KategorieBachmannpreis

Bachmannpreis 2012, Tag 3

Zu spät eingeschaltet, weil die zu früh anfangen. Wer kommt denn auf die Idee, ausgerechnet samstags früher anzufangen?

Matthias Nawrat lebt in Biel und Bamberg.
Sein Text heißt Unternehmer und nimmt uns mit auf die Streifzüge einer Computerschrott-Sammler-Familie. Mir gefällt er gut, die Computerherzen, die Neuseelandträume und der lange Nasen-Timo, die präzisen Vorgangs- und Material-Beschreibungen. Die Jury-Diskussion spare ich mir und widme mich stattdessen der Frühstückszubereitung.

Matthias Senkel lebt in Leipzig und lässt sich im Videoportrait zeichnen bzw. malen. Sein Text heißt Aufzeichnungen aus der Kuranstalt. Er zeichnet sich aus durch lange, fremdländische Namen und betont altbackene Sprache. Der Humor bleibt klein und flach. Die Anstalt mit den schreibgehemmten Schriftstellern, die Krimi-Anklänge und Curacao können mich gar nicht überzeugen.

Die Jury findet den Text vor allem intelligent, aber ebenfalls nicht überzeugend. Zitate:
Jandl: “Intelligenz ist mir geläufig.”
Keller: “Intelligenz genügt nicht, um Schriftsteller zu sein, sonst wäre hier der ganze Saal Schriftsteller”

Leopold Federmair kommt aus Wels und lebt in Hiroshima. Sein Text heißt Aki und spielt zum Glück nicht in Japan, sondern in einem muffigen Provinz-Gasthaus. Die Ich-Erzählerin schreibt über Aki, Aki steht auf Bob Dylan und klaut ein bisschen Geld. Popkultur. Ein bisschen beinahe-Sex. Am Ende das Verschwinden der Jugend.

Die Jury fragt sich, warum diese Frau ausgerechnet über Aki schreibt, dabei ist das doch sonnenklar: Sie ist trotz seiner Akne verliebt in diesen Aki, allerdings auf die 80er-Jahre Art, in der man so etwas niemals zugab, sondern lieber zynisch und abgeklärt über Sex geredet hat.

Isabella Feimer kommt aus Wien und liest den Text Abgetrennt. Es geht um eine Trennung, auf weichgezeichnete Art und Weise wird die Beziehung noch einmal heraufbeschworen, seltsam ortlos bis auf den Ausflug nach Havanna. Dem Text hätte ein radikaler Lektor gut getan, aber trotz Kitscheinbrüchen und einer Handvoll geht-gar-nicht-Wendungen mag ich ihn nicht ganz so unter den Teppich gekehrt sehen, wie es netzweit passiert. Schlimm hingegen ist der Vortrag, bis zur Tränengrenze in den eigenen Vortrag zu kippen, das geht nicht gut.

Die Jury diskutiert erst einmal darüber, wer wen verlässt. Zitate:
Strigl: “In der Literatur mag ich kein Huhn mehr.”
Carduff: “Die Lyrik als kulminierender Fluchtpunkt”
Winkels: “Masochistisch-poetischer Diskurs”

Fazit: Insgesamt ein gutes Jahr, für mich gab es nur zwei Texte, die ganz durchgefallen sind (Richner und Froehling). Ab 15 Uhr kann für den Publikumspreis abgestimmt werden. Ich bin mir meiner Stimme noch nicht ganz sicher, bis 20 Uhr ist Zeit.

Eindrücke anderswo:
Auf der Vorspeisenplatte
In der Sammelmappe
Klaglos in Klagenfurt
Auch engl klagt nicht

 

Bachmannpreis 2012 – Tag 2

Inger-Maria Mahlke kommt aus Hamburg, lebt in Berlin und lässt in Ihrem Videoportrait bunte Gummibälle hüpfen und taucht sie in Farbe um eine Schachtel von innen zu bemalen. Ihr Text (Auszug aus einem längeren Text) hat keinen Namen, sie wählt die “du”-Form, die ich an sich nicht sonderlich mag. Es geht um sinnliches, Brotbacken in einer Backstube zuerst. Ein seltsam unsinnliches Kind ist auch dabei. Dann der Wechsel in die Sex-Industrie, geheimgehalten vor dem Kind, schließlich ein klammheimliches Verschwinden. Ein starker Text zum Morgen.

Die Jury ist sehr sachlich und freut sich durchgehend über die Abwesenheit von Moral, das “du” wird ausführlich diskutiert. Zitate:
Jandl: “Kein Ikea-Du, sondern ein Arbeiterklassen-Du”.
Winkels: “Das du, das ihr grammatisch das verlorene Gesicht zurückerstattet.”

Cornelia Travnicek lebt in Traismauer und hat einen Bubble-Tea-Shop in Krems, der das Videoportrait behrrscht. Sie hat eine Webseite und twittert. Ihr Text heißt Junge Hunde und erzählt erst einmal von einem toten Hund, dann von Jugend-Dummheiten und einer Jugendfreundschaft und über den jungen Hund. Das alles ist zwar toll geschrieben und auch als Geschichte nett, aber doch eher langweilig. Erst am Schluss mit dem Vater, der ins Altersheim muss, rundet sich der Kreis zu einer Intention. Mir fehlte das Vergnügen beim Zuhören und Lesen unterwegs, die weitgehende Harmlosigkeit ist zu perfekt, um interessant zu sein.

Die Jury ist recht angetan, allen voran Feßmann. Mich nerven zunehmend die Nacherzählungen dessen, was man gerade gehört hat, es waren doch alle Anwesenden schon bei der Lesung dabei.

Olga Martynova kommt aus Leningrad und lebt in Frankfurt am Main. Das Videoportrait beginnt mit russischer Lyrik. Ihr Text “ Ich werde sagen: „Hi!“” erzählt vom halbwüchsigen Moritz, der in das Eismädchen verliebt ist, und von seiner wunderbar skurrilen Familie, die eigentlich ziemlich normal ist. Dazu wunderbare Wörter, das Haarestreichen wird zum Luftkomma, das Eismädchen hat eine Fischchenkontur ums Auge. Gefällt mir. Die halbe Twitteria motzt über ihren Akzent beim Vorlesen, peinlich kleinlich.

