags waren die Obst- und Gemüsestände gut ausgeleuchtet. Mit warmgelbem Licht, das selbst unter jännergrauem Himmel ein sanftes Sonnengefühl verbreitete. Ob das nun Absicht ist oder Zufall, verkaufsfördernd dürfte es allemal wirken.

Mein rechter Fuss, und nur der, fror unterdessen immer mehr. Ich begann mir Sorgen zu machen, Hypochonder kann ich mittlerweile ziemlich gut. Unkonzentriert fing ich ein paar Reste fürs Museum fotografisch ein (demnächst dort drüben) und beschloss dann den geordneten Rückzug. Da kam mir noch dieser Anblick unter, der irgendwie, so schien mir zumindest, das ganze Wesen des Naschmarkts in ein einziges simples Bild bringt.

Zu Hause dann die Erkenntnis: Wenn nur ein Fuss friert, such nach dem Loch! Was immer ich mir da eingetreten habe – es lässt Nässe und Kälte herein, und auch wenn ich ein bisschen dankbar bin, dass der Störenfried es nicht bis in meine Fusssohle geschafft hat, hätte ich meine einzigen warmen Winterschuhe doch lieber lochfrei behalten.

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