Long Long Time Ago

Lieboch-und-Zuerich-Nikon_0003

Hätt’ ich mal auf meine Großeltern gehört und das Akkordeon damals nicht an den Nagel gehängt, dann wär ich jetzt vielleicht… ja was? Eine totgesoffene Volksmusikerin?

Stattdessen in die große Stadt gezogen und in einer WG gewohnt. Das Zimmer war vorwiegend mit Wäscheleine und Kassettenrekorder möbliert. (Eine Matratze gab’s aber auch noch, irgendwo.)

IMG_0004 (2)

Irgendwas hab ich wohl doch richtig gemacht, damals.

The Fire Inside

Ich hör ja wenig Musik in letzter Zeit, aus keinem bestimmten Grund, ist einfach so passiert. Und ich vergesse schnell, also nicht wirklich, Dinge und Ereignisse vergesse ich selten, aber Emotionen, die verschwinden sehr schnell spurlos, ein Phänomen, dem ich in meinen (offline-)Texten auf der Spur bin, ohne ihm wirklich nahe zu kommen. Das Leben ist seltsam.

Natürlich gibt es Trigger, die dann das Vergessene – oder vergessen geglaubte – wieder ausbuddeln, und wie der Hund in dem Gedicht, das wir seinerzeit in der Schule strafweise auswendig lernen mussten, so steht das Gefühl dann grinsend da und umarmt mich, als wäre gar keine Zeit vergangen. Gerüche sind stark, der Regen auf blühenden Frühlingsbäumen, auf staubiger Straße, das trägt die Jahre weg wie kaum etwas Anderes. Und die Musik natürlich. Musik ist Besonders.

Und so kam es, dass ich heute beim Bipa erstarrte und eine Minute lang auf die erstaunliche Produktvielfalt der Abteilung Haarfärbemittel starrte, obwohl ich derzeit gar keinen Bedarf habe – aber gesehen habe ich sie auch nicht richtig. Vielmehr lauschte ich, mit schräggelegtem Kopf und wachsendem Grinsen dem Track aus dem ansonsten meist unsäglichen Bipa-Radio, und tatsächlich starrte ich dabei gar nicht auf die Haarfärbemittel, sondern auf diverse Landstraßen, die zu diesem Song gehören, aber besonders auf elbanische, und irgendwie auch auf die Frau, die damals ich war.

Elba 1993

Und das ist der Song. Ein garantierter Gute-Laune-Song. Egal, wie ich drauf bin, der wirkt immer. Das Leben ist schön, und es ist… meins.

Und das ist natürlich, wenn man auf den Text hört, ganz und gar kein glücklicher Song. Aber es ist auch schwer, auf den Text zu hören, weil da dieses Klavier ist. Da-didi-didi-didi-di. Und da ist sie, die gute Laune. unweigerlich. Da-didi-didi-didi-di.

Officially Old

Es ist ja bei mir so, dass ich einen vorüberziehenden Kottan durchaus ohne hinzuschauen sehen kann. Nämlich so, dass ich ganz was andres tu, und mich trotzdem punktgenau zu den Schlüsselszenen umdreh. Was jetzt nicht heißt, dass ich die Kottans auswendig kann. Nur fast.

Fast heißt nämlich auch, dass auch die Chronistin Mal was vergisst, manchmal sogar so Geniales wie die Konzert-Szene des “ausgeflippten Lodenfreaks”, mit dem noch frischen Stefan Weber und dem noch lebenden Falco, ach, ach, ach.

Drahdiwaberl – Ausgeflippter Lodenfreak bei Kottan

Eine Verbindung mit youtube wird erst nach dem Klick zum Abspielen hergestellt. Bei Klick gilt die Datenschutzerklärung von Google.

Das kann dann schon Mal ein Grund sein, sich umzudrehen und den anstehenden Task fallen zu lassen. Und dann kann man noch so einiges mehr entdecken und erinnern, naja. Dass zum Beispiel der Lukas Restarits durchaus fesch und, dare I say it, sexy gewesen ist. Oder dass die zu der Zeit ebenfalls blutjung gewesene Maria Bill nicht ganz unschuldig daran war, dass ich mich nie so richtig auf die reine Heterosexualität festlegen wollte, also zumindest in der Theorie, während in der Praxis… aber das ist eine andere Geschichte.

Warum meine Großeltern, deren Meinung zu der damals höchst avantgardistischen Krimiserie sich locker in dem Satz “so a Bledsinn” zusammenfassen ließe, trotzdem jedesmal wieder einschalteten, sei dahin gestellt – vermutlich lag es daran, dass man um 20:15 einfach fernzusehen hatte (was sonst) – aber ich bin im Nachhinein sehr dankbar, denn einen eigenen Fernseher hatte man damals so als Nachkomme noch nicht.

Kottan war jedenfalls zweifelsfrei die erste Krimiserie mit integriertem österreichischem Zeitgeist, und zwar von der allgegenwärtigen Hassliebe zum gemeinen VW-Käfer (ja, das ist Bob Dylan im Hintergrund)…

…über den Ö-3 Wecker mit der unentrinnbaren Vorturnerin der Nation…

…bis hin zu der archetypischen Wiener Koberin an sich:

Und dann, natürlich, war da noch die Musik. Ich red jetzt nicht unbedingt von Kottans Kapelle, die’s aber immerhin fertigbrachte, fremdschäm-trächtige Machwerke in freundlich-lustiges zu verwandeln, sondern mehr darüber, dass in fast jeder Folge ein Song versteckt war, den man so sonst nicht kannte. Hatte ich Drahdiwaberl schon erwähnt? … Naja, hab ich wohl.

Aber jetzt? Der Pilch ist tot. Der Schrammel ist tot. Der Schremser ist tot. Dem Kottan seine Mama ist auch tot. Andere leben zwar noch, schauen aber längst nicht mehr gut aus. Und um dem zwar alten, aber durchaus kottaneksen Witz auch noch eine Chance zu geben: Manchmal fühl ich mich auch schon ganz schwach.

Was soll ich noch sagen? … Ich sag nix.

Music was my first love

Ich hab Mal jemand gekannt, der mit Haindling im Studio war. ‘87 war das, und ich hatte grad Mal 3 Songs von Haindling gehört. Viel mehr als die Connection beeindruckten mich die Erzählungen von den Aufnahmen in einer Münchner Villa. 2 Wochen lang, so der Erzähler, 2 Wochen lang gab es keine Minute, in der nicht zumindest einer im Haus wach gewesen wäre. Bastelten die Tontechniker zu Sonnenaufgang noch an den Aufnahmen vom Vortag, kroch schon wieder der erste Schlagzeuger aus dem Schlafsack, der wegen Alkoholüberschusses am Vortag schon um 9 im Bett gewesen war.

Das ist das richtige Leben, dachte ich naiv vorahnend unter dem griechischen Vollmond und wollte nur eins: Mit dem deutsch-griechischen Tontechniker ins Bett. Was dann auch schön gelang, aber das ist eine andere Geschichte.