In der Jury blamiert sich erstmal Carduff ein bisschen, weil ihr offenbar nicht klar ist, dass es schon vor Martynova nicht-deutschsprachige Autoren in Klagenfurt gab. Ansonsten allgemeines Wohlwollen, zurecht. Lieblingszitat:
Jandl: “Wir erleben sozusagen die Geburt eines Dichters aus dem Geist der Erotik”.

Lisa Kränzler lebt in Freiburg, und ihr Text heißt Willste abhauen.
Sexyness,die im Kindergarten beginnt. Immer nah am Missbrauch. Beklemmend, dicht, und insgesamt ein sehr guter Text, den ich dennoch möglichst schnell wieder vergessen möchte.

Zitat:
Winkels: “Die Sexualität ist das Medium, in dem das Symbolische zirkuliert”

Simon Froehling kommt aus Zürich und hat sein Videoportrait als Briefwechsel gestaltet. Sehr meta.
Sein Text heißt “Ich werde dich finden” und handelt von Niereninsuffizienz, Tod und Organtransplantation und ist voller ungut hölzerner Sätze, weder Geschichte noch Stil werden mir auch nur im geringsten interessant.

Fazit: Mahlke, Martynowa und eventuell auch Kränzler sind offenbar preisverdächtig. Ich bin müde und gleichzeitig irgendwie unzufrieden, wie nach einer halben Mahlzeit. Das liegt nicht an den Texten, das liegt an den gekürzten Lesetagen. Vermutlich wird mir in dieser Sache kaum jemand zustimmen.

Eindrücke anderswo:
Auf der Vorspeisenplatte
In der Sammelmappe
Ein Büchersäufer ist “Klaglos in Klagenfurt”

Bloggt sonst wirklich keiner mehr mit? Die Medienberichte langweilen mich.

Bachmannpreis 2012 – Tag 1

Das Livebloggen kann ich mittlerweile getrost sein lassen, denn live findet der Wettbewerb auch online reichlich statt – die wichtigsten Stellen dafür sind Twitter, mit dem schönen Hashtag #tddl, und die täglichen Livechats bei Frau Sopranisse. Wenn man dann noch, so ganz nebenbei, versucht, den Punktekatalog der Riesenmaschine im Auge zu behalten (was eigentlich eine Vollzeitbeschäftigung wäre), dann ist man schnell am Aufmerksamkeitslimit – und verpasst am Ende noch die schönen Momente der Texte und die Glitzerkörnchen der Jury. Aber zum Glück gibt’s das ja alles zum Nachlesen und Nachschauen. Man kann sich also als gesetzte Bloggerin ruhig Zeit nehmen, um die Ereignisse zu verarbeiten. Hier die Zusammenfassung vom ersten Tag.

Heuer ist Stefan Moster erste Autor. Er kommt aus Mainz, lebt in Finnland, und ist im Netz (laut google-Suche) nur über seine Werke präsent. In seinem Videoportrait sehen wir Finnland und erfahren, dass der Autor schreibt, um die Welt besser zu verstehen, und um sein Deutsch nicht zu verlieren. Zudem geht es ans und ums Wasser. Sein Text, Der Hund von Saloniki, spielt demnach auch am Wasser, in Istanbul und Saloniki, und daneben noch in einem überfüllten Zug. Meine Freude über einen Reisetext verblasst mit der Banalität des påtscherten Protagonisten. Im weiteren geht es vor allem um den Hund, der sich in den verloren und verwirrt am Strand schlafenden Reisenden verbeißt, ein eher unwahrscheinliches Verhalten eines vierbeinigen Streuners. Nun muss ein Text ja bei weitem nicht realistisch sein, um Kunst zu werden, aber die Rolle des naiven Weltnichtverstehers nimmt man dem Erzähler genau so wenig ab wie die Hundegeschichte, und die Pose des hilflos In-die-Welt-geworfen-Seins wirkt mir ebenso gekünstelt wie der Dreh vom Hund aus Saloniki zu den Hunden in Istanbul.

Die Jury, genauer gesagt Winkels, beginnt überraschend überschwenglich. Es wird viel übers Vergessen diskutiert, obwohl es um Erinnerungen geht. Strigl merkt immerhin an, dass streunende Hunde selten grundlos aggressiv sind. Insgesamt ist die Diskussion deutlich interessanter als der Text.
Merk-würdige Zitate:
Caduff (neu in der Jury): “Was für ein wunderbarer literarischer lapidarer Satz: ‘Er war ein Hund’. Das braucht auch Mut, so etwas hinzuschreiben.”
Jandl: “Ein Hund ist in der Literatur nie einfach nur ein Hund.”
Spinnen (hat eingeladen): “Du bist ein Stück Unerfahrenheit, das am Strand liegt und gebissen wird.” – (zu Jandl): “Jetzt gehen Sie aber an den Text heran wie ein stalinistischer Zollbeamter”

Als zweites ist Hugo Ramnek dran, ein Kärntner, der in der Schweiz lebt. Auch er ist im Netz nur über seinen Verlag und Literaturseiten zu finden, erstaunlich eigentlich. Als Schauspieler ist er natürlich vortragsgewohnt, Einschläferndes stand daher nicht zu befürchten. Sein Text Kettenkarrussel beschwört bunte Exotik vor den Toren einer Kärntner Kleinstadt: Der Zirkus ist gekommen.  Das Karrussel der allerersten Verliebtheit. Streckenweise bisschen kitschig vielleicht, aber dafür ein Spiel mit der Sprache, schöne neue Wörter. Unterschwelllig schamhafte Sexualität des Halbwüchsigen, die “Kellerechse” steht in seltsamem Kontrast zum ältesten Krokodil der Welt, das sich niemals bewegt. Dicht und dennoch unaufdringlich; gebumst wird nur mit Autodrom-Wagen. “I can’t get no satisfaction.” Ein Hauch Kärntner-Slowenen-Thematik am Rande, man möchte sie ihm als Anbiederung an die Vorjahrssiegerin fast übel nehmen, aber dafür kommt sie glücklicherweise zu kärnten-alltäglich an.

Die Jury ist weniger begeistert als ich. Merk-würdige Zitate:
Strigl: “Der innere Hund ist hier die Echse”
Jandl “Der Text selbst ist ein Rummel” (ja, vermutlich gefällt er mir deshalb).
Spinnen: “Ein Text wie eine Marching Brass Band”
Winkels: “Was schön ist, definieren wir hier im Gespräch”

Zum Abschluss des Vormittags kommt Mirjam Richner aus der Schweiz. Bettlägerige Geheimnisse heißt ihr Text, und er ist so einschläfernd, dass ich die Autorin nicht einmal googeln mag. Zwei Lehrerinnen, verschüttet im Schnee, vermeintlich tiefsinnige Betrachtungen, durchbrochen von kastrierter Stahlgewitter-Lyrik. Blut, Tod und schlecht imaginiertes Überleben einer Extremsituation.

