KategorieBachmannpreis

Klagenfurter Wettlesen 2005 / 1.Tag / VM

Es geschehen noch Zeichen und Wunder – sogar beim Bachmannpreis: Gleich der erste Text stammt deutlich aus diesem Jahrhundert. Nikolai Vogel mit Plug In, gut ist er auch noch, der Text, unerwartet angenehm in diesem Rahmen, auch durchaus schön gelesen. Ein Weblog hat der Autor auch. Ich bin wach.

[Als die Jury den Mund aufmacht, könnte ich dagegen gleich wieder einschlafen. Die Radisch auch, nach ihrem Gesichtsausdruck zu schließen.]

Julia Schoch mag ich irgendwie gar nicht zuhören. Das liegt nicht am Text (Der Ritt durch den Feind), der ist gar nicht schlecht – bisschen zu konstruiert, aber das muss ja, in Klagenfurt -, das liegt am Vortrag. Diese Art zu lesen ist schuld daran, dass niemand gerne zu Lesungen geht – weil mensch erwartet, dass es genau so klingt.

[Hat eigentlich schon jemand etwas zu dem Bühnenbild gesagt? “Mensch ärgere dich nicht?” Worüber? Über die zahnlose Jury? Über die s-zischelnden Mikros?]

[Ich mach jetzt erstmal Frühstück]

[Ah! Nüchtern zeigt Zähne!]

Susanne Heinrich. Jetzt schnell den Fernseher abdrehen, damit mir die Jury diesen Text nicht kaputtredet.

[Mal noch reinkopiert, was ich bei Melody kommentiert habe:]

Eigenartig, ich fand den Text ziemlich stark. Ich hab da durchaus eine Art Zwischenironie herausgehört, wie ein bisschen eine Gratwanderung zwischen dem natürlichen Schwülst der Jugend und der grassierenden altklugen Art, weil man ja heutzutage schon viel zu früh viel zu viel gesehen & vielleicht auch reflektiert hat.

Aber möglicherweise ist das ja ähnlich wie beim Songschreiben mit Dorian – da höre ich immer wieder “Das musst Du anders ausdrücken, diese Art von Ironie versteht in Deutschland kein Mensch”. Was, wenn es denn so wäre, bedeuten würde, dass ich mir die Ironie selbst hineinprojeziert habe, weil die Autorin ja Deutsche ist.

[Natürlich nicht ausgeschaltet. Positiv überrascht. Die Jury hat sich warmgeredet, jetzt kann der Spass beginnen.]

[Auch wenn ich mit den Literaturbegriffen der Frau Radisch nicht ganz einverstanden bin, ist sie doch immer recht erfrischend.]

Sasa Stanisic: Was wir im Keller spielen… – Der Krieg aus Kindersicht. Kann nicht wirklich etwas zu sagen, irgendwie habe ich mich innerlich ausgeklinkt. Im Gegensatz zu Frau Radisch möchte ich das aber nicht dem Text anlasten, sondern eher mir selbst; zu wirklich, zu authentisch, ist mir dieser Kriegsalltag. Sich darauf nicht einlassen zu können sagt mehr über den Leser aus als über den Text.

28. Klagenfurter Wettlesen, Tag 3

1. Roswitha Haring – Das halbe Leben
Farblos und langweilig.
2. Guy Helminger – Pelargonien
Stark und beklemmend.
3. Arno Geiger – Wie verwandelt
Gandenlos langweilig.
4. Bettina Balaka – Blaue Augen
Böse und stark.

Ab sofort kann für den Publikumspreis abgestimmt werden.

28. Klagenfurter Wettlesen, Tag 2

1. Thomas Raab – Einführung in die doppelte Buchhaltung
Das alles musste mal gesagt werden, das ist klar. Ich weiß aber nicht, ob es ausgerechnet in Klagenfurt gesagt werden musste. Und der Autor hätte besser daran getan, den Blickwinkel des Anfangsteils beizubehalten, anstatt sich in eins der Starletts zu versetzen.
2. Richard David Precht – Baader braun
Kindheit/Jugend in den Siebzigern, hätte man schlechter schreiben können, hätte man auch besser schreiben können; was die Jury dazu sagt, will ich jetzt gar nicht wissen.
3. Artur Becker – (Aus einer Novelle) Schon am ersten Absatz gemerkt, dass ich nicht die geringste Lust habe, das Ding zu lesen. Und im Nachhinein hören kann ich es leider nicht, da die Streams dort noch immer nicht funktionieren. Pech.
4. Andreas Münzner – Kennen Sie Tschechow
Ich würd’s nicht lesen wollen, aber es hört sich gut an. Erinnert die ganze Zeit an etwas, aber bevor man ganz drauf kommt, erinnert es schon an etwas anderes. Flüchtig und doch beklemmend. Gut.