Über die Bilder, diesmal nur unbewegt (Teil 2)

(Teil 1 war hier)

Die 70er neigten sich dem Ende zu, die Polaroid lag wegen hoher Produktionskosten mehr auf dem Schrank als in der Hand, die Pocketkameras glühten mangels Alternativen auf allen Familienfesten – bis endlich meinem Großvater die Modelleisenbahn langweilig wurde. Man könnte ja doch wieder einmal ordentliche Fotos machen, dachte er laut, und wälzte daraufhin wochen- wenn nicht monatelang Prospekte.

Das Ergebnis der damals noch langwierigen Recherchen war ein Nikkormat EL, dem ich allerdings vorerst nur von vorne in die Standard-50mm-Linse schauen durfte. Dass mich die andere Seite des Apparates viel mehr interessierte, war meinem Großvater recht egal – er hatte ja auch willigere Models.

Die Fotos: Endlich scharf! (Wenn man richtig gedreht hatte, zumindest – Autofocus hatte das Gerät keinen). Der Ausschnitt: Endlich wie im Sucher gesehen! Die Farben… naja, das hing vom Film ab. Mein Großvater kaufte immer den billigsten Film – so wichtig es ihm war, das “beste” Gerät zu haben, im Alltag galt die Devise “sparen”.

Wann ich denn endlich auch einmal abdrücken dürfte, fragte ich, “Wenn du dich auskennst!”, antwortete mein Großvater, ohne mir etwas zu erklären. Vermutlich wollte er die Kamera gar nicht hergeben und hatte vergessen, dass im Bücherregal ein “vergnügliches Lehrbuch” aus den 50er-Jahren herumlag. Es hieß “Manfred knipst sich durch” und erklärte alles über Belichtung, Blenden, Schärfentiefe (Tiefenschärfe?), Objektive und Filme. Ich fraß mich zweimal quer durch und erklärte im nächsten Urlaub meinem Großvater, dass es seinen Portraits gut tun würde, wenn er die Blende weiter aufmacht, und dass “weiter auf” nicht “höhere Zahl” heißt, und fragte, ob wir nicht einmal zum Testen einen Film mit höherer ISO-Zahl kaufen könnten. Wobei ISO ja damals noch ASA hieß.

Mein Großvater mochte es gar nicht, wenn man ihm belehrend kam, aber er stand zu seinem Wort. Fortan durfte ich ab und zu auch hinter die heilige Kamera, wenn auch immer nur unter Aufsicht und ständigen Ermahnungen (“nicht fallen lassen!” – “gerade halten!”). Er war auch unempfänglich für alle meine Erweiterungswünsche – einem “richtigen” Fotografen, so meinte er, genüge das Standardobjektiv – und blitzen wäre ohnehin nur etwas für Schnappschüssler.

Mein Vater, damals dem Canon-Lager zugehörig, sah das zum Glück nicht so – und ich lernte im Urlaub, Objektive zu wechseln und den Blitz einzustellen. Das war ja damals noch eine Wissenschaft für sich, mit Entfernungs- und Lichtstärketabellen, die man entweder auswendig kannte oder memorierte. Ich hatte Spass am Ausprobieren und schoss 1980 mein erstes erwähnenswertes Portrait.

Das ist mein anderer Großvater, und er ist gut getroffen. Erwähnenswert, weil ich mit Menschen bis heute so meine Schwierigkeiten habe beim Fotografieren. Naja, nicht nur beim Fotografieren.

Naja, egal.

Von meinem Vater lernte ich auch, dass es sich lohnen kann, beim Filmkauf ein paar Schilling mehr auszugeben. Agfa für den Urlaub am Meer (das wunderbare blau!), Kodak für heimische Gefilde (rot! grün!). Und bei Agfa musste man drauf achten, ob die aus französischer oder amerikanischer Produktion waren, aber ich habe vergessen, warum.

Nach dem Urlaub war mir jedenfalls klar: Ein Blitz muss her! Und ein Zoomobjektiv! Ich bettelte und wünschte und sparte mein Taschengeld – und kam so über Weihnachten und Ostern zu meinem ersten Blitzgerät (Marke hab ich vergessen) und einem 24-85er Sigma Zoomobjektiv. Obwohl ich mit der Canon viel mehr hatte machen dürfen, war ich mit der Nikon glücklicher – damals hauptsächlich deshalb, weil ich mit dem Nikon-Focusfeld viel leichter klar kam.

(wird fortgesetzt)

Über die Bilder, bewegt und unbewegt (Teil 1)

Fotografieren wollte ich immer schon. Wurde mir erzählt. Schon im zarten Alter von eineinhalb Jahren soll ich, so meine Großmutter, nach jeder Linse gegriffen haben, die auf mich gerichtet wurde. Bärte, lange Haare und Brillen, vor keinem anderen Kleinkind sicher, wurden dagegen weitgehend von mir ignoriert. Ob das stimmt, und ob eine diesbezügliche Frühförderung mir einen ganz anderen Lebenslauf beschert hätte, werde ich wohl nicht mehr erfahren. Aber die Faszination hielt an, obwohl wir, die Fotografie und ich, auch unsere Krisen durchmachten – naja, wie jede Langzeitbeziehung halt.

Die erste Kamera, die ich intensiv erinnere, ist eine Agfa, die meinem Vater gehörte. Eine kompakte Kleinbildkamera, oder wie immer das damals (Anfang der 70er) hieß, Vollmetall, in naturfarbenes Schutzleder gehüllt. Ich weiß, dass ich sie öfter in den Händen hatte und intensiv untersucht habe – ob ich jemals abdrücken durfte (oder unerlaubt abgedrückt habe), ist nicht überliefert. Wahrscheinlich eher nicht, war ja alles Film und teuer damals. Damals habe ich also nicht fotografiert, sondern ich wurde fotografiert.

Wenn ich heute so die Bilder von damals anschaue, fällt mir vor allem auf, dass die Bilder meines Vaters immer schon mit Licht und Dynamik spielen (vgl. den Gesichtsausdruck von Puppe und mir im obigen Bild), wohingegen alle anderen mehr versucht haben, so klassische Familien- und Idyllenfotos zu machen. Das mag einen Hinweis geben, woher ich Bild-Ideen und Ansprüche habe, wobei, andererseits, ein quantitativ repräsentativer Vergleich schwierig ist: Was nicht gefiel, hat man damals halt einfach weggeworfen.

Mein Vater und seine Kamera verschwanden dann irgendwann. Was noch da war, war mein Großvater und seine Filmkamera. Normal Acht, ohne Ton. Um die Bilder abzuspielen, brauchte man einen Projektor und eine Leinwand, auf der dann faszinierend junge Ausgaben meiner Mutter und meiner Großmutter lachend vor irgendwelchen Hafenpanoramen standen, manchmal sagten sie auch irgendetwas Richtung Kamera, aber hören konnte man ja nichts. Mein Großvater machte immer noch Filme, immer wenn wir irgendwohin fuhren, aber die interessierten mich nicht so, da war ich ja dabei gewesen. Bei den Filmen, bei denen ich dabeigewesen war, interessierte mich viel mehr die Verarbeitung. Ein Filmschneidegerät, das hatte damals noch eine richtige Klinge, und wenn die nicht scharf war, dann hatte man ein Problem. Man ließ Bild für Bild an der Lupe vorbeiziehen, zwei drei Mal, und wenn man sicher war, dass die Einstellung genau hier enden sollte, dann spannte man die Spange und ließ das Mini-Schafott einen Schnitt machen. Wichtig: Immer im schwarzen zwischen zwei Bildern! Dann das gleiche Prozedere mit der nächsten Szene: Und wenn man Anfang und Ende hatte, legte man ein paar Bilder übereinander (genau! das war wichtig.), hob die obere Lage an und bestrich die untere mit Klebstoff. Dann die Presse drauf! Und nach unzähligen solcher Schnitt- und Klebeschritte war der Film fertig. Den Klebstoff kann ich heute noch riechen.