Auch die Jury ist nicht begeistert. Merk-würdige Zitate:
Jandl: “Das schwierige am Wahnsinn in der Literatur ist, dass er in der Literatur auch wieder vernünftig werden muss.”
Carduff: “Hanni-und Nanni-Style.”

Den Nachmittag beginnt Andreas Stichmann, Hamburger mit Südafrika-Erfahrung. Er hat immerhin eine Webseite, auch wenn sie recht spartanisch daherkommt. Sein Text, Der Einsteiger (ein Romanauszug), erzählt von zwei jungen (?) Obdachlosen, die sich in einem Abbruchhaus befinden. Das Mädchen ist krank. Der Junge geht einbrechen, oder will einbrechen gehen, verliert sich aber dann in der Beobachtung einer Familie und der Frage, wann es denn “in Ordnung” wäre, diese wunderbar normalen Menschen zu berauben. Wobei am Schluss nicht ganz klar ist, was davon real ist und was nicht. (Möglicherweise ist ja die imaginierte Familienvater-Identität die wirkliche, und das Obdachlosen-Bild die Imagination?)  Ein Text, der mir nach all meinen objektiven Kriterien eigentlich gefallen müsste, aber das tut er nicht, obwohl ich es abends ein zweites Mal mit ihm versuche.

Die Jury ist durchwegs zufrieden, aber nicht begeistert. Merk-würdige Zitate:
Carduff: “Ich kann nicht sagen, dass mich dieser Text produktiv macht.”
Winkels: “Papa, Mama, Kind und der verletzte Einbrecher unterm Sofa – das ist die Kernfamilie.”

Die letzte Autorin des Tages, Sabine Hassinger, kommt aus Berlin und ist Musiktherapeutin. Ihr Text, Die Taten und Laute des Tages, ist einer von denen, die ich mir immer wieder wünsche: Ein Text, der etwas an und mit der Sprache wagt. Dummerweise ist das Wagnis misslungen.  Fragmentarisch, in diversen direkten und indirekten Reden, Halb- und Nichtsätzen wird aus wechselnden Perspektiven die Geschichte vom Tod des Vaters erzählt. Beim Zuhören hoffe ich noch, dass meine Ablehnung am monotonen, furchtsamen Vortrag liegt, aber die Lese-Sonne geht leider auch beim Wiederlesen nicht auf.

Die Juroren wollen erstmal gar nicht. Dann versuchen sie, die Geschichte zu entwirren (Winkels), was nicht unbedingt gelingt, oder driften in eine allgemeine Diskussion über experimentelle Texte ab, was zwar interessant, aber kaum Sinn der Sache ist.

Fazit: Mein Favorit des ersten Tages ist Ramnek, aber den hat die Jury schon rettungslos unter den Tisch geredet. Falls im Hinblick auf die Preisvergabe jemand von Tag 1 dran kommt, wird das vermutlich Hassinger sein.

Eindrücke anderswo:
Auf der Vorspeisenplatte
In der Sammelmappe
Im Literaturcafe gibt es einen Podcast. Ich mag zwar keine Podcasts (Buchstaben! Gebt mir Buchstaben!), aber euch könnt’s ja trotzdem gefallen. (Und gut gemacht ist er allemal.)
Das Zeilenkino

(Weitere Links werden in den Kommentaren gerne gesehen.)

Bachmannpreis 2011, Fazit

Die Preisverleihung war wie die Lesetage: Gekürzt, gehetzt, und durch die resultierende nahezu atemlose Art wirkte sie beinah belanglos. Irgendwie ein Kreislauf: Die Fernsehzeiten werden gekürzt, weil das Interesse angeblich zu gering ist, das Interesse sinkt mit der gefühlten Bedeutungsschrumpfung. Außer der Hauptpreisträgerin und dem Publikumssieger war ich mit allen Entscheidungen einverstanden; überrascht hat mich, dass mein Favorit gleich den zweithöchsten Preis zugesprochen bekam.

Wünsche für die Zukunft? Mehr Zeit. Mehr Texte. Individuellere Jury.

Aber ich fürchte fast, dass das Wünschen da nichts helfen wird..

Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 5

Ich drehe den Fernseher ein bisschen zu spät auf, Leif Randt liest bereits. Schon nach ein paar Sätzen habe ich das Gefühl, den klassischen Klagenfurt-SiegerText zu hören. Das nimmt mich ungerechterweise gegen ihn ein. Ich höre ein bisschen “Schöne Neue Welt”, ein bisschen Berlin, ein bisschen Agenturszene, ein bisschen übermodern coole Kommune. Der Text hat wunderbare kleine Sätze, und lässt einen unschlüssig zurück: Soll man in dieses Paradies einziehen oder doch lieber jubeln, wenn (irgendwann außerhalb des Textes in der Zukunft) der große Krach kommt?

Winkels meint, der Tagesauftakt sei gelungen, und spricht von Wellnessoasen. Er lobt die Genauigkeit des Textes, die geholfen habe, Langeweile zu vermeiden. Strigl erkennt eine “Generation Obstkorb” und zieht Parallelen zu “Truman-Show”. Kapitalistische Idee des neuen Menschen. Feßmann findet einen Vorwurf an Eltern, die keine sind. Für Jandl fällt die künstlich aufgebaute Welt wieder zusammen. Keller (er)findet das schöne Wort “Kultur-Täter” und sieht eine Zelebration des Sekundärlebens. Winkels hat beim Lesen einen Schmerz gespürt, den ihm der Rest der Jury abspricht. Sulzer antizipiert einen Zusammenbruch. Spinnen stimmt zu und spricht von Katastrophenfilmen. Er findet den Text schön, lustig und unterhaltsam – und meint, das sei sein Problem. Der Rest der Diskussion verliert sich.