Jury: Genaugenommen nervt mich die Strigl (Die angeklebten Reiskörner in der Pfanne, die ja für sich genommen noch keine Aussage über den Zustand der Welt treffen”) mitterweile deutlich mehr als die Radisch (babylonischer Präpositionsaufbau). Vom Herrn Nüchtern hätte ich insgesamt deutlich mehr erwartet.

5.  Uwe Tellkamp – Der Schlaf in den Uhren
Grandios. und grandios vorgetragen.
Jury Nüchtern wacht auf …man wünscht sich nicht nur eine Tasse Schokolade, sondern einen Obstler, Knäckebrot und die White Stripes aufzulegen.

6. Melinda Nadj Abonji – Im Schaufenster im Frühling
Ich denke, das ist ein irgendwie guter Text. Mich nervt er aber nur.
7. Arne Roß – Pauls Fall
Todlangweilig. Dass das die Jury begeistert, war auch klar.

28. Klagenfurter Wettlesen, Tag 1

1. Anna Katharina Hahn, Kavaliersdelikt – Hab ich verschlafen, wird ev. nachgereicht. (Derweil ist aber der Serverstream überlastet…)

2. Wolfgang Herrndorf Diesseits des Van-Allen-Gürtels
Zuerst scheint mir der Text überbanal, Epigone der auch schon wieder totgesagten Popliteratur, je weiter er fortschreitet, desto mehr zieht er durch die Glaubwürdigkeit seiner Figuren. Außerdem eine Geschichte, die endlich einmal auf die Gegenwart eingeht, das erste Mal, dass ein Wort wie “Usenet” die heiligen Klagenfurter Hallen erreicht. Immerhin. Das schönste ist der Schluss, aber das liegt wahrscheinlich an mir.
Jury: Frau Radisch verrennt sich wieder mal in eine fixe Idee; der Rest reagiert weitgehend erwartbar.

3. Juli Zeh – Nichts ist schlimmer als Unversehrtheit
Ein Haufen schiefer Metaphern, von der Autorin brutal an den Haaren herbeigezogen wie die Gruftie-Göre von den pubertierenden Jungs. Ahem.
Jury: Herr Detering spricht mir aus der Seele.

4. Dorothea Dickmann – (Ausschnitt aus “Guantanamo”)
– Darf sich Literatur denn mit etwas beschäftigen, das stattfindet, über das man aber tatsächlich nichts weiß?
– Literatur darf alles.
– Dürfte dann Literatur auch die Wärter verteidigen?
– Im Prinzip ja. Würde aber wohl kaum ankommen.
Schade, dass der in sich grandiose Text durch solche Fragestellungen durch muss.

5. Simona Sabato – Beginn eines Romans
Nur weil ein Text nicht leicht verdaulich ist, muss er noch lange nicht gut sein. Lose Texte sollten zumindest Wortcharme haben. Interessanter Ansatz, an der Umsetzung haperts.
Jury Wer war denn das? Wenn der Text natürlich “jazzhaft” ist, ist es kein Wunder, wenn er an mir vorbeigeht.

6. Sandra Hoffmann – Den Himmel zu Füßen
Als Text weder besonders schön noch inhaltlich herausragend, erweckt er doch das gute alte Gefühl: dass alles andere verblasst neben der Notwendigkeit, Geschichten zu erzählen.

7.  Rolf Schönlau – Nummer 9
Da sag ich jetzt nichts dazu. Und zwar nicht aus Begeisterung.

27. Tage der deutschsprachigen Literatur, Fazit

Recht wenig auszusetzen an den Jury-Entscheidungen, außer diesem Ulla Lenze Text.

27. Tage der deutschsprachigen Literatur, Rest

Da haben wir den Salat: Die Reihenfolge der weiteren Lesungen ist nirgends mehr einzusehen. Na gut, ich nehm sie halt, wie sie kommen. Wer gewonnen hat, weiß ich noch nicht – und werde erst nachsehen, wenn ich alle gehört & mein obsoletes Publikumsvote festgelegt habe.