Sehen wollte ich den Film dann nicht mehr, ich kannte ja schon jedes Bild. Aber die Filmabende liebte ich trotzdem, weil ich die Spulen unter den wohlwollenden Blicken der Umstehenden bald ganz alleine einspannen durfte. Manchmal verhängte sich irgendwo irgendwas, und die filigranen Zahnradlücken rissen, dann musste man neu einspannen – und vor allem die Projektor-Birne ausmachen, bevor sie ein Loch in die Bilder brannte. Ich war meines filmreichen Großvaters glückliche technische Assistentin, lange bevor ich in die Schule ging.

Als mein Großvater die Filmkamera liegen ließ, weil ihm die Modelleisenbahn dann doch wieder interessanter wurde, fiel irgendjemandem auf, dass wir ja gar keine aktuellen Fotos voneinander hatten. Das konnte nicht angehen! Mittlerweile waren wir in der Mitte der 70er, und es wurden in kurzer Folge zwei Pocketkameras und eine Polaroid angeschafft. Pocketkamera, wer erinnert sich? – Das waren so quaderförmige Dinger, an denen man nichts einstellen konnte (oder musste); die Filme sahen auch ganz komisch aus, und von den Blitzwürfeln habe ich in irgendeiner Schachtel noch einen Vorrat. Die Bilder waren immer unscharf und hatten immer komische Farben, aber das war beides irgendwie modern.

Hier ein Bild aus einem der ersten von mir verknipsten Kodak-Pocketfilme… Beide Namen schreibe ich jetzt wohl besser nicht dazu… .

Polaroid war noch viel moderner, aber auch noch viel teurer. Was vor allem hieß, dass ich die Polaroidkamera im Gegensatz zu den Pocket-Dingern selber nicht in die Hand bekam. Das bejammerte ich aber kaum, denn die werdenden Bilder unten aus der Kamera rauszuziehen und den staunenden SchulkameradInnen unter die Nase zu halten, war cool genug.

Meine erste ganz eigene Kamera bekam ich 1978. Zum guten Zeugnis, und gerade rechtzeitig, um damit bei meiner ersten großem Schwedenreise die ersten eigenen Reisebilder zu machen. Es war natürlich eine Pocketkamera. Die Bilder hab ich noch irgendwo, aber auch ohne hinzusehen, erinnere ich ganz intensiv die furchtbare Enttäuschung nach dem Entwickeln. Fotografiert hatte ich ein wunderschönes weißes Schiff am Horizont eines unendlich blauen Ozeans, unter leicht bewölktem Himmel, die Wölkchen gaben der Unendlichkeit gerade die richtige Tiefe….:  Was ich entwickelt zurückbekam, war ein kleiner weißer unscharfer Fleck auf einem großen dunkelblauen Fleck unter einem scheckig hellblauen Fleck.

Das war die erste große Krise zwischen mir und der Fotografie. Um ehrlich zu sein, ich war richtig beleidigt. Ich ließ die unzuverlässige Kamera liegen und konzentrierte mich stattdessen auf die Sprache: Nach diesem Debakel schien sie mir geeigneter, Momente scharf und konkret zu konservieren (obwohl ich das damals natürlich nicht so scharf und konkret ausdrücken hätte können).

Teil 2

Ich träumte von weißen Pferden

Wirklich, letzte Nacht, aber das glaubt mir ja wieder keiner. Ein Strand war es nicht, aber wüstenartiges Land, und die Pferde waren mein Glück, denn sie lenkten die Pumas von mir ab. Die kleinen Pumas hatte ich streicheln wollen, hatte nicht gewusst, dass sie schon zu groß waren, um gestreichelt zu werden. Die Pferde von schräglinkshinten nach schrägrechtsvorn, angeführt von einem einzelnen, scheuen Hengst, der ein bisschen unsicher war, wo er hin wollte, ungefähr so wie das Tour-de-France-Überraschungspferd, nur halt in weiß. Die anderen hinterher, und die Pumas, die mittelgroßen, zu verblüfft, um mich noch anzugreifen. Und so hatte ich, heute morgen schon, diesen Song im Kopf. Ohne Grund eigentlich, und ohne Zusammenhang. Und dann das.

Der Danzer, der war für mich nämlich eher immer einer, der halt auch da war. Einer aus der Szene, ganz gut, manchmal ganz witzig, nett. Aber nicht sooo besonders. Lange Zeit. Bis zu diesem spanischen Gitarrensolo, mit dem Gesang ohne Worte, das irgendwann in die Frage mündete: “Aber sag mir woran – woran meine Liebe glauben wir noch?”

Ein richtiger Chronistinnen-Moment. Ich stand in der Küche, Teller in der einen, Geschirrtuch in der anderen Hand, und hätte beides fallen lassen können. Damalsfreund rührte an einer Spaghettisoße herum, Damalsfreund-Kind spielte im Nebenzimmer eines der frühen Computerspiele, Tetris wohl nicht mehr, Breakout 1st Generation vielleicht. “Ist was?” fragte Damalsfreund, als er sah, dass ich mich nicht mehr rührte. “Nichts” sagte ich und trocknete sorgfältig den Teller fertig ab.

Den Danzer hab ich seither sorgfältig gemieden. Einer der ganz wenigen Heimischen, von dem ich nie ein Konzert gesehen hab. Zu nah ging mir die Frage, zu direkt hat mich der Text getroffen. Und Antwort hab ich bis heute keine.

– – –

Und jetzt hätt ich gern ein Video gelinkt, aber beide youtube-covers sind mies. Naja. Ihr habt’s ja sicher auch zu Haus.

Flight 19 revisited

Inspired by: Klick auf “Zufallsartikel” in WP, der im Bermudadreieck endete.

Es muss 1978 oder 1979 gewesen sein, als ich ausgerechnet zu Weihnachten mit meiner damals verlässlich alljährlich wiederkehrenden Winter-Bronchitis im Bett lag. Das Christkind (einen Weihnachtsmann hatten wir damals noch nicht) hatte mich reich beschenkt, es gab, glaube ich, einen Renn-Bob, neue Schihosen, etliches Lego-Zeugs (es mag aber zu der Zeit auch schon Playmobil gewesen sein), eine neue Barbiepuppe und vermutlich noch alles mögliche Kleinzeugs, an das ich mich längst nicht mehr erinnere – aber dummerweise nicht alle Bücher, die ich mir gewünscht hatte. Das war deshalb dumm, weil ich ab einer Körpertemperatur von 37° strengste Bettruhe einzuhalten hatte. Täte ich das nicht, kämen Lungenentzündung, Zusammenbruch und Herzfehler. Meinte meine Großmutter. Dass das nicht notwendigerweise stimmt, weiß ich mittlerweile mit Sicherheit. Egal.