Mit einer schnellen kalten Dusche und dem zweiten Kaffee verpasse ich das Videoportrait von Anne Richter. (Ich hab dieses Jahr überhaupt kein Autorenvideo gesehen, außer dem hüpfenden Sessel, fällt mir auf.) Ihr Text beginnt als düster-halbidyllische Familienminiatur auf einem Begräbnis, was ja an sich nichts Schlechtes ist, aber mich sofort zum Gähnen bringt. Ein kurzes dramatisches Aufblitzen mit Bierflaschenscherben und Blut, dann wieder elendslange Beschreibungen von Ferienlager und Tischtennisspielen. Viel zu viele selbstverständliche Eigenschaftswörter und dann doch wieder Blut am Fuss, und ich kann ihr nicht zuhören, der Vortrag genau so zäh und getragen wie der Text. Nicht enden wollende Beschreibungen davon, wer wann wo wie im Raum steht, und welche Hände sich wie bewegen oder auch nicht.

Sulzer findet den Text “gut gemacht, aber brav”. (Ich finde langsam die Jury zu brav.) Strigl meint, das war blutleer und träge. Feßmann will eine Lanze für den Text brechen und versteigt sich bis in eine “Maria-Magdalena-Szene”. Winkels hat ein “erzählerisches Unglück” erlebt (ich auch). Keller hat eingeladen und sieht eine Geschichte in Pastellfarben erzählt. Spinnen holt weit aus und meint dann, er erkennt die Anstrengung, aber gelungen scheint ihm der Text nicht zu sein. Ich denke, ich habe mich nicht allein gelangweilt.

Michel Božiković gibt sich im Portrait sportlich: Segeln & irgendein Kampfsport. Kroatische Inseln. Auch der Text geht mit Inseln los, mit einem Mond darüber. Er liest (zu) schnell, atemlos geradezu. Erscheinung des Autors und Tonfall des Texts irgendwie ein hauch von frühen 60er-Jahren, auch wenn aktuellere Ereignisse darin vorkommen. Die Erwähnung von Castaneda lässt auf Drogen hoffen, die aber dann nicht vorkommen. Archaisches: Sonne, Mond, Wellen, Wind, Tiere in karikaturhafter Vermenschlichung. Krieg, Soldaten, Polizisten, Standard-Kampfszene. Viel “man” im Text. Absichtlich künstlich, aber es stört mich. Fluchtfilm, hat “man” auch schon besser gelesen.

Winkels wünscht sich einen Beginn am Ende von Tarantino endet auf abgeschmackt klischeehaft. Sulzer sieht die Ereignisse nur in der Imagination des Erzählers, während dessen tatsächliches ich über eine Schweizer Autobahn brettert. Ich hänge die Wäsche auf, statt weiteren Intellektualisierungen des Trivialen zu lauschen. Als ich wiederkomme, wird über griechische Tragödien, das “man” als Maske, und über Karl-May-Filme schwadroniert.

Ein Streichelzoo spielt die tragende Rolle in Thomas Klupps Video. Der Text geht mit Porno los. Bunt, nein vielmehr pastellfarben beschriebene Vaginen. Es geht um eine Arbeit im Literaturbereich, ‘Inszenierungsstrategien des Expliziten in Onlineangeboten westlicher Mainstreampornographie’. Das Publikum, das bei den Vaginen noch vornehme Zurückhaltung übte, lacht. Auch die “Verbeamtung im Schoß der Alma Mater” löst im Umfeld von Cumshots und Blowjobs große Heiterkeit aus. Die gewollt heitere Schlüpfrigkeit des Textes nützt sich recht schnell ab, er nimmt die Kurve zum von sich selbst erfüllten Unibetrieb, aber irgendwie bleibt alles flach.

Feßmann und Keller finden den Text lustig, bis die Selbstreflexion zunimmt. Jandl wagt das Wort “langweilig”. Strigl findet die Beschreibung des Universitätsbetriebs nicht so sehr übertrieben. Spinnen findet das schlimm. Er lobt die satirische Figur, spürt aber eine Ermüdung, weil der angekündigte Anspruch nicht eingelöst wird. Winkels hat eingeladen und verteidigt müde.

Das wars. Ab 15 Uhr abstimmen zum Publikumspreis, und zwar hier. Meine Stimme kriegt Steffen Popp, für die lyrische Sprache, und dafür, dass sich die eigentliche Geschichte wie von selbst zwischen den Sätzen erzählt hat.

Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 4

Nina Bußmann
Text Autorin

Der Text leidet an Ereignislosigkeit und am entsprechenden Vortrag der Autorin. Etwas steht im Raum, neben Lehrer und Schüler und der möglicherweise gegebenen Ohrfeige, zwischen ertrunkenen Schnecken und wucherndem Unkraut, aber insgesamt ist der Text nicht interessant genug, um wissen zu wollen, was das eigentlich ist.

Allgemein lobt man die schwebende Art dessen, was passiert ist, oder nicht passiert ist, oder vielleicht passiert ist. Sulzer meint, der Mann ist schwul, und wenn er es nicht ist, ist er verklemmt. Später geht es noch um “stirngeografische” Ungenauigkeiten und die Feindschaft zwischen Lehrer und Schüler an sich.

Steffen Popp
Text Autor
Ein springender Sessel im Video, sonst nix. Lustig.
Im Auto zu vielt durch ehemals sozialistische Landschaften. Schöner Mehrfach-Stream of Consciousness, mehrere Bewusstheiten eigentlich. Kann zwar das anfangs mitreißende Tempo nicht durchhalten, verliert sich absatzweise in Beliebigkeit, fängt sich dann wieder. Mein Favorit, bislang.

Strigl findet eine Spurensuche und einen Film. Manchen Juroren ist das Ganze zu zerrissen. Jandl sieht einen betrachtenswerten Teppich. Der Thüringer Wald löst gemischte Gefühle aus. Insgesamt bleibt die Kritik leider mehr beschreibend als anlysierend.

Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 3

Linus Reichlin
Text Autor

Ein Arzt in einer ungenannt bleibenden Kriegsgegend, Afghanistan hat man dennoch sofort im Kopf. Der Arzt schießt nach einer Explosion auf zwei Frauen – oder eben auch nicht. Sandalen. Gehirnerschütterung, oder schlimmeres. Es wird geraucht, es ist staubig, heiß, und abends windig. Zum ersten Mal in diesem Jahr will ich wirklich wissen, wie es weiter geht. Schöne kleine Ideen, die Sandalen, das Wort, die medizinische Selbstbeobachtung.

Winkels ist die Geschichte zu klein und zu psychisch, was irgendwie am Text vorbeigeht. (Muss leider telefonieren & verpasse einiges) Irgendjemand zieht den Vergleich mit Hemwingway. Frau Keller spricht viel passender von Don Quijote. Spinnen zieht Vergleiche mit selbst Erlebtem. Ich finde die Jurydiskussion etwas flach insgesamt.