Oswald EggerProsa, Proserpina, Prosa

Erste Mitleidssympathie wegen der unbeholfenen Leserei legen sich schnell. Zu konstruiert. Unerträglich gestelzt. Höchst verzichtbar.

Olga FlorWiederkehr

Vater-Tochter-Psycho. Gut angelegt, aber ohne Spannung, ohne Schreib- oder Leselust. Trotz der glatten Sätze seltsam hölzern. Da will nicht mal rechte Beklemmung aufkommen.

Christof HamannFester. Roman (Auszug)

Erste Abneigung gegen das Wirtschafts-Thema legt sich bald. Schön, wie er hier eine Bilderwelt offenlegt. An der Grenze zwischen Entsetzen und Sarkasmus. Reinkippen & mitgehen in die Begegnung des Ex-Ostblocks und des (Anti)-Semitismus mit der Welt des Marketing durch die Augen eines Fotografen.

Lukas HammersteinDie 120 Tage von Berlin

Erstaunliches Ding. Streckenweise fremd, detached, dann wieder viel zu nahe an dem, wovor ich zu fliehen pflege. Interessant auf jeden Fall, weckt Lust auf mehr. Schöne Sprache. Könnte man aber besser lesen. Aber. Egal. Gut.

Gregor HensJohn F. Kennedy und der Ausbruch des Irazú

Obwohl die Story, die zwei, die mehreren Stories, von Anfang an interesant sind, brauche ich eine Weile, um mit dem Text warm zu werden. Als ich es dann bin, ist er irgendwie groß. Bunt. Und ziemlich lebendig.

Inka Parei(Auszug)

Ich könnte dieser Detailverliebtheit stundenlang folgen, ohne nach dem Inhalt zu fragen. Das spricht für den Text, aberwahrscheinlich gegen mich. Aber muss er denn wirklich sterben am Ende?

Zwischenruf

Wenn Iris Radisch schon mal meiner Meinung ist, dann verpatzt sie natürlich alles mit einem Ausdruck wie “grosse existentialistische philosophische Unheimlichkeit”.

Zwischenruf II

Und endlich einmal eine Diskussion die diesen Namen verdient.

Christoph SchreufWahrheit ist das, wovon Männer gern behaupten, dass es ihnen um sie geht

Äh? Arno Schmidt meets New Economy? Nach einer Zeit der Schwellenangst anziehend wie der Strudel einer Badewanne.

Michael StaufferKlagenfurt

Ich mag die Schweizer meistens. Aber so richtig verstehen kann ich sie nur selten. Ihn verstehe ich überhaupt nicht.

Feridun ZaimogluHäute

Ein Text, so angenehm fremd, dass man drin verschwinden könnte.

Jetzt bleibt nur noch die Frage, warum ein Live-Bachmannpreis deutlich mehr Spass macht, als ein nachgehörter. Ist ja schließlich kein Fußballspiel.

27. Tage der deutschsprachigen Literatur, Tag 2

Ulla LenzeSchwester und Bruder (Romanauszug)

Fremdlandtexte mag ich normalerweise besonders gern. Diesen nicht – er klingt, als würde Indien gleich ums Eck liegen. (Was natürlich in gewisser Weise stimmt, ebenso wie das Gegenteil).

Sünje LewejohannIm Farnschatten

Beklemmend. Eins von denen, die man nicht wissen will und trotzdem gespannt anhört.

Zwischenruf

Jury austauschen. Zum einen ist es völlig belanglos, was die Damen und Herren lieber möchten, sie haben sich mit dem auseinanderzusetzen, was da ist. Und zum anderen gibt es einen feinen Unterschied zwischen Literaturkritik und Beleidigungen.

[Rest folgt nach dem Urlaub – In 10 Tagen bin ich wieder da!]

27. Tage der deutschsprachigen Literatur, Tag 1

Oder, für uns ältere Semester: Der Bachmannpreis. Zwei Dinge weiß ich jetzt schon: Robert Schindel wird mir fehlen. Und die zusätzliche Stunde TV-Übertragung haut mir den ganzen Videoplan zusammen.

Fahrad ShowgiDie Große Entfernung

Lehrstück: Wie man einen wirklich schönen, spannenden Text ganz langsam zu Tode quält.

Norbert MüllerHuhn in der Suppe

Die Geschichte ist witzig, bösartig und verzwickt, aber sprachlich eher fade. Buzzword-Bingo: Rassismus, Holocaust, etc. etc.