Das einzige Buch unter dem damaligen Weihnachtsbaum war jedenfalls Das Bermudadreieck von Charles Berlitz, das ich im Donaulandkatalog mit dem roten Stift als “wünsche ich mir am meisten” angestrichen hatte (“wünsche ich mir sehr” war der grüne Stift, und “hätte ich auch ganz gern” war der blaue). Leider las ich damals schon sehr schnell, und da die Tage vergingen, ohne dass das Fieber zurückgehen wollte, las ich es 3 oder 4 Mal. Jedenfalls so oft, bis selbst ich es wirklich nicht noch einmal lesen wollte.

Dann lag es da am Tisch, und die Geschichten irrlichterten durch meine Träume. Die Geisterschiffe, die verschwundenen Flugzeuge. Die UFOs und die Männer in Schwarz. Aber am allermeisten faszinierte mich von Anfang an die Geschichte von Flight 19. Ich nahm also das Buch doch noch einmal zur Hand – und dazu einen Block. Bastelte eine Geschichte, die sich streng an die berlitzschen “Fakten” hielt, aber in Aufbau und Szenenfolge eine Spur mehr nach “Fernsehen” klang. Zumindest nach Fernsehen, wie ich es mir damals vorstellte. Dann nahm ich meinen Kassettenrekorder zur Hand und versuchte, es als Hörspiel vorzulesen.

Den Kassettenrekorder hatte ich übrigens ein halbes Jahr zuvor in Schweden von meinem Vater als Sommerschlussgeschenk bekommen. Mitsamt der Kopie eines Mikis-Theodorakis-Konzertes, das genaugenommen der Grund war, warum ich unbedingt einen Kassettenrekorder haben wollte. Mein Vater stürmte den Mitarbeitershop von Philips – für den Konzern arbeitete er damals – und kaufte möglicherweise das beste, möglicherweise das preisgünstigste, oder möglicherweise auch nur das nächstbeste Modell. Das Gerät war Mono, aber klanglich in Ordnung. Es hatte, wenn ich so zurückdenke, eigentlich auch “alle Anschlüsse”. Nicht, dass ich damals irgendetwas damit anzufangen gewusst hätte. Und ein eingebautes Mikro mit Aussteuerungsanzeige. – Die Theodorakis-Kassette habe ich auf dem Heimweg von Schweden nach Österreich im Zug gehört, bis die Batterien leer waren. Ich kann mir vorstellen, dass diverse Mitreisende sehr erleichtert waren, als sie endlich leer waren. Das war übrigens auch das Jahr, in dem ich Backgammon spielen lernte. Aber jetzt bin ich wirklich sehr abgeschweift.

Ich begann also, die Geschichte von “Flight 19” mitsamt den aufgezeichneten ungekürzten Funksprüchen auf eine mühsam ergatterte Leerkassette zu sprechen. Hätte es damals schon das Internet gegeben, dann wäre das mein erster Podcast gewesen. Ich war aber nicht recht zufrieden mit den ersten Ergebnissen und nutzte die einkaufstechnisch erforderliche Abwesenheit meiner Großmutter, um eine Plastikflasche mit Reis sowie eine große Schüssel mit Wasser zu füllen. Mit deren Hilfe und mit heftigen ins Mikro geblasenenen Sturmböen konnte ich die imaginierte Geräuschkulisse ganz gut simulieren. Vor meiner eigenen Stimme auf Band hatte ich längst keine Angst mehr – mein Großvater hatte seit dem Nikolausgedicht in meinem vierten Lebensjahr so ungefähr alles aufgezeichnet, was ich bei offiziellen Anlässen von mir gab, und die Ergebnisse erbarmungslos bei jeder Gelegenheit abgespielt, was ich damals nicht so recht zu schätzen wusste, denn mein unterschwellig sadistischer Großvater genoss es am meisten, einem versammelten Publikum ausgerechnet die Aufnahme vorzuspielen, bei der ich in Tränen ausgebrochen war, weil ich den Text vergessen hatte.

Egal. Jedenfalls verbrachte ich einen ganzen Tag damit, dieses Hörspiel auf Kassette zu bannen, bis ich irgendwann – weit nach meiner Schlafenszeit –  halbwegs zufrieden war. Tatsächlich grenzte das Resultat an genial – was leider nicht so ganz mein Verdienst war. Vielmehr hatten die Batterien des Rekorders während dieses langen Tages zu schwächeln begonnen – und das Band damit zu leiern. Und genau dieses Leiern machte die Funksprüche erschreckend authentisch – und überzeugte meine Mutter davon, dass ich dereinst die Schauspielerinnenkarriere machen würde, die ihr selbst versagt geblieben war.

Habe ich natürlich nicht, aber das war ja auch nicht meine Absicht.

Die damalige Kassette ist mittlerweile längst verloren – und abgesehen von eventuellem historischem Interesse ist es auch nicht schade drum. Das Tonband, auf dem ich ob des vergessenen Textes in Tränen ausbreche, das müsste es noch geben. Wenn ich es dereinst wiederfinde, dann bleibt es auch euch nicht erspart.

In dem alten Büro brennt Licht

In dem alten Büro, in dem ich vor vielen Jahren die ersten praxisnahen Computererfahrungen gemacht habe, brennt Licht. In dem alten Büro, in dem ich zum ersten Mal Tetris gespielt habe, während am Nebencomputer hunderte wenn nicht noch viel mehr Disketten der Computersoftware kopiert wurden, die wir damals verkauft haben, brennt Licht. In dem alten Büro, in dem wir “zwei Mädels” unser Faxgerät mit Kneifzange, Lötdraht und Isolierband selber an die analoge Telefonanlage angeschlossen haben, weil wir keine 3 Wochen auf die Telekom warten konnten, die damals noch Post hieß, brennt Licht. In dem alten Büro, in dem ich wunderbar wilden Sex am Schreibtisch hatte, mit jemandem, der heute sicher nichts mehr davon wissen will, brennt Licht. In dem alten Büro, in dem es an guten Tagen besten Krimsekt gab, weil wir es mit einer russischen Firma teilten, an die wir die ersten Noname-Computer aus Taiwan verkauften, weil man den Russen nichts Amerikanisches verkaufen durfte, brennt Licht. In dem alten Büro, in dem ich mir damals kurz nach dem wilden Schreibtischsex mit roten Wangen zum ersten Mal das potentiell Wunderbare an weltweiten Netzwerken erklären habe lassen,  brennt Licht.

Das alte Büro ist heute längst wieder Wohnung, das sieht man an den Vorhängen. In der Wohnung, die damals das Büro war, riecht es heute wohl auch nicht mehr nach Benzin an heißen Tagen, denn die Tankstelle 4 Stockwerke darunter, die ist längst geschlossen. Die Bewohner der Wohnung, die damals das Büro war, müssen wohl auch nicht jeden Morgen einen Hundewächter bestimmen, damit der sabbernde Golden Retriever der Chefsekretärin der russischen Firma keine Sabberspuren an den dunklen Hosen distinguierter Geschäftsbesuche hinterlässt.