Maja Haderlap
Text Autorin

Wald, Männer, Vater, Krieg. Schon die ersten Absätze so getragen altbacken, dass ich am liebsten abdrehen möchte. Kärntner Slowenenthematik, aber leider furchtbar betulich, beschaulich, gähn. Sogar die Mobbingszenen klingen irgendwie niedlich. Danach Holzhämmer wie Jagd, Lager, Tod neben Allgemeinplätzen wie trägen, fetten Kühen. Schade um das gute Thema.

Die Jury dagegen findet den Text gut, ja sogar makellos. Jandl erklärt die historische Ebene, die eh alle längst verstanden haben. Nur Frau Feßmann zeigt zumindest ein paar Schwächen auf. Handke wird ins Spiel gebracht, das grenzt an Blasphemie.

Julya Rabinowich
Text Autorin

Ein wilder, düsterbunter Text, der mit seiner Metaphorik streckenweise “gar nicht geht”, dann wieder Fahrt aufnimmt und einen mit dorthin reißt, wo man gar nie hinwill. Ein Geflecht von Geschichten, die krank, schweißig und blutig sind.

Die Jury findet den text schwierig, teils “zu schwierig” (darf sie das?) und rätselt, welcher Art die Beziehung jetzt wirklich ist. Etwaige interessante Gedanken werden von der neu-klagenfurter Zeitnot im Keim erstickt.

Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 2

Anna Maria Praßler
Text Autorin

Uniatmosphäre und abstrakte, dann nicht so abstrakte Todesfälle. Berlin. Zeiten laufen durcheinander, wirkt aber natürlich. Die ganze Geschichte klingt so, als hätte man sie schon 100 mal gehört. Abgegriffene Allgemeinplätze, eckige Sprache. Schade eigentlich, die Geschichte selbst hätte funktionieren können.

Die Jury ist uneins, das ist immerhin bunt.

Antonia Baum
Text Autorin

Charmant-nervige jugendliche Überheblichkeit mit surrealen Drogen-Anklängen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gefällt mir der Text gut, trotz kleiner Durchhänger.

Strigl sieht eine Thomas-Bernhard-Parodie, eine missglückte noch dazu. Ich nicht. Die Jury gibt sich überhaupt abgeklärt und altersweise. Winkels verteidigt “seine” Autorin gekonnt, Spinnen wird unnötig persönlich.

Das war der erste Tag.

Bachmannpreis 2011, (mehr oder weniger) livegebloggt 1

Gunther Geltinger
Text Autor

Kälte, Schnee und Kotze in zögerndem Vortrag. Später noch seltsam umschriebenes Sperma und Kacke. Finsteres Moor, das aufsteigt und ins Haus kommt. Eine Mutter, die malt und raucht und irgendwann nicht mehr will. Schlaftabletten, ein böser Onkel, Tod und noch mehr Schnee. Insgesamt ein Psycho-Text von der Sorte, mit der ich wenig anfangen kann.

Strigl – gelungene Bilder, aber auch missglückte Metaphern.
Winkels – hätte man mit kleinen Kniffen in einen guten Trash-Text verwandeln können.
Keller – sieht in der Kotze eine Metapher für die unverdauten Erlebnisse, oder so ähnlich.
Feßmann – sieht ein fatal enges Mutter-Sohn-Verhältnis
Jandl – Autor ist seiner Mittel nicht ganz sicher.
Sulzer – vegetative Ebene der Körperflüssigkeiten, dagegen die Ebene der verwischten Bilder

Die Jury wird kurz gehalten und darf nicht ausschweifen.

Maximilian Steinbeis
Text Autor

“Einen Schatz vergraben”. In Anleitungsform. Schleimiger Bankberater, also quasi topaktuell. Weitgehende Abwesenheit von Körperlichkeit ist momentan sehr erleichternd. Ein gewollt glatter Text; was Leichtes. Erfrischend, aber nicht sonderlich literarisch.

Sulzer fand es beim ersten Lesen witzig, danach hat er auf die Details geschaut, die so nicht funktionieren.
Jandl sieht nichts Neues und vermisst die Genauigkeit
Winkels meint, der Autor exekutiert eine Idee mit letzter Konsequenz.

(Ich langweile mich & gehe statt weiterer Worte Frühstück holen.)

Daniel Wisser
Text Autor

Kopfschmerzen (der Autor, nicht ich). Ungewollte Ehefrau, gewollte Geliebte, doppelt verboten, weil innerbetrieblich verboten. Passivkonstruktionen en masse, wohl als Demonstration der Passivität des/der Protagonisten. Im Grunde keine schlechte Idee, nur zu intensiv. Aber immerhin, der Text wagt etwas mit und an der Sprache, was ich immer wieder einfordere. Auch wenn die Art sehr nervig war.

Dementsprechend lebhaft die Jurydiskussion. Vielleicht wird’s ja doch noch was.

Bachmannpreis 2009 Livegebloggt Teil 5

Gregor Sander, Winterfisch. Schöner Titel. Im Text ist aber erst einmal Sommer. Ein Fischer und ein Boot, nur der väterliche Freund des beziehungs-leidenden Protagonisten kommt nicht. Viel Erinnerung. Könnte öd sein, ist aber eine angenehm bunte Gutenmorgengeschichte.

Twitter-Fangemeinde schläft hauptsächlich noch.

Jury: Sulzer erzählt erst einmal den Inhalt nach. Das greift um sich. Feßmann hat ein Problem und findet den Text handwerklich schlecht erzählt. Fleischanderl widerspricht, findet aber die handwerkliche Perfektion problematisch, wie kleine Backförmchen. Mangold denkt zuerst über die Stoffseite nach. Findet die Motive gut, findet aber, es müsste mehr Bedrohung davon ausgehen. Keller (hat eingeladen) hebt an, als würde sie auch vorlesen. Sie sieht eine Freundschaft der Dinge, die der Text atmet. Spinnen stottert ein bisschen und redet von 20 Jahren deutscher Geschichte und von einer “merkwürdigen Ruhe gegenüber den Weltläuften”.