Zwischenruf

Wie sehr mir Robert Schindel wirklich fehlt, erkenne ich daran, dass ich erleichtert aufseufze, als sich Frau Radisch zu Wort meldet. Obwohl sie natürlich wie üblich das Gegenteil meiner Meinung vertritt. Außerdem würde es die Diskussion deutlich verbessern, wenn Herr Haslinger plötzlich die Stimme verlöre.

Christina GriebelDer Schlafanzug

Sehr dicht, wenn auch etwas viel Psychotiefe. Trotzdem kommt mir der Text sehr nahe. Eigenhistorisch vielleicht etwas zu nahe. Aber das ist ja kein Fehler vom Text.

Zwischenruf

Was ich vorhin über Herrn Haslinger gesagt habe, nehme ich angesichts seines Exkurses über Literatur, Katholizismus und Wahnsinn mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück.

Christine RinderknechtElf Uhr dreiunddreissig

Eigentlich schade, diese Kurzbiographien vor der Lesung zu zeigen. Jetzt werde ich nie erfahren, ob es wirklich die Sprache ist, die in diesem Beitrag 50er-Jahre atmet, oder nur der Nach-Eindruck vom Filmbeitrag. Der Inhalt ist übrigens ganz und gar nicht 50er-Jahre, nur die Sprache und, möglicherweise, das Setting, das mein inneres Auge unweigerlich auf eine Parkbank verlegt hat. Was aber, jetzt wirds jurorisch, nicht gegen den Text spricht. Der ist nämlich gut. Sympathisch, auch, wie sie sich von der Geschwindigkeit des eigenen Textes mitreißen läßt und sich beinah drin verhaspelt, dann, auch mit der Geschichte, wieder langsamer wird.

Katrin de VriesDie Lust am Walde

Au weh au weh. Das klingt nach Rosamunde Pilcher. Und ein bisschen nach Marion Zimmer Bradley. Die Geschichte ist abstrus genug, daraus ließe sich etwas machen. Aber diese Sprache. Die gehört ganz sicher nicht nach Klagenfurt. – Ich vermute, da wollte jemand von dem Kontrast zwischen historisierender Formulierung und surrealistischem Inhalt leben. Aber das ist (schon wieder Jurorensprech) gründlich misslungen.

Zwischenruf

Einigermaßen erstaunlich finde ich, dass ich es von mir selbst verwegen halte, ein Urteil wie das obige zu posten, ohne die Jurorendiskussion abzuwarten.

Susanne FischerZuckerwatte und Gesang

Typischer Extra-für-den- Bachmannpreis-Text, irgendwie. Ich hab nichts rechtes daran auszusetzen, aber Gefallen finde ich auch nicht daran.

Henning AhrensAusschnitt aus einem Romanmanuskript mit dem Arbeitstitel

„Commander Coeursledge“

Hart an Grenze oder, genaugenommen, jenseits der Grenzen. Streckenweise jenseits der Banalitätsgrenze, dann wieder hinter der Genialitätsgrenze. Jedenfalls mutig, mit so etwas nach Klagenfurt zu gehen.

Bachmannpreis 2002, Tag 3

Elfriede Kern: Tabula rasa

Inhaltlich und sprachlich höchst verzichtbar.

Helga Glantschnig: Verschollen

Die Hauptfigur begeht keinen Selbstmord. Der Text schon. Und zwar hartnäckig.

Melanie Arns: Heul doch!

Der isses. Aufatmen geradezu, weil da endlich ein Text ist außerhalb der bisherigen sphärischen Zeitlosigkeit. Erstaunlich der Kritikpunkt, es komme “kein spezifisches Leiden zum Ausdruck”. Natürlich nicht. Das spezifische Leiden existiert nicht mehr und könnte heutzutage höchstens konstruiert werden. So einfach ist das.

Raphael Urweider: Steine

Handwerklich erstklassig. Ähem.

Bachmannpreis 2002, Tag 2

Lesen für Frühaufsteher. *gähn*.

Peter Glaser: Geschichte von Nichts

Ich kann ihm anfangs nicht ganz folgen. Das liegt vermutlich nicht am Text, sondern an meinem anhaltenden Halbschlaf. Was ich dann doch höre, gefällt mir sehr. Ein guter Tageseinstieg, wunderbar bunt und schwadronierend. Vgl.a. hier.

Zwischenruf

Was schließen wir eigentlich daraus, dass bei bislang 7 Texten nur ein einziger dabei war, in dem weder eine Geburt noch ein Tod vorkommt (Auszeit, Tag1)?