Es gibt ja keinen Retriever mehr. Und keine Geschäftsbesuche. Keine Sekretärin. Und die Firma gibt es auch nicht mehr. Weder die russische, noch die österreichische.

Auch ich war mal Teil von sowas wie einem Startup. Hätt ich schon fast vergessen gehabt.

Blaulicht

[Inspired by Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung]

Ich erinnere mich an etliche Fahrten, mit dem Rettungswagen, unter Blaulicht, mitten in der Nacht. Mit Sirene dagegen nie. Vielleicht waren die Straßen einfach noch frei genug, damals, in den Siebzigern, zwischen dem alten Dorf und dem Grazer Landeskrankenhaus. Oder vielleicht habe ich die Sirene nur vergessen. Ich war ja noch ziemlich klein, bei den meisten dieser Fahrten, hätte gar nicht dabei sein dürfen, haben mir Rettungsdienstleute seither oft genug gesagt. Aber vielleicht waren die Vorschriften ja noch nicht so streng, damals, oder vielleicht war das mit ein Grund, warum man bei uns nie das rote sondern immer das grüne Kreuz gerufen hat, bei einem Notfall: Dass man ein Vor- oder Volksschulkind eben nicht alleine zu Hause lassen kann mitten in der Nacht.

Nacht war es immer. Nicht, dass man mich je hätte aufwecken müssen; das hatte jedesmal schon die allgemeine Aufregung erledigt, die diesen Fahrten voranging, jedesmal wieder. Jedesmal, wenn das Herz des Großvaters nicht mehr so recht mitmachen wollte, jedesmal, wenn meine Mutter eine Handvoll zuviel von den bunten Tablettenzuckerln gelutscht hatte, jedesmal war es Nacht. Da war immer viel Licht und Lärm, da war immer meine Großmutter, die hektisch einen Koffer packte, da war die Hausärztin, die, schon wieder aus ihrer Nachtruhe gerissen, mit müden Augen das Nötige tat: Die Rettung anrufen. Jedesmal stand ich in der Tür und wollte helfen und wusste nicht wie und fühlte mich verloren. Sobald man die Rettung gerufen hatte, hat man mir rasch das erstbeste Gewand übergezogen, mich dann bei der Hand genommen, zuerst; bei späteren Malen genügte ein Aufblicken vom zu packenden Notfallkoffer und ein knappes “Zieh dich an, wir fahren.”

Ich wollte immer vorne sitzen, durfte aber nie, es war immer der klapprige Klappsitz hinten, auf dem ich mich wiederfand, jedesmal überrascht und eingeschüchtert, auch als es eine längst vertraute Szenerie war, der jeweilige Notfall auf der Bahre, je nach Notfallsituation hantierte der Rettungsdienstmensch mehr oder weniger hektisch mit mehr oder weniger einschüchternden Geräten, Schläuchen und Spritzen, jedesmal weinte meine Großmutter haltlos in ihr Taschentuch, ein Weinen, das ich von Mal zu Mal weniger verstand, weil ja noch immer alles gut geworden war – nach ein paar Wochen; jedes Mal hatte ich mehr das Gefühl, unnötiger Ballast zu sein, den man nur aus Anstandsgründen nicht am Straßenrand stehen hatte lassen, wobei mir – zumindest bei den späteren Fahrten – das Stehengelassenwerden durchaus lieber gewesen wäre.

Es ist aus den vielen Fahrten eine einzige geworden durch den Gedächtnisrundschliff der Jahre; ich könnte nicht mehr sagen, wann ich das erste Mal dabei war oder wann das letzte Mal, ob der Mensch auf der Bahre öfter meine Mutter war oder mein Großvater; ob ich mehr als ein Mal mit meiner Großmutter geweint habe; ob es nur ein Wagen war, dem der Gurt am Klappsitz fehlte, sodass ich mich nach der Ermahnung des Rettungsmenschen: “Halt dich fest, weil wenn dir was passiert, bin ich schuld” trotz ruhiger Fahrt an den scharfkantigen Sitz klammerte, bis meine Finger nicht mehr spürte (denn ich wusste, wie es war, an Dingen schuld zu sein, für die man gar nichts kann – und wollte nicht, dass dieser nette Mensch wegen mir an irgendetwas schuld sein müsste, egal was kam); – klar und einzeln tritt eigentlich nur eine einzige Fahrt hervor unter dem Suchscheinwerfer der Erinnerung: und da war es mein Großvater, der auf der Bahre lag.

Es war eine ganz schlimme Fahrt, nicht eine halbschlimme – das hatte ich zu unterscheiden gelernt anhand des Blicks der Hausärztin und am Tonfall des Weinens meiner Großmutter – und trotzdem hat mein Großvater, eben aus seiner Ohnmacht erwacht, sich nur darüber beschwert, dass er nichts hörte mit seinem Hörgerät, gerade als der Rettungswagen aus unserer Einfahrt losfuhr. Es wäre nicht unbedingt notwendig gewesen, dass er etwas hörte; er war in seinem Gemurmel ohnehin verloren irgendwo zwischen dem zweiten Weltkrieg und dem Antritt seines Oberinspektorpostens, obwohl er doch mittlerweile längst in Pension war; das einzig Gegenwärtige in seinen Worten war das Verlangen nach einem funktionierendem Hörgerät, und er fuchtelte mit den Armen und hinderte den Rettungsdienstmenschen daran, ihm irgendeine Infusion zu legen, weigerte sich, das beruhigende Tätscheln der weinenden Großmutter zur Kenntnis zu nehmen: Und ich war es, die die Batterie in der Tasche hatte. Die neue Batterie, die auf dem Nachtkästchen gelegen hatte, er hatte sie wohl schon zurechtgelegt für den nächsten Tag, ich hatte sie eingesteckt ohne darüber nachzudenken, einfach weil sie dalag; stand jetzt – ebenso ohne nachzudenken – von meinem klapprigen Klappsitz auf, zupfte meinem blassgelben Großvater das Hörgerät aus dem Ohr, wechselte die Batterie, prüfte das Hörgerät an meinem eigenen Ohr und reichte das Ding dem Rettungsdienstmenschen, der es mit einem anerkennendem Nicken nahm und meinem Großvater wieder aufsetzte. Der beruhigte sich augenblicklich, ließ sich nicht nur das Hörgerät ansetzen sondern auch die Nadel mit Wasauchimmer stechen, und blieb den Rest der Fahrt über ruhig.