Andrea Winkler. Der Text beginnt mit einer “ausgesprochen wirklichen Hand” und ist so überbetont vorgelesen, dass ich nicht zuhören mag. Der Text gewinnt deutlich, wenn man den Ton abdreht und stattdessen selbst liest, aber um ihn zu beurteilen, bräuchte ich mehr Zeit, als der Vormittag dauert. Ich weiß weder, ob ich den Text mag, noch ob er wirklich gut ist, habe aber trotzdem das starke Bedürfnis, ihn gegen jede despektierliche Bemerkung zu verteidigen.

Jury: Mangold hat gehofft, als letzter dranzukommen, damit ihm seine Kollegen den Text erklären. Außerdem fallen noch Schlagwörter wie “narzisstische Allmachtsphilosophie”, und Fleischanderl und Spinnen sind einig über die Musikalität des Textes. Jandl (hat eingeladen) liest eine Erfindung der Wirklichkeit. Ich brauch mehr Kaffee. Spinnen bringt dann noch ein Plädoyer (“für die, die mitschreiben”), ein selten werdendes Genre nicht mit einem einzelnen Text zu verwechseln.

Katharina Born, der Text hat zu viele Menschen, zu viele selbstverständliche Adjektive, zu viele Romanheftl-Momente. Wir sind wohl irgendwie in den 60ern? 70ern? Es geht um Leute, die man kennen müsste (?). Künstler, Nazis, . Und zum Schluss eine Schwangerschaft. Gähn.

Jury: Sulzer findet den realistischen Anspruch nicht erfüllt; Feßmann versteht Sulzers Problem mit den Hunden nicht, findet den Text unheimlich beweglich un einen erotischen Unterton (ich nicht. Jandl auch nicht). Keller überinterpretiert den Titel. Spinnen holt weit aus und kommt dann doch auf keinen Punkt, aber das tut er immerhin sehr amüsant. Mangold hat eingeladen und redet sich für mich endgültig ins Abseits. Viel Unsinn. Spinnen “Dezent ist etwas für Inneneinrichtungen”. Das passt.

Bei Caterina Satanik fängt die Geschichte mit einem Hund an. Der ist dann weg, der Mann auch. Rückblick Hund, Mann, Strand, gedachte Zärtlichkeiten, Numerologie und Lebensbaum. Beziehungskiste mit Hund. Hm.

Jury: Feßmann vermeint eine Nähe zu Lasker-Schüler zu bermerken. Mangold sieht den Text wegen seiner Leichtigkeit auf den vorderen Plätzen. Jandl findet die Aussage, dass Heimwerkerei nichts anderes ist, als fehlgeleitete Zärtlichkeit. Sulzer meint, dem Mann aus dem Text gestern begegnet zu sein. Es war der Taxifahrer. Keller findet den Text liebenswert und die Austriazismen putzig. Spinnen glaubt Fleischanderl nicht, dass es eine normale österreichische Umgangssprache ist.

Das war’s.  Ich schwanke zwischen Erleichterung, dass es vorbei ist, und einem ungläubigen “war das alles?”.

Abstimmen für den Publikumspreis (15-20 Uhr)
Die anderen Teile meiner “Live-Bloggerei”
Linksammlung Bachmannpreis 2009

Bachmannpreis 2009 Livegebloggt Teil 3

Der zweite Tag. Linda Stift läuft im Videoportrait durch alle denkbaren Labyrinthe und liest dann einen Text über das Nach-Europa-Flüchten. Weiß nicht, ob meine Ratlosigkeit am Text liegt oder an der Müdigkeit.

Twitter-Stimmungsbild

Mangold findet den Text ärgerlich und fühlt sich auf unlautere Weise unter Druck gesetzt. Jandl findet die Erpressbarkeit eine schöne Leistung der Literatur. Für Feßmann funktioniert das “wir” nicht. Sie meint, die Autorin müsste sich entscheiden, zB zwischen verfolgungs- und wirtschaftsflüchtlingen (finde ich nicht, das ist ja die idee des Textes, sich eben nicht zu entscheiden. Ob gelungen, sei dahingestellt.). Fleischanderl findet die Qualität des Textes in der Diskrepanz zwischen der erbärmlichen Realität und den erhabenen “wir” und verteidigt gekonnt gegen Mangolds Geschwurbel. Die Diskussion wird erstmals richtig lebhaft.

Ralf Bönt. Anruf bringt mich um Videoportrait und die ersten 5 Minuten. Autor liest im Stehen und hat eine angenehme Stimme. Ich mag aber keine historisierenden Physik-Texte mit menschlicher Note. “Ich fühle mich in historische Persönlichkeiten ein”. Sprachlich ist er gut, der Text. Aber er interessiert mich einfach nicht.

Twitter-Stimmungsbild:

Jury: Keller hat einen Kamikaze des Erzählens gehört und findet die Wahl des Photons als ich originell. Jandl ist vom Drehschwindel des Textes ergriffen und findet ihn, sprachlich misslungen. Fleischanderl auch, sie drückt es unerwartet blumig aus. Feßmann hat eingeladen und verteidigt. Mangold ist beeindruckt. Spinnen erklärt erst einmal, worum es geht. Sulzer (?) findet einen Rechenfehler. Der Autor erklärt Photone. Jandl findet unerträglich aufgebrezelte Sprache. Mangold verteidigt die Sprache. Szenenapplaus. Die Moderatorin quatscht zu viel.

Karl-Gustav Ruch, Schweizer. Bunte Nachbarschaftsgeschichte, leicht und luftig, gefällt mir, trotz ein paar Phrasenausreißern. Gegen Ende hin ein bisschen viel Immigranten und Araber. Schöner Schluss.

Twitter-Stimmungsbild:

Jury: Sulzer findet, Musikbeschreibungen im Text sind nicht akzeptabel. Spinnen fängt mit einem Tatort-Vergleich an und sieht das “Geräusch ohne Geschichte” als Leerstelle, die eher nicht aufgeklärt hätte werden sollen. Daher Text nicht gelungen. Feßmann findet die Sache mit der Wand sehr schön und erinnert sich an Günther Eich. Keller sieht das Gebäude als “Gesamthotel Welt”, hätte aber ein bisschen gekürzt. Mangold sieht nur Abziehbilder und nennt den Text Trivialliteratur. Jandl hat eine Kammeroper gehört und zieht den Vergleich zu Platos Höhle. Er findet die literarische Hürde nicht hoch, aber weit übersprungen.

Klagenfurt diskutiert über den Kopierschutz. Ich geh duschen.