Christoph W. Bauer Text aus: Auf. Stummen

Sprachlich unglaublich dicht. Mit dem Inhalt kann ich weniger anfangen, aber ich würde mir alles anhören, was so geschrieben ist. In dem Fall ist anhören besser als lesen.

Daniel Zahno: Deauville

Der langweiligste Text, den ich je gehört habe. Noch verschlimmert durch den geradezu sakral getragenen Vortrag. Nicht zu vergessen die miserable Metaphorik. Puh, endlich aus.

Roger Monnerat: Himmel & Hölle

Wird vermutlich ein sehr lesbarer Roman draus. Im Bachmann-Kontext wirkt der Text allerdings etwas verloren. (Was ich, im Gegensatz zu Teilen der Jury, nicht von jedem Romanauszug behaupte.)

Norbert Zähringer: Auszug aus einer längeren Erzählung

Ein schöner Text, dicht und doch schwebend. Aber wer Wortgräben aufreißt und Zeitsteinbrüche sprengt, der sollte das auch durchhalten, denke ich. Nicht von der Bruchstelle wegschreiben, als wäre nichts geschehen.

Annete Pehnt: Insel Vierunddreißig

 

Zu müde jetzt, um mir das auch noch reinzuziehen.

 

Schön! Der erste Text heuer, der mir zu kurz erscheint. Das Ende etwas unvermittelt… Aber sie stünde bei mir auf dem Stockerl. Vgl.a. hier.

Bachmannpreis 2002, Tag 1

Manchmal frage ich mich, ob außer mir noch jemand mitten im strahlenden Juni ganze Tage vor dem Fernseher verbringt, um sich Geschichten erzählen zu lassen. Ich tu es schon seit vielen Jahren mit Begeisterung.

Das seit Anbeginn meiner Zuhörzeit dazugehörige Computerspiel, Fingerbeschäftigung während der Kopf bei den Geschichten ist, will nicht laufen. Das ist irgendwie traurig. Ich erinnere mich an mein seit langem brachliegendes Puzzle. Na immerhin. Es kann losgehen.

Jörg Matheis: Schnitt

Kein Text für mich. Zu konstruiert, zu berechnend. Dass die Jury es für nötig hält zu erwähnen, dass der Text “handwerklich erstklassig” ist, verwundert mich. Handwerklich nicht erstklassige Texte sollten in diesem Wettbewerb gar nicht vorkommen, finde ich.

Nina Jäckle: Buchenhofstaffel

Oje, ein Selbsttherapie-Psychotext, ist mein erster Eindruck. Verstärkt durch die jämmerliche Stimme der Autorin. Aber je länger ich hinhöre, umso mehr werde ich in hineingezogen. Kein Siegertext, nicht für mich, aber eine schöne Geschichte. Ein Novum in der folgenden Diskussion: Buhrufe des Publikums für die Meinung eines Jurors. Zumindest habe ich in den Jahren meiner lauschenden Anteilnahme immer nur Applaus und gelegentliches Gelächter gehört.

Markus Ramseier: Steinzeit

Ein weiteres Beispiel für die alte Regel: Wenn ein Mann einen Text über eine Frau in der Ich-Form erzählt, geht das schief. Ausserdem immer wieder Buzzwords im Text, künstliche Metaphern. Das stört den ansonsten schillernden Wortstrom. Den Vortrag hätte ich mir etwas weniger weich & weniger zögerlich gewünscht.

Heinz D. Heisl: Die Rechtfertigung des Alltäglichen oder drei Worthäuser in der Straße des jungen Er

Blut, Schmerz und helles Licht. Kriegt einen Preis. Da bin ich ganz sicher. Jedes Jahr gibt es mindestens einen solchen Text, sprachlich exzellent aber völlig seelenlos, den ich am liebsten nicht zu Ende hören würde. Und jedesmal kriegt so ein Text am Ende den (oder zumindest einen) Preis. Wenigstens hat er gut gelesen.

Lukas Bärfuß: Aus der Novelle “Die toten Männer”

Ich mag den Text in all seiner Langatmigkeit und all seiner Absurdität. Mitsamt der seltsam schwarzen Schweizer Komik.

Mirko Bonné: Auszeit

Den Text habe ich gerne gehört, aber am Ende fehlt irgendwas. Ein bisschen wie Camus ohne Philosophie. Oder so. Interessant, aber kein Highlight, nicht mal an diesem Tag.

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