Ob meine weinende Großmutter das überhaupt bemerkt hatte, erfuhr ich nie; ebensowenig, ob der Großvater sich je an diese Szene erinnert hat. Trotzdem war plötzlich etwas verändert; von diesem Zeitpunkt an fühlte ich mich nicht mehr völlig überflüssig in dem Wagen; hatte das Gefühl, nach meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten etwas bewirkt zu haben. Ich drehte und fingerte die alte Batterie in meiner Tasche, bis wir beim Krankenhaus ankamen. Habe ich schon erwähnt, dass es Nacht war? Die Halle war war leer, bis auf eine alte Frau hinter der Rezeption, die meinem Empfinden nach schon längst nicht mehr arbeiten sollte. Als die Rettungsleute meinen Großvater auf der Bahre über den Gang schoben und ich und meine Großmutter hinterherhetzten,  drehte sich an einer Glastür einer der Rettungsleute um und sagte: “Intensivstation, Kinder sind nicht erlaubt”. Gehorsam blieb ich zurück. Ich wollte ja keine Schwierigkeiten machen. Meine Existenz war schon Schwierigkeit genug.

Ich stand eine Weile an der Glastür, die alte Batterie war längst handwarm in meiner Tasche, ging dann langsam zurück in die Empfangshalle; die Frau hinter dem Tresen hob auch jetzt nicht den Kopf, ich ging die ganze lange Reihe von Wartesesseln entlang in der Hoffnung, irgendwo irgendetwas Lesbares zu finden – es gab nichts – setzte mich dann, auf den Sessel, der dem Gang mit der Glastür am nächsten war, und wusste, ich konnte nichts anderes tun als… warten. Natürlich war ich müde, gleichzeitig aber hellwach. Dass mein Großvater überleben würde, stand für mich außer Zweifel – er hatte ja schon so oft überlebt. Ich dachte vielleicht darüber nach, wie viele Wochen lang wir diesmal täglich ins Krankenhaus fahren würden. Meine Großmutter bestand nämlich darauf, bei jedem Krankenhausaufenthalt eines Familienmitglieds täglich im Krankenhaus zu erscheinen, und das die ganze erlaubte Besuchszeit lang. Und weil sonst niemand auf mich aufpassen konnte, war ich immer mit dabei.

Wahrscheinlich dachte ich genau darüber nach. Und darüber, dass das ziemlich mühsam war – das hieß nämlich, dass ich täglich nach der Schule sofort mit meiner Großmutter in den Bus steigen musste und erst nach Einbruch der Dunkelheit heimkommen würde. Dass ich dann, abends und bei Lampenlicht, müde, meine Schulaufgaben machen musste. Dass mir keine Zeit bliebe zum Lesen. Oder zum Funken. Oder mit der Modelleisenbahn zu spielen. Solche Gedanken mag man ablegen unter “Kinder sind grausam”; aber ich bin damals wirklich nie auf die Idee gekommen, dass so ein Krankenhausaufenthalt jemals anders als gut enden könnte – die hatten ja bisher alle immer gut geendet.

Jedenfalls war es sehr still dort in der Wartehalle. Es war sehr lange sehr still dort in der Wartehalle: nämlich so lange, bis es plötzlich laut wurde. Ein neuer Rettungswagen fuhr vor, draußen auf der Rampe, Türen schlugen, Stimmen schrien sich irgendwas zu, die Schwingtüren schwangen auf: Eine Bahre, ein Körper unter einem grundsätzlich weißen, jetzt aber großteils blutigroten Tuch; Sanitäter, die die gleiche flüssigrote Farbe auf ihrem Gewand und auf ihren Händen trugen; im Laufschritt die Bahre an mir vorbei in die selbe Richtung schoben, in die vor einer Ewigkeit mein Großvater verschwunden war.

Schon damals habe ich gerne die Geschichten hinter den Dingen erfunden, in meinem Kopf. Die Geschichte unter dem blutigen Leintuch schwankte, zumindest in meinem Kopf, zwischen Verkehrsunfall und Messerstecherei. Wieder verging eine lange Zeit, und ich wurde langsam ein bisschen nervös, weil ich meiner Großmutter durchaus zutraute, mich in so einer Situation zu vergessen. Wenn mir nur eingefallen wäre, wie ich die unentwegt unbewegte Frau hinter dem Tresen hätte ansprechen können, ich hätte es getan. Aber mir fiel nichts ein.

Dann hörte ich die Glastür schwingen. Heraus kamen die Rettungsleute, die zuvor im Laufschritt das blutige Etwas vorbeigeschoben hatten. Und es folgte, vermutlich ohne dass mich einer der beiden bemerkt hätte, folgender Dialog:

– Heast, I hob an Hunger,
– Jo, eh. Gemma zum Würstelstand. I mecht ma nur vorher di Händ waschen.

In dem Moment begriff ich (ohne es zu verstehen), dass der Ausnahmezustand, in dem ich mich zu befinden glaubte, für die Beiden tägliche Relität war. Dass sie, und viele andere wie sie, auf der ganzen Welt täglich Herzinfarkte, Unfall- und Verbrechensopfer und in vielfacher Form chemisch beeinträchtigte Personen von der Schwelle des Todes zurück ins Leben fuhren; und: dass alle meine Kopfgeschichten verblassen mussten vor einer solchen Realität.

Viel später hätte ich so etwas einen Flash genannt. Und jetzt, also noch viel später, hätte ich aller Wahrscheinlichkeit nach einen zynischen Scherz auf den Lippen in so einer Situation. Viel weniger später, vielleicht eine halbe Stunde oder vielleicht auch nur 10 Minuten nach den blutigen Helden, kam meine Großmutter von irgendwoher und wir fuhren mit dem Rettungswagen und unseren eigenen Helden nach Hause zurück. “Sie ist müde.” entschuldigte die Großmutter mein Schweigen, weil ich so gar nicht reagieren wollte, als mir einer der Helden endlich alle Gerätschaften im Wagen erklärte (und darum hatte ich etliche Fahrten lang gebttelt); ich aber war nicht müde, sondern nur beeindruckt.

Es war nicht das erste und ebensowenig das letzte Mal, dass man mich völlig missverstanden hat.

“Je ne perds jamais. Jamais Vraiment.”

“Alain Delon”-Special auf Bayern 3. Der eiskalte Engel, einer meiner All-Time-High-Filme, beginnt in 10 Minuten. Wobei die deutsche Übersetzung natürlich nur das halbe Vergnügen ist (und das sage ich, obwohl ich die Mär von der Schönheit der französischen Sprache nie so recht verstanden habe; ich verstehe es, spreche es auch, nicht sehr gut, aber verständlich; schön allerdings habe ich die Sprache nie gefunden. Womit ich in meinem gesamten Bekanntenkreis ziemlich alleine dastehe).

Den Film habe ich mittlerweile so oft gesehen, dass die Finger meiner beiden Hände nicht mehr ausreichen, um nachzuzählen. Und jedesmal wieder überrascht es mich, dass er nicht in schwarzweiß ist. Obwohl es mich nicht überraschen sollte: Denn wenn ich an den Film denke, sehe ich als erstes unfassbar blaue Augen und melancholisch hochgezogene Mundwinkel und höre das Zitat, das im Titel steht. (Das zweite, woran ich denke, ist die Szene, in der Blau-Auge mit seinem Vogel spricht. (Was jetzt irgendwie lustig ist, denn der letzte Song, den mir mein iTunes-Zufalls-Butler serviert hat, bevor ich auf TV umgeschalten habe, war “I like Birds” von den Eels).