Klagenfurt-Gedanken

Was mir dann noch durch den Kopf gegangen ist, so nach dem ersten Bachmann-Tag des Jahres, ist, dass es irgendwie auch bezeichnend ist für die Veränderung der Jahre, dass die heurige aktionistische Einlage aus Text-Essen besteht, und dass diese kleine, im Rahmen des Textes vielleicht milde amüsante, unterm Strich aber doch eher peinliche Geste sofort alle an Rainald Götzs blutiges Rasierklingenspielchen erinnert. Nicht, dass wir uns jetzt falsch verstehen, ich will kein Blut sehen. Esspapier aber auch nicht. Ich finde, Klagenfurt ist für die Texte da und nur für die Texte, und wem die Worte nicht Kunst genug sind, der soll sich eine andere Bühne suchen. Aber die Aktionismusqualität eines stark blutenden Stirn-Schnitts verhält sich zur Aktionismusqualität des Esspapier-Verschlingens in etwa so, wie die damaligen Texte zu den heutigen, und für die Jury-Diskussionen gilt dasselbe.

Was nicht unbedingt heißt, dass die Texte schlechter sind als früher; nach formalen, literaturwissenschaftlichen Kriterien betrachtet. Ich glaube nicht, dass sie schlechter sind, im Schnitt betrachtet, aber um das genau zu beurteilen, müsste ich altes wiederlesen, in großer Menge, zum direkten Vergleich, dazu fehlt die Zeit. Reden wir stattdessen über das Wollen. Das ist der Bruchteil des Unterschieds, auf den ich meinen Daumen legen kann. Das Wollen fehlt.

Ungenau. Natürlich gibt es ein Wollen. Es ist, vordergründig und offensichtlich, das gleiche Wollen seit Anbeginn des Bachmann-Preises: Wahrgenommen werden wollen. Reich und berühmt werden wollen. Gesehen werden wollen. Ich rede auch nicht von weltbewegenden Utopien, ein Wollen, das heute ohnehin ein Selbstvernichtungskriterium wäre (warum eigentlich?). –  Was (mir) in Klagenfurt fehlt, ist das andere Wollen, das, das zwischen den Zeilen der Texte, zwischen den Wörtern in der Luft hängt. Das früher, Autoren-subjektiv, so klang: “Ich habe einen verdammt guten Text geschrieben. Ich habe gekämpft und geschwitzt, gemeißelt, fein ziseliert, ich habe etwas erschaffen. Hier ist es. Höret und Staunet!” – Wohinegen heute, wenn überhaupt, das nicht Gesagte so klingt: “Ey, ich hab da mal irgendwas geschrieben, ich les das jetzt vor, dauert auch nicht lang. Viel Zeit hab ich ohnehin nicht, muss dann zum Interview und meinen Platz in der Literaturwelt einnehmen.” – Nun ist es ja nicht so, dass alle früheren Texte tatsächlich gut, groß oder gar weltbewegend gewesen wären. Aber ich darf mich schon fragen:  wenn eine/r nicht zumindest selber davon überzeugt ist, dass sein Text etwas Besonderes ist – was will er/sie dann in Klagenfurt?

Und dann die Jury. Zugegeben, die meisten Texte sind heuer und in den letzten Jahren durchwegs “handwerklich erstklassig” (lies: literaturbetriebskompatibel glattgestriegelt). Obwohl das kaum mehr nötig wäre. Faktische Fehler werden nicht einmal angesprochen, sprachliche Unerträglichkeiten von flachen Redewendungen bis hin zu missglückten Metaphern kommen ungeschoren durch. Was Wunder, hat doch die neue Moderatorin schon vor dem ersten Text sinngemäß einen sanften Umgang mit den Autoren eingefordert (sorry, kann mich nicht wörtlich erinnern, es war noch sehr früh). Dass sie zu Beginn der ersten Diskussion dann Spinnen zitiert – “der Spagat zwischen gnadenlosem Urteil und trotzdem humaner Behandlung” – rettet auch nichts mehr. Oder es wäre ohnehin so gekommen. Verlagskontakte? Angst vor Widerspruch oder Entrüstung, wenn man etwas schlecht nennt? Ich vermisse auf Jury-Seite die persönlichen Meinungen, auch und vor allem die, die mit meiner eigenen nicht konform gehen – Kunst ist nunmal, von wenigen messbaren Kriterien abgesehen, subjektiv, und macht erst dann richtig Spass, wenn man die Möglichkeit hat, sie im Diskurs zu betrachten. Aber so? Alles wird akzeptiert, alles hat seine Berechtigung, und komm, es haben sich eh alle lieb.

Es ist einfach alles so gotterbärmlich “politisch korrekt”. Die Texte, die Autoren, die Jury und die Diskussionen. Die glattgeschniegelten Marketingheinis haben auch hier längst gewonnen.

Bachmannpreis 2009 Livegebloggt Teil 2

Will ich wirklich einen Autor hören, der Geschichtenerzähler als Story-Kannibalen bezeichnet und das Futur 2 als seine Lieblingszeitform? Na schaumermal, Bruno Preisendörfer. Ein Text, der blaue Clowns-Augen mit der Farbe des Planeten vergleicht und ein alternder, weitsichtig gewordener Gott, dem alles egal ist. Oh, schon klar, alles voller Zitate. Die Jury wird begeistert sein. Ich zeichne. … wie sind wir jetzt vom Clown zum Psychoanalytiker gekommen? Und zur Reflexion über den Zeitverbrauch des Zähneputzens? Und zum tragischen Tod von Schneewittchen? – Ich sollte den Text eigentlich mögen, so wie er vor sich hin schwadroniert, aber irgendwie fehlt etwas.

Twitter-Stimmungsbild:

Jury: Jandl findet keinen Zusammenhang, Feßmann dagegen einen Witz, den ich trotz Erklärung nicht verstehe. Spinnen hat schon 100 Mal vom dusseligen lieben Gott gelesen und möchte anmerken, dass es ihm beim 50-Werden dreckiger ging. Feßmann wirft ein, der Held leide nicht an seinem Alter, sondern am Zustand der Welt. Spinnen pariert: “Werden Sie 50, und sie werden sehen, dass das dasselbe ist.” Noch kein ganz großes Tennis, aber immerhin. Ich brauch mehr Kaffee.