“Tat-Sachen”

Jetzt hat auch Österreich seine “Crime-Show” (bzw. gab’s schon ein paar Folgen, aber die sind an mir vorbeigegangen). Die Sendung ist weniger technisch als ihre ausländischen Vorbilder (was ich ein wenig schade finde), aber man erfährt doch interessante Dinge. Zum Beispiel, dass gleichgeschlechtlicher Sex in Österreich noch 1968 unter Strafe stand und in dem entsprechenden Paragraphen im gleichen Atemzug mit Sodomie genannt wurde. Erst 1971 wurde das Verbot der Homosexualität abgeschafft. Gefühlsmäßig hätte ich diesen Wechsel eher irgendwo am Ende der 50er vermutet.

Außerdem hat mich die Sendung (vermutlich wegen der steirisch sprechenden Polizisten) an die Sache mit den Briefträgern erinnert. Da ich damals noch ziemlich klein war, bitte ich, etwaige Ungenauigkeiten großzügig zu übersehen.

Es gab etwas zu feiern. Es gab etwas zu feiern, und wir hatten bereits Telefon – das heißt, das Ganze muss sich nach dem ersten Herzinfarkt meines Grossvaters zugetragen haben, also frühestens 1970. Es gab etwas zu feiern, und mein Langzeitgedächtnis flüstert mir zu, es sei Silvester gewesen. Jedenfalls klingelte irgendwann gegen Abend unser ziemlich neues Telefon, ein Viertelanschluss (wer erinnert sich eigentlich noch an die Viertelanschlüsse, an deren Klackern man die Telefoniegewohnheiten der Nachbarn ablesen konnte?), nicht ohne die typische Viertelanschluss-Vorankündigung “klack-klack-klack-klackaklack”, und als es dann klingelte, war mein Grossvater dran. Mein Grossvater war Postoberinspektor in Graz und hatte “die gesamten Briefträger des linken Murufers” “unter sich”, worauf er sehr stolz war. Er war manchmal auch auf ziemlich seltsame Dinge stolz, zum Beispiel darauf, dass er einem Briefträger, den er aus irgendwelchen Gründen zu sich bestellt hatte, mit den Worten “Nehmen sie die Hände aus den Hosentaschen und stellen sie sich gerade hin – in meinem Büro wird nicht mit den Eiern gespielt” die richtige Haltung beigebracht hatte. Warum der Mann “Eier” in den Taschen hatte, und wie man mit “Eiern” “spielt”, habe ich zum Zeitpunkt der Erzählung übrigens nicht verstanden.

Aber zurück zu jenem Abend. Mein Grossvater war am Telefon, und er war ziemlich sauer: Einer der Briefträger war von seiner Runde nicht rechtzeitig zurückgekommen. Und er war auch nicht in der “Toleranzzeit” zwischen 4 und 6 Uhr zurückgekommen. “Der Pücha”, sagte mein Grossvater am Telefon, “sitzt irgendwo und sauft si nieder. Und ich kann nicht weg.” Oder etwas in dem Sinn, wobei die Bezeichnung “Pücha” mit Sicherheit gefallen ist. Die Sache wurde dadurch brisant, dass der Mann einen großen Geldbetrag bei sich gehabt hatte – am letzten eines Monats (also wahrscheinlich doch Silvester) wurden die Beamtenpensionen ausbezahlt, und da die Geschichte mit den Konten damals noch wenig flächendeckend umgesetzt war, brachte in den meisten Fällen der Briefträger das Geld.

Es wurde hektisch telefoniert an diesem Abend, der Briefträger kam und kam nicht zurück, und irgendwann packte meine Großmutter das Festmahl in Alufolie und mich an der Hand, und wir marschierten zum letzten Bus in Richtung Stadt (gegen halb Acht, wenn ich mich nicht irre). Wenn der Opa nicht zum Feiern nach Hause kommt, musste eben die Feier zum Opa kommen, das war in sich völlig logisch. Nur schade, dass der Dackel, der zu Hause bleiben musste, dann seine Knackwurscht nicht feierlich serviert bekommen konnte – aber das würden wir nachholen, versprach mir die Oma im Bus.

Dann saßen wir im riesigen Büro meines Großvaters, Wände in schmutzigbeige, dunkelgrüne Vorhänge bis zum Boden, und meine Großmutter richtete das Festmahl am ebenfalls riesigen Schreibtisch an, helles lackiertes Holz, das schon einige Beamtengenerationen überstanden zu haben schien. Mein Großvater telefonierte mit der Polizei, die zum Abwarten riet, mit Kollegen des Verschollenen, die von einer Freundin (oder war es die Mutter?) erzählten und diese auf Verlangen des Großvaters auch aufsuchten, um sie zu befragen (Telefon hatte sie nicht). Auch sie wartete, ebenso vergeblich.

Während meine Grossmutter den Schreibtisch deckte, als wären wir zu Hause in der Küche, war ich es völlig zufrieden, mit dem Locher und einigen Papierblättern zu spielen. Auf die richtige Mischung kam es an. Mein Grossvater hatte mir ein unbeschriebenes Formular gegeben, das aus einem weißen, einem lindgrünen und einem rosaroten Blatt bestand. Wieder und wieder ließ ich den Locher in die Blätter beißen und öffnete dann die Rückseite (transparent waren die Dinger damals noch nicht), um zu sehen, wie sich die Konfettimischung farblich machte. Es war mir sehr wichtig, die richtige Farbkombination herzustellen – so wichtig, dass ich mich kaum davon losreißen konnte, als es ans Essen ging.

Wir aßen, und während die Großeltern plauderten und ich in meinem Teller rührte und über irgendetwas nachdachte, über das man in dem Alter halt so nachdenkt, kamen die “Großen” immer wieder auf den verschwundenen Briefträger zu sprechen. Erst war er noch “da Pücha”, der “immer gern a Glasl zvü trunken hat”, aber irgendwann sprach meine Grossmutter aus, was längst im Raum schwebte: “Und wenn ihm doch was passiert ist?”

Ich kann mich nicht erinnern, was ich mir in dem Alter unter “passiert” vorstellte, aber irgendwie war es plötzlich kühl und still in dem großen Büro. Mein Grossvater rief nach dem Essen nochmals bei der Polizei an, obwohl ein etwaiger weiterer Anruf erst für den nächsten Tag vereinbart war. Irgendwann dann, ich lochte längst wieder bunte Blätter, kam ein Polizist vorbei. Er trug einen grauen Anzug, keine Uniform, was mich sehr verwirrte, beantwortete aber meine diesbezüglichen Fragen (unter den missbilligenden Augen meiner Großeltern; ein Kind hatte zu schweigen!) freundlich.

Er hörte sich die Sache an, machte ein paar Notizen, stellte Fragen (genau erinnere ich mich daran, wie mein Großvater ausführte, warum er dem Verschwundenen ein absichtliches Verschwinden mit dem Geld nicht zutraute: zu intelligent, bei der Summe…), dann riet er: “Gehen Sie nach Hause, wir halten die Augen offen. Hierher kommt der heute sicher nicht mehr.”

An mehr von diesem Abend erinnere ich mich nicht – vielleicht bin ich eingeschlafen, auf der Rückbank des roten Ford Taunus 12M; vielleicht habe ich während der Fahrt in einen dunklen Himmel geschaut, vielleicht auch um einen eigenen Locher gebettelt, ich weiß es nicht mehr.

Der vermisste Briefträger jedenfalls, der kam nicht wieder. Nicht am nächsten Tag, nicht am übernächsten, und in den folgenden Wochen auch nicht. Erst war es Tagesgespräch beim Abendessen (was der Opa für Scherereien hatte wegen des verschwundenen Geldes…), dann tauchte das Thema seltener auf, schließlich gar nicht mehr. Bis irgendwann ein zweiter Geldbriefträger verschwand. Ebenfalls am letzten eines Monats. Dann ging es wieder los, mit dem Tratsch und den Spekulationen. Ich glaube, insgesamt waren es drei.

Nach langer Zeit fand man, ich weiß nicht mehr warum – oder sonstige Einzelheiten – Teile der Ermordeten in einer Tiefkühltruhe. Ich glaube, mich zu erinnern, dass das daraufhin verhaftete Pärchen gesagt hat, es wäre ganz leicht gewesen, wenn man den Briefträger nur auf einen Schnaps eingeladen habe – der nicht servierende Partner habe dem Ahnungslosen einfach einen Fleischhammer über den Schädel gezogen.

Aber Letzteres könnte auch die Interpretation meines Großvaters gewesen sein.

[edit 2017] Hier habe ich die Geschichte in weniger kindlicher Aufbereitung gefunden. Das mit dem Pärchen war dann wohl doch eher eine Vermutung meines Großvaters.

Die oben genannte TV-Sendung löste übrigens auch anderswo persönliche Erinnerungen aus… und auch von dieser Geschichte wissen die Suchmaschinen bislang noch nichts.

King Of The Road

Trailer for sale or rent
Rooms to let, fifty cents
No phone, no pool, no pets
I ain’t got no cigarettes, ah but
Two hours of pushing broom
Buys a eight by twelve fourbit room
I’m a man of means by no means
King of the Road

Weiß auch nicht, warum mir der Song gerade jetzt einfällt – und mit dem Song eine Geschichte, natürlich:

Wie wir damals nach Griechenland gefahren sind, mit dem Zug. Bevor es Krieg gab in Jugoslawien: 40 Stunden laut Fahrplan, in Wirklichkeit eher 44 oder 46; Kurswagen nach Athen an der Garnitur nach Istanbul, ab Graz Hauptbahnhof täglich um 20:40 Uhr – von Mai bis September. Jedes Mal, wenn ich in der Nähe des Bahnhofs war um diese Uhrzeit, bin ich hingegangen um diesen Zug abfahren zu sehen. Heimlich. Niemand hätte mich dafür nicht ausgelacht.

Aber irgendwann war es soweit, hatte ich die 1100 teuren Schilling für das Zugticket zusammengspart, hatte ich einen Rucksack geborgt und meine Sachen gepackt. Und stieg ein. Zum zweiten Mal; im Jahr davor war ich mit 2 Freunden gefahren und statt 2 Wochen 7 Wochen geblieben. Etwas ähnliches hatte ich auch beim zweiten Mal vor. Ich weiß noch, wie ich am Bahnhof saß. Es war kalt, viel zu kalt für August. Ich hatte eine pinkfarbene Trainingshose an (hej, es waren die 80er!), extra gekauft, und ein weißes T-Shirt unter der Jeansjacke, und ich fror entsetzlich.

Der Bahnsteig war voll, der Waggon, der aus Wien kam auch – aber ich hatte Glück. Alle Sitzplätze im Wagen reserviert, aber der Typ, dessen Name auf meinem Sessel stand, tauchte nicht auf. Draußen am Gang standen sie, ohne Aussicht auf Veränderung, für die nächsten 40 Stunden. Alle wollten nach Athen.

Wir waren noch nicht mal an der jugoslawischen Grenze, als einer im Abteil eine Flasche mit billigem Fusel fallen ließ. Es stank entsetzlich. Länger als für den Klogang oder die Zigarette draußen am Gang aufzustehen hätte aber bedeutet, den Sitzplatz aufzugeben – und selber für die nächsten 40 Stunden zu stehen.

Ich blieb also sitzen und wurde langsam benommen vom Fuselgas. Störte mich auch nicht sehr. Dann, draußen im Gang, eine Gitarre. Es war der “Sheriff”, ein Typ den ich flüchtig vom Sehen kannte, mit einem Freund. Offenbar kannten sie nur den einen Song. Sie haben ihn ungefähr tausend Mal gespielt, bis runter nach Athen. Am nächsten Tag, spätestens in Belgrad, sangen alle mit, auch die, denen die Schrammelei furchtbar auf die Nerven ging. Vielleicht gerade die.

Dazwischen eine Nacht in einem dieser wunderbaren alten Abteile, in deren Gepäckfach man herrlich schlafen konnte. Am begehrtesten war der Platz über der Tür, dort gab es nicht einmal schmerzende Gitterstäbe unter der Hüfte. Auf dieser Fahrt hatte ich genau den erwischt. Er war etwas kürzer als die anderen, aber wenn man gewohnheitshalber mit angezogenen Beinen schläft, war das kein Argument.

Während ich da oben und zwei weitere in den Überkopf-Gepäckfächern schnarchten, hätten sich unten die restlichen 3 sehr gemütlich ausstrecken können – hätten sich nicht vom Gang die anderen reingedrängt, die auch mal liegen wollten. Irgendwann bei einem Klogang zählte ich 11 Leute im Abteil. Die Schaffner hatten längst resigniert.

Ich erwachte davon, dass das Lied schon wieder anfing. Ein beunruhigend brandiger Geruch erwies sich nach mehrfachem Augenblinzeln als Gaskocher, der den halben Waggon mit frischem Kakao versorgte. Ich hoffte, der Lokführer würde nicht unangekündigt bremsen.

Mitten in der zweiten Nacht die griechische Grenze. Am ersten griechischen Bahnhof wollten alle raus. Griechischer Kaffee, Tiropita und Kakao. Man versorgte sich, kaufte die Stände leer. Noch ein halber Tag bis nach Athen.

Der zog sich. Es war sehr heiß, und dafür war ich sehr dankbar. Die griechische Lok, die man an der Grenze vorgespannt hatte, war noch nicht elektronisch mit den Waggons verbunden. Man konnte die Waggontür öffnen und draußen auf den Stufen sitzen. Der Fahrtwind war wunderbar. Und man hörte die Wahnsinnigen nicht mehr singen.  Wenn der Zug etwas langsamer fuhr, hörte man stattdessen die Grillen zirpen. Und dass die trockenen Sommerwiesen hier ganz anders rochen als die nassen zu Hause, stellte ich beglückt fest.

Irgendwann, dann, doch: Athen. Das Licht weiß ich noch, den Staub; die Hitze und die zufriedene Sicherheit, weil ich an all den Zimmervermittlern abwinkend vorbeigehen konnte. Ich wusste ja schon, wo ich hinwollte. Vom Vorjahr noch.

Ich glaube, ich war glücklich. Damals. Irgendwie.

(Gezeilt liest sich das so, übrigens.)