Christiane Neudecker. Autorenprotrait als Sportreportage. Wie originell. Oder doch? Ah, der Text. Theater. Der ich-Erzähler ist ein Mann. Tänzerin, Fall; Schatten, verloren. Plakativer kann man die Grundthemen nicht in die Köpfe Hämmern. Dazu Hongkong. Die Geschichte nicht uninteressant, leider viel zu viele selbstverständliche Adjektive. Obwohl. Je länger die Geschichte des untreuen Schatten dauert, umso langweiliger wird sie. Die Sprache hat auch nichts Erfreuliches beizutragen. Der männliche Ich-Erzähler verschwindet in seinem Schatten?

Jury: Frau Keller findet hohe Themen wie Tod und Geisterwelt, Sulzer findet eine klassische Horrorgeschichte. Fleischanderl vermisst dazu das Mysterium (ich auch). Die Jury konstruiert sich den Text wichtig, bis auf Spinnen. Auf den ist Verlass. Diskussion konzentriert sich auf Inhalt und imaginierten Inhalt, auf die Sprache mag sich offenbar niemand einlassen. Hm. Das war’s für heute.

Die “Tage der deutschsprachigen Literatur” haben stattgefunden

Mehrfach on- und offline gerügt, weil ich meine Tradition des Bachmann-Livebloggens in diesem Jahr nicht fortgesetzt habe – “was, wenn jemand nur dein Weblog liest, und deshalb den ganzen Event versäumt?” fiel dabei als ziemlich absurder Satz. Nun. Erstens gibt es, hoffentlich, niemand, der mein Weblog als einzige Nachrichtenquelle betrachtet, und sollte es doch jemand geben, ist der oder diejenige selber schuld. Und zweitens hat jemand, der den diesjährigen Bachmann-Preis versäumt hat (aus welchen Gründen auch immer), wirklich nicht viel versäumt.

Wirklich.

Ich bin ja eine, die diesen Event – als einzigen deutschsprachigen “Literatur-live-im-Fernsehen”-Preis – seit vielen Jahren zu schätzen weiß, gegen alle mögliche Kritik verteidigt, die Termine und Urlaubs-Möglichkeiten absagt, um nur ja keinen Text zu versäumen, und die auch in schlechten Jahren nur seufzend die Schultern zuckt und sagt “Naja, so ist halt Klagenfurt”.

Aber 2008 war traurig.

Traurig auf Textebene, weil selbst das ansonsten schon in sich vernichtende Urteil “handwerklich erstklassig” längst nicht auf alle Texte zutraf. Weil nur 3 Texte dabei waren, die ich sprachlich und inhaltlich gerne gehört habe (und davon einer bei weitem kein Klagenfurt-Niveau hatte, bei dem habe ich mich aber, wie der Sufi gern zitiert, “köstlich unter meinem Niveau unterhalten”.). Weil nur 2 Texte dabei waren, die zumindest auf sprachlicher Ebene ein Aufhorchen bewirkten (beide übrigens aus völlig nichtigen Gründen ins Out geredet).

Traurig auf Juryebene, weil kuschelige Einigkeit der Juroren jede spannende Auseinandersetzung mit den Texten verhindert hat – und gegenseitig gemeinsames Hochjubeln unter Außerachtlassen der Wettbewerbstexte zwar streckenweise amüsant, aber ganz bestimmt nicht der Sinn der Sache ist.

Traurig auf der Präsentationsebene – wo bisher klar war, dass zwar das Fernsehen irgendwann aussteigt, die Diskussion aber weitergeht, solange es etwas zu diskutieren gibt (was man manchmal nach TV-Ausstieg im Livestream verfolgen konnte), führte der mir ansonsten durchaus sympathische Dieter Moor ein strenges Moderatoren-Regime, bei dem der Grundton irgendwo zwischen Kasernenhof und Seniorenclub lag. Andererseits gab es ja auch nicht wahnsinnig viel zu diskutieren.

Der Siegertext hat diesen Wettbewerb durchaus verdient gewonnen, da kann man gar nichts sagen. Man kann ja ohnehin nicht viel sagen, weil “schau ich mir nicht mehr an” würd ich mir nicht Mal selber glauben. Wer in den letzten Jahren Freude an meinen Empfehlungen hatte, mag vielleicht noch einen Blick auf Angelika Reitzer und Pedro Lenz werfen. Der Rest, inklusive sonstiger Preisträger, ruht gut unter einem Mangel des Schweigens.

So, jetzt geht’s an die Preise

Erstmal der übliche Kurzrückblick auf Texte und Meinungen. Schadet ja nicht. Zeit genug für einen Netzrundblick. Juliette Guttmann hatte eine interessante Nacht. Sonst bleibt es ruhig.

Grandits leitet ein und über zur Stimme Robert De Niros, die einen Heißenbüttel-Text über die Gruppe 47 vorliest. Der Inhaber der Stimme heißt natürlich Christian Brückner, und der Text klingt, als hätte jemand Klagenfurt mitstenografiert, nur mit den bekannten Namen. Grandits zählt noch Mal Preise und Jurymitglieder auf.

Ah, die Shortlist: Böttcher, Licht, Österle, Scheuermann, Seiler, Stavaric, Schmidt, Stangl …hab ich sie alle erwischt?

Bachmannpreis… 2x Stangl 6x Lutz Seiler 1x Licht – Das war erstaunlich eindeutig. Ab in den Zug. (Da hab ich mich gestern wohl geirrt. Alle die, die gestern Peter Licht favorisiert hatten, auch.)

Telekompreis: 2x Schmidt 1x Scheuermann 2x Licht 2x Stangl 1x Böttcher 1x Stavaric – Also Stichwahl. 3x Stangl 4x Licht 2x Schmidt Noch eine Stichwahl. Stangl gewinnt um Haaresbreite.

3-Satpreis: 2x Schmidt 1x Stavaric 2x Böttcher 2x Licht 1x Scheuermann 1x Österle Weia, das kann ja noch dauern. 3x Schmidt 4x Licht 2x Böttcher… Entscheidung zwischen Schmidt und Licht. Peter Licht trägt den Preis davon.

Ernst Willner Preis: 1x Schmidt 2x Stavaric 3x Böttcher 2x Scheuermann 1x Österle. Jetzt wird’s aber mühsam mit der Stichwählerei. Sogar Grandits findet’s kompliziert und erklärt es sicherheitshalber nochmals. Am Ende trifft es Böttcher.

Der Publikumspreis geht an: Peter Licht. Surprise, Surprise – wer hätte das gedacht?

Ab jetzt wird nur noch gequatscht. Eure Chronistin verabschiedet sich hiermit aus dem “Internetstudio”. Bis zum nächsten Jahr.